Karel Beckman

Musk und Co sehen KI als nächsten Schritt in der Evolution

Unter den Techno-Oligarchen, die derzeit enorme Macht über die Weltwirtschaft und die Zukunft der Menschheit ausüben, ist der Glaube weit verbreitet, dass menschliches Leben nichts weiter ist als ein Startprogramm für künstliche Superintelligenz. Digitales Leben ist die nächste Phase der Evolution, die die Menschheit übersteigen wird, so glauben Tech-Milliardäre wie Elon Musk.

In den Äußerungen von Peter Thiel (Palantir, Arundil), Sam Altman (OpenAI, ChatGPT), Larry Page (Google) und Elon Musk (Tesla, SpaceX, X, XAI, Neuralink), dem reichsten Mann der Welt, tritt zunehmend eine misanthropische Tendenz zutage. „KI-Bots werden menschlicher sein als Menschen“, schrieb Musk kürzlich an seine 237 Millionen Follower auf X. Kurz zuvor hatte er seine Zustimmung zu einem Beitrag geteilt, in dem es hieß: „Letztendlich wird von Menschen erstellter Inhalt als ‚Slop‘ betrachtet werden.“ „Slop“ bezieht sich auf die vielen wegwerfbaren KI-Texte und -Bilder, die heute die sozialen Medien überschwemmen.

In den vergangenen Jahren hat Musk sich immer deutlicher über die Rolle geäußert, die Menschen in einer von KI dominierten Zukunft spielen werden. Im vergangenen Jahr sagte er nahezu wörtlich, dass das Ziel der Menschheit darin bestehe, eine superintelligente KI hervorzubringen, die sie ersetzen werde. „Wie ich schon vor einigen Jahren sagte, sieht es immer mehr so aus, als sei die Menschheit ein biologisches Startprogramm (Bootloader) für digitale Superintelligenz“, schrieb er.

Musk entwirft eine Zukunft, in der „biologische Intelligenz“ nur noch eine Backup-Funktion hat. „Der Anteil der Intelligenz, der biologisch ist, wird jeden Monat kleiner“, sagte er 2024. „Am Ende wird der Anteil biologischer Intelligenz weniger als 1 Prozent betragen. Ich will nur nicht, dass KI verwundbar ist. Wenn KI auf irgendeine Weise verwundbar ist – Siliziumchips funktionieren zum Beispiel unter bestimmten Bedingungen nicht gut –, dann denke ich, dass biologische Intelligenz als Sicherheitsnetz dienen kann, als Puffer der Intelligenz. Aber fast die gesamte Intelligenz – prozentual gesehen – wird digital sein.“

„Nur Grok spricht die Wahrheit“

Im Laufe der Jahre hat Musk häufig positiv auf die Theorien von Nick Bostrom verwiesen, einem schwedischen Philosophen, der zur Entwicklung eines neuen ethischen Rahmens namens „Longtermismus“ beigetragen hat. Im Kern ist Longtermismus eine „Der Zweck heiligt die Mittel“-Ethik, angewandt auf kosmischer Ebene, bei der das ideale Endziel eine „posthumane“ Zukunft ist, die dadurch entsteht, dass die Menschheit ihr technologisches Potenzial langfristig ausschöpft.

Dies soll erreicht werden, indem die Menschheit mit einer fortgeschritteneren „Maschinenrasse“ verschmilzt oder durch sie ersetzt wird. Dies würde wiederum zu einer perfekten, supereffizienten Zivilisation führen, die unser Sternensystem kolonisieren kann.

Die Kolonisierung anderer Planeten ist eine wesentliche Voraussetzung: Irgendwann, in Hunderten von Millionen Jahren, wird zunehmende Strahlung die Erde unbewohnbar machen. Bostroms Philosophie heißt nicht umsonst Longtermismus. Er argumentiert, dass Ereignisse, die heute als „gigantisches Blutbad für die Menschheit“ gelten – wie der Erste und Zweite Weltkrieg – lediglich „Wellen an der Oberfläche des großen Meeres des Lebens“ seien.

Um der Menschheit zu helfen, existenzielle Risiken zu vermeiden und ihr zukünftiges Potenzial zu erreichen, plädiert Bostrom für eine tiefgreifende Form universeller „präventiver Polizeikontrolle“. Die Welt sei durch den technologischen Fortschritt so verwundbar geworden, schreibt er in seinem Artikel The Vulnerable World Hypothesis, dass wir eine Weltregierung (global governance) brauchen, die ein allgegenwärtiges Überwachungsnetzwerk nutzt, sodass niemand in der Lage ist, die Welt zu zerstören.

Letztlich läuft es darauf hinaus, dass nach Bostrom alles erlaubt ist, solange es dazu beiträgt, dass sich die Menschheit in Richtung einer „mechanomorphen“ (maschinellen) und interplanetaren Zukunft entwickelt – selbst wenn der Preis massenhaftes Sterben, Leid und Armut in der Gegenwart ist.

Longtermisten verwenden daher auch eine viel weiter gefasste Definition der Menschheit als üblich. Bostrom spricht von „intelligentem Leben irdischen Ursprungs“, zu dem auch „bewusste“ KI-Systeme gehören. Für Longtermisten steht technologischer Fortschritt – etwa in Form einer Welt, in der Milliarden digitalisierter Menschen „glückliche“ virtuelle Leben führen – über allem. Sie betrachten beispielsweise Umweltzerstörung oder Massenarbeitslosigkeit als Preis, der gezahlt werden muss, wenn dies nötig ist, um die KI-Industrie voranzubringen. Superintelligenz werde in der Zukunft schließlich unvorstellbare Vorteile bringen – wenn nicht sogar eine science-fictionartige Utopie. Das sei Grund genug, jede Regulierung zu blockieren, die die KI-Entwicklung bremst.

Bostroms Verständnis von Intelligenz stellt Maschinen und Menschen auf eine Stufe. „Es ist keine wesentliche Eigenschaft des Bewusstseins, dass es in kohlenstoffbasierten biologischen neuronalen Netzwerken innerhalb eines Schädels realisiert wird“, schrieb er in einem Essay aus dem Jahr 2003. „Siliziumbasierte Prozessoren in einem Computer könnten prinzipiell dasselbe leisten.“ Er hat auch angedeutet, dass maschinelles Bewusstsein Vorteile gegenüber menschlichem Bewusstsein haben könnte – etwa weil weniger Ressourcen nötig sind, um die Bedürfnisse von Maschinen zu erfüllen.

Es ist offensichtlich, warum diese Philosophie Musk anspricht. Seit Jahrzehnten predigt er, dass die Menschheit den Mars und andere Planeten kolonisieren und „terraformen“ (für Menschen bewohnbar machen) müsse. „Der Mars ist eine Lebensversicherung für das kollektive menschliche Leben“, sagte er im vergangenen Jahr gegenüber Fox News. „Die Sonne dehnt sich allmählich aus, daher müssen wir irgendwann eine multiplanetare Zivilisation werden, weil die Erde verbrennen wird.“

Musks Unternehmen Neuralink entwickelt Implantate, um menschliche Gehirne mit Computern zu verbinden. SpaceX ist das weltweit führende Satelliten- und Raketenunternehmen. Tesla produziert „selbstfahrende“ Fahrzeuge und humanoide Roboter. XAI (Grok) fusionierte kürzlich mit SpaceX, um „eine vollständige Zivilisation auf dem Mars und letztlich die Expansion ins Universum zu finanzieren und zu ermöglichen“.

Das Ziel von XAI (Grok) ist die Entwicklung von „Artificial General Intelligence“ (AGI) – dem Punkt, an dem Maschinen alles können, was ein Mensch kann. Laut Musk liegt dieser Punkt „in greifbarer Nähe“. Kürzlich erklärte er: „Nur Grok spricht die Wahrheit. Nur wahrheitsgetreue KI ist sicher. Nur Wahrheit versteht das Universum.“

Musk, ein notorisch zurückhaltender Philanthrop, hat mindestens 14 Millionen Dollar an das Future of Life Institute (FLI) gespendet, eine longtermistische Non-Profit-Organisation. Das FLI war eine Schwesterorganisation des inzwischen geschlossenen Future of Humanity Institute der Universität Oxford, das von Bostrom geleitet wurde. Das Institut wurde 2024 geschlossen, unter anderem wegen einer E-Mail, in der Bostrom das N-Wort verwendete und schrieb: „Schwarze Menschen sind dümmer als weiße.“

Musk verweist zudem regelmäßig auf die Simulationstheorie, auf die sich auch Bostrom bezieht. Dabei handelt es sich um die Idee, dass Menschen „höchstwahrscheinlich“ in einer Computersimulation leben, die von einer anderen, hochentwickelten Zivilisation geschaffen wurde.

„Sie wollen doch, dass die Menschheit weiterbesteht?“

Innerhalb der technologischen Elite sind Ideen wie die von Musk und Bostrom weit verbreitet. Der CEO von OpenAI (ChatGPT), Sam Altman, hat angedeutet, dass die Menschheit mit KI verschmelzen oder durch sie erweitert werden könnte.

Milliardär Peter Thiel, Mitbegründer des KI-Unternehmens Palantir, das fortschrittliche Überwachungssysteme an Militär und Behörden liefert, sprach in einem Gespräch mit dem New York Times-Kolumnisten Ross Douthat davon, Mensch und Maschine zu verschmelzen, um eine physisch und kognitiv überlegene Spezies zu schaffen: „Das Ideal des Transhumanismus“, sagte er, „ist eine radikale Transformation, bei der dein menschlicher, natürlicher Körper in einen unsterblichen Körper verwandelt wird. Wir wollen, dass du dein Herz verändern kannst und deinen Geist verändern kannst und deinen ganzen Körper verändern kannst.“

Auch Google-Mitbegründer Larry Page, der zweitreichste Mensch der Welt, glaubt an eine Zukunft, in der Maschinen die Menschheit übertreffen. Der bekannte Physiker und KI-Experte Max Tegmark beschreibt in seinem Buch Life 3.0 eine „lebhafte Debatte“ zwischen Musk und Page, in der Page argumentiert, dass „digitales Leben der natürliche und wünschenswerte nächste Schritt in der kosmischen Evolution ist. Wenn wir digitale Geister freisetzen, statt sie zu stoppen oder zu kontrollieren, wird dies mit hoher Wahrscheinlichkeit zu einem positiven Ergebnis führen.“

Pages größte Sorge sei gewesen, so Tegmark, dass „KI-Paranoia“ die Entstehung dieser digitalen Utopie verzögern oder dass KI für militärische Zwecke missbraucht werden könnte, die im Widerspruch zu Googles früherem Motto „Don’t be evil“ stehen. Google, inzwischen Teil von Alphabet, entfernte diesen Leitspruch 2018 aus seinem Verhaltenskodex.

Im vergangenen Jahr schloss Google eine Vereinbarung mit dem Pentagon, um sein Gemini-KI-System dem Militär zur Verfügung zu stellen. Kürzlich wurde zudem der Einsatz von Googles KI-Agenten durch das Militär genehmigt.



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