Doch die Bild-Zeitung kann sich in den Kanzler hineinversetzen und berichtet uns begeistert: „Der Kanzler blickt dabei über die Grenzen hinaus – und sieht Deutschland im Hintertreffen.“ Ja, über die Grenzen blickt er gerne, vor allem aus dem Flugzeug, da er sich mit Vorliebe im Ausland aufhält und sich nicht so recht mit den Niederungen des deutschen Alltags befassen möchte. Dass allerdings Deutschland im Hintertreffen ist, wird man kaum bestreiten wollen. Und woran könnte das liegen? Etwa an einer Politik, die es fertigbringt, sogar noch die Tage des seligen Olaf Scholz fast in einem sanften Licht leuchten zu lassen? Ich fürchte, das hat Merz nicht gemeint.
„Wenn man heute nach China schaut“, erfahren wir aus Kanzlers Mund, „selbst wenn man nach Amerika schaut – die Dynamik, die in diesen Volkswirtschaften nach wie vor oder jetzt vor allen Dingen in China vorhanden ist, die fehlt uns.“ Man fragt sich verzweifelt nach dem Grund. Ein Land, eine Volkswirtschaft, die mit konstanter Inkompetenz in den Ruin getrieben wird, indem man die Bedingungen des Wirtschaftens in atemberaubendem Tempo verschlechtert, indem man die Energie zur Erreichung angeblich höherer, in Wahrheit aber infantiler Ziele mit Freude bis zur Unerschwinglichkeit verteuert, indem man die Leistungsträger vertreibt und die Leistungslosen ins Land bringt – welche Dynamik sollen dieses Land und diese Volkswirtschaft an den Tag legen mit Ausnahme der einen, die sich aus dieser Politik von selbst ergibt: die Dynamik auf dem Weg nach unten?
Denkzettel droht an Wahlurne
Doch hören wir weiter. „Wir müssen uns anstrengen, wir müssen jetzt die Ärmel aufkrempeln, und wir müssen Schritt für Schritt dieses Land wieder fit machen.“ Eine glänzende Idee, warum hat er nicht schon vor Monaten damit angefangen? Man sollte nicht ganz vergessen, dass er seit dem 6. Mai 2025 das Amt des Bundeskanzlers zwar nicht ausfüllt, aber doch immerhin bekleidet, da wäre genug Gelegenheit gewesen, aber außer Ankündigungen, Arbeitskreisen und markigen Reden ist nicht viel vorzuweisen. Kann er die Ärmel nicht aufkrempeln, weil er ein Jackett darüber trägt? Oder liegt es eher daran, dass weder er noch sein heimlicher oder nicht ganz so heimlicher Vorgesetzter Klingbeil auch nur die leiseste Vorstellung davon haben, wie man das anstellt: ein Land wieder fit machen? Selbstverständlich meint der Kanzler der Herzen weder sich noch Klingbeil noch irgendeinen anderen der unverantwortlichen Verantwortlichen – er meint die Arbeitnehmer, die Unternehmer, er meint alle, die im Gegensatz zu ihm dieses Land noch am Laufen halten, solange die Politik es nicht endgültig in den Abgrund getrieben hat. Die Wähler werden es ihm danken.
Waren seine Worte bisher eine reine Publikumsbeschimpfung, so ging er später zur Komödie über, als er verkündete: „Ich werde heute Abend auch noch einmal mit dem Koalitionspartner sehr ernsthaft reden … Mir reicht das nicht, was wir bisher geschaffen haben.“ Ernsthaft reden will er mit dem sensiblen Klingbeil, der nur eine Augenbraue heben muss, um Merz zum Schweigen zu bringen, weil er doch so gerne Kanzler bleiben möchte. Ein guter Witz ist das zwar nicht, aber immerhin ein Witz. Im Übrigen reicht mir das auch nicht, was Merz und seine Kollegen bisher geschaffen haben – wie sollte einem auch das pure Nichts reichen?
Doch Friedrich Merz stampft verbal entschlossen auf dem Boden auf wie der kleine Friedrich im Sandkasten, der unbedingt ein Eis haben will. „Wir müssen jetzt sehen, dass wir sehr schnell diese Reformen auch durchsetzen“, und was die SPD betrifft: „Dass sie auch manche Blockade auflösen, die wir in den letzten Wochen und Monaten leider immer wieder gehabt haben.“ Das wäre so schön und ist so wahrscheinlich wie das Zusammentreffen von Weihnachten und Ostern am Neujahrstag. Diese Regierung in ihrer Gesamtheit ist die Verkörperung der Blockade, und wann immer sich etwas durchsetzt, ist es wieder ein ideologischer Unsinn, der in sozialistischen Köpfen gewachsen ist, denn Merz – man kann gar nicht oft genug daran erinnern – muss unbedingt im Kanzleramt bleiben, da darf man mit den Blockaden nicht kleinlich sein.
Sofortiges Hüpfen
Selbstverständlich folgte die Reaktion auf dem Fuße. Sogleich äußerte der stets empathische Mathias Miersch, Vorsitzender der SPD-Fraktion im Bundestag, die Erwartung, „dass vieles von dem, was wir vorschlagen, dann auch angenommen wird in den nächsten Wochen und Monaten“, und er präzisierte: „Ich will auch sagen, dass gerade wenn es um die Krisenbewältigung geht, wir sehr frühzeitig deutlich gemacht haben, dass wir mehr von der Bundesregierung erwarten.“ Natürlich, es waren die anderen. Die SPD hat großartige Vorschläge unterbreitet; es muss wohl an mir liegen, dass sie mir entgangen sind. Und von der Bundesregierung erwartet sie, dass sie wie bisher sofort hüpft, wenn Klingbeil pfeift, und brav das umsetzt, was sich gründlich ideologisierte Hirne ausgedacht haben. Das wird sicher helfen.
Friedrich Merz, seine Äußerungen, die Demonstrationen seiner Durchsetzungskraft: immer und immer wieder sieht man, was sie taugen. Auch diesmal verbreitet er große Worte, beschimpft seine Wähler, bezichtigt sie der Faulheit und spielt gegenüber dem Koalitionsgegner – als Koalitionspartner wird man diese Leute kaum bezeichnen wollen – den starken Mann.
Dahinter steckt so viel wie sonst auch.
Und das ist wenig.
Der Autor:
Thomas Rießinger ist promovierter Mathematiker und ehemaliger Professor für Mathematik und Informatik. Er publiziert Fachbücher, philosophische Aufsätze und Beiträge zur Unterhaltungsmathematik.
Bild: Symbolbild/KI/Midjourney/Gemini/br