In Kürze:

  • Altern ist kein zwangsläufiger Verfall. Der Schlüssel ist laut einer umfassenden Studie eine positive Einstellung zum Alter.
  • Das Klischee vom Altersverfall stimmt nicht für alle. 45 Prozent der Älteren verbesserten sich kognitiv oder körperlich über den Studienzeitraum von 12 Jahren.
  • Positive Altersbilder verlängern das Leben um durchschnittlich 7,5 Jahre – stärker als niedriger Blutdruck oder Normalgewicht.

 

Die gängige Vorstellung ist einfach: Je älter man wird, desto schlechter geht es einem. Eine aktuelle Studie mit mehr als 11.000 Amerikanern legt jedoch nahe, dass diese Vorstellung für fast die Hälfte von ihnen nicht zutraf.

Die in der Fachzeitschrift „Geriatrics“ veröffentlichte Studie analysierte Daten von älteren Amerikanern,  die an der landesweit repräsentativen „Health and Retirement Study“ teilnahmen. Auf den ersten Blick schienen die Daten die bekannten Erwartungen zu bestätigen.

Im Durchschnitt sanken die kognitiven Werte, und die Gehgeschwindigkeit verlangsamte sich mit der Zeit. Die Durchschnittswerte erzählten jedoch nur einen Teil der Geschichte.

Als die Forscher die individuellen Verläufe untersuchten, zeigte sich ein ganz anderes Muster.

„Entgegen dem weitverbreiteten Klischee, dass das Alter zwangsläufig Verfall bedeutet, haben wir etwas Erstaunliches entdeckt: 45 Prozent der älteren Menschen in unserer Studie wurden über zwölf Jahre hinweg kognitiv oder körperlich sogar besser“, erklärte Becca R. Levy, Professorin an der Yale School of Public Health und Hauptautorin der Studie, gegenüber Epoch Times.

Bei 32 Prozent verbesserten sich die kognitiven Fähigkeiten, während sich bei 28 Prozent die Gehgeschwindigkeit verbesserte – ein wichtiger Indikator für die körperliche Gesundheit, der oft als „Vitalzeichen“ des Alterns bezeichnet wird.

Zählte man die Teilnehmer, deren kognitive Werte stabil blieben, zu denen hinzu, die sich verbesserten, widerlegten mehr als die Hälfte – etwa 51 Prozent – das Klischee des unvermeidlichen kognitiven Verfalls.

Die Verbesserungen beschränkten sich nicht auf diejenigen, die zu Beginn der Studie in schlechter gesundheitlicher Verfassung waren. Auch Menschen mit normalen kognitiven und körperlichen Funktionen zu Beginn zeigten im Laufe der Zeit mitunter Verbesserungen.

Was die „Verbesserer“ auszeichnete

Was diejenigen auszeichnete, denen es besser ging, war weder ein außergewöhnlicher Lebensstil noch die Genetik. Es war vielmehr ihre Einstellung zum Altern selbst.

Teilnehmer mit einer positiveren Einstellung zum Altern zeigten signifikant häufiger Verbesserungen sowohl bei der kognitiven Leistungsfähigkeit als auch bei der Gehgeschwindigkeit – selbst nach Bereinigung um demografische und gesundheitliche Faktoren und auch bei denjenigen, die zu Beginn der Studie über normale Funktionen verfügten.

In der Studie wurden diese Einstellungen mithilfe validierter Fragebögen erfasst, um zu ermitteln, inwieweit die Teilnehmer Aussagen zum Altern zustimmten – beispielsweise, ob das Älterwerden mit kontinuierlichem Wachstum oder unvermeidlichem Verfall verbunden ist.

Kliniker: Die Ergebnisse stimmen mit dem überein, was wir in der Praxis beobachten

„Wenn Menschen sich selbst als gut alternd betrachten, schlägt sich das oft in Taten nieder – sie bleiben aktiv, engagiert und sind eher bereit, Gewohnheiten anzunehmen, die die Gesundheit von Gehirn und Körper unterstützen“, sagte Thomas Holland, ein klinischer Forscher am Rush Institute for Healthy Aging, der nicht an der Studie beteiligt war, gegenüber The Epoch Times.

Diese Verhaltensweisen stärken Prozesse wie die Durchblutung, die Muskelkraft und die neuronalen Verbindungen und tragen so dazu bei, die Widerstandsfähigkeit gegenüber Stressfaktoren wie Krankheiten oder Verletzungen zu verbessern und gleichzeitig chronischen und oxidativen Stress im Zusammenhang mit dem Altern zu verringern.

Das Gegenteil trifft ebenfalls zu. Wer das Altern als stetigen Verfall betrachtet, schränkt sich möglicherweise vorzeitig ein – selbst wenn sein Körper zu mehr fähig wäre.

„Wenn Menschen sich selbst als eingeschränkt sehen“, merkte Holland an, „schränken sie sich möglicherweise unnötig ein – selbst wenn eine Anpassung statt einer Vermeidung angemessener wäre.“

Ein umfassenderer Wandel

Die Ergebnisse bauen auf der Theorie der Stereotypenverinnerlichung auf, die besagt, dass Menschen im Laufe ihres Lebens Altersstereotype aus Medien, Kultur und alltäglichen Interaktionen aufnehmen und diese schließlich verinnerlichen. Dadurch werden Erwartungen, Verhalten und gesundheitliche Ergebnisse geprägt.

Frühere Forschungen stützen dieses Muster. In einer wegweisenden Studie unter der Leitung von Levy lebten ältere Erwachsene mit einer positiveren Selbstwahrnehmung des Alterns durchschnittlich 7,5 Jahre länger als diejenigen mit einer negativeren Sichtweise – ein Vorteil, der Prädiktoren wie beispielsweise niedrigen Blutdruck und ein gesundes Gewicht übertraf.

Das Altern wirke sich nicht auf alle Aspekte der Gesundheit gleichermaßen aus, sagte Dr. Aanand Naik, Professor und Direktor des Institute on Aging am Health Science Center der University of Texas, der nicht an der Studie beteiligt war, gegenüber Epoch Times.

Oft verbessere sich das emotionale und soziale Wohlbefinden mit zunehmendem Alter, und manche Menschen behielten ihre kognitiven und körperlichen Funktionen bis weit in ihre Achtziger hinein bei. Eine positive Einstellung zum Älterwerden, so sagte er, stärke sowohl den Geist als auch den Körper.

„Es gibt viele Aspekte der Weisheit, die sich nicht durch oberflächliche Tests wie die Gehgeschwindigkeit oder kognitive Tests erfassen lassen“, so Dr. Allen Power, Geriater und Inhaber des Schlegel-Lehrstuhls für Innovation im Bereich Altern und Demenz am Schlegel-University of Waterloo Research Institute for Aging, der nicht an der Studie beteiligt war, gegenüber Epoch Times.

Ältere haben durch ihre Erfahrungen eine deutlich tiefere Sicht auf das Leben als junge Menschen, sagt Dr. Allen Power Foto: AnnaNahabed / iStock

Ältere haben durch ihre Erfahrungen eine deutlich tiefere Sicht auf das Leben als junge Menschen, sagt Dr. Allen Power.

„Ältere Menschen verdichten ihre Lebenserfahrungen zu einer tieferen Perspektive auf viele Themen als jüngere Menschen“, sagte er.

„Sie sind im Allgemeinen glücklicher als junge Erwachsene – und wenn sie unglücklich sind, erholen sie sich schneller wieder. Sie haben zudem komplexere Sichtweisen auf Emotionen und Erfahrungen und können vielschichtige Emotionen wie Wehmut besser verstehen.“

Die Effekte beruhen auf verschiedenen Mechanismen

„Tatsächlich wirken sich positive Einstellungen zum Alter wahrscheinlich auf allen drei Ebenen – der psychologischen, der sozialen und der biologischen – aus und bilden eine solide Grundlage für kognitive und körperliche Funktionen, die mit zunehmendem Alter erhalten bleiben“, sagte Naik.

Er fügte hinzu, dass solche Einstellungen häufig in sogenannten Blue Zones zu beobachten sind: Regionen der Welt, in denen es ungewöhnlich viele Hundertjährige gibt – über Kulturen und geografische Grenzen hinweg.

Laut Holland ist der Zusammenhang zwischen Altersüberzeugungen und Langlebigkeit „eine Kombination aus dem, was Menschen tun, und der Art und Weise, wie ihr Körper auf diese Verhaltensweisen reagiert“. Überzeugungen verfestigen sich dabei im Laufe der Zeit durch wiederholte Verhaltensweisen und physiologische Reaktionen, die sich gegenseitig verstärken.

Die Einstellung zum Altern kann die Gesundheit auf grundlegender Ebene prägen. „Positive Vorstellungen vom Altern können Entzündungs- und Stressmarker senken und gleichzeitig die Widerstandsfähigkeit und Regeneration auf zellulärer Ebene steigern“, so Naik.

Chronischer Stress und leichte Entzündungen – oft als „Inflammaging“ bezeichnet – wurden mit altersbedingten Erkrankungen wie kognitivem Verfall und Herz-Kreislauf-Erkrankungen in Verbindung gebracht.

Erwartungen an das Altern und die Genesung können entscheidend sein

Erwartungen an das Altern, die von Einzelpersonen, Familien und sogar Ärzten gehegt werden, können reale Ergebnisse beeinflussen.

Annahmen über das Altern – insbesondere gegenüber Menschen, die älter oder gebrechlicher wirken – können die Erwartungen an die Genesung senken und Entscheidungen in Bezug auf Rehabilitation, Vorsorge und Behandlung beeinflussen, merkte Holland an.

Wie Ärzte Erwartungen formulieren, wirke sich direkt auf die Ergebnisse aus, sagte er. Niedrige Erwartungen können die Versorgung einschränken, während angemessen optimistische, individuelle Erwartungen das Engagement und die Ergebnisse verbessern können. „In diesem Sinne sind Einstellungen zum Altern nicht nur philosophischer Natur – sie prägen den tatsächlichen Gesundheitsverlauf direkt.“

„Altern bedeutet nicht, Aktivitäten einzustellen. Es bedeutet in der Regel, die Art und Weise anzupassen, wie diese Aktivitäten ausgeführt werden, um sie an die aktuellen Fähigkeiten anzupassen.“

Eine positivere Sicht auf das Altern

Da Überzeugungen über das Altern von der Umgebung geprägt werden, kann ein Wandel der gesellschaftlichen Sichtweisen auf das Altern dazu beitragen, die Erwartungen an das Älterwerden neu zu gestalten.

Im Gegensatz zu vielen biologischen Faktoren sind Überzeugungen veränderbar. Frühere Forschungsergebnisse von Levys Team zeigen, dass sich Überzeugungen über das Altern verändern können, wenn Menschen bestimmten Botschaften begegnen. Diese Botschaften werden im Laufe der Zeit maßgeblich von kulturellen Einflüssen geprägt.

„Die Altersvorstellungen, die wir aus der Kultur aufnehmen, können sehr unterschiedlich sein, je nachdem, welche vorherrschenden Botschaften wüber das Altern wir in unserem Umfeld vorfinden“, sagte sie und merkte an, dass manche Kulturen eine positivere Sichtweise auf das Altern fördern, während andere altersdiskriminierende Stereotype verstärken.

„Auf gesellschaftlicher Ebene müssen wir daran arbeiten, das mit dem Älterwerden verbundene Stigma abzubauen“, sagte Naik und wies darauf hin, dass Altersdiskriminierung tief in Sprache, Kultur und Medien verwurzelt ist.

Anstatt das Älterwerden in erster Linie als Verfall zu betrachten, sollte das spätere Leben laut Naik als eigenständige und bedeutungsvolle Lebensphase anerkannt werden.

Was Sie tun können: Das Denken verändert das Altern

Während ein umfassender kultureller Wandel Zeit braucht, können Einzelpersonen damit beginnen, ihre eigenen Annahmen zu hinterfragen. Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass Erwartungen das Verhalten beeinflussen – und das Verhalten wiederum die Gesundheit prägt.

Daher spiegeln viele Einschränkungen, die dem Älterwerden zugeschrieben werden, möglicherweise eher Überzeugungen als biologische Gegebenheiten wider.

Schon kleine Veränderungen der Wahrnehmung können zu bedeutenden Veränderungen des Verhaltens, der Resilienz und des allgemeinen Wohlbefindens führen.

Das Älterwerden wird oft als eine Zeit des Verlusts dargestellt – doch diese Studie deutet auf eine differenziertere und hoffnungsvollere Realität hin. Für viele Menschen bedeutet das Älterwerden Stabilität, Anpassung und in gewissen Bereichen sogar Verbesserung.

In manchen Fällen beginnt dieser Unterschied mit etwas Einfachem und doch so Wirkungsvollem wie der Art und Weise, wie wir über das Älterwerden denken.

Das späte Leben kann Resilienz und Wachstum bieten – Möglichkeiten, die mit veränderten Erwartungen deutlicher sichtbar werden.

Dieser Artikel ersetzt keine medizinische Beratung. Bei Gesundheitsfragen wenden Sie sich bitte an Ihren Arzt oder Apotheker.



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