Der neue Roman von Maik Brüggemeyer erzählt von einem gescheiterten Musikjournalisten, der unfreiwillig in seine westfälische Heimat zurückkehrt. Sein Buch beleuchtet die Krise der Kulturkritik und die Wandlungsprozesse in der Popwelt
Leere Bühne für den Kulturjournalismus? Maik Brüggemeyers Roman begleitet den gescheiterten Popkritiker Peter Justen zurück in die Provinz
Foto: Jon Tyson via Unsplash
Peter Justen, geboren 1976 in Tüskenbüren, kehrt nach vielen Jahren als Berliner Musikjournalist in seine westfälische Heimat Flöthenbeck zurück. Justen heuert bei einer piefigen Lokalzeitung an. Das ist alles andere als ein Aufstieg, mehr eine aufoktroyierte Heimkehr, nachdem in der Hauptstadt seine überlebensnotwendigen Felle ins Nichts abgeflossen sind. Auch privat hat Justen monumental verkackt.
Peter geht es wie anderen Popjournalisten der Generation X. Mit dem Sterben der Musikmagazine und völlig neuen Gesetzen in der Popkultur ist kaum mehr als stille Verbitterung in Sicht. Dabei war Peter mal sonore Stimme einer Pop-Intelligenzia. Er reiste um die Welt, traf große Stars und baute sich ein imposantes popkulturelles Referenzsystem auf, das im 21. Jahrhundert aber nicht viel mehr wert ist als eine Telefonkartensammlung aus den 90ern. Referenzen resonieren eben nur dann, wenn es ausgewiesene Räume und ein wissendes Publikum gibt.
Maik Brüggemeyers Erzählung über den renommierten, aber gescheiterten Popjournalisten ist in vielen Zügen autofiktional. Auch Brüggemeyer wuchs in der Nähe von Münster auf, wenn auch Tüskenbüren und Flöthenbeck erfundene Orte sind. Zudem stellt er eine weitere Ebene her, indem er als Erzähler namentlich in Erscheinung tritt und davon berichtet, wie sich beide 2004 bei einem Konzert im Backstage des Londoner Astoria kennenlernten und sich gegenseitig irgendwie dufte fanden. Missgünstige Konkurrenz blieb man weiterhin.
Testosteronbetäubtes Zerstören durch egomanische Machos
Die Geschichte von Peter Justen zeichnet aber auch die aktuelle Kritik an der Kulturkritik nach, die immer wieder extrem laut und unglaublich nah diskutiert wird. Man kann es niemandem recht machen. Die einen jammern, dass es keine zeternden Verrisse in Musik und Literatur mehr gibt und alles nur affirmative PR bleibt. Die anderen lamentieren, Kritik an sich sei obsolet, weil es sich am Ende ohnehin fast immer nur um testosteronbetäubtes Zerstören durch egomanische Machos handle.
Nicht zuletzt hat Social Media eine so wirkmächtige Rolle übernommen, dass das Sampling, die Easter Eggs, die referenziellen Hyperlinks kaum noch zur Geltung kommen. Und hieß es nicht schon immer, dass Kulturkritiker im Herzen verkannte Künstler sind? Dass jeder Musikjournalist lieber Rockstar geworden wäre, aber dazu nicht in der Lage, weil nicht gut oder hübsch genug – wenn nicht gar beides?
Wie jeder weiß, ist das hier das Nirgendwo lässt die Popliteratur des späten 20. Jahrhunderts noch einmal (neu, weil unglamourös-empathisch) aufleben. Namedropping wie bei Bret Easton Ellis oder Frédéric Beigbeder, Songzeilen als lebensphilosophische Kalender-Bonmots, Einwebungen von Hermann Hesse, Susan Sontag und Jack Kerouac reanimieren den bisweilen snobistisch-elitären und zugleich mittellosen Habitus der Popkritik, den der Antiheld Peter selbstkritisch zu reflektieren weiß.
Eine Generation, die an eine bessere Welt glaubte
Nach einem Interview mit dem Schriftsteller Michel Houellebecq fragt er sich, ob sein Leben nicht einfach nur eine Parasitenexistenz ist. Eine Hofberichterstattung, die keinen Hof mehr hat. Denn auch das Leben in Tüskenbüren und Flöthenbeck hat sich weitergedreht. Der Fahrradmechaniker lässt einen AfD-Kuli fallen, und von vielen kulturellen Sehnsuchtsorten in Münster sind bestenfalls Schemen übrig.
Als Peter von einem Dorffest berichtet und dort die Band BTX sieht, ist seine Schreiblust wieder entfacht. In der jungen Sängerin Maria erkennt er die Göttin Gaia, Patti Smith und Ari Up von The Slits. Der Bericht sprengt indes wegen Befindlichkeiten die Mauern der provinziellen Kleingeistigkeit und Justen wird umgehend von allen Fronten abgezogen.
Der Roman beschreibt liebevoll und mit knorrigem Humor die Fragilität und Vergänglichkeit jenes soziokulturellen Kapitals, das bei der Generation zwischen Boomern und Millennials noch wichtiger war als ETFs und Instagram-Follower. Eine Generation, die glaubte, dass es mit der Welt stets besser, friedlicher und einfacher würde – und dass Idealismus mit Geld nicht aufzuwiegen ist.
Justen bleibt letztlich nur die Eintragung ins Nichts. So wie Kurt Cobain in seinem Abschiedsbrief Neil Young zitierte: „It’s better to burn out than to fade away“. Aber auch für ein fulminantes Feuer braucht es Energie und Einsatz – und die muss man sich erst mal leisten können.
Wie jeder weiß, ist das hier das Nirgendwo Maik Brüggemeyer Ventil 2026, 224 S., 20 €
t. Dabei war Peter mal sonore Stimme einer Pop-Intelligenzia. Er reiste um die Welt, traf große Stars und baute sich ein imposantes popkulturelles Referenzsystem auf, das im 21. Jahrhundert aber nicht viel mehr wert ist als eine Telefonkartensammlung aus den 90ern. Referenzen resonieren eben nur dann, wenn es ausgewiesene Räume und ein wissendes Publikum gibt.Maik Brüggemeyers Erzählung über den renommierten, aber gescheiterten Popjournalisten ist in vielen Zügen autofiktional. Auch Brüggemeyer wuchs in der Nähe von Münster auf, wenn auch Tüskenbüren und Flöthenbeck erfundene Orte sind. Zudem stellt er eine weitere Ebene her, indem er als Erzähler namentlich in Erscheinung tritt und davon berichtet, wie sich beide 2004 bei einem Konzert im Backstage des Londoner Astoria kennenlernten und sich gegenseitig irgendwie dufte fanden. Missgünstige Konkurrenz blieb man weiterhin.Testosteronbetäubtes Zerstören durch egomanische MachosDie Geschichte von Peter Justen zeichnet aber auch die aktuelle Kritik an der Kulturkritik nach, die immer wieder extrem laut und unglaublich nah diskutiert wird. Man kann es niemandem recht machen. Die einen jammern, dass es keine zeternden Verrisse in Musik und Literatur mehr gibt und alles nur affirmative PR bleibt. Die anderen lamentieren, Kritik an sich sei obsolet, weil es sich am Ende ohnehin fast immer nur um testosteronbetäubtes Zerstören durch egomanische Machos handle.Nicht zuletzt hat Social Media eine so wirkmächtige Rolle übernommen, dass das Sampling, die Easter Eggs, die referenziellen Hyperlinks kaum noch zur Geltung kommen. Und hieß es nicht schon immer, dass Kulturkritiker im Herzen verkannte Künstler sind? Dass jeder Musikjournalist lieber Rockstar geworden wäre, aber dazu nicht in der Lage, weil nicht gut oder hübsch genug – wenn nicht gar beides?Wie jeder weiß, ist das hier das Nirgendwo lässt die Popliteratur des späten 20. Jahrhunderts noch einmal (neu, weil unglamourös-empathisch) aufleben. Namedropping wie bei Bret Easton Ellis oder Frédéric Beigbeder, Songzeilen als lebensphilosophische Kalender-Bonmots, Einwebungen von Hermann Hesse, Susan Sontag und Jack Kerouac reanimieren den bisweilen snobistisch-elitären und zugleich mittellosen Habitus der Popkritik, den der Antiheld Peter selbstkritisch zu reflektieren weiß.Eine Generation, die an eine bessere Welt glaubteNach einem Interview mit dem Schriftsteller Michel Houellebecq fragt er sich, ob sein Leben nicht einfach nur eine Parasitenexistenz ist. Eine Hofberichterstattung, die keinen Hof mehr hat. Denn auch das Leben in Tüskenbüren und Flöthenbeck hat sich weitergedreht. Der Fahrradmechaniker lässt einen AfD-Kuli fallen, und von vielen kulturellen Sehnsuchtsorten in Münster sind bestenfalls Schemen übrig.Als Peter von einem Dorffest berichtet und dort die Band BTX sieht, ist seine Schreiblust wieder entfacht. In der jungen Sängerin Maria erkennt er die Göttin Gaia, Patti Smith und Ari Up von The Slits. Der Bericht sprengt indes wegen Befindlichkeiten die Mauern der provinziellen Kleingeistigkeit und Justen wird umgehend von allen Fronten abgezogen.Der Roman beschreibt liebevoll und mit knorrigem Humor die Fragilität und Vergänglichkeit jenes soziokulturellen Kapitals, das bei der Generation zwischen Boomern und Millennials noch wichtiger war als ETFs und Instagram-Follower. Eine Generation, die glaubte, dass es mit der Welt stets besser, friedlicher und einfacher würde – und dass Idealismus mit Geld nicht aufzuwiegen ist. Justen bleibt letztlich nur die Eintragung ins Nichts. So wie Kurt Cobain in seinem Abschiedsbrief Neil Young zitierte: „It’s better to burn out than to fade away“. Aber auch für ein fulminantes Feuer braucht es Energie und Einsatz – und die muss man sich erst mal leisten können.