In Kürze:
- Bereits Stunden vor einem Erdbeben ändern Kühe, Schafe und Hunde ihr Verhalten merklich.
- Forscher vermuten physikalische Ursachen: veränderte Luftchemie, Gasaustritt aus Gestein oder feinste seismische Wellen, die Menschen nicht wahrnehmen können.
- Das GFZ Potsdam analysierte über 700 Berichte über ein Tierverhalten als Frühwarnsystem. Dennoch gibt es Muster, die Fragen aufwerfen.
Wer einen Hund oder eine Katze als Haustier hat, weiß, wie sich ein Tier erschrecken kann, wenn es überraschend laut wird. Ein spontaner Knall, sei es ein Donnerschlag oder ein Feuerwerkskörper, und der Hund gerät in Panik und jault, die
Katze flüchtet. Denn Tiere reagieren empfindlicher auf plötzlichen Lärm, weil ihr
Hörvermögen deutlich feiner ist. Doch wie weit reicht ihr gesamtes
Wahrnehmungsvermögen grundsätzlich? Sind Tiere nicht nur weitaus sensibler als Menschen, sondern auch sensibler als unsere Messinstrumente? Und wenn ja, lässt sich dies überhaupt genau messen?
Wildtiere in Panik und Kühe in Chinatown
Wie empfindlich Tiere reagieren, zeigen zahlreiche historische Beispiele: Laut Zeitungsberichten sollen sich 1906 Kühe mitten in San Franciscos Chinatown versammelt haben, Stunden bevor das große Erdbeben die Stadt traf. Ob sie wirklich etwas spürten, lässt sich heute nicht mehr feststellen. Die Frage aber blieb und rückte im 20. Jahrhundert zunehmend ins Blickfeld der Wissenschaft.
Auch vor dem Beben von Haicheng in China 1975 häuften sich die Berichte über massives
ungewöhnliches Tierverhalten. Den Beschreibungen nach flohen Gänse schnurstracks in die
Bäume und Capybaras verhielten sich äußerst aggressiv, indem sie sich gegenseitig bissen. Schlangen verließen angeblich mitten im Winter ihre schützenden Höhlen. Aufgrund der zahlreichen Hinweise wurde Haicheng evakuiert. Wenige Stunden später traf ein Beben der Stärke 7,3 die Stadt. Es war das erste Mal, dass Tierverhalten Teil einer offiziellen Evakuierungsentscheidung geworden war.
Brutplatz ohne Brüter
Wissenschaftlich aufgegriffen wurde das
Phänomen erstmals 2009 an einem italienischen See: Die Biologin Rachel Grant beobachtete Erdkröten während ihrer Laichsaison, als plötzlich 96 Prozent der Tiere den Brutplatz verließen. Fünf Tage später traf ein Erdbeben der Stärke 6,3 die Region nahe L’Aquila. Ihre
Studie, veröffentlicht 2010 in der Fachzeitschrift für Zoologie, war eine der ersten methodisch erfassten Beobachtungen dieser Art. Bis heute beschäftigt sich Grant mit dem Thema, wie sie in einem Artikel in „The Conversation“ Mitte März 2026
schrieb. Dort berichtet sie auch von weiteren Ergebnissen.
Nach ihren Untersuchungen haben Amphibien eine besonders dünne Haut, die relativ durchlässig für Stoffe ist. Deshalb könnten sie Veränderungen im Wasser direkt wahrnehmen, so die Autorin, einschließlich außergewöhnlicher Bewegungen oder Verdrängungen, wie die Veränderung des Gesteinsdrucks durch Erdbeben.
Durch den Einsatz von Wildkameras stellte sie außerdem 2011 im peruanischen Yanachaga-Nationalpark über Wochen einen drastischen Rückgang der Aktivität aller Tierarten fest. Der
Wald sei quasi im Kollektiv verstummt. Es folgte ein Erdbeben der Stärke 7,0.
Alles nur Einbildung?
Besteht hier ein Zusammenhang? Martin Wikelski und sein Team am Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie in Radolfzell versuchten in ihren
Forschungen, genau das herauszufinden. Auf einem norditalienischen Bauernhof statteten sie sechs Kühe, fünf Schafe und zwei Hunde mit Beschleunigungssensoren am Halsband aus. Das Ergebnis ist eindeutig:
Bis zu 20 Stunden vor einem Beben zeigten die Tiere auffällige Aktivitätsmuster. Die Kühe sollen dabei zunächst wie
eingefroren gewirkt haben, woraufhin Hunde und Schafe nervös wurden und die Unruhe sich, ähnlich einer Kettenreaktion,
gemeinschaftlich hochgeschaukelt habe.
Die Studie war jedoch, was die Teilnehmerzahl betraf, auf
13 Tiere limitiert, und diese waren gezielt ausgewählt. Handelte es sich womöglich um einen klassischen Selektionsbias, ein mehr oder weniger bewusstes Erfüllen der eigenen Erwartungshaltung? Denn eine erhöhte Aktivität ließe sich möglicherweise auch durch Wettereinflüsse, Hunger oder soziale Unruhe erklären.
Unabhängig von Ort und Zeit
Während die Kausalität weiter eher eine Hypothese bleibt, häufen sich die Beobachtungen aus dem Leben: So berichteten Augenzeugen, dass
Elefanten in Sri Lanka und Thailand kurz vor dem verheerenden Tsunami im Dezember 2004 ins Landesinnere liefen.
Im Jahr 2011 berichteten Tausende Tierhalter nach dem Erdbeben vor dem japanischen Tohoku, in einer
Studie der Azabu University, von unruhigen Hunden und Katzen. Kühe, in der Nähe des Epizentrums, sollen eine Woche zuvor weniger Milch gegeben haben. 2012
weideten Kühle im Vorfeld eine Erdbebens der Stärke 8,6 plötzlich in Gärten in Kuala Lumpur.
Nach dem Türkei-Erdbeben 2023 kursierten im Internet Videos von heulenden Hunden und auffliegenden Vogelschwärmen, die angeblich kurz zuvor aufgenommen wurden.
Und im Frühjahr 2026 sind
zwei Riemenfische an einen mexikanischen Strand gespült worden. In Japan sind diese seit Jahrhunderten als
Erdbebenvorbote gefürchtet und wurden auch im Vorfeld des Erdbebens 2011 gesichtet. Ein selbiges folgte in Mexiko – bislang – nicht, die Geschichte machte dennoch Schlagzeilen.
Tiere als Frühwarnsystem bleiben wissenschaftlich vage
Aber was genau steckt nun hinter all diesen Berichten? Was spüren die Tiere möglicherweise? Als Ursachen diskutieren die Forscher jeweils veränderte Luftchemie, Gasaustritt aus Gestein oder feinste
seismische Schwingungen unterhalb der menschlichen Wahrnehmungsgrenze. Denn kurz bevor Gesteinsplatten
auseinandergleiten, entsteht ein enormer Druck, der
positiv geladene Ionen in die Luft freisetzt. Wäre es vielleicht möglich, dass Tiere diese Veränderungen wahrnehmen?
Der Verhaltensforscher Martin Wikelski beschäftigt sich mit einer groß angelegten
Tierbeobachtung und trägt damit seinerseits durch Untersuchungen bei, die sich mit der Frage befassen, ob sich Naturereignisse im Verhalten von Tieren widerspiegeln können. Aus solchen Überlegungen heraus ist auch das Interesse gewachsen, entsprechende Beobachtungen weitergehend systematisch zu überprüfen.
Wissenschaftler der GFZ Potsdam haben versucht, die offenen Fragen durch die Auswertung einer
Metaanalyse zu klären. Heiko Woith und sein Team analysierten über 700 Berichte von 160 Erdbeben und mehr als 130 Tierarten. Laut Forschungsergebnissen lasse sich vieles als Reaktion auf Erschütterungen durch Vorbeben einordnen, die Tiere jeweils spüren sollen. Eine
statistisch ableitbare Vorhersagefähigkeit ergab sich daraus bisher jedoch nicht.
Die Resonanz des Lebendigen
Tiere sind keine Messinstrumente, sondern, wie wir Menschen, Teil eines
dynamischen Ganzen. Vielleicht neigen wir dazu, aus wahrgenommener Unruhe im Tierreich nachträglich eine scheinbare Kausalität und zeitliche Ordnung zu konstruieren, obwohl es sich dort um zufälliges Verhalten handelt. Gesetzt den Fall, offenbart das Phänomen der „animalischen Vorahnung“ möglicherweise weniger etwas über Hunde oder Katzen, sondern vielmehr etwas über den Menschen und seine starke Tendenz,
Muster und Sinn zu suchen.
Umgekehrt stellt sich die Frage, ob wir selbst nicht (auch) eine unentdeckte, erhöhte Sensibilität in unserer eigenen Wahrnehmung haben könnten, ebenso wenig erklärbar durch reine Statistik. Und ist es wirklich wichtig, alles zu entschlüsseln, um es bis ins kleinste, technische Detail, messen und schwarz auf weiß belegen zu können?