Ein frühlingshaft beschwingtes Fest hätte die Pariser Buchmesse werden sollen, die an diesem Freitag ihre Pforten öffnet. Doch unter der Glaskuppel im hochherrschaftlichen Grand Palais herrscht eisige Stimmung.

Die französische Verlagsbranche steht Kopf, seit wenige Tage zuvor bekannt wurde, dass sich das traditionsreiche Verlagshaus Grasset von seinem Chef Olivier Nora trennt, der mehr als 26 Jahre lang bedeutende literarische und politische Stimmen betreut hat und in der Branche hoch angesehen ist.

„Olivier Nora ist einer der besten Verleger des Landes“

Diese vermeintliche Trennung allerdings war nichts anderes als ein lang befürchteter Rausschmiss, schließlich rechneten viele bei Grasset mit dem Schlimmsten, nachdem der Großindustrielle Vincent Bolloré die Verlagsgruppe Hachette Livre, zu der Grasset gehört, Ende 2023 aufgekauft hatte und seitdem nach Gutdünken umgestaltet und ausschlachtet.

Gegenüber dem Freitag sagt der bekannte Philosoph und Schriftsteller Pascal Bruckner, der den Offenen Brief unterschrieben hat: „Olivier ist seit 45 Jahren mein Freund. Er ist einer der besten, wahrscheinlich der beste Verleger des Landes. Ich traf ihn noch vor einer Woche und er sagte mir, es sei nur noch eine Frage von Tagen oder Wochen. Wir wussten es und trotzdem ist er am Boden zerstört. Es ist eine Tragödie.“

„Wir werden alle prekärer leben“

Auch die französisch-US-amerikanische Schriftstellerin Jennifer Richard ist eine der Betroffenen. Sie sagt, natürlich gebe es Schlimmeres, ihre Familie sei gesund. Aber für die französische Literaturszene sei es ein „Sturm“ und für ihr eigenes berufliches Leben sei es ein „harter Schnitt“.

Die meisten von denen, die den offenen Brief unterschrieben haben, würden nun in schwierigen Verhältnissen landen. Es gebe nicht genug Platz für alle. Man wird woanders schröpfen müssen, wird die Vorschüsse für neue und alte Autoren eindampfen. In Verhandlungen wird die Stimme der Autoren noch mehr an Gewicht verlieren und wir werden alle prekärer leben.“

Bolloré bietet Rechtsextremen eine große Bühne

Bolloré verfügt bereits über ein Imperium aus Fernseh- und Radiosendern (Europe 1, CNews, C8), aber auch aus Zeitungen und Zeitschriften (Paris Match, Journal du Dimanche). All diese Plattformen nutzt er, um seine rechtsextreme Ideologie zu verbreiten. Und überall da, wo er auftaucht, werden Budgets eingestampft und rollen Köpfe.

Im Wahlkampf 2022 unterstützte er offen den Präsidentschaftskandidaten Éric Zemmour, der noch radikaler ist als Marine Le Pen und für dessen Fetisch-Themen Bolloré eine große Bühne bot. Damit wollte er Angst vor einer vermeintlichen Islamisierung Frankreichs bis zum Bevölkerungsaustausch schüren, vor Ausländerkriminalität und Cancel Culture.

Als Verlagsbesitzer scheut Bolloré sich nicht davor, rechte bis rechtsradikale Autoren und Autorinnen zu fördern, indem er ihre Bücher landesweit in den Bahnhofsbuchläden – die zufälligerweise auch zur Hachette-Gruppe gehören – prominent platzieren lässt. Es schien also nur eine Frage der Zeit, bis sein ideologischer Feldzug auch bei Grasset die ersten Opfer bringt.

Geiseln eines ideologischen Krieges

Vincent Bolloré hat diesen Anlass gefunden, weil sich Olivier Nora gegen ein überstürztes Erscheinen der Gefängnismemoiren des algerischen Schriftstellers Boualem Sansal wehrte. Der war gerade erst zu Grasset gewechselt und Bolloré wittert mit ihm den nächsten großen Verkaufsschlager. Da kann man schon mal ungeduldig werden. Jetzt wissen wir: Zwar hat Grasset Sansal gewonnen, doch inzwischen hunderte Autoren und Autorinnen verloren. 170 haben angekündigt, zu gehen. Und täglich werden es mehr.

In einem gemeinsamen Brief stellen sie sich geschlossen hinter Nora und erklären: „Wir wollen nicht, dass er unsere Ideen und unsere Arbeit besitzt. Wir sind uns einig: Wir weigern uns, Geiseln eines ideologischen Krieges zu sein, mit dem kultureller Autoritarismus überall in der Kultur und den Medien durchgesetzt werden soll.“

Die Schriftsteller verpflichten sich in dem Schreiben, ihre Bücher künftig nicht mehr bei Grasset zu verlegen. Einige von ihnen erwägen rechtliche Schritte, um ihre Rechte an bereits verlegten Büchern wiederzuerlangen.

Beigbeder, Bruckner, Henri-Levy wollen sich nicht beugen

Der Aderlass betrifft so bekannte Namen wie Virginie Despentes, Sorj Chalandon, Bernard-Henri Lévy und Frédéric Beigbeder. Pascal Bruckner selbst hat mehr als zwanzig Bücher bei Grasset veröffentlicht, aber auch er möchte sich dem Kulturkampf, den Bolloré anzettelt, nicht beugen. Und sagt: Adieu!

„Bolloré ist der Horror. Ein alter Mann, besoffen von Macht, der die komplette Verlagswelt seinem Ego opfert“, so Bruckner. Er habe Grasset getötet, die Marke irreparabel zerstört. Stattdessen stehe der Name jetzt für den Verfall der gesamten Kultur, der sich noch verschlimmern würde, sollten im kommenden Jahr Jordan Bardella oder Marine Le Pen in den Élysée-Palast einziehen.

Kommt jetzt ein eigener Verlag?

Bolloré stehe für katholischen Integralismus und pflege große Nähe zu Putin. Bruckner ist pessimistisch, auch wenn er selbst in den letzten Tagen bereits Angebote von anderen Verlagen erhalten habe. „Ich folge Olivier Nora“, erklärt Bruckner. Der könnte in ein anderes Haus gehen oder sogar selbst einen Verlag gründen, wird spekuliert.

Bei Grasset werden jetzt wohl Schriftsteller anklopfen, die mit Bollorés politischem Projekt keine Probleme haben, schlimmer noch, sich auf seiner Seite sehen. Im Grand Palais wird heute so mancher Leser um den Stand von Grasset einen großen Bogen machen.

oßindustrielle Vincent Bolloré die Verlagsgruppe Hachette Livre, zu der Grasset gehört, Ende 2023 aufgekauft hatte und seitdem nach Gutdünken umgestaltet und ausschlachtet. Gegenüber dem Freitag sagt der bekannte Philosoph und Schriftsteller Pascal Bruckner, der den Offenen Brief unterschrieben hat: „Olivier ist seit 45 Jahren mein Freund. Er ist einer der besten, wahrscheinlich der beste Verleger des Landes. Ich traf ihn noch vor einer Woche und er sagte mir, es sei nur noch eine Frage von Tagen oder Wochen. Wir wussten es und trotzdem ist er am Boden zerstört. Es ist eine Tragödie.“„Wir werden alle prekärer leben“Auch die französisch-US-amerikanische Schriftstellerin Jennifer Richard ist eine der Betroffenen. Sie sagt, natürlich gebe es Schlimmeres, ihre Familie sei gesund. Aber für die französische Literaturszene sei es ein „Sturm“ und für ihr eigenes berufliches Leben sei es ein „harter Schnitt“. Die meisten von denen, die den offenen Brief unterschrieben haben, würden nun in schwierigen Verhältnissen landen. Es gebe nicht genug Platz für alle. „Man wird woanders schröpfen müssen, wird die Vorschüsse für neue und alte Autoren eindampfen. In Verhandlungen wird die Stimme der Autoren noch mehr an Gewicht verlieren und wir werden alle prekärer leben.“Bolloré bietet Rechtsextremen eine große BühneBolloré verfügt bereits über ein Imperium aus Fernseh- und Radiosendern (Europe 1, CNews, C8), aber auch aus Zeitungen und Zeitschriften (Paris Match, Journal du Dimanche). All diese Plattformen nutzt er, um seine rechtsextreme Ideologie zu verbreiten. Und überall da, wo er auftaucht, werden Budgets eingestampft und rollen Köpfe.Im Wahlkampf 2022 unterstützte er offen den Präsidentschaftskandidaten Éric Zemmour, der noch radikaler ist als Marine Le Pen und für dessen Fetisch-Themen Bolloré eine große Bühne bot. Damit wollte er Angst vor einer vermeintlichen Islamisierung Frankreichs bis zum Bevölkerungsaustausch schüren, vor Ausländerkriminalität und Cancel Culture. Als Verlagsbesitzer scheut Bolloré sich nicht davor, rechte bis rechtsradikale Autoren und Autorinnen zu fördern, indem er ihre Bücher landesweit in den Bahnhofsbuchläden – die zufälligerweise auch zur Hachette-Gruppe gehören – prominent platzieren lässt. Es schien also nur eine Frage der Zeit, bis sein ideologischer Feldzug auch bei Grasset die ersten Opfer bringt. Geiseln eines ideologischen KriegesVincent Bolloré hat diesen Anlass gefunden, weil sich Olivier Nora gegen ein überstürztes Erscheinen der Gefängnismemoiren des algerischen Schriftstellers Boualem Sansal wehrte. Der war gerade erst zu Grasset gewechselt und Bolloré wittert mit ihm den nächsten großen Verkaufsschlager. Da kann man schon mal ungeduldig werden. Jetzt wissen wir: Zwar hat Grasset Sansal gewonnen, doch inzwischen hunderte Autoren und Autorinnen verloren. 170 haben angekündigt, zu gehen. Und täglich werden es mehr.In einem gemeinsamen Brief stellen sie sich geschlossen hinter Nora und erklären: „Wir wollen nicht, dass er unsere Ideen und unsere Arbeit besitzt. Wir sind uns einig: Wir weigern uns, Geiseln eines ideologischen Krieges zu sein, mit dem kultureller Autoritarismus überall in der Kultur und den Medien durchgesetzt werden soll.“Die Schriftsteller verpflichten sich in dem Schreiben, ihre Bücher künftig nicht mehr bei Grasset zu verlegen. Einige von ihnen erwägen rechtliche Schritte, um ihre Rechte an bereits verlegten Büchern wiederzuerlangen.Beigbeder, Bruckner, Henri-Levy wollen sich nicht beugenDer Aderlass betrifft so bekannte Namen wie Virginie Despentes, Sorj Chalandon, Bernard-Henri Lévy und Frédéric Beigbeder. Pascal Bruckner selbst hat mehr als zwanzig Bücher bei Grasset veröffentlicht, aber auch er möchte sich dem Kulturkampf, den Bolloré anzettelt, nicht beugen. Und sagt: Adieu!„Bolloré ist der Horror. Ein alter Mann, besoffen von Macht, der die komplette Verlagswelt seinem Ego opfert“, so Bruckner. Er habe Grasset getötet, die Marke irreparabel zerstört. Stattdessen stehe der Name jetzt für den Verfall der gesamten Kultur, der sich noch verschlimmern würde, sollten im kommenden Jahr Jordan Bardella oder Marine Le Pen in den Élysée-Palast einziehen. Kommt jetzt ein eigener Verlag? Bolloré stehe für katholischen Integralismus und pflege große Nähe zu Putin. Bruckner ist pessimistisch, auch wenn er selbst in den letzten Tagen bereits Angebote von anderen Verlagen erhalten habe. „Ich folge Olivier Nora“, erklärt Bruckner. Der könnte in ein anderes Haus gehen oder sogar selbst einen Verlag gründen, wird spekuliert.Bei Grasset werden jetzt wohl Schriftsteller anklopfen, die mit Bollorés politischem Projekt keine Probleme haben, schlimmer noch, sich auf seiner Seite sehen. Im Grand Palais wird heute so mancher Leser um den Stand von Grasset einen großen Bogen machen.



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