Der Literaturskandal um Charlotte Gneuß wird neu aufgerollt. In der Kritik steht Ingo Schulze. Wieder stellt sich die Frage nach der Frauenfeindlichkeit im Literaturbetrieb. Doch so einfach ist es nicht
Charlotte Gneuß
Foto: Albert Llop / picture alliance / NurPhoto
Dass ein älterer Literaturskandal wiederentdeckt wird, überrascht. Das Radiofeature „Der Fall Gittersee neu aufgerollt“ wirkt fast so, als habe man beim Deutschlandfunk auf den passenden Moment gewartet, damit eine interessante Kulturrecherche nicht vollends verpufft. Die Aufregung um Denis Scheck und die Misogynie-Vorwürfe gegen ihn dürften dabei als willkommener Anlass fungiert haben.
Worum geht es? Die 1992 geborene Charlotte Gneuß hat mit Gittersee einen DDR-Roman vorgelegt, der von der Kritik wohlwollend aufgenommen wurde und es 2023 auf die Longlist des Deutschen Buchpreises schaffte. Dann jedoch kursierte eine „Mängelliste“, verfasst vom Verlagskollegen und ostdeutschen Schriftsteller Ingo Schulze. Auf inoffiziellen Wegen soll sie – und das ist der nun entdeckte, anstößige Vorgang – auch Mitglieder der Jury des Deutschen Buchpreises erreicht haben. Seither steht wieder die Frage im Raum, ob Gneuß deshalb nicht auf der Shortlist landete.
Das Deutschlandfunk-Feature greift zur Deutung erneut auch eine Studie von Nicole Seifert auf, die beschreibt, wie die männlich dominierte Gruppe 47 schreibende Frauen behandelte: schlecht. Die Autorin des Features liest den Fall Gneuß als weiteres Beispiel dafür, dass Männer Frauen vorschreiben, was sie schreiben dürfen, dass ihre Texte anders bewertet werden und dass männliche Netzwerke weiterhin Karrieren beeinflussen – kurz: Gatekeeping, wie es im Literaturbetrieb oft heißt.
Binnendifferenzen innerhalb der „Generation DDR“
Diese Deutung überzeugt mich nicht. Zum einen, weil im gegenwärtigen Literaturbetrieb längst viele Schlüsselpositionen von Frauen besetzt sind. Zum anderen, weil man den Eindruck gewinnen kann, dass es ältere männliche Autoren mitunter heute schwerer haben, auf einem umkämpften Markt Aufmerksamkeit zu gewinnen, als junge Autorinnen. Die Freitag-Autorin Marlen Hobrack hat diesen Befund in ihrem Roman Schrödingers Grrrl famos zugespitzt: Darin wird von einer orientierungslosen jungen Frau erzählt, die vermeintlich ein tolles Buch geschrieben hat – tatsächlich aber vermarktet sie das Werk eines mittelalten Mannes.
Interessanter sind vielmehr die Binnendifferenzen innerhalb der „Generation DDR“, die in der Affäre sichtbar werden. Während etwa Publizist Dirk Oschmann die Konfliktlinie zwischen Ost und West gerne überbetont und Carsten Gansel den Bedeutungsverlust der DDR-Literatur als Folge westlicher Ignoranz und Arroganz immer wieder beschreibt, tritt nun eine Nachwende-Generation auf den Plan, die keinerlei Deutungshoheit beansprucht. Sie nutzt die DDR vielmehr selbstverständlich als Stoff, als Plot, als Material – wie Charlotte Gneuß in ihrem Coming-of-Age-Roman mit Stasi-Bezug.
Stasi-Männer plakativ in Szene gesetzt
Dass ein Ingo Schulze dennoch eine solche Mängelliste verfasst – er moniert unter anderem, dass man in der DDR nicht „lecker“ gesagt habe –, mag pedantisch wirken, zeigt aber auch, wie sensibel die Frage bleibt, wie die DDR erzählt wird – und es dabei bis heute ein erhebliches Verletzungspotenzial gibt. Nicht zuletzt gehörte Schulze selbst einst zur Generation des literarischen Umbruchs nach 1989, wie Steffen Martus in seinem Buch Erzählte Welt beschreibt: Er setzte einen eigenen Ton für die DDR-Erzählung seiner Generation – und blieb damit selbst Teil der Debatte um ihre Deutung.
Wenn man es nicht besser wüsste, könnte man Ingo Schulze unterstellen, er habe den Roman schlicht misslungen gefunden. Doch genau diese Frage stellt sich nicht: Schulze betonte in einem Schreiben an den Verlag ausdrücklich, er sei „beeindruckt“ von diesem literarischen Debüt.
Mir ging es hier anders. Nach einem dialoglastigen Einstieg, in dem die Hauptfigur Karin ihre Eltern im DDR-Kolorit mit „Mutti“ und „Vati“ anspricht, die kleine Schwester unablässig nervt und schließlich die Stasi-Männer plakativ die Szene betreten, habe ich den Roman zunehmend enerviert zur Seite gelegt.
Katharina Schmitz ist Mitglied der Jury der Sachbuch-Bestenliste von Zeit, ZDF, und Deutschlandfunk.
um Denis Scheck und die Misogynie-Vorwürfe gegen ihn dürften dabei als willkommener Anlass fungiert haben.Worum geht es? Die 1992 geborene Charlotte Gneuß hat mit Gittersee einen DDR-Roman vorgelegt, der von der Kritik wohlwollend aufgenommen wurde und es 2023 auf die Longlist des Deutschen Buchpreises schaffte. Dann jedoch kursierte eine „Mängelliste“, verfasst vom Verlagskollegen und ostdeutschen Schriftsteller Ingo Schulze. Auf inoffiziellen Wegen soll sie – und das ist der nun entdeckte, anstößige Vorgang – auch Mitglieder der Jury des Deutschen Buchpreises erreicht haben. Seither steht wieder die Frage im Raum, ob Gneuß deshalb nicht auf der Shortlist landete.Das Deutschlandfunk-Feature greift zur Deutung erneut auch eine Studie von Nicole Seifert auf, die beschreibt, wie die männlich dominierte Gruppe 47 schreibende Frauen behandelte: schlecht. Die Autorin des Features liest den Fall Gneuß als weiteres Beispiel dafür, dass Männer Frauen vorschreiben, was sie schreiben dürfen, dass ihre Texte anders bewertet werden und dass männliche Netzwerke weiterhin Karrieren beeinflussen – kurz: Gatekeeping, wie es im Literaturbetrieb oft heißt.Binnendifferenzen innerhalb der „Generation DDR“Diese Deutung überzeugt mich nicht. Zum einen, weil im gegenwärtigen Literaturbetrieb längst viele Schlüsselpositionen von Frauen besetzt sind. Zum anderen, weil man den Eindruck gewinnen kann, dass es ältere männliche Autoren mitunter heute schwerer haben, auf einem umkämpften Markt Aufmerksamkeit zu gewinnen, als junge Autorinnen. Die Freitag-Autorin Marlen Hobrack hat diesen Befund in ihrem Roman Schrödingers Grrrl famos zugespitzt: Darin wird von einer orientierungslosen jungen Frau erzählt, die vermeintlich ein tolles Buch geschrieben hat – tatsächlich aber vermarktet sie das Werk eines mittelalten Mannes.Interessanter sind vielmehr die Binnendifferenzen innerhalb der „Generation DDR“, die in der Affäre sichtbar werden. Während etwa Publizist Dirk Oschmann die Konfliktlinie zwischen Ost und West gerne überbetont und Carsten Gansel den Bedeutungsverlust der DDR-Literatur als Folge westlicher Ignoranz und Arroganz immer wieder beschreibt, tritt nun eine Nachwende-Generation auf den Plan, die keinerlei Deutungshoheit beansprucht. Sie nutzt die DDR vielmehr selbstverständlich als Stoff, als Plot, als Material – wie Charlotte Gneuß in ihrem Coming-of-Age-Roman mit Stasi-Bezug.Stasi-Männer plakativ in Szene gesetztDass ein Ingo Schulze dennoch eine solche Mängelliste verfasst – er moniert unter anderem, dass man in der DDR nicht „lecker“ gesagt habe –, mag pedantisch wirken, zeigt aber auch, wie sensibel die Frage bleibt, wie die DDR erzählt wird – und es dabei bis heute ein erhebliches Verletzungspotenzial gibt. Nicht zuletzt gehörte Schulze selbst einst zur Generation des literarischen Umbruchs nach 1989, wie Steffen Martus in seinem Buch Erzählte Welt beschreibt: Er setzte einen eigenen Ton für die DDR-Erzählung seiner Generation – und blieb damit selbst Teil der Debatte um ihre Deutung.Wenn man es nicht besser wüsste, könnte man Ingo Schulze unterstellen, er habe den Roman schlicht misslungen gefunden. Doch genau diese Frage stellt sich nicht: Schulze betonte in einem Schreiben an den Verlag ausdrücklich, er sei „beeindruckt“ von diesem literarischen Debüt.Mir ging es hier anders. Nach einem dialoglastigen Einstieg, in dem die Hauptfigur Karin ihre Eltern im DDR-Kolorit mit „Mutti“ und „Vati“ anspricht, die kleine Schwester unablässig nervt und schließlich die Stasi-Männer plakativ die Szene betreten, habe ich den Roman zunehmend enerviert zur Seite gelegt.