Seit 20 Jahren verändert Musik-Streaming die Popkultur. Viele alte Hits erleben durch Spotify, Netflix und Co. eine Renaissance. Doch was bedeutet das für die Musik? Wie Retromanie und Vermarktungsstrategien die Musik von heute beeinflussen


Taylor Swift ist überall, nur nicht in den Spotify-Megahits

Foto: Kate Green/Getty Images


Das Internet hat die kulturelle Zeit aus den Fugen gehoben. Auf Plattformen wie Youtube und durch Streaming-Dienste wie Spotify wurde Musik aus ihren zeitlichen Kontexten herausgerissen. Dort existieren die Beatles mit Beyoncé in denselben Playlists nebeneinander her. Schon in seinem im Jahr 2011 veröffentlichten Buch Retromania kam der britische Musikjournalist Simon Reynolds zu dem Schluss, dass dies neben temporaler Verwirrung auch eine Hinwendung zur Vergangenheit zur Folge hatte. Beispiele dafür gibt es auch heute zuhauf.

Viele Oldies erlebten zuletzt dank Serien, Biopics wie Michael, Dokumentationen oder TikTok-Trends einen zweiten Frühling. Running Up That Hill (A Deal With God) von Kate Bush, Bohemian Rhapsody von Queen, Reinhard Meys In meinem Garten oder Dreams von Fleetwood Mac wurden so wieder zeitgenössisch. Das sind keine Einzelfälle: Das Marktforschungsunternehmen Luminate stellte in einem Bericht über das erste Halbjahr 2025 fest, dass auf dem gesamten Streaming-Markt nur weniger als ein Viertel aller Plays auf die sogenannte Frontline entfielen – Songs, die maximal 18 Monate alt sind.

Rund 45 Prozent der Plays in diesem Zeitraum entfielen hingegen auf den „tiefen Katalog“: Musikstücke, die mindestens zehn Jahre auf dem Buckel haben. Die popkulturelle Vergangenheit frisst zunehmend die Gegenwart auf.

Die Top 20 von Spotify – auffällig gegenwärtig

Als Spotify zum 20. Firmenjubiläum Listen mit den je zwanzig auf der Plattform meistgestreamten Songs und Alben veröffentlichte, zeichneten diese indes ein scheinbar anderes Bild. Denn in beiden Ranglisten fanden sich weder Kate Bush noch Queen, sondern ausschließlich Musik aus dem 21. Jahrhundert. Angeführt wurden sie vom Lied Blinding Lights von The Weeknd (2020) mit über fünf Milliarden Streams und Bad Bunnys Album Un Verano Sin Ti (2022). Die Spitzenreiter gehören also zwar nicht zur Frontline, aber ebenso wenig dem tiefen Katalog an.

Mit Ausnahme von Yellow von Coldplay (2000) stammen alle Songs aus den 2010er und 2020er Jahren, die zwanzig meistgestreamten Alben wurden sogar ausschließlich zwischen 2010 und 2023 veröffentlicht. Das spricht auf den ersten Blick eigentlich nicht für Retromanie. Auf dem zweiten allerdings offenbart sich nach ein bisschen Rechnerei, dass die meist gestreamten Songs auf Spotify im Durchschnitt im Jahr 2016 veröffentlicht wurden, die Alben 2018 – nah dran an der Grenze zum tiefen Katalog. Auch sind Musikstücke und Alben aus den 2020er Jahren in beiden Listen unterrepräsentiert.

Die am häufigsten gestreamten Songs und Alben beim Marktführer Spotify widersprechen also nur scheinbar dem von den Luminate-Daten belegten Trend. Und legen vielmehr sogar Zeugnis von ihm ab: Der Soundtrack von heute kommt vor allem aus den 2010er Jahren.

Mega-Stars ohne Mega-Hits

Das wiederum verwundert, weil sich die Anzahl monatlicher Spotify-Nutzer:innen in den vergangenen zehn Jahren versiebenfacht hat. Wäre nicht zu erwarten, dass das neue – und mutmaßlich auch jüngere – Publikum den neuesten Hits sieben Mal mehr Plays beschert? Das Gegenteil ist der Fall. Auf Basis von Luminate-Daten berechnete Tim Ingham kürzlich im Magazin Music Business Worldwide, dass die zehn Top-Songs in den USA aus den vergangenen acht Jahren einen immer kleineren Anteil am gesamten Streaming-Aufkommen hatten. Nicht nur wird immer weniger aktuelle Musik gehört, dasselbe gilt auch für die Hits.

Das beste Beispiel dafür ist die weitgehende Abwesenheit von Taylor Swift, der laut Spotify meistgestreamten Künstlerin auf der Plattform, in beiden Listen. Nur zwei Alben von ihr haben es in die Spotify-Top-20 geschafft, kein einziger Song von ihr ist vertreten. Ein Mega-Star ohne Mega-Hits, wie kann das sein? Ganz einfach: Swift repräsentiert wie niemand anderes den Popstar einer Zeit, in der es wichtiger ist, überall zu sein, als wirklich herauszustechen – wo die Direktive lautet, laufend möglichst viel Musik zu veröffentlichen, statt die Hoffnung auf zwei, drei Blockbuster-Singles zu setzen.

In Kombination mit der neuen Retromanie im Streaming-Umfeld gießt das wohl Wasser auf die Mühlen der Früher-war-alles-besser-Fraktion: Studie um Studie hat in den vergangen Jahren nachgewiesen, dass erfolgreiche Songs in ihrer Komposition simpler geworden sind, textlich magerer. Selbst Popstars verhalten sich heute wie Content Creators, die auf Quantität statt Qualität setzen. Ist es da nicht normal, sich Zeiten zuzuwenden, in denen die Musik schlicht, na ja, besser war? Doch zugleich fragt sich, ob die Musik des tiefen Katalogs wirklich besser ist, nur weil sie komplexer war.

Womöglich wird sie lediglich besser vermarktet. In den vergangenen Jahren haben große Musikkonzerne und Investmentfirmen Multi-Milliarden für die Rechte an der Musik von Legacy Artists von Bob Dylan bis Slipknot ausgegeben. Diese werden sukzessive gemolken, indem die Musik in noch jeder Netflix-Serie platziert wird, am laufenden Band Biopics und Dokumentationen über diese Künstlerin oder jenen Sänger veröffentlicht werden. Das trägt maßgeblich dazu bei, dass das Gestern dem Heute zunehmend Konkurrenz um die Aufmerksamkeit des Publikums macht. Die neue Retromanie wird künstlich angefacht.

Popkultur ohne Konsens

Dazu kommt, dass der Siegeszug des Musik-Streamings nicht allein die zeitliche Ordnung über den Haufen geworfen hat. Auch die Globalisierung des Hörverhaltens wurde von ihm angetrieben. Die bis zu 150.000 pro Tag ins Netz geladenen Songs von heute konkurrieren nicht allein mit Aufnahmen aus den Jahren 1925 bis 2025, sondern ebenso vor einem zunehmend wachsenden und diverser werdenden Publikum gegen unterschiedliche Strömungen aus aller Welt. Sie existieren nebeneinander und diversifizieren das Hörverhalten noch mehr, weshalb einzelne Hits weniger Aufmerksamkeit erhalten.

Das Ganze hat zweifellos seine Vorteile. Nie war es leichter, andere Kulturen über ihre Musik kennenzulernen. Doch wird diese neuerliche Vielfalt der Auswahlmöglichkeiten nicht mehr kollektiv erfahren, sondern durch Streaming-Angebote wie die von Spotify algorithmisch individualisiert. Einigkeit herrscht deshalb zwar über die Zugänge zur Musik, nicht mehr aber über diese selbst. Denn konsumiert wird sie weitgehend isoliert von allen anderen Hörer:innen. Was mal Popkultur war, wird sukzessive der Personalisierung geopfert. Konsens über diesen oder jenen Hit wird zunehmend verunmöglicht.

Vielleicht also ist die neue Retromanie primär das Resultat einer sukzessiven Vereinzelung der Hörer:innen im durchregulierten Streaming-Umfeld, wo große Konzerne aus Profitinteresse heraus alten Wein in neuen Schläuchen servieren und sich selbst die Mega-Stars verhalten wie Content-Schleudern. Die aus den Zahlen herauszulesende Nostalgie richtet sich womöglich nicht so sehr auf die Vergangenheit an sich. Und stattdessen auf Zeiten, in denen noch so etwas wie ein Konsens bestand, egal ob vor zehn Jahren oder mehr. Als sich noch von Popkultur sprechen ließ, und sei es nur der westlichen.

Michael, Dokumentationen oder TikTok-Trends einen zweiten Frühling. Running Up That Hill (A Deal With God) von Kate Bush, Bohemian Rhapsody von Queen, Reinhard Meys In meinem Garten oder Dreams von Fleetwood Mac wurden so wieder zeitgenössisch. Das sind keine Einzelfälle: Das Marktforschungsunternehmen Luminate stellte in einem Bericht über das erste Halbjahr 2025 fest, dass auf dem gesamten Streaming-Markt nur weniger als ein Viertel aller Plays auf die sogenannte Frontline entfielen – Songs, die maximal 18 Monate alt sind.Rund 45 Prozent der Plays in diesem Zeitraum entfielen hingegen auf den „tiefen Katalog“: Musikstücke, die mindestens zehn Jahre auf dem Buckel haben. Die popkulturelle Vergangenheit frisst zunehmend die Gegenwart auf.Die Top 20 von Spotify – auffällig gegenwärtigAls Spotify zum 20. Firmenjubiläum Listen mit den je zwanzig auf der Plattform meistgestreamten Songs und Alben veröffentlichte, zeichneten diese indes ein scheinbar anderes Bild. Denn in beiden Ranglisten fanden sich weder Kate Bush noch Queen, sondern ausschließlich Musik aus dem 21. Jahrhundert. Angeführt wurden sie vom Lied Blinding Lights von The Weeknd (2020) mit über fünf Milliarden Streams und Bad Bunnys Album Un Verano Sin Ti (2022). Die Spitzenreiter gehören also zwar nicht zur Frontline, aber ebenso wenig dem tiefen Katalog an.Mit Ausnahme von Yellow von Coldplay (2000) stammen alle Songs aus den 2010er und 2020er Jahren, die zwanzig meistgestreamten Alben wurden sogar ausschließlich zwischen 2010 und 2023 veröffentlicht. Das spricht auf den ersten Blick eigentlich nicht für Retromanie. Auf dem zweiten allerdings offenbart sich nach ein bisschen Rechnerei, dass die meist gestreamten Songs auf Spotify im Durchschnitt im Jahr 2016 veröffentlicht wurden, die Alben 2018 – nah dran an der Grenze zum tiefen Katalog. Auch sind Musikstücke und Alben aus den 2020er Jahren in beiden Listen unterrepräsentiert.Die am häufigsten gestreamten Songs und Alben beim Marktführer Spotify widersprechen also nur scheinbar dem von den Luminate-Daten belegten Trend. Und legen vielmehr sogar Zeugnis von ihm ab: Der Soundtrack von heute kommt vor allem aus den 2010er Jahren.Mega-Stars ohne Mega-HitsDas wiederum verwundert, weil sich die Anzahl monatlicher Spotify-Nutzer:innen in den vergangenen zehn Jahren versiebenfacht hat. Wäre nicht zu erwarten, dass das neue – und mutmaßlich auch jüngere – Publikum den neuesten Hits sieben Mal mehr Plays beschert? Das Gegenteil ist der Fall. Auf Basis von Luminate-Daten berechnete Tim Ingham kürzlich im Magazin Music Business Worldwide, dass die zehn Top-Songs in den USA aus den vergangenen acht Jahren einen immer kleineren Anteil am gesamten Streaming-Aufkommen hatten. Nicht nur wird immer weniger aktuelle Musik gehört, dasselbe gilt auch für die Hits.Das beste Beispiel dafür ist die weitgehende Abwesenheit von Taylor Swift, der laut Spotify meistgestreamten Künstlerin auf der Plattform, in beiden Listen. Nur zwei Alben von ihr haben es in die Spotify-Top-20 geschafft, kein einziger Song von ihr ist vertreten. Ein Mega-Star ohne Mega-Hits, wie kann das sein? Ganz einfach: Swift repräsentiert wie niemand anderes den Popstar einer Zeit, in der es wichtiger ist, überall zu sein, als wirklich herauszustechen – wo die Direktive lautet, laufend möglichst viel Musik zu veröffentlichen, statt die Hoffnung auf zwei, drei Blockbuster-Singles zu setzen.In Kombination mit der neuen Retromanie im Streaming-Umfeld gießt das wohl Wasser auf die Mühlen der Früher-war-alles-besser-Fraktion: Studie um Studie hat in den vergangen Jahren nachgewiesen, dass erfolgreiche Songs in ihrer Komposition simpler geworden sind, textlich magerer. Selbst Popstars verhalten sich heute wie Content Creators, die auf Quantität statt Qualität setzen. Ist es da nicht normal, sich Zeiten zuzuwenden, in denen die Musik schlicht, na ja, besser war? Doch zugleich fragt sich, ob die Musik des tiefen Katalogs wirklich besser ist, nur weil sie komplexer war.Womöglich wird sie lediglich besser vermarktet. In den vergangenen Jahren haben große Musikkonzerne und Investmentfirmen Multi-Milliarden für die Rechte an der Musik von Legacy Artists von Bob Dylan bis Slipknot ausgegeben. Diese werden sukzessive gemolken, indem die Musik in noch jeder Netflix-Serie platziert wird, am laufenden Band Biopics und Dokumentationen über diese Künstlerin oder jenen Sänger veröffentlicht werden. Das trägt maßgeblich dazu bei, dass das Gestern dem Heute zunehmend Konkurrenz um die Aufmerksamkeit des Publikums macht. Die neue Retromanie wird künstlich angefacht.Popkultur ohne KonsensDazu kommt, dass der Siegeszug des Musik-Streamings nicht allein die zeitliche Ordnung über den Haufen geworfen hat. Auch die Globalisierung des Hörverhaltens wurde von ihm angetrieben. Die bis zu 150.000 pro Tag ins Netz geladenen Songs von heute konkurrieren nicht allein mit Aufnahmen aus den Jahren 1925 bis 2025, sondern ebenso vor einem zunehmend wachsenden und diverser werdenden Publikum gegen unterschiedliche Strömungen aus aller Welt. Sie existieren nebeneinander und diversifizieren das Hörverhalten noch mehr, weshalb einzelne Hits weniger Aufmerksamkeit erhalten.Das Ganze hat zweifellos seine Vorteile. Nie war es leichter, andere Kulturen über ihre Musik kennenzulernen. Doch wird diese neuerliche Vielfalt der Auswahlmöglichkeiten nicht mehr kollektiv erfahren, sondern durch Streaming-Angebote wie die von Spotify algorithmisch individualisiert. Einigkeit herrscht deshalb zwar über die Zugänge zur Musik, nicht mehr aber über diese selbst. Denn konsumiert wird sie weitgehend isoliert von allen anderen Hörer:innen. Was mal Popkultur war, wird sukzessive der Personalisierung geopfert. Konsens über diesen oder jenen Hit wird zunehmend verunmöglicht.Vielleicht also ist die neue Retromanie primär das Resultat einer sukzessiven Vereinzelung der Hörer:innen im durchregulierten Streaming-Umfeld, wo große Konzerne aus Profitinteresse heraus alten Wein in neuen Schläuchen servieren und sich selbst die Mega-Stars verhalten wie Content-Schleudern. Die aus den Zahlen herauszulesende Nostalgie richtet sich womöglich nicht so sehr auf die Vergangenheit an sich. Und stattdessen auf Zeiten, in denen noch so etwas wie ein Konsens bestand, egal ob vor zehn Jahren oder mehr. Als sich noch von Popkultur sprechen ließ, und sei es nur der westlichen.



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