Während wir Ratten vergiften und Menschen ertrinken lassen, rührt uns ein gestrandeter Wal zu Tränen? Auch wenn sich Millionäre in Timmys Leid sonnen, greift die Klage über Doppelmoral zu kurz. Das Mitleid selbst ist eine unschuldige Regung


Versuch einer Rettung: Vor der Insel Poel in der Ostsee ist ein Wal gestrandet

Foto: Marc Stinger/Imago Images


In Deutschland haben Tierärzte ein fünfmal höheres Suizid-Risiko als die Allgemeinbevölkerung. Ist das eine gute Nachricht? Natürlich nicht. Jeder Suizid(versuch) eines Veterinärs ist eine schlechte Nachricht, so wie jeder Suizid oder Suizidversuch eines jeden Menschen eine schlechte Nachricht ist.

Die Trauer um Haustiere ist keine unechte Trauer

Doch steckt hier unweigerlich Gutes im Schlechten. Wenn sich beim morgendlichen Meldungsmarathon von Sozialabbau bis Kriegsverbrechen mal wieder der Eindruck aufdrängt, die Menschheit sei eine von Grund auf böse Spezies, dann kann einen diese vordergründig traurige Statistik aufbauen. Sie zeigt, dass die Arbeit im Angesicht der trauernden Haustierhalter und ihrer sterbenden Mitbewohner etwas mit dem Emotionshaushalt der Ärzte macht, wenn sie ein fühlendes und leidfähiges Wesen einschläfern müssen.

Der US-Präsident droht mit der Auslöschung des iranischen Volkes? Israel führt die Todesstrafe ein, die nur für Palästinenser gilt? Laut Unicef stirbt alle fünf Sekunden irgendwo auf der Erde ein Kind unter 15 Jahren an den Folgen von Unterernährung? Ja, aber: Menschen sind nicht nur zur Nächstenliebe begabt, sie sind sogar fähig zur Fernstenliebe. Die meisten von uns sind eben nicht so abgebrüht oder abgestumpft, dass ihnen einzelne Schicksale nicht-menschlicher Tiere völlig egal wären. Zugleich lauert in kapitalistischen Gesellschaften sogar hinter Akten reinster Güte irgendwann immer der wirtschaftliche Verwertungsdrang.

So ist es auch im tragischen Fall von Timmy. Jenem Buckelwal also, der vor der Insel Poel gestrandet ist und der nun im Sterben liegt. Eine private Rettungsmission unternimmt einen (wahrscheinlich) letzten Versuch, das Tier doch noch zurück ins Meer zu transportieren. Experten haben eindringlich davon abgeraten, weil es dem geschwächten Tier unnötig Leid zufüge, ohnehin keine Aussicht auf vollständige Genesung und damit auch keine Überlebensperspektive in freier Wildbahn bestehe.

„Mehr als einmal sterben kann er nicht“: Millionäre retten Tiere

Die Mission läuft unter finanzieller Obhut von Walter Gunz, dem Gründer einer bekannten Elektronikkonzernkette. Wenn ein schwerreicher Mann sich veranlasst sieht, Geld in eine ziemlich sicher aussichtslose Aktion zu stecken, dann muss er sich davon etwas erhoffen. Timmy soll dem Geschäft Profit bringen und dem Spender ein gutes Image.

Zum Medienspektakel kann ein solches Ereignis in der bestehenden politischen Ökonomie nur werden, wenn sich mit der Berichterstattung ausreichend Geld und Prestige verdienen lassen. Es nehmen also unzählige Leute aktiv Anteil am Los dieses Wildtiers. Der Name des Gönners, vor allem aber der seines Unternehmens taucht nun in fast jedem aktuellen Medienbericht über den Fall auf.

Es gibt einen dazu passenden Witz aus einer alten Folge der US-Fernsehserie Die Simpsons. Dort steht der Verbrecher Tingeltangel-Bob vor Gericht und vermittelt überraschend den Eindruck, er könne Deutsch. Daraufhin wird er freigesprochen mit der Begründung: „Jemand, der Deutsch spricht, kann kein schlechter Mensch sein!“ Offenbar kalkuliert der Elektronikkonzernmann mit der gleichen Reaktion durch die um Timmy bangende Masse: Jemand, der so reich ist und einen Wal retten will, kann kein schlechter Mensch sein! Lasst uns ihm die Regale leerkaufen!

„Mehr als einmal sterben kann er ja nicht“, sagte Gunz der Deutschen Presse-Agentur. Ein Statement, das tiefer blicken lässt, als es dem angeblichen Ehrenmann lieb sein kann. Angenommen, ein auf der Palliativstation einer Klinik im Sterben liegender Mensch erhalte Besuch von einem Kamerateam und einem Multimillionär, der ankündigt, er werde entgegen ärztlichen Rats und der Warnung vor unnötig in die Länge gezogenem Leid nun noch einmal alles versuchen, denn „mehr als einmal sterben kann er ja nicht“. Gälte er dann auch als Held?

Wir Menschen müssen unterlassen, was Wildtiere direkt beschädigt

Solche Vergleiche müssen sich immer dem Vorwurf stellen, hier werde ein Wildtier vermenschlicht. Doch ist genau dies der springende Punkt. Vielleicht hilft ein Blick auf das Denken der Philosophin Martha Nussbaum, um die Sache etwas nüchterner einzuordnen. Bekannt geworden ist sie mit dem Fähigkeitenansatz. In ihrem Buch Gerechtigkeit für Tiere definiert sie ihn so, „dass eine Gesellschaft nur dann auch nur annähernd gerecht ist, wenn sie jedem einzelnen Bürger einen Mindestumfang zentraler Fähigkeiten garantiert, die als wesentliche Freiheiten oder Wahl- und Handlungsmöglichkeiten in von Menschen im Allgemeinen sinnvollerweise wertgeschätzten Lebensbereichen definiert sind“.

Angewandt auf das Verhältnis zwischen Wildtier und Mensch bedeutet das: Menschen müssen sämtliche Praktiken beenden, die Gesundheit und körperliche Unversehrtheit von Wildtieren wie Timmy direkt verletzen. Das offensichtlichste Beispiel ist die Wilderei, die im Walfang eine besonders bestialische Ausprägung findet.

Zwar ist das in Deutschland verboten, doch unternahm zuletzt keine Bundesregierung in der internationalen Zusammenarbeit ernsthafte Versuche, andere Staaten dauerhaft davon abzuhalten. Dass die Meere mit Plastikmüll belastet werden, der existenziell gefährlich ist für dort lebende Tiere, hat sich ebenfalls herumgesprochen. Was seltener zur Sprache kommt, ist die menschengemachte Lärmbelastung unter Wasser durch militärische und zivile Fahrzeuge oder Bohrarbeiten zu rein menschlichen Zwecken.

Zudem sind etwa Orcas in der westlichen Kultur noch immer fester Bestandteil der Unterhaltungsindustrie; und auch nach Deutschland werden Wildtiere in Zoos transportiert, für die mitteleuropäische Tierparks niemals Lebensbedingungen schaffen können, die den Tieren wesentliche Freiheiten lassen. Viele Arten gehören einfach nicht in solche Einrichtungen.

Bei Timmy sollen die Gesetze der Natur walten? Diese Natur gibt es nicht mehr

Kollektives Mitleid mit einem gestrandeten Wal ist zwar ein Zeichen, dass wir alle noch halbwegs human geblieben sind, doch reicht das aus ethischer Sicht bei Weitem nicht aus. Der Mensch ist bereits so weit in die Lebensbereiche fast aller bislang bekannter Wildtierarten eingedrungen, dass von dem romantischen Bild der unberührten Natur, die der Mensch gefälligst in Ruhe lassen sollte, nichts übriggeblieben ist. Insofern ist es richtig, alles in menschlicher Macht Stehende zu unternehmen, um einem Tier wie Timmy das Leben zu retten. Wir sollten uns nicht durch den Vorwurf, „Gott zu spielen“, davon abbringen lassen.

Doch gilt auch hier die Maßgabe, dem Individuum so wenig Schmerz zuzufügen wie möglich. Mehr noch, für Nussbaum „muss der Mensch sämtliche Verhaltensweisen beenden, die rücksichtslos den Tod und das Leiden von Tieren verursachen, auch wenn nicht die Absicht bestand, dem Tier zu schaden“. Sie verbindet den existenzialistischen Gedanken des Geworfenseins mit der Verantwortung des Menschen, der sich zur mächtigsten Kreatur der Welt entwickelt hat.

Die Politik, die sich ebenfalls durch das tierliebe Volk getrieben sah, gab die Rettung des Buckelwals Timmy bereits Anfang April auf. Bei einer bemerkenswerten Pressekonferenz standen dem Umweltminister von Mecklenburg-Vorpommern die Tränen in den Augen. Gemeinsam mit Meeresbiologen verkündete er, dem armen Wesen sei nicht mehr zu helfen. Jetzt wolle man dieser schönen Kreatur ein Ende in Frieden gewähren. So viel Würde für ein Wesen, auf das nicht einmal jenes Kindchen-Schema zutrifft, das uns mit Affen oder Bären so herzzerreißend mitfiebern lässt?

Willkür des Mitgefühls: Wir retten Igel und vergiften Ratten

Das Mensch-Tier-Verhältnis ist von Widersprüchen geprägt, die unter gegenwärtigen Bedingungen nicht auflösbar sind. Kaum jemand, der gerade mit Timmy fiebert oder bereits um ihn trauert, hat ein Problem damit, andere Tiere zu essen. Wir diskutieren über Rentenansprüche von Polizeihunden und dulden zugleich, dass jedes Jahr mehrere hundert Hunde in deutschen Versuchslaboren zur Medizin- und Kosmetikforschung zugrunde gehen.

Wir ziehen mit dem Fernglas los, um fasziniert die Vögel im Wald zu beobachten und verbieten in den Städten das Taubenfüttern. Wir retten verletzte Igel auf der Straße und legen Giftköder in Hinterhöfen aus, an denen Ratten jämmerlich krepieren. Wir zerfließen vor Entzückung über ein Affenjunges im Zoo, haben aber nichts einzuwenden gegen die lebenslange Gefangenschaft dieses Tiers zu Entertainmentzwecken.

Hinter all dem steckt ein Nützlichkeitsdenken, das es auch unter Menschen gibt. Bis tief in die sogenannte Mitte der Gesellschaft ist die Überzeugung verankert, dass nur Migranten nach Deutschland einwandern sollten, die „uns“ ökonomisch nutzen. Gegen einen Schwarzen Mann wie den Fußballstar Kylian Mbappé etwa hätten Alice Weidel oder Markus Söder nichts einzuwenden, den mittellosen Flüchtling aber hindern sie gewaltsam an der Einreise in die EU.

Wer von Timmy auf Geflüchtete kommt, sendet auch nur ein Moral-Signal

Leute, die sich als links bezeichnen, haben zuletzt genau darauf verwiesen. Da zittern Zigtausende mit einem in der Ostsee gestrandeten Buckelwal und haben keinerlei Empathie übrig für Menschen, die vor Krieg oder Armut fliehen und im Mittelmeer ertrinken. Man muss das nicht mit dem neumodischen Begriff des Whataboutism abtun und kann dennoch erkennen, dass es sich bei einer solchen Argumentation um ein moralisches Signal handelt: Seht her, ich sorge mich um die wirklich Notleidenden, das macht mich zu einem besseren Menschen als ihr es seid!

Darin sind sich beide Seiten ähnlich. Im Fall derer, die öffentlich um Timmy bangen und Politiker bedrohen, weil sie Rettungsmaßnahmen einstellen, kommt etwas Entscheidendes hinzu. Bei nahezu jedem Thema prallen kontroverse Meinungen aufeinander. In kaum einer Frage ist es noch möglich, sich eindeutig für die eine, objektiv richtige Seite zu entscheiden, weil es eine solche Seite immer seltener gibt.

Der Fall Timmy bildet scheinbar eine Ausnahme. Niemand kann ernsthaft dagegen sein, dieses unschuldig in Not geratene Tier zu retten – mit allen nötigen Mitteln! Und dann erscheint manchem sogar verbale oder physische Gewalt gerechtfertigt gegenüber jenen, die angeblich nicht genug tun.

Menschen, die durch die Qualen dieses Wals getriggert werden, sehnen derart eindeutig erscheinende Fragen herbei, weil vordergründig kaum etwas in der westlichen Kultur so unkontrovers ist wie die Ablehnung von Tierquälerei. Derzeit fühlen wir, was Tierärzte in ihrem Arbeitsalltag empfinden, wenn sie einen Hund oder eine Katze sterben lassen müssen. Was es bedeutet, ohnmächtig zu sein. Einem unschuldigen Wesen einfach nicht mehr helfen zu können. Bis zur letzten Sekunde auf ein Wunder zu hoffen und darum nicht loslassen zu wollen.

Der Buckelwal Timmy ist nicht nur unser Freund, nein, er ist Teil der Familie. Ein Teil von uns. Im Unbewussten mancher besonders empörter Walhelfer fällt offenbar sogar die physische Trennung weg. Wer diesen freundlichen Riesen einfach so sterben lässt, vergeht sich auch an mir!

Trotz alledem: Das Mitgefühl mit einem Wal macht Hoffnung

Wenn das Sterben eines Wals sich so öffentlich und in der menschlichen Wahrnehmung derart langsam vollzieht, dann ist das kaum auszuhalten. Wir sind zurückgeworfen auf die himmelschreiende Absurdität des Lebens an sich. Es ist einfach nicht fair, was dem Tier passiert. Das kann einen wahnsinnig machen. Und doch, wie man es auch dreht und wendet, der Fall Timmy macht Hoffnung. Solange das Schicksal eines Buckelwals so nachhaltig Aufmerksamkeit erzeugen kann, ist der Kampf um die Gerechtigkeit für Tiere nicht verloren.

Christian Baron ist Schriftsteller. Zuletzt erschienen ist der Roman Drei Schwestern

ge Statistik aufbauen. Sie zeigt, dass die Arbeit im Angesicht der trauernden Haustierhalter und ihrer sterbenden Mitbewohner etwas mit dem Emotionshaushalt der Ärzte macht, wenn sie ein fühlendes und leidfähiges Wesen einschläfern müssen.Der US-Präsident droht mit der Auslöschung des iranischen Volkes? Israel führt die Todesstrafe ein, die nur für Palästinenser gilt? Laut Unicef stirbt alle fünf Sekunden irgendwo auf der Erde ein Kind unter 15 Jahren an den Folgen von Unterernährung? Ja, aber: Menschen sind nicht nur zur Nächstenliebe begabt, sie sind sogar fähig zur Fernstenliebe. Die meisten von uns sind eben nicht so abgebrüht oder abgestumpft, dass ihnen einzelne Schicksale nicht-menschlicher Tiere völlig egal wären. Zugleich lauert in kapitalistischen Gesellschaften sogar hinter Akten reinster Güte irgendwann immer der wirtschaftliche Verwertungsdrang.So ist es auch im tragischen Fall von Timmy. Jenem Buckelwal also, der vor der Insel Poel gestrandet ist und der nun im Sterben liegt. Eine private Rettungsmission unternimmt einen (wahrscheinlich) letzten Versuch, das Tier doch noch zurück ins Meer zu transportieren. Experten haben eindringlich davon abgeraten, weil es dem geschwächten Tier unnötig Leid zufüge, ohnehin keine Aussicht auf vollständige Genesung und damit auch keine Überlebensperspektive in freier Wildbahn bestehe.„Mehr als einmal sterben kann er nicht“: Millionäre retten TiereDie Mission läuft unter finanzieller Obhut von Walter Gunz, dem Gründer einer bekannten Elektronikkonzernkette. Wenn ein schwerreicher Mann sich veranlasst sieht, Geld in eine ziemlich sicher aussichtslose Aktion zu stecken, dann muss er sich davon etwas erhoffen. Timmy soll dem Geschäft Profit bringen und dem Spender ein gutes Image.Zum Medienspektakel kann ein solches Ereignis in der bestehenden politischen Ökonomie nur werden, wenn sich mit der Berichterstattung ausreichend Geld und Prestige verdienen lassen. Es nehmen also unzählige Leute aktiv Anteil am Los dieses Wildtiers. Der Name des Gönners, vor allem aber der seines Unternehmens taucht nun in fast jedem aktuellen Medienbericht über den Fall auf.Es gibt einen dazu passenden Witz aus einer alten Folge der US-Fernsehserie Die Simpsons. Dort steht der Verbrecher Tingeltangel-Bob vor Gericht und vermittelt überraschend den Eindruck, er könne Deutsch. Daraufhin wird er freigesprochen mit der Begründung: „Jemand, der Deutsch spricht, kann kein schlechter Mensch sein!“ Offenbar kalkuliert der Elektronikkonzernmann mit der gleichen Reaktion durch die um Timmy bangende Masse: Jemand, der so reich ist und einen Wal retten will, kann kein schlechter Mensch sein! Lasst uns ihm die Regale leerkaufen!„Mehr als einmal sterben kann er ja nicht“, sagte Gunz der Deutschen Presse-Agentur. Ein Statement, das tiefer blicken lässt, als es dem angeblichen Ehrenmann lieb sein kann. Angenommen, ein auf der Palliativstation einer Klinik im Sterben liegender Mensch erhalte Besuch von einem Kamerateam und einem Multimillionär, der ankündigt, er werde entgegen ärztlichen Rats und der Warnung vor unnötig in die Länge gezogenem Leid nun noch einmal alles versuchen, denn „mehr als einmal sterben kann er ja nicht“. Gälte er dann auch als Held?Wir Menschen müssen unterlassen, was Wildtiere direkt beschädigt Solche Vergleiche müssen sich immer dem Vorwurf stellen, hier werde ein Wildtier vermenschlicht. Doch ist genau dies der springende Punkt. Vielleicht hilft ein Blick auf das Denken der Philosophin Martha Nussbaum, um die Sache etwas nüchterner einzuordnen. Bekannt geworden ist sie mit dem Fähigkeitenansatz. In ihrem Buch Gerechtigkeit für Tiere definiert sie ihn so, „dass eine Gesellschaft nur dann auch nur annähernd gerecht ist, wenn sie jedem einzelnen Bürger einen Mindestumfang zentraler Fähigkeiten garantiert, die als wesentliche Freiheiten oder Wahl- und Handlungsmöglichkeiten in von Menschen im Allgemeinen sinnvollerweise wertgeschätzten Lebensbereichen definiert sind“.Angewandt auf das Verhältnis zwischen Wildtier und Mensch bedeutet das: Menschen müssen sämtliche Praktiken beenden, die Gesundheit und körperliche Unversehrtheit von Wildtieren wie Timmy direkt verletzen. Das offensichtlichste Beispiel ist die Wilderei, die im Walfang eine besonders bestialische Ausprägung findet.Zwar ist das in Deutschland verboten, doch unternahm zuletzt keine Bundesregierung in der internationalen Zusammenarbeit ernsthafte Versuche, andere Staaten dauerhaft davon abzuhalten. Dass die Meere mit Plastikmüll belastet werden, der existenziell gefährlich ist für dort lebende Tiere, hat sich ebenfalls herumgesprochen. Was seltener zur Sprache kommt, ist die menschengemachte Lärmbelastung unter Wasser durch militärische und zivile Fahrzeuge oder Bohrarbeiten zu rein menschlichen Zwecken.Zudem sind etwa Orcas in der westlichen Kultur noch immer fester Bestandteil der Unterhaltungsindustrie; und auch nach Deutschland werden Wildtiere in Zoos transportiert, für die mitteleuropäische Tierparks niemals Lebensbedingungen schaffen können, die den Tieren wesentliche Freiheiten lassen. Viele Arten gehören einfach nicht in solche Einrichtungen.Bei Timmy sollen die Gesetze der Natur walten? Diese Natur gibt es nicht mehr Kollektives Mitleid mit einem gestrandeten Wal ist zwar ein Zeichen, dass wir alle noch halbwegs human geblieben sind, doch reicht das aus ethischer Sicht bei Weitem nicht aus. Der Mensch ist bereits so weit in die Lebensbereiche fast aller bislang bekannter Wildtierarten eingedrungen, dass von dem romantischen Bild der unberührten Natur, die der Mensch gefälligst in Ruhe lassen sollte, nichts übriggeblieben ist. Insofern ist es richtig, alles in menschlicher Macht Stehende zu unternehmen, um einem Tier wie Timmy das Leben zu retten. Wir sollten uns nicht durch den Vorwurf, „Gott zu spielen“, davon abbringen lassen.Doch gilt auch hier die Maßgabe, dem Individuum so wenig Schmerz zuzufügen wie möglich. Mehr noch, für Nussbaum „muss der Mensch sämtliche Verhaltensweisen beenden, die rücksichtslos den Tod und das Leiden von Tieren verursachen, auch wenn nicht die Absicht bestand, dem Tier zu schaden“. Sie verbindet den existenzialistischen Gedanken des Geworfenseins mit der Verantwortung des Menschen, der sich zur mächtigsten Kreatur der Welt entwickelt hat.Die Politik, die sich ebenfalls durch das tierliebe Volk getrieben sah, gab die Rettung des Buckelwals Timmy bereits Anfang April auf. Bei einer bemerkenswerten Pressekonferenz standen dem Umweltminister von Mecklenburg-Vorpommern die Tränen in den Augen. Gemeinsam mit Meeresbiologen verkündete er, dem armen Wesen sei nicht mehr zu helfen. Jetzt wolle man dieser schönen Kreatur ein Ende in Frieden gewähren. So viel Würde für ein Wesen, auf das nicht einmal jenes Kindchen-Schema zutrifft, das uns mit Affen oder Bären so herzzerreißend mitfiebern lässt?Willkür des Mitgefühls: Wir retten Igel und vergiften RattenDas Mensch-Tier-Verhältnis ist von Widersprüchen geprägt, die unter gegenwärtigen Bedingungen nicht auflösbar sind. Kaum jemand, der gerade mit Timmy fiebert oder bereits um ihn trauert, hat ein Problem damit, andere Tiere zu essen. Wir diskutieren über Rentenansprüche von Polizeihunden und dulden zugleich, dass jedes Jahr mehrere hundert Hunde in deutschen Versuchslaboren zur Medizin- und Kosmetikforschung zugrunde gehen.Wir ziehen mit dem Fernglas los, um fasziniert die Vögel im Wald zu beobachten und verbieten in den Städten das Taubenfüttern. Wir retten verletzte Igel auf der Straße und legen Giftköder in Hinterhöfen aus, an denen Ratten jämmerlich krepieren. Wir zerfließen vor Entzückung über ein Affenjunges im Zoo, haben aber nichts einzuwenden gegen die lebenslange Gefangenschaft dieses Tiers zu Entertainmentzwecken.Hinter all dem steckt ein Nützlichkeitsdenken, das es auch unter Menschen gibt. Bis tief in die sogenannte Mitte der Gesellschaft ist die Überzeugung verankert, dass nur Migranten nach Deutschland einwandern sollten, die „uns“ ökonomisch nutzen. Gegen einen Schwarzen Mann wie den Fußballstar Kylian Mbappé etwa hätten Alice Weidel oder Markus Söder nichts einzuwenden, den mittellosen Flüchtling aber hindern sie gewaltsam an der Einreise in die EU.Wer von Timmy auf Geflüchtete kommt, sendet auch nur ein Moral-SignalLeute, die sich als links bezeichnen, haben zuletzt genau darauf verwiesen. Da zittern Zigtausende mit einem in der Ostsee gestrandeten Buckelwal und haben keinerlei Empathie übrig für Menschen, die vor Krieg oder Armut fliehen und im Mittelmeer ertrinken. Man muss das nicht mit dem neumodischen Begriff des Whataboutism abtun und kann dennoch erkennen, dass es sich bei einer solchen Argumentation um ein moralisches Signal handelt: Seht her, ich sorge mich um die wirklich Notleidenden, das macht mich zu einem besseren Menschen als ihr es seid!Darin sind sich beide Seiten ähnlich. Im Fall derer, die öffentlich um Timmy bangen und Politiker bedrohen, weil sie Rettungsmaßnahmen einstellen, kommt etwas Entscheidendes hinzu. Bei nahezu jedem Thema prallen kontroverse Meinungen aufeinander. In kaum einer Frage ist es noch möglich, sich eindeutig für die eine, objektiv richtige Seite zu entscheiden, weil es eine solche Seite immer seltener gibt.Der Fall Timmy bildet scheinbar eine Ausnahme. Niemand kann ernsthaft dagegen sein, dieses unschuldig in Not geratene Tier zu retten – mit allen nötigen Mitteln! Und dann erscheint manchem sogar verbale oder physische Gewalt gerechtfertigt gegenüber jenen, die angeblich nicht genug tun.Menschen, die durch die Qualen dieses Wals getriggert werden, sehnen derart eindeutig erscheinende Fragen herbei, weil vordergründig kaum etwas in der westlichen Kultur so unkontrovers ist wie die Ablehnung von Tierquälerei. Derzeit fühlen wir, was Tierärzte in ihrem Arbeitsalltag empfinden, wenn sie einen Hund oder eine Katze sterben lassen müssen. Was es bedeutet, ohnmächtig zu sein. Einem unschuldigen Wesen einfach nicht mehr helfen zu können. Bis zur letzten Sekunde auf ein Wunder zu hoffen und darum nicht loslassen zu wollen.Der Buckelwal Timmy ist nicht nur unser Freund, nein, er ist Teil der Familie. Ein Teil von uns. Im Unbewussten mancher besonders empörter Walhelfer fällt offenbar sogar die physische Trennung weg. Wer diesen freundlichen Riesen einfach so sterben lässt, vergeht sich auch an mir!Trotz alledem: Das Mitgefühl mit einem Wal macht HoffnungWenn das Sterben eines Wals sich so öffentlich und in der menschlichen Wahrnehmung derart langsam vollzieht, dann ist das kaum auszuhalten. Wir sind zurückgeworfen auf die himmelschreiende Absurdität des Lebens an sich. Es ist einfach nicht fair, was dem Tier passiert. Das kann einen wahnsinnig machen. Und doch, wie man es auch dreht und wendet, der Fall Timmy macht Hoffnung. Solange das Schicksal eines Buckelwals so nachhaltig Aufmerksamkeit erzeugen kann, ist der Kampf um die Gerechtigkeit für Tiere nicht verloren.



Source link

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert