Müsste man ein Musterbeispiel für die Post-Woke-Milieu-Satire finden, dann wäre Zoe Dubnos Nur das Allerbeste die erste Wahl. Das Debüt, das gleichzeitig New-York-Roman, Künstlerpersiflage und Thomas-Bernhard-Huldigung sein will, wirbelt noch einmal einige der Zeitgeist-Debatten der vergangenen Jahre neu auf.

Weder die Autorin noch der Verlag machen einen Hehl daraus, dass Nur das Allerbeste einer jener immer beliebteren Abrechnungsromane sein soll, in denen derb und zynisch über urbane Cliquen, die selbstgerechte Künstlerszene und die entgrenzte Kleingeistigkeit der Wohlsituierten hergezogen wird: Von einer „perfekten Strandlektüre für den kleinen Hater in uns“ ist da die Rede, und statt einer Inhaltsangabe warb dtv mit buchstäblichem „Bla, bla, bla“ im Werbetext.

Betont ironisch ist auch die hyperreflexive Erzählerin der naheliegenden Kritik stets immer einen Schritt voraus: In Gedanken monologisierend, findet sie sich bei einem Dinner früherer Künstlerfreunde wieder, von denen sie sich eigentlich losgesagt hat. Der Tod einer gemeinsamen Freundin führt sie jedoch wieder mit all denen zusammen, die sie einst bewundert und dann zu hassen gelernt hat.

Dubno zeichnet die alternative Kunstwelt als geltungssüchtig und heuchlerisch

Durchgehend geißelt sie sich selbst dafür, zurückgekehrt zu sein. Die larmoyante, alle paar Seiten wiederholte Selbstanklage, sie sei ein gefügiges Opfer, ein Feigling und Schwächling, würde jedoch mehr überzeugen, wenn sie die klare Opposition der Protagonistin zum von ihr verabscheuten, stets an sich selbst leidenden Künstlermilieu stärker infrage stellen würde.

Im Rückblick wird die Chronologie einer Desillusionierung erzählt: Dubno zeichnet die alternative Kunstwelt als materialistisch, geltungssüchtig und heuchlerisch. Nichts davon ist falsch, mitunter gelingen ihr auch stichhaltige Beobachtungen, wenn sie etwa beschreibt, wie zwanghaft alle an der Produktion des Eindrucks arbeiten, ihnen seien ihr Image und ihr Erfolg völlig egal: Nichts ist in dieser Welt verpönter als sichtbare Ambitioniertheit und offener Elitarismus.

Natürlich wollen alle der Karikatur des abgeklärten Welterklärer-Künstlers entsprechen, aber dabei muss man stilbewusst, lässig und bodenständig wirken. Auch die Obsession, „über jeden, der genau den Erfolg hat, den ich mir auch wünsche, wegen seiner krankhaften Karrieregeilheit herzuziehen“, weiß Dubno zu pointieren.

Ottessa Moshfegh lässt mehr Brüche und Unbequemlichkeiten zu

Andere im Ton bitteren Ekels vorgetragene Urteile – über autofiktionale Literatur, über die „aufgebrezelte Schalheit“ der standardisierten, längst in den Mainstream eingewanderten Alternativkultur oder über postmoderne Kunst, die stets mit Beipackzettel und Verständlichkeits-Garantie daherkommt – wiederholen allseits bekannte Kritik, die gar nicht mehr ausformuliert werden muss, weil ein paar Stichwörter für den assoziativen Konsens ausreichen.

Als Gemecker sollte man all das nicht abtun, dazu deckt es sich zu sehr mit einer Wirklichkeit, die sich ihren Überzeichnungen tendenziell immer mehr angleicht; dennoch ist die bloße Wiedergabe elaborierter Missbilligungen noch keine Literatur. Ein Roman wie Ottessa Moshfeghs Mein Jahr der Ruhe und Entspannung, den die Verlagswerbung als Referenz anführt, ließ mehr Brüche und Unbequemlichkeiten zu.

Die Autorin selbst schreibt in einer Nachbemerkung indessen, Vorlage für Nur das Allerbeste sei Thomas Bernhards Klassiker Holzfällen gewesen: „Als ich ihn zum ersten Mal las, war ich verblüfft, wie sehr mich Bernhards Wiener Künstlerszene an meine Welt in New York erinnerte … Ich orientiere mich inhaltlich am Aufbau von Holzfällen: eine zufällige Begegnung, eine Trauerfeier, ein geselliges Abendessen.“

„Nur das Allerbeste“ könnte in jeder Metropole angesiedelt sein

Im Gegensatz zu ihren Figuren gönnt sich Dubno also ganz unironisch die ostentative Überambitioniertheit. Dagegen mutet es schon seltsamer an, dass sie, zweifellos versiert in Sachen Gegenwartsdiskurs, so viele Ähnlichkeiten zwischen multidisziplinären Millennial-Dilettanten und den bourgeoisen Kulturbetrieb-Poseuren sieht, die Bernhard antreten ließ.

Dabei könnte Nur das Allerbeste in jeder Metropole angesiedelt sein, während Holzfällen sich von seiner Lokalisierung im Wien der 1980er nicht trennen lässt. Doch auch abgesehen davon war Bernhards Erzähler schlicht unversöhnlicher als Dubnos Protagonistin, deren verbitterte Distanziertheit von Anfang an gleichförmig gegeben ist, ohne je auf Konfrontation zu drängen.

Sie teilen den ätzenden Nihilismus, aber Dubno scheint nicht zu realisieren, dass dieser heute weniger subversiv ist als zu Bernhards Zeiten. Dass sie sich zumindest nicht komplett in die Karten schauen lässt und offen bleibt, ob sie ihre Erzählerin absichtlich als in sich selbst gefangene Nörglerin auflaufen lässt, gehört zu den durchaus vorhandenen Stärken dieses den Nerv der Zeit treffenden Romans. Nur bleibt offen, wie sehr er dem Zeitgeist auf den Leim geht, wie sehr man das vielleicht auch muss, um ihn einzufangen – und ob das am Ende ausreicht, um mehr als lauwarme „Strandlektüre“ zu sein.

Nur das Allerbeste Zoe Dubno Anke Caroline Burger (Übers.), dtv 2026, 288 S., 24 €

kleinen Hater in uns“ ist da die Rede, und statt einer Inhaltsangabe warb dtv mit buchstäblichem „Bla, bla, bla“ im Werbetext.Betont ironisch ist auch die hyperreflexive Erzählerin der naheliegenden Kritik stets immer einen Schritt voraus: In Gedanken monologisierend, findet sie sich bei einem Dinner früherer Künstlerfreunde wieder, von denen sie sich eigentlich losgesagt hat. Der Tod einer gemeinsamen Freundin führt sie jedoch wieder mit all denen zusammen, die sie einst bewundert und dann zu hassen gelernt hat.Dubno zeichnet die alternative Kunstwelt als geltungssüchtig und heuchlerischDurchgehend geißelt sie sich selbst dafür, zurückgekehrt zu sein. Die larmoyante, alle paar Seiten wiederholte Selbstanklage, sie sei ein gefügiges Opfer, ein Feigling und Schwächling, würde jedoch mehr überzeugen, wenn sie die klare Opposition der Protagonistin zum von ihr verabscheuten, stets an sich selbst leidenden Künstlermilieu stärker infrage stellen würde.Im Rückblick wird die Chronologie einer Desillusionierung erzählt: Dubno zeichnet die alternative Kunstwelt als materialistisch, geltungssüchtig und heuchlerisch. Nichts davon ist falsch, mitunter gelingen ihr auch stichhaltige Beobachtungen, wenn sie etwa beschreibt, wie zwanghaft alle an der Produktion des Eindrucks arbeiten, ihnen seien ihr Image und ihr Erfolg völlig egal: Nichts ist in dieser Welt verpönter als sichtbare Ambitioniertheit und offener Elitarismus.Natürlich wollen alle der Karikatur des abgeklärten Welterklärer-Künstlers entsprechen, aber dabei muss man stilbewusst, lässig und bodenständig wirken. Auch die Obsession, „über jeden, der genau den Erfolg hat, den ich mir auch wünsche, wegen seiner krankhaften Karrieregeilheit herzuziehen“, weiß Dubno zu pointieren.Ottessa Moshfegh lässt mehr Brüche und Unbequemlichkeiten zuAndere im Ton bitteren Ekels vorgetragene Urteile – über autofiktionale Literatur, über die „aufgebrezelte Schalheit“ der standardisierten, längst in den Mainstream eingewanderten Alternativkultur oder über postmoderne Kunst, die stets mit Beipackzettel und Verständlichkeits-Garantie daherkommt – wiederholen allseits bekannte Kritik, die gar nicht mehr ausformuliert werden muss, weil ein paar Stichwörter für den assoziativen Konsens ausreichen.Als Gemecker sollte man all das nicht abtun, dazu deckt es sich zu sehr mit einer Wirklichkeit, die sich ihren Überzeichnungen tendenziell immer mehr angleicht; dennoch ist die bloße Wiedergabe elaborierter Missbilligungen noch keine Literatur. Ein Roman wie Ottessa Moshfeghs Mein Jahr der Ruhe und Entspannung, den die Verlagswerbung als Referenz anführt, ließ mehr Brüche und Unbequemlichkeiten zu.Die Autorin selbst schreibt in einer Nachbemerkung indessen, Vorlage für Nur das Allerbeste sei Thomas Bernhards Klassiker Holzfällen gewesen: „Als ich ihn zum ersten Mal las, war ich verblüfft, wie sehr mich Bernhards Wiener Künstlerszene an meine Welt in New York erinnerte … Ich orientiere mich inhaltlich am Aufbau von Holzfällen: eine zufällige Begegnung, eine Trauerfeier, ein geselliges Abendessen.“„Nur das Allerbeste“ könnte in jeder Metropole angesiedelt seinIm Gegensatz zu ihren Figuren gönnt sich Dubno also ganz unironisch die ostentative Überambitioniertheit. Dagegen mutet es schon seltsamer an, dass sie, zweifellos versiert in Sachen Gegenwartsdiskurs, so viele Ähnlichkeiten zwischen multidisziplinären Millennial-Dilettanten und den bourgeoisen Kulturbetrieb-Poseuren sieht, die Bernhard antreten ließ.Dabei könnte Nur das Allerbeste in jeder Metropole angesiedelt sein, während Holzfällen sich von seiner Lokalisierung im Wien der 1980er nicht trennen lässt. Doch auch abgesehen davon war Bernhards Erzähler schlicht unversöhnlicher als Dubnos Protagonistin, deren verbitterte Distanziertheit von Anfang an gleichförmig gegeben ist, ohne je auf Konfrontation zu drängen.Sie teilen den ätzenden Nihilismus, aber Dubno scheint nicht zu realisieren, dass dieser heute weniger subversiv ist als zu Bernhards Zeiten. Dass sie sich zumindest nicht komplett in die Karten schauen lässt und offen bleibt, ob sie ihre Erzählerin absichtlich als in sich selbst gefangene Nörglerin auflaufen lässt, gehört zu den durchaus vorhandenen Stärken dieses den Nerv der Zeit treffenden Romans. Nur bleibt offen, wie sehr er dem Zeitgeist auf den Leim geht, wie sehr man das vielleicht auch muss, um ihn einzufangen – und ob das am Ende ausreicht, um mehr als lauwarme „Strandlektüre“ zu sein.



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