US-Vizepräsident Vance verbreitet Optimismus, Donald Trump ebenso: Nach einem Telefonat mit Wladimir Putin hält er eine Waffenruhe mit der Ukraine zum Weltkriegsgedenken für möglich. Bei Kernfragen bewegen sich Moskau und Kiew bisher nicht


Verwüstete Straßen nach einem russischen Luftangriff im Zentrum von Slowjansk in der Ukraine

Foto: Anadolu Agency/IMAGO


Hört man dem russischen Präsidentensprecher Dmitri Peskow zu, dann scheint es manchmal so, als seien Moskau und Kiew von einem Kompromiss am Verhandlungstisch nicht mehr weit entfernt. Kürzlich meinte er, bei den territorialen Streitfragen im Donbass gehe es nur noch um „wenige Kilometer“. Er schien damit eine Äußerung von US-Vizepräsident JD Vance zu bestätigen, es gehe auf dem Weg zum Frieden nur noch „um einige Quadratkilometer“.

Umstritten ist aus Moskauer Sicht die künftige Kontrolle über 17 Prozent jenes Territoriums, das in Russland „Donezker Volksrepublik“ und in der Ukraine „Donezker Gebiet“ genannt wird. In diesem Raum liegt die Stadt Slawjansk (ukrainisch: Slowjansk), in der Anfang April 2014 ein Aufstand junger, prorussischer Rebellen gegen die neue prowestliche Kiewer Regierung begann. Die hatte Ende Februar 2014, getragen von der Woge des Maidan-Aufstands, das Staatsruder übernommen. Im Juli des gleichen Jahres eroberten Kiewer Truppen schließlich die Stadt zurück, in der bis heute ein Untergrund aktiv ist, der auf Russland setzt.

Russland, die Ukraine und das Gedenken an den Mai 1945

Über deren Status würde Wladimir Putin lieber verhandeln als kämpfen, hat er soeben in einem Telefonat mit Donald Trump erklärt. Ein Ergebnis dieser Verständigung könnte eine Waffenruhe sein, wenn in Russland wie in der Ukraine des Kriegsendes im Mai 1945 und der Toten des Großen Vaterländischen Krieges gegen die deutsche Okkupation nach dem 22. Juni 1941 gedacht wird – dem Beginn des Einmarschs der Wehrmacht in die Sowjetunion.

Unter der Regierung Wolodymyr Selenskyjs wird bei der Erinnerung seit Jahren darauf Wert gelegt, jeden sowjetischen Kanon zu vermeiden – im Gegensatz zu Russland. Selenskyj hat inzwischen verlautbart, er lasse den Vorschlag einer Waffenruhe zum 9. Mai prüfen.

Die Geschichtsbilder bedienen die vorherrschenden Feindbilder und sind alles andere als friedensstiftend. Das gilt sicher auch für die Absicht der russischen Führung, die großflächige Militärpräsenz in der Ostukraine zu vollenden, indem der gesamte Donbass übernommen wird. Schon in seiner Rede zum Kriegsbeginn am 24. Februar 2022 hatte Wladimir Putin die ukrainische Führung aufgefordert, ihre Truppen aus dem gesamten Donbass abzuziehen, um Kämpfe zu vermeiden. Bisher freilich gelang es Russland nicht, das beanspruchte Territorium vollständig einzunehmen.

Moskau dementiert konkrete Fristen

Zuletzt hatte Dmitri Peskow verkündet, Verhandlungen mit der Ukraine über einen Friedensschluss werde es erst geben, wenn die russische Armee bis an die westlichen Grenzen der „neuen Regionen“ vorgedrungen sei. Dann könnten „sehr schwierige, detaillierte, keineswegs schnelle Verhandlungen“ beginnen. US-Vizepräsident Vance hingegen hatte bei seinem Besuch in Budapest am 7./8. April im Trump’schen Tremolo von „signifikanten Fortschritten“ bei Verhandlungen über die Ukraine gesprochen. Die Positionen der Russen und Ukrainer kämen sich „mit der Zeit immer näher“.

Das korrespondierte nur bedingt mit dem, was Wolodymyr Selenskyj Anfang des Jahres geäußert hatte: Die US-Regierung binde Sicherheitsgarantien an territoriale Zugeständnisse, sie verlange die Abtretung der gesamten Region des Donbass an Russland, womit er nicht einverstanden sei. Ein solcher Rückzug würde die Sicherheit der Ukraine gefährden und „enorme Risiken“ schaffen. Im Donbass befänden sich starke Verteidigungsstellungen, die einen weiteren russischen Vormarsch in die Zentralukraine verhinderten. Die dürften nicht aufgegeben werden.

Die USA sind vollauf mit dem Iran-Krieg beschäftigt

Selenskyj forderte die Amerikaner auf, statt der Ukraine besser Russland unter Druck zu setzen. Daraufhin dementierte Putins Sprecher die Behauptung Selenskyjs, Moskau habe Kiew eine konkrete Frist für den Abzug aus dem Donbass übermittelt. Das nicht!

Da die Aufmerksamkeit der USA und ihrer Unterhändler Jared Kushner und Steve Witkoff derzeit dem Iran-Krieg gehört, sieht Selenskyj offensichtlich den Druck auf sich schwinden. In Interviews ließ er in jüngster Zeit verlauten, ein Rückzug der Ukraine aus von ihr kontrollierten Gebieten käme für ihn nicht in Frage.

Peskow reagierte mit der Aufforderung, dass man in Kiew Willen zeigen und die Entscheidungen treffen solle, „die nötig sind, um zu Vereinbarungen zu kommen“. Auch Putins außenpolitischer Berater Juri Uschakow verlangte von der Ukraine eine „mutige, verantwortungsbewusste politische Entscheidung“ zum Verzicht auf den Donbass, und zwar in Gänze.

Was ein Kreml-naher Journalist sagt

Weniger diplomatisch hatte sich Präsident Putin am 25. November 2025 ausgedrückt: „Wenn sie nicht gehen, dann erreichen wir dies mit militärischen Mitteln.“ Dass die Dinge demnach auf eine fortgesetzte Schlacht um den Donbass hinauslaufen, hat jüngst auch die ukrainische Internet-Zeitung Ukrajinska Prawda betont.

Nach den Aussagen leitender Staatsbeamter in Kiew war die Publikation zu dem Ergebnis gelangt, dass die ukrainische Unterschrift unter ein Dokument zum Verzicht auf Territorien für den Unterzeichner „wie eine Kugel in die Stirn“ sei. Mit anderen Worten: Eine Fortführung des Krieges versetzt Selenskyj in die Lage, an der Macht zu bleiben.

Auf einen weiterhin andauernden Krieg stellt man sich in Moskau, zumindest im Umfeld der Präsidialverwaltung, jedenfalls ein. Ein Journalist mit guten Kontakten dorthin, den der Autor sprechen konnte, teilte lapidar mit: „Wir können noch lange kämpfen. Unsere Armee hat eine Art Algorithmus gefunden, bei dem die Truppen ausgebildet werden und unter Kampfbedingungen dazulernen. Wir verfolgen unsere Ziele unabhängig davon, was Politikern in Kiew oder Washington gerade einfällt.“

künftige Kontrolle über 17 Prozent jenes Territoriums, das in Russland „Donezker Volksrepublik“ und in der Ukraine „Donezker Gebiet“ genannt wird. In diesem Raum liegt die Stadt Slawjansk (ukrainisch: Slowjansk), in der Anfang April 2014 ein Aufstand junger, prorussischer Rebellen gegen die neue prowestliche Kiewer Regierung begann. Die hatte Ende Februar 2014, getragen von der Woge des Maidan-Aufstands, das Staatsruder übernommen. Im Juli des gleichen Jahres eroberten Kiewer Truppen schließlich die Stadt zurück, in der bis heute ein Untergrund aktiv ist, der auf Russland setzt.Russland, die Ukraine und das Gedenken an den Mai 1945Über deren Status würde Wladimir Putin lieber verhandeln als kämpfen, hat er soeben in einem Telefonat mit Donald Trump erklärt. Ein Ergebnis dieser Verständigung könnte eine Waffenruhe sein, wenn in Russland wie in der Ukraine des Kriegsendes im Mai 1945 und der Toten des Großen Vaterländischen Krieges gegen die deutsche Okkupation nach dem 22. Juni 1941 gedacht wird – dem Beginn des Einmarschs der Wehrmacht in die Sowjetunion.Unter der Regierung Wolodymyr Selenskyjs wird bei der Erinnerung seit Jahren darauf Wert gelegt, jeden sowjetischen Kanon zu vermeiden – im Gegensatz zu Russland. Selenskyj hat inzwischen verlautbart, er lasse den Vorschlag einer Waffenruhe zum 9. Mai prüfen. Die Geschichtsbilder bedienen die vorherrschenden Feindbilder und sind alles andere als friedensstiftend. Das gilt sicher auch für die Absicht der russischen Führung, die großflächige Militärpräsenz in der Ostukraine zu vollenden, indem der gesamte Donbass übernommen wird. Schon in seiner Rede zum Kriegsbeginn am 24. Februar 2022 hatte Wladimir Putin die ukrainische Führung aufgefordert, ihre Truppen aus dem gesamten Donbass abzuziehen, um Kämpfe zu vermeiden. Bisher freilich gelang es Russland nicht, das beanspruchte Territorium vollständig einzunehmen.Moskau dementiert konkrete FristenZuletzt hatte Dmitri Peskow verkündet, Verhandlungen mit der Ukraine über einen Friedensschluss werde es erst geben, wenn die russische Armee bis an die westlichen Grenzen der „neuen Regionen“ vorgedrungen sei. Dann könnten „sehr schwierige, detaillierte, keineswegs schnelle Verhandlungen“ beginnen. US-Vizepräsident Vance hingegen hatte bei seinem Besuch in Budapest am 7./8. April im Trump’schen Tremolo von „signifikanten Fortschritten“ bei Verhandlungen über die Ukraine gesprochen. Die Positionen der Russen und Ukrainer kämen sich „mit der Zeit immer näher“.Das korrespondierte nur bedingt mit dem, was Wolodymyr Selenskyj Anfang des Jahres geäußert hatte: Die US-Regierung binde Sicherheitsgarantien an territoriale Zugeständnisse, sie verlange die Abtretung der gesamten Region des Donbass an Russland, womit er nicht einverstanden sei. Ein solcher Rückzug würde die Sicherheit der Ukraine gefährden und „enorme Risiken“ schaffen. Im Donbass befänden sich starke Verteidigungsstellungen, die einen weiteren russischen Vormarsch in die Zentralukraine verhinderten. Die dürften nicht aufgegeben werden.Die USA sind vollauf mit dem Iran-Krieg beschäftigtSelenskyj forderte die Amerikaner auf, statt der Ukraine besser Russland unter Druck zu setzen. Daraufhin dementierte Putins Sprecher die Behauptung Selenskyjs, Moskau habe Kiew eine konkrete Frist für den Abzug aus dem Donbass übermittelt. Das nicht!Da die Aufmerksamkeit der USA und ihrer Unterhändler Jared Kushner und Steve Witkoff derzeit dem Iran-Krieg gehört, sieht Selenskyj offensichtlich den Druck auf sich schwinden. In Interviews ließ er in jüngster Zeit verlauten, ein Rückzug der Ukraine aus von ihr kontrollierten Gebieten käme für ihn nicht in Frage.Peskow reagierte mit der Aufforderung, dass man in Kiew Willen zeigen und die Entscheidungen treffen solle, „die nötig sind, um zu Vereinbarungen zu kommen“. Auch Putins außenpolitischer Berater Juri Uschakow verlangte von der Ukraine eine „mutige, verantwortungsbewusste politische Entscheidung“ zum Verzicht auf den Donbass, und zwar in Gänze.Was ein Kreml-naher Journalist sagtWeniger diplomatisch hatte sich Präsident Putin am 25. November 2025 ausgedrückt: „Wenn sie nicht gehen, dann erreichen wir dies mit militärischen Mitteln.“ Dass die Dinge demnach auf eine fortgesetzte Schlacht um den Donbass hinauslaufen, hat jüngst auch die ukrainische Internet-Zeitung Ukrajinska Prawda betont.Nach den Aussagen leitender Staatsbeamter in Kiew war die Publikation zu dem Ergebnis gelangt, dass die ukrainische Unterschrift unter ein Dokument zum Verzicht auf Territorien für den Unterzeichner „wie eine Kugel in die Stirn“ sei. Mit anderen Worten: Eine Fortführung des Krieges versetzt Selenskyj in die Lage, an der Macht zu bleiben.Auf einen weiterhin andauernden Krieg stellt man sich in Moskau, zumindest im Umfeld der Präsidialverwaltung, jedenfalls ein. Ein Journalist mit guten Kontakten dorthin, den der Autor sprechen konnte, teilte lapidar mit: „Wir können noch lange kämpfen. Unsere Armee hat eine Art Algorithmus gefunden, bei dem die Truppen ausgebildet werden und unter Kampfbedingungen dazulernen. Wir verfolgen unsere Ziele unabhängig davon, was Politikern in Kiew oder Washington gerade einfällt.“



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