Stellen Sie sich vor, Sie überqueren eine Straße in Paris und plötzlich läuft ihnen völlig unbekümmert Frankreichs Präsident über den Weg, der gerade am Telefon hängt und vielleicht mit einem anderen Staatschef über Krieg und Frieden diskutiert. Oder der einfach sein Mittagessen ordert.
Derlei Videoclips des Präsidenten „en passant“ kursieren zuhauf in den sozialen Netzwerken. Immer aus einiger Entfernung gefilmt, als wäre Macron unbeobachtet. Erst beim genaueren Hinsehen entdeckt man die Personenschützer, die ihn begleiten. Die Clips stammen natürlich von seinen eigenen Leuten und werden regelmäßig auf Macrons Tiktok-Account (sieben Millionen Follower), auf Instagram (6,3 Millionen) und auf Linkedin (3,1 Millionen) verbreitet. Plattformen mit ganz unterschiedlichen Zielgruppen, maximale Sichtbarkeit garantiert.
Macrons Kommunikationsteam setzt auf ein Bild in den sozialen Medien, bei dem sich Alltagsmomente neben Eindrücke von Treffen mit den Mächtigen dieser Welt stellen lassen. Einmal wird er beim morgendlichen Training von dem Fitness-Influencer Tibo (17,3 Millionen Follower) zu seinen sportlichen Routinen befragt.
Dann wieder steht er in orangefarbener Arbeitskleidung und mit weißem Schutzhelm vor Bauarbeitern und feiert die Entstehung sechs neuer Atomreaktoren als größtes Zukunftsprojekt des 21. Jahrhunderts. Unterlegt wird ein solches Sujet von martialischer Filmmusik aus League of Legends: Warriors. Die Fotostrecke von seinem Besuch auf der Pariser Landwirtschaftsmesse beginnt mit einem rosa Plüschschwein, anschließend ritzt Macron im Anzug und mit Bravour ein paar Baguettes an.
Mit den sozialen Medien hat er ein Gegenmittel zu jenem Image entdeckt, das ihm lange Zeit vorgeworfen wurde. Es hieß, er sei zu arrogant, zu unnahbar, zu wenig bei den normalen Leuten. Stattdessen geht er nun im Top-Gun-Look mit Sonnenbrille und dem lässig eingeworfenen „for sure“ viral. Es ist genau das Image, das Macron braucht: einfach ein cooler Typ.
Ehepaar Macron hat die dunklen Seiten des Netzes zu spüren bekommen
Regelmäßig gibt er Interviews für das Internetmedium Brut und gewährt exklusive Einblicke in seinen Arbeitsalltag. Brut gilt als das führende Newsportal bei der jüngeren Zielgruppe und zählt 20 Millionen Follower auf Tiktok. Eigentümer von brut.media ist seit 2025 das französische Schifffahrts- und Logistikunternehmen CMA CGM, geführt vom Milliardär Rodolphe Saadé. Dessen Nähe zu Macron ist bekannt. Seit der Übernahme im Vorjahr finden sich erstaunlich viele positive Clips über das, was die Regierung so tut. Traditionelle Medien stehen nur noch in der zweiten Reihe, wenn sie um Interviews bitten.
Freilich gibt es auch jenen Macron, der den sozialen Medien den Kampf ansagt und sich als Pionier in Sachen Jugendschutz zu erkennen gibt. Frankreich will als zweites Land nach Australien das Zugangsalter für soziale Netzwerke beschränken – für Kinder beziehungsweise Jugendliche unter 15. Im Januar nahm die Nationalversammlung ein Gesetz an, für das Macron persönlich geworben hatte. Der Senat schloss sich Anfang April dem Vorhaben an, zielt aber mit einer fest umrissenen Liste nur auf Dienste, die als „schädlich“ gelten, um keine Inhalte von „pädagogischem Wert“ zu blockieren.
Was auch immer das heißt. Ziel sei es, die mentale Gesundheit von Kindern und Jugendlichen zu schützen. Der ständige Vergleich mit anderen, unrealistische Vorbilder und die Gefahr von Cybermobbing würden Aufmerksamkeit und Schlafqualität beeinflussen, so die Nationale Gesundheitsbehörde Ende 2025. Macron erklärte in einem Video: „Die Emotionen unserer Kinder und Jugendlichen sind nicht zu verkaufen und dürfen nicht manipuliert werden – weder durch amerikanische Plattformen noch durch chinesische Algorithmen.“ Wieder ein typischer Macron: Aussagen, denen alle mehr oder minder zustimmen können. Wer hat schon etwas gegen nationale Souveränität sowie Autonomie gegenüber den USA und China?
Während seiner ersten Amtszeit hatte Macron die Gleichberechtigung von Mann und Frau zur Chefsache erklärt – gleiche Löhne und besserer Schutz gegen Gewalt. Ein typisches „Das wollen wir doch alle“-Thema, geeignet, von den großen Baustellen im Land abzulenken, an denen sich der Überflieger Macron lieber nicht versucht.
Das Ehepaar Macron hat am eigenen Leib die dunklen Seiten des Netzes zu spüren bekommen. Seit 2017 kursieren online Verschwörungserzählungen, wonach Brigitte Macron eine trans Frau sei. Zudem steht der Vorwurf der Pädophilie im Raum, weil sie ein Verhältnis zu ihrem damaligen Schüler und späteren Ehemann angefangen haben soll. Dass es im Vorjahr deswegen zur Anklage und zum Prozess gegen zehn Personen kam, war überraschend und hatte große symbolische Wirkung.
56.000 Herzchen
Die Botschaft: Hass und Rufschädigung im Netz bleiben nicht folgenlos – das sind veritable Straftaten. Anfang 2026 wurden acht der Beschuldigten zu Bewährungsstrafen verurteilt, ein Mann zu einer pädagogischen Schulung, ein weiterer zu sechs Monaten Gefängnis ohne Bewährung.
Zuletzt kam Macron mit dem Vorschlag, einen Offline-Tag pro Monat zu vereinbaren, an dem Teenager das Handy wie den Laptop beiseitelegen und stattdessen lesen, Theater spielen, schreiben und wieder gemeinsam etwas aufbauen. „Lisons!“ (Lesen wir!), fordert er bei Besuchen in Schulen und auf seinen Accounts. Traditionell gefallen sich französische Präsidenten als paternalistische Erzieher und moralischer Kompass, sensibel gegenüber der nationalen Kultur und Geschichte.
Dass in seiner Amtszeit der öffentliche Dienst geschrumpft wurde, zu dem auch Bibliotheken oder die Nationaltheater gehören, ist die blamable Fußnote dieses Kapitels. Eine solche könnte auch folgende Begebenheit sein: Mitte April saß Macron bei einem Theateratelier mit Schülern im Stuhlkreis und erzählte, dass er gerade überwiegend Literatur auf Französisch lese. „Auf Englisch kann ich es aber auch“, fügte er an. „For sure!“, rief einer der Jugendlichen laut hinein. Macron grinste, seine Zuhörer lachten, und Brut bekam mit diesem Clip 56.000 Herzchen.
f Linkedin (3,1 Millionen) verbreitet. Plattformen mit ganz unterschiedlichen Zielgruppen, maximale Sichtbarkeit garantiert.Macrons Kommunikationsteam setzt auf ein Bild in den sozialen Medien, bei dem sich Alltagsmomente neben Eindrücke von Treffen mit den Mächtigen dieser Welt stellen lassen. Einmal wird er beim morgendlichen Training von dem Fitness-Influencer Tibo (17,3 Millionen Follower) zu seinen sportlichen Routinen befragt.Dann wieder steht er in orangefarbener Arbeitskleidung und mit weißem Schutzhelm vor Bauarbeitern und feiert die Entstehung sechs neuer Atomreaktoren als größtes Zukunftsprojekt des 21. Jahrhunderts. Unterlegt wird ein solches Sujet von martialischer Filmmusik aus League of Legends: Warriors. Die Fotostrecke von seinem Besuch auf der Pariser Landwirtschaftsmesse beginnt mit einem rosa Plüschschwein, anschließend ritzt Macron im Anzug und mit Bravour ein paar Baguettes an.Mit den sozialen Medien hat er ein Gegenmittel zu jenem Image entdeckt, das ihm lange Zeit vorgeworfen wurde. Es hieß, er sei zu arrogant, zu unnahbar, zu wenig bei den normalen Leuten. Stattdessen geht er nun im Top-Gun-Look mit Sonnenbrille und dem lässig eingeworfenen „for sure“ viral. Es ist genau das Image, das Macron braucht: einfach ein cooler Typ.Ehepaar Macron hat die dunklen Seiten des Netzes zu spüren bekommenRegelmäßig gibt er Interviews für das Internetmedium Brut und gewährt exklusive Einblicke in seinen Arbeitsalltag. Brut gilt als das führende Newsportal bei der jüngeren Zielgruppe und zählt 20 Millionen Follower auf Tiktok. Eigentümer von brut.media ist seit 2025 das französische Schifffahrts- und Logistikunternehmen CMA CGM, geführt vom Milliardär Rodolphe Saadé. Dessen Nähe zu Macron ist bekannt. Seit der Übernahme im Vorjahr finden sich erstaunlich viele positive Clips über das, was die Regierung so tut. Traditionelle Medien stehen nur noch in der zweiten Reihe, wenn sie um Interviews bitten.Freilich gibt es auch jenen Macron, der den sozialen Medien den Kampf ansagt und sich als Pionier in Sachen Jugendschutz zu erkennen gibt. Frankreich will als zweites Land nach Australien das Zugangsalter für soziale Netzwerke beschränken – für Kinder beziehungsweise Jugendliche unter 15. Im Januar nahm die Nationalversammlung ein Gesetz an, für das Macron persönlich geworben hatte. Der Senat schloss sich Anfang April dem Vorhaben an, zielt aber mit einer fest umrissenen Liste nur auf Dienste, die als „schädlich“ gelten, um keine Inhalte von „pädagogischem Wert“ zu blockieren.Was auch immer das heißt. Ziel sei es, die mentale Gesundheit von Kindern und Jugendlichen zu schützen. Der ständige Vergleich mit anderen, unrealistische Vorbilder und die Gefahr von Cybermobbing würden Aufmerksamkeit und Schlafqualität beeinflussen, so die Nationale Gesundheitsbehörde Ende 2025. Macron erklärte in einem Video: „Die Emotionen unserer Kinder und Jugendlichen sind nicht zu verkaufen und dürfen nicht manipuliert werden – weder durch amerikanische Plattformen noch durch chinesische Algorithmen.“ Wieder ein typischer Macron: Aussagen, denen alle mehr oder minder zustimmen können. Wer hat schon etwas gegen nationale Souveränität sowie Autonomie gegenüber den USA und China?Während seiner ersten Amtszeit hatte Macron die Gleichberechtigung von Mann und Frau zur Chefsache erklärt – gleiche Löhne und besserer Schutz gegen Gewalt. Ein typisches „Das wollen wir doch alle“-Thema, geeignet, von den großen Baustellen im Land abzulenken, an denen sich der Überflieger Macron lieber nicht versucht.Das Ehepaar Macron hat am eigenen Leib die dunklen Seiten des Netzes zu spüren bekommen. Seit 2017 kursieren online Verschwörungserzählungen, wonach Brigitte Macron eine trans Frau sei. Zudem steht der Vorwurf der Pädophilie im Raum, weil sie ein Verhältnis zu ihrem damaligen Schüler und späteren Ehemann angefangen haben soll. Dass es im Vorjahr deswegen zur Anklage und zum Prozess gegen zehn Personen kam, war überraschend und hatte große symbolische Wirkung.56.000 HerzchenDie Botschaft: Hass und Rufschädigung im Netz bleiben nicht folgenlos – das sind veritable Straftaten. Anfang 2026 wurden acht der Beschuldigten zu Bewährungsstrafen verurteilt, ein Mann zu einer pädagogischen Schulung, ein weiterer zu sechs Monaten Gefängnis ohne Bewährung.Zuletzt kam Macron mit dem Vorschlag, einen Offline-Tag pro Monat zu vereinbaren, an dem Teenager das Handy wie den Laptop beiseitelegen und stattdessen lesen, Theater spielen, schreiben und wieder gemeinsam etwas aufbauen. „Lisons!“ (Lesen wir!), fordert er bei Besuchen in Schulen und auf seinen Accounts. Traditionell gefallen sich französische Präsidenten als paternalistische Erzieher und moralischer Kompass, sensibel gegenüber der nationalen Kultur und Geschichte.Dass in seiner Amtszeit der öffentliche Dienst geschrumpft wurde, zu dem auch Bibliotheken oder die Nationaltheater gehören, ist die blamable Fußnote dieses Kapitels. Eine solche könnte auch folgende Begebenheit sein: Mitte April saß Macron bei einem Theateratelier mit Schülern im Stuhlkreis und erzählte, dass er gerade überwiegend Literatur auf Französisch lese. „Auf Englisch kann ich es aber auch“, fügte er an. „For sure!“, rief einer der Jugendlichen laut hinein. Macron grinste, seine Zuhörer lachten, und Brut bekam mit diesem Clip 56.000 Herzchen.