Hallo,

egal ob Timmy oder Literaturkritik: Wann immer sich die einen über etwas aufregen, fühlen sich andere auf den Plan gerufen, diese Aufregung als fehlgeleitet oder vergebens oder sonstwie abzuqualifizieren. Im Fall des Buckelwals hat dieses Besserwissen zweiter Ordnung inzwischen die Oberhand gewonnen. Wer noch schlicht auf eine Rettung hofft, ist eigentlich schon lächerlich gemacht.

Aber es wäre meinerseits pharisäerhaft, das zu sehr zu beklagen. Kulturjournalismus besteht nun mal daraus, Ereignisse einzuordnen und auszudeuten. Zum Beispiel auch im „Fall Gittersee“, dem durch eine Deutschlandfunkrecherche wieder aufkochenden Skandal um den Roman von Charlotte Gneuß, die „Mängelliste“ von Ingo Schulze und die Frage, ob letztere die Jury des Deutschen Buchpreises beeinflusste.

Ich finde, dass die beiden Texte, die der Freitag diese Woche dazu hat, von Katharina Schmitz und Michael Hametner, sich auf sehr positive Weise von der üblichen Besserwisserei absetzen. Beide machen die Sache eher komplizierter als einfacher, weisen auf Nuancen und eigene Zwiespältigkeit hin und sind absolut lesenswert.

Dasselbe gilt für Axel Brüggemanns Kommentar zum Rücktritt von Berlins Kultursenatorin Sarah Wedl-Wilson, der letzteren ohne jede Häme als Weckruf begreifen will, die Kulturförderung der Hauptstadt neu aufzustellen.

Hochmut und Fall des Kulturjournalismus sind auch Thema in Der Teufel trägt Prada 2, dem lang erwarteten Sequel zum Kinohit von 2006. Selbst das Hochglanz-Business muss sparen und Chefredakteurin-Bosslady Miranda Priestley (Meryl Streep) den walk of shame laufen durch die erste Klasse hindurch bis nach hinten zur economy class. Lesen Sie die Kritik von Katharina Walser.

Ihr eigener Boss werden, das will Rose (Sandra Hüller) im 17. Jahrhundert schon. Deshalb „steigt sie in die Hose“ und gibt sich als Mann aus. Markus Schleinzer erzählt den Fall, den es so ähnlich wirklich gegeben haben soll, als poetische Parabel. Bei der Berlinale bekam Hüller dafür den Silbernen Bären. Lesen Sie hier Michael Peklers Kurzkritik.

1. Heute wichtig

2. Made My Day

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Rot oder Blau? Dem US-amerikanischen Blogger Tim Urban gelang es, diese Woche mit einer Spieltheorie-Frage das Internet in Aufregung zu versetzen:

„Angenommen, jeder Mensch auf der Welt muss sich in einer geheimen Abstimmung zwischen einem roten und einem blauen Knopf entscheiden. Wenn mehr als 50 Prozent den blauen Knopf drücken, überleben alle. Wenn weniger als 50 Prozent den blauen Knopf drücken, überleben nur diejenigen, die rot gedrückt haben. Welchen Knopf würdest du drücken?“

In den zahlreichen Antworten, die es darauf gab, erkennt man ganz gut die alte Frage um den freien Markt wieder, der vermeintlich alles bestens regelt. Wenn alle ihren Egoismus verfolgen, geht es allen gut! Andererseits vermittelt die Frage ein feines Gespür dafür, das die blaue Gegenposition, die für Andere, Schwächere mitdenken möchte, immer darauf angewiesen ist, andere zu überzeugen, mitzureißen. Das macht sie aber vielleicht auch demokratischer.

Ein Blog-Beitrag dazu

3. Kultur-Tipp

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➜ Gut zu sehen: Auch über das Wesen des deutschen Fernsehkrimis wurde sich neulich aufgeregt. Wir hatten unsere eigene Debatte dazu. Die Briten aber sind nach wie vor Meister des Miniserien-Formats, das in sechs Folgen nuanciert und spannend von bestimmten Milieus und der Teamarbeit des Polizeiapparats erzählt.

In der ARD-Mediathek läuft mit Code of Silence – Tödliches Schweigengerade wieder ein herausragendes Beispiel. Eine junge Frau, gehörlos, soll als Lippenleserin bei einer Ermittlung einspringen. Die respektlose Behandlung, die sie dabei erfährt, verleitet die eigensinnige Frau dazu, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Während man den Kopf über sie schüttelt, fiebert man schon mit. Großartig gespielt von der ebenfalls gehörlosen Rose Ayling-Ellis, ist die Figur wunderbar kantig und nie auf Mitleid angewiesen.

Zur Serie

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4. Lese-Empfehlung

➜ Rettungsaktion am Ostseestrand – was hätte Helmut Dietl daraus gemacht? Nichts hilft so gut, über die Fallstricke der Gegenwart hinauszublicken, als sich das Ganze als Anekdote vorzustellen, die man dereinst bei einer Party zum Besten gibt. Oder, wenn es um Blamagen und deutsche Politiker geht, als Film von Helmut Dietl im Geiste von Stonk! Unser Autor Arno Frank gewinnt daraus eine großartige Analyse zu Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister Till Backhaus. Lesen Sie selbst!

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Es ist die Vorstellung nicht ohne Reiz, was ein Regisseur wie Helmut Dietl (Schtonk!) aus der unendlichen Geschichte um den in der Ostsee verirrten Buckelwal wohl für eine wunderbare Satire gemacht hätte. Schon die Nebenrollen besetzen sich quasi von selbst.

Als hemdsärmeliger „Mann von Greenpeace“ käme Jürgen Vogel in die engere Auswahl, Lars Eidinger als schmieriger „Reporter vor Ort“. Heiner Lauterbach wäre der ideale, weil dubiose „private Geldgeber“ einer weiteren sinnlosen Rettungsaktion. Sandra Hüller hätte einen kurzen Gastauftritt als „Tierärztin aus Hawaii“, die nach wenigen Szenen schon wieder verschwindet. Als durchgeknallte „Walflüsterin“ mit telepathischen Kontakten zum Tier bietet sich Sunnyi Melles an, während Veronica Ferres eine seltsam teilnahmslose Manuela Schwesig darstellen könnte.

➜ zum ganzen Text

Das wär’s für heute. Ich wünsche allen einen wunderschönen Feiertag!

Viele Grüße,

Ihre Barbara Schweizerhof

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