Von wegen Jugendwahn und Longevity – diese fünf Schauspielerinnen belegen, dass manchmal erst das Alter die Rollen ermöglicht, die richtig Geltung verschaffen


Sätze mit Widerhaken: Maggie Smith als Dowager Countess Violet Crawley

Foto: IMAGO / Capital Pictures


Maggie Smith

Wer kennt schon Maggie Smith als junge Frau? In einem ihrer bekanntesten Filmauftritte aus dem Jahr 1969 (sie war 34), Die besten Jahre der Miss Jean Brodie, hat sie schon die Aura einer älteren Frau. Tatsächlich begann ihre goldene Zeit erst so richtig nach der Jahrtausendwende, als sie die 65 überschritten hatte. Nicht nur, weil sie in den Harry-Potter-Filmen als Minerva McGonagall mitspielte, sondern vor allem wegen der Erfolgsserie Downton Abbey.

2001 hatte sie in Robert Altmans Upstairs-Downstairs-Drama Gosford Park (2001) bereits das Vorbild ihrer späteren, legendären Rolle als „Dowager Countess“ verkörpert. Julian Fellowes, der das Drehbuch für Altman verfasst hatte, bereinigte für die Serien-Version zwar den Gesellschaftsklassen-Stoff von seinem ironischen Defätismus. Aber es ist Maggie Smith zu verdanken, dass etwas von der maliziösen Subversion des Films in die Serie gerettet wurde.

Wie sie ihre Spitzen zum besten gab, war nicht nur witzig – die Bemerkungen trafen oft mit Widerhaken ins Schwarze und verliehen den leicht seifigen Dialogen der Serie so manche blitzhafte Erkenntnis. „Nichts einfacher, als Leute zu meiden, die man nicht mag. Die eigenen Freunde zu meiden – das ist die eigentliche Kunst.“ Das Schöne war, dass man ihr als Schauspielerin anmerkte, welches geradezu kriminelle Vergnügen es ihr bereitete, aristokratisches Flair mit der Macht zur Demütigung zu verbinden. „Ich fasse das als Kompliment auf“, versucht die gute Isobel zu entschärfen. „Dann muss ich es falsch betont haben“, entgegnet Smith mit minimal hochgezogener Augenbraue. Ein Schuss hätte nicht präziser treffen können.

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Lauren Bacall

Ihre Karriere begann sie in den Vierzigerjahren als Model, dann war sie die Femme fatale für Humphrey Bogart (Haben und Nichthaben, 1944; Tote schlafen fest, 1946) und danach lange Jahrzehnte im Kino kaum mehr zu sehen. Bis sie in den 1990er Jahren auf einmal wieder auftauchte. Da ging sie schon auf die siebzig zu und ihre stolze Erscheinung mit der rauen Stimme, der man immer eine Spur von Spott anzuhören meinte, verlieh nicht nur einem Film wie Robert Altmans Prêt-à-Porter (1994) das nötige Umami, wie man heute sagen würde.

Mit Barbra Streisands Der Spiegel hat zwei Gesichter (1996) kam sie noch einmal ganz groß raus. Die Darstellung der glamourösen, dominanten, eitlen Mutter zum von Streisand selbst gespielten Mauerblümchen brachte ihr einen Golden Globe und eine Oscar-Nominierung ein. Mit schneidenden „One-linern“ zersetzt sie darin nicht nur das Selbstbewusstsein ihrer eigenen Tochter, ihre großartigen Pointen verleihen dem ganzen Film eine Schärfe, die ihn über die RomComs seiner Zeit erhebt. Für Jahre danach wirkte Bacall wie von Fesseln befreit und wählte zunehmend auch gewagte Projekte wie die bei Lars von Trier (Dogville, 2003 eiskalt und einschüchternd) oder Jonathan Glazer (Birth, 2004).

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Catherine Deneuve

Der als junge Frau rundum verehrten, für ihre geradezu kalte Schönheit berühmten Catherine Deneuve hätte man kaum zugetraut, dass sie mit zunehmendem Alter noch besser wird. François Ozon besetzte sie in seinem 8 Frauen (2002) als Teil eines rein weiblichen Ensembles zusammen mit anderen Stars wie Isabelle Huppert, Fanny Ardant und Emmanuelle Béart. Im campigen Musical-Krimi taut Deneuve sichtlich auf – und beginnt, Seiten zu zeigen, die man der jüngeren Deneuve nicht zugetraut hätte.

In der Komödie Potiche (2010, wieder Ozon) spielt sie eine unterwürfige Hausfrau, die das Management der Schirmfabrik ihres Mannes übernehmen muss, dafür die traditionellen Fesseln der braven Gattin abstreift – und aufblüht. Schließlich läuft sie im Trainingsanzug herum.

Der feministische Spaß setzte in Deneuve eine verschmitzte Energie frei, die ihre Leinwand-Persona zunehmend warmherziger erscheinen lässt. Zwar kann auch Deneuve als Alte ganz schön giftig und hochnäsig auftreten, aber ihre schönsten Rollen sind solche wie in Auf dem Weg (2013), wo sie eine ehemalige Schönheitskönigin verkörpert, die impulsiv ihr Leben hinter sich lässt und einen ungeplanten Roadtrip antritt. Statt arrogant und belehrend ist sie locker, komisch und großzügig – ohne die Diva je ganz vergessen zu lassen.

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Hannelore Elsner

Ihre frühe Karriere fand noch in einer ganz anderen Welt statt. Mit gerade einmal 17 Jahren gab Hannelore Elsner ihr Filmdebüt an der Seite von Freddy Quinn in Freddy unter fremden Sternen (1959). In den 1960er und 1970er Jahren folgten deutsche „Unterhaltungsfilme“ wie Die Lümmel von der ersten Bank (1967), oder Pepe, der Paukerschreck (1969). Dass sie einmal noch eine große Kinorolle spielen würde, und das unter dem Beifall des gesamten deutschen Feuilletons, hatte niemand auf dem Schirm.

Dann kam Oskar Roehler mit Die Unberührbare (2000), in dem Elsner, damals Ende fünfzig, eine Rolle nach dem Vorbild seiner eigenen Mutter spielte: eine linke, westdeutsche Schriftstellerin und überzeugte DDR-Sympathisantin, deren Welt mit dem Fall der Berliner Mauer zusammenbricht. In strengem Schwarzweiß, die Augen von schwärzestem Mascara umrundet, stakst Elsner ketterauchend durch den Film, am Rande der totalen Verzweiflung, aber mit der Intensität und Autorität einer Stummfilmdiva. Es ist ein Porträt des Scheiterns von geradezu halluzinatorischer Wucht.

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Jodie Foster

In ihrem neuesten Film spricht Jodie Foster fließend Französisch. Das ist fast Grund genug, sich Paris Murder Mystery anzuschauen. Wäre ihr Gesicht ein wenig vertrauter, würde man die Schauspielerin, die im Film der französischen Regisseurin Rebecca Zlotkowski eine amerikanische Psychotherapeutin in Paris spielt, fast für eine andere halten.

Denn nicht nur, dass Foster sich mit nur einem Hauch von Akzent mit ihren Patienten und ihrem von Daniel Auteuil gespielten Ex-Mann verständigt, sie bewegt sich mit einem solchen Selbstbewusstsein durch Paris, wie man es nur von dessen Ureinwohnern gewöhnt ist. Aber genau dieses selbstbewusste, unabhängige Auftreten passt ganz wunderbar zu Foster, die wie kein anderer weiblicher Hollywoodstar ihrer Generation unangepasst ihre eigenen Wege geht.

Das betrifft vor allem die Art und Weise des Alterns. Wie viele ihrer Kolleginnen sieht auch Foster mit ihren 63 Jahren fantastisch aus – aber doch mit dem Unterschied, keine der inzwischen üblichen chirurgischen Korrekturen an sich vorgenommen zu haben. Paradoxerweise sieht man gerade dadurch in Momenten ihr jugendliches Selbst durchscheinen.

Mit lockerer Selbstverständlichkeit, ohne große Mühe, was Kleidung oder Schminke betrifft, stellt sie sich nicht jünger dar, als sie in Wahrheit ist. Trotzdem glaubt man in der rationalen Psychotherapeutin, die im Verlauf des skurrilen Paris Murder Mystery zunehmend den Kopf verliert, immer wieder auch die burschikose, junge Frau von früher vor sich zu haben. Alter nicht als Verlust, sondern als Bereicherung.

Vorbild ihrer späteren, legendären Rolle als „Dowager Countess“ verkörpert. Julian Fellowes, der das Drehbuch für Altman verfasst hatte, bereinigte für die Serien-Version zwar den Gesellschaftsklassen-Stoff von seinem ironischen Defätismus. Aber es ist Maggie Smith zu verdanken, dass etwas von der maliziösen Subversion des Films in die Serie gerettet wurde.Wie sie ihre Spitzen zum besten gab, war nicht nur witzig – die Bemerkungen trafen oft mit Widerhaken ins Schwarze und verliehen den leicht seifigen Dialogen der Serie so manche blitzhafte Erkenntnis. „Nichts einfacher, als Leute zu meiden, die man nicht mag. Die eigenen Freunde zu meiden – das ist die eigentliche Kunst.“ Das Schöne war, dass man ihr als Schauspielerin anmerkte, welches geradezu kriminelle Vergnügen es ihr bereitete, aristokratisches Flair mit der Macht zur Demütigung zu verbinden. „Ich fasse das als Kompliment auf“, versucht die gute Isobel zu entschärfen. „Dann muss ich es falsch betont haben“, entgegnet Smith mit minimal hochgezogener Augenbraue. Ein Schuss hätte nicht präziser treffen können. Placeholder image-1Lauren Bacall Ihre Karriere begann sie in den Vierzigerjahren als Model, dann war sie die Femme fatale für Humphrey Bogart (Haben und Nichthaben, 1944; Tote schlafen fest, 1946) und danach lange Jahrzehnte im Kino kaum mehr zu sehen. Bis sie in den 1990er Jahren auf einmal wieder auftauchte. Da ging sie schon auf die siebzig zu und ihre stolze Erscheinung mit der rauen Stimme, der man immer eine Spur von Spott anzuhören meinte, verlieh nicht nur einem Film wie Robert Altmans Prêt-à-Porter (1994) das nötige Umami, wie man heute sagen würde.Mit Barbra Streisands Der Spiegel hat zwei Gesichter (1996) kam sie noch einmal ganz groß raus. Die Darstellung der glamourösen, dominanten, eitlen Mutter zum von Streisand selbst gespielten Mauerblümchen brachte ihr einen Golden Globe und eine Oscar-Nominierung ein. Mit schneidenden „One-linern“ zersetzt sie darin nicht nur das Selbstbewusstsein ihrer eigenen Tochter, ihre großartigen Pointen verleihen dem ganzen Film eine Schärfe, die ihn über die RomComs seiner Zeit erhebt. Für Jahre danach wirkte Bacall wie von Fesseln befreit und wählte zunehmend auch gewagte Projekte wie die bei Lars von Trier (Dogville, 2003 – eiskalt und einschüchternd) oder Jonathan Glazer (Birth, 2004). Placeholder image-2Catherine DeneuveDer als junge Frau rundum verehrten, für ihre geradezu kalte Schönheit berühmten Catherine Deneuve hätte man kaum zugetraut, dass sie mit zunehmendem Alter noch besser wird. François Ozon besetzte sie in seinem 8 Frauen (2002) als Teil eines rein weiblichen Ensembles zusammen mit anderen Stars wie Isabelle Huppert, Fanny Ardant und Emmanuelle Béart. Im campigen Musical-Krimi taut Deneuve sichtlich auf – und beginnt, Seiten zu zeigen, die man der jüngeren Deneuve nicht zugetraut hätte.In der Komödie Potiche (2010, wieder Ozon) spielt sie eine unterwürfige Hausfrau, die das Management der Schirmfabrik ihres Mannes übernehmen muss, dafür die traditionellen Fesseln der braven Gattin abstreift – und aufblüht. Schließlich läuft sie im Trainingsanzug herum.Der feministische Spaß setzte in Deneuve eine verschmitzte Energie frei, die ihre Leinwand-Persona zunehmend warmherziger erscheinen lässt. Zwar kann auch Deneuve als Alte ganz schön giftig und hochnäsig auftreten, aber ihre schönsten Rollen sind solche wie in Auf dem Weg (2013), wo sie eine ehemalige Schönheitskönigin verkörpert, die impulsiv ihr Leben hinter sich lässt und einen ungeplanten Roadtrip antritt. Statt arrogant und belehrend ist sie locker, komisch und großzügig – ohne die Diva je ganz vergessen zu lassen. Placeholder image-4Hannelore ElsnerIhre frühe Karriere fand noch in einer ganz anderen Welt statt. Mit gerade einmal 17 Jahren gab Hannelore Elsner ihr Filmdebüt an der Seite von Freddy Quinn in Freddy unter fremden Sternen (1959). In den 1960er und 1970er Jahren folgten deutsche „Unterhaltungsfilme“ wie Die Lümmel von der ersten Bank (1967), oder Pepe, der Paukerschreck (1969). Dass sie einmal noch eine große Kinorolle spielen würde, und das unter dem Beifall des gesamten deutschen Feuilletons, hatte niemand auf dem Schirm.Dann kam Oskar Roehler mit Die Unberührbare (2000), in dem Elsner, damals Ende fünfzig, eine Rolle nach dem Vorbild seiner eigenen Mutter spielte: eine linke, westdeutsche Schriftstellerin und überzeugte DDR-Sympathisantin, deren Welt mit dem Fall der Berliner Mauer zusammenbricht. In strengem Schwarzweiß, die Augen von schwärzestem Mascara umrundet, stakst Elsner ketterauchend durch den Film, am Rande der totalen Verzweiflung, aber mit der Intensität und Autorität einer Stummfilmdiva. Es ist ein Porträt des Scheiterns von geradezu halluzinatorischer Wucht. Placeholder image-3Jodie FosterIn ihrem neuesten Film spricht Jodie Foster fließend Französisch. Das ist fast Grund genug, sich Paris Murder Mystery anzuschauen. Wäre ihr Gesicht ein wenig vertrauter, würde man die Schauspielerin, die im Film der französischen Regisseurin Rebecca Zlotkowski eine amerikanische Psychotherapeutin in Paris spielt, fast für eine andere halten.Denn nicht nur, dass Foster sich mit nur einem Hauch von Akzent mit ihren Patienten und ihrem von Daniel Auteuil gespielten Ex-Mann verständigt, sie bewegt sich mit einem solchen Selbstbewusstsein durch Paris, wie man es nur von dessen Ureinwohnern gewöhnt ist. Aber genau dieses selbstbewusste, unabhängige Auftreten passt ganz wunderbar zu Foster, die wie kein anderer weiblicher Hollywoodstar ihrer Generation unangepasst ihre eigenen Wege geht.Das betrifft vor allem die Art und Weise des Alterns. Wie viele ihrer Kolleginnen sieht auch Foster mit ihren 63 Jahren fantastisch aus – aber doch mit dem Unterschied, keine der inzwischen üblichen chirurgischen Korrekturen an sich vorgenommen zu haben. Paradoxerweise sieht man gerade dadurch in Momenten ihr jugendliches Selbst durchscheinen.Mit lockerer Selbstverständlichkeit, ohne große Mühe, was Kleidung oder Schminke betrifft, stellt sie sich nicht jünger dar, als sie in Wahrheit ist. Trotzdem glaubt man in der rationalen Psychotherapeutin, die im Verlauf des skurrilen Paris Murder Mystery zunehmend den Kopf verliert, immer wieder auch die burschikose, junge Frau von früher vor sich zu haben. Alter nicht als Verlust, sondern als Bereicherung.



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