Wissen Sie, wie ein Rosenkohl aussieht, wenn er noch an der Pflanze ist? Kennen Sie den Geschmack von Zuckerhut? Und haben Sie schon einmal einen Kartoffelkäfer in der Hand gehabt?
Für viele ist der Anbau von Lebensmitteln abstrakt – doch auch für Städter muss das nicht so sein. Die Solidarische Landwirtschaft (Solawi) ist ein alternatives Modell der Lebensmittelproduktion und ermöglicht es, Bezug zu dem zu entwickeln, was täglich auf dem Teller landet. Die Idee ist einfach: Verbraucher:innen finanzieren gemeinsam einen landwirtschaftlichen Betrieb und erhalten dafür einen Anteil an der Ernte. Nicht das einzelne Produkt hat einen Preis, sondern der Anbau insgesamt.
Alle zahlen gemeinsam für die laufenden Kosten des Betriebs – unabhängig davon, wie erfolgreich die Ernte wird. Auf diesem Weg tragen alle gemeinsam das Risiko von Ernteausfällen und profitieren gemeinsam von guten Erträgen. In vielen Solawis gibt es darüber hinaus Modelle, bei denen Menschen mit mehr finanziellen Möglichkeiten mehr zahlen und andere weniger.
Die Idee stammt ursprünglich aus Japan. Anfang der 1970er Jahre entstand dort das Konzept „Teikei“, eine direkte Partnerschaft zwischen Höfen und Konsument:innen. Aus Sorge über Umweltverschmutzung und Pestizide wollten Menschen wieder wissen, wo ihre Lebensmittel herkommen. Von dort aus verbreitete sich das Modell international und erreichte in den 1980er Jahren Deutschland. Das Netzwerk „Solidarische Landwirtschaft“ zählt heute über 500 Solawi-Betriebe in Deutschland, kleinere mit 10 Mitgliedern, größere mit gut 3.000.
Pak Choi, Zuckerhut und Mangold
Die Solidarische Landwirtschaft setzt einen Gegenentwurf zu makellosem und jederzeit verfügbarem Gemüse aus dem Supermarkt, das oftmals weit gereist und in Plastik verpackt ist. Wer Mitglied in einer Solawi ist, kennt den Acker, auf dem die Lebensmittel angebaut werden. Mitglieder können die Gärtnerinnen und Landwirte persönlich kennenlernen und erhalten Lebensmittel, die vorher vielleicht völlig unbekannt waren – zum Beispiel Pak Choi, Zuckerhut oder Mangold.
Zusätzlich entsteht in einer Solawi eine Gemeinschaft von Menschen, denen gutes Essen, ökologische Landwirtschaft und faire Arbeitsbedingungen am Herzen liegen. Dadurch, dass nicht der einzelne Rosenkohl, sondern die Solawi insgesamt finanziert wird, kann es Teil des Alltags sein, Hecken zu pflanzen, Habitate für Insekten zu schaffen und neue Anbaumethoden auszuprobieren. Solawis liefern in der Regel wöchentlich Gemüsekisten in die Stadt. Mitglieder können diese an verschiedenen Orten abholen – beispielsweise in einer Bäckerei, in einem Café, oder anderen Verteilstationen.
Das solidarische Finanzierungsmodell erlaubt es, dass nicht diejenigen, die in der Landwirtschaft arbeiten, das alleinige Risiko von Schädlingsbefall und Klimaverhältnissen tragen. Ein Beispiel dafür ist die Solawi „Biotop Oberland“ im Süden Bayerns. Im August 2023 hatte ein massiver Hagelschauer innerhalb von zehn Minuten die gesamten Freilandkulturen der Gärtnerei regelrecht gehäckselt.
Sechs Monate Arbeit waren futsch. Mit der Kraft ihrer Mitglieder konnten innerhalb von nur zwei Tagen die Dach- und Seiten-Folien aller Gewächshäusern gewechselt und die Gärtnerei wieder aufgebaut werden. Studien aus der Nachhaltigkeitsforschung zeigen, dass Solawi-Betriebe widerstandsfähiger gegenüber Krisen sein können.
Das Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) hat die „Solawi Apfeltraum“ in Brandenburg wissenschaftlich begleitet und fand einen weiteren Aspekt, der Solawis resilienter gegenüber Krisen macht: die große Vielfalt an Kulturen, die Solawi-Betriebe für ihre Mitglieder anbauen. Das, so die Forschenden, „trägt dazu bei, das Risiko von Ernteausfällen zu mindern. Die Betriebe werden dadurch widerstandsfähiger gegenüber klimatischen und ökologischen Veränderungen.“ Die Stärke von Solawis im Umgang mit Umwelt- und Klimarisiken geht bislang allerdings nicht automatisch mit einer breiten gesellschaftlichen Verankerung einher.
Aktuelle Umfragen vom Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung deuten darauf hin, dass Solawis und gemeinschaftsgetragene Wirtschaftsformen insgesamt vor allem bestimmte gesellschaftliche Gruppen erreichen. Über 60 Prozent der befragten Mitglieder haben einen Hochschulabschluss, über zehn Prozent sogar eine Promotion. Mehr als 97 Prozent der Befragten gaben an, weiß zu sein. „Interessant ist, dass ein geringes Einkommen die Wahrscheinlichkeit eines Beitritts erhöht“, sagt Julia Rothamel aus dem Forschungsteam. Wegen der solidarischen Finanzierungsansätze könnten auch Menschen mit wenig Geld Bio-Lebensmittel beziehen, so Rothamel.
Trotzdem stehen Solawis in Konkurrenz zum günstigen Supermarktangebot. Werden die Gemüsekisten zu teuer, kündigen Mitglieder. Einer, der die Bewegung seit vielen Jahren begleitet, ist Simon Scholl. Der gelernte Betriebswirt hat die Solawi „Kartoffelkombinat“ bei München mitgegründet und war in den vergangenen Jahren geschäftsführend im Netzwerk Solidarische Landwirtschaft tätig. „Während der Corona-Pandemie ist das Interesse an Solawis stark angestiegen, mit der Inflation und steigenden Energiepreisen hat es wieder abgenommen.“ Die Bevölkerung sei verunsichert, sagt Scholl: „Fast alle Solawis suchen aktuell händeringend nach Mitgliedern, einige kämpfen sogar ums Überleben.“
Weniger als der Mindestlohn
Der Preisdruck überträgt sich dann oft auch auf die Mitarbeitenden. Während der Anspruch ist, dass in Solawis gut bezahlt wird, entspricht dies nicht immer der Realität. Kristina Steinmar hat an der TU Berlin Arbeitsbedingungen in Betrieben der Solidarischen Landwirtschaft untersucht. Ihre Ergebnisse zeigen ein ambivalentes Bild: Einerseits berichten viele Beschäftigte von hoher Arbeitszufriedenheit, Sinnhaftigkeit und großer Wertschätzung ihrer Tätigkeit.
Die Arbeit werde als gesellschaftlich relevant und erfüllend erlebt, so Steinmar. „Gleichzeitig gibt es große Unterschiede bei der Bezahlung: Sie reicht von Unterschreitungen des Mindestlohns bis hin zu überdurchschnittlichen Einkommen.“ Überstunden sind verbreitet und werden oft nicht ausgeglichen. Zudem berichten Beschäftigte davon, trotz Krankheit zu arbeiten oder regelmäßig über ihre eigenen Belastungsgrenzen hinauszugehen.
Solawi versteht sich als Gegenmodell zu einem ausbeuterischen Agrarsystem, ist aber selbst nicht automatisch frei von herausfordernden Arbeitsrealitäten. „Gerade weil Solawis Menschen ein Gefühl der Verbindung und Gemeinschaft ermöglichen, besteht gleichzeitig die Gefahr von Selbstausbeutung – etwa aus Idealismus oder Verantwortungsgefühl gegenüber der Gemeinschaft“, erklärt Simon Scholl.
Gerade in Zeiten von Klimawandel, geopolitischen Konflikten und instabilen Lieferketten gewinnt die Solidarische Landwirtschaft an Bedeutung. Globale Ernährungssysteme erweisen sich zunehmend als anfällig für Krisen – etwa durch Dürren, Pandemien oder Kriege, die Transportwege unterbrechen und Preise schwanken lassen. Solidarische Landwirtschaft macht sichtbar, dass Alternativen möglich sind – und dass Landwirtschaft mehr sein kann als ein anonymer Produktionsprozess. Simon Scholl ist überzeugt: „Die Zeit der Solawis und der gemeinschaftsgetragenen Wirtschaftsweise steht erst noch bevor.“
Eine Rosenkohl-Pflanze sieht übrigens aus wie ein kleiner Baum, an dem lauter kleine Röschen wachsen.
Interessiert an einer „Solidarischen Landwirtschaft“ in Ihrer Nähe? Eine Übersichtskarte finden Sie HIER:
sgesamt.Alle zahlen gemeinsam für die laufenden Kosten des Betriebs – unabhängig davon, wie erfolgreich die Ernte wird. Auf diesem Weg tragen alle gemeinsam das Risiko von Ernteausfällen und profitieren gemeinsam von guten Erträgen. In vielen Solawis gibt es darüber hinaus Modelle, bei denen Menschen mit mehr finanziellen Möglichkeiten mehr zahlen und andere weniger.Die Idee stammt ursprünglich aus Japan. Anfang der 1970er Jahre entstand dort das Konzept „Teikei“, eine direkte Partnerschaft zwischen Höfen und Konsument:innen. Aus Sorge über Umweltverschmutzung und Pestizide wollten Menschen wieder wissen, wo ihre Lebensmittel herkommen. Von dort aus verbreitete sich das Modell international und erreichte in den 1980er Jahren Deutschland. Das Netzwerk „Solidarische Landwirtschaft“ zählt heute über 500 Solawi-Betriebe in Deutschland, kleinere mit 10 Mitgliedern, größere mit gut 3.000.Pak Choi, Zuckerhut und MangoldDie Solidarische Landwirtschaft setzt einen Gegenentwurf zu makellosem und jederzeit verfügbarem Gemüse aus dem Supermarkt, das oftmals weit gereist und in Plastik verpackt ist. Wer Mitglied in einer Solawi ist, kennt den Acker, auf dem die Lebensmittel angebaut werden. Mitglieder können die Gärtnerinnen und Landwirte persönlich kennenlernen und erhalten Lebensmittel, die vorher vielleicht völlig unbekannt waren – zum Beispiel Pak Choi, Zuckerhut oder Mangold.Zusätzlich entsteht in einer Solawi eine Gemeinschaft von Menschen, denen gutes Essen, ökologische Landwirtschaft und faire Arbeitsbedingungen am Herzen liegen. Dadurch, dass nicht der einzelne Rosenkohl, sondern die Solawi insgesamt finanziert wird, kann es Teil des Alltags sein, Hecken zu pflanzen, Habitate für Insekten zu schaffen und neue Anbaumethoden auszuprobieren. Solawis liefern in der Regel wöchentlich Gemüsekisten in die Stadt. Mitglieder können diese an verschiedenen Orten abholen – beispielsweise in einer Bäckerei, in einem Café, oder anderen Verteilstationen.Das solidarische Finanzierungsmodell erlaubt es, dass nicht diejenigen, die in der Landwirtschaft arbeiten, das alleinige Risiko von Schädlingsbefall und Klimaverhältnissen tragen. Ein Beispiel dafür ist die Solawi „Biotop Oberland“ im Süden Bayerns. Im August 2023 hatte ein massiver Hagelschauer innerhalb von zehn Minuten die gesamten Freilandkulturen der Gärtnerei regelrecht gehäckselt.Sechs Monate Arbeit waren futsch. Mit der Kraft ihrer Mitglieder konnten innerhalb von nur zwei Tagen die Dach- und Seiten-Folien aller Gewächshäusern gewechselt und die Gärtnerei wieder aufgebaut werden. Studien aus der Nachhaltigkeitsforschung zeigen, dass Solawi-Betriebe widerstandsfähiger gegenüber Krisen sein können.Das Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) hat die „Solawi Apfeltraum“ in Brandenburg wissenschaftlich begleitet und fand einen weiteren Aspekt, der Solawis resilienter gegenüber Krisen macht: die große Vielfalt an Kulturen, die Solawi-Betriebe für ihre Mitglieder anbauen. Das, so die Forschenden, „trägt dazu bei, das Risiko von Ernteausfällen zu mindern. Die Betriebe werden dadurch widerstandsfähiger gegenüber klimatischen und ökologischen Veränderungen.“ Die Stärke von Solawis im Umgang mit Umwelt- und Klimarisiken geht bislang allerdings nicht automatisch mit einer breiten gesellschaftlichen Verankerung einher.Aktuelle Umfragen vom Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung deuten darauf hin, dass Solawis und gemeinschaftsgetragene Wirtschaftsformen insgesamt vor allem bestimmte gesellschaftliche Gruppen erreichen. Über 60 Prozent der befragten Mitglieder haben einen Hochschulabschluss, über zehn Prozent sogar eine Promotion. Mehr als 97 Prozent der Befragten gaben an, weiß zu sein. „Interessant ist, dass ein geringes Einkommen die Wahrscheinlichkeit eines Beitritts erhöht“, sagt Julia Rothamel aus dem Forschungsteam. Wegen der solidarischen Finanzierungsansätze könnten auch Menschen mit wenig Geld Bio-Lebensmittel beziehen, so Rothamel.Trotzdem stehen Solawis in Konkurrenz zum günstigen Supermarktangebot. Werden die Gemüsekisten zu teuer, kündigen Mitglieder. Einer, der die Bewegung seit vielen Jahren begleitet, ist Simon Scholl. Der gelernte Betriebswirt hat die Solawi „Kartoffelkombinat“ bei München mitgegründet und war in den vergangenen Jahren geschäftsführend im Netzwerk Solidarische Landwirtschaft tätig. „Während der Corona-Pandemie ist das Interesse an Solawis stark angestiegen, mit der Inflation und steigenden Energiepreisen hat es wieder abgenommen.“ Die Bevölkerung sei verunsichert, sagt Scholl: „Fast alle Solawis suchen aktuell händeringend nach Mitgliedern, einige kämpfen sogar ums Überleben.“Weniger als der MindestlohnDer Preisdruck überträgt sich dann oft auch auf die Mitarbeitenden. Während der Anspruch ist, dass in Solawis gut bezahlt wird, entspricht dies nicht immer der Realität. Kristina Steinmar hat an der TU Berlin Arbeitsbedingungen in Betrieben der Solidarischen Landwirtschaft untersucht. Ihre Ergebnisse zeigen ein ambivalentes Bild: Einerseits berichten viele Beschäftigte von hoher Arbeitszufriedenheit, Sinnhaftigkeit und großer Wertschätzung ihrer Tätigkeit.Die Arbeit werde als gesellschaftlich relevant und erfüllend erlebt, so Steinmar. „Gleichzeitig gibt es große Unterschiede bei der Bezahlung: Sie reicht von Unterschreitungen des Mindestlohns bis hin zu überdurchschnittlichen Einkommen.“ Überstunden sind verbreitet und werden oft nicht ausgeglichen. Zudem berichten Beschäftigte davon, trotz Krankheit zu arbeiten oder regelmäßig über ihre eigenen Belastungsgrenzen hinauszugehen.Solawi versteht sich als Gegenmodell zu einem ausbeuterischen Agrarsystem, ist aber selbst nicht automatisch frei von herausfordernden Arbeitsrealitäten. „Gerade weil Solawis Menschen ein Gefühl der Verbindung und Gemeinschaft ermöglichen, besteht gleichzeitig die Gefahr von Selbstausbeutung – etwa aus Idealismus oder Verantwortungsgefühl gegenüber der Gemeinschaft“, erklärt Simon Scholl.Gerade in Zeiten von Klimawandel, geopolitischen Konflikten und instabilen Lieferketten gewinnt die Solidarische Landwirtschaft an Bedeutung. Globale Ernährungssysteme erweisen sich zunehmend als anfällig für Krisen – etwa durch Dürren, Pandemien oder Kriege, die Transportwege unterbrechen und Preise schwanken lassen. Solidarische Landwirtschaft macht sichtbar, dass Alternativen möglich sind – und dass Landwirtschaft mehr sein kann als ein anonymer Produktionsprozess. Simon Scholl ist überzeugt: „Die Zeit der Solawis und der gemeinschaftsgetragenen Wirtschaftsweise steht erst noch bevor.“Eine Rosenkohl-Pflanze sieht übrigens aus wie ein kleiner Baum, an dem lauter kleine Röschen wachsen.