Anna Roller bringt Leif Randts „Allegro Pastell“ ins Kino und zeigt die Abgehobenheit privilegierter Millennials. Der Film bringt die Selbstverliebtheit dieser Generation auf den Punkt, bleibt aber auf typische Weise vage
Web-Designer Jerome (Jannis Niewöhner) und Debütautorin Tanja (Sylvaine Faligant) kultivieren eine On-and-Off-Geschichte
Foto: Felix Pflieger
Als Leif Randts Berlin-Roman Allegro Pastell 2020 erschien, waren die Meinungen tief gespalten. Wolfgang Schneider war im Deutschlandfunk gelangweilt von den „Statusmeldungen der Befindlichkeit“, die das Protagonistenpaar Jerome Daimler und Tanja Arnheim während ihrer On-and-off-Liebesgeschichte im Rekordsommer 2018 austauschen. Ijoma Mangold hingegen jubelte in der Zeit, dass kein Millennial künftig einen Roman schreiben könne, ohne sich zu dieser „perfekten Durchdringung der Gegenwart“ zu verhalten.
Ganze sechs Jahre später ist Allegro Pastell unter der Regie von Anna Roller jetzt im Kino zu sehen – als sehr getreue Verfilmung des Romanstoffs. Letzteres wohl vor allem deswegen, weil Leif Randt selbst das Drehbuch beigesteuert hat. Wie im Buch begleiten wir auch im Film den Web-Designer Jerome (Jannis Niewöhner) und die erfolgreiche Debütautorin Tanja (Sylvaine Faligant), die nach einem „ganz passablen One-Night-Stand“ eine Fernbeziehung zwischen dem hessischen Maintal und Berlin beginnen.
Ihre Beziehung findet viel per E-Mail statt oder zwischen einer Menge Crémant und Drogen in den angesagten Feierlocations der Hauptstadt. Ihre große Liebe gilt dabei jedoch nicht einander, sondern ihrer hyperreflexiven Selbstnarrativierung als freigeistige Intellektuelle. So sind die meisten Gespräche der beiden überladen mit Meinungen (Schweigerituale mit grünem Tee sind „nice“, sein eigenes Teeservice töpfern nicht) – aber auch voller Ausflüchte. Mal in konjunktivistischen Rückblicken, mal in antizipatorischen Zukunftsfragen, bleibt ihre emotionale Nähe in der Gegenwart zuweilen unaushaltbar vage.
Alles ist irgendwie okay
Roller und Randt führen diese umfassende Uneindeutigkeit bereits mit der ersten Filmszene ein: Jerome und Tanja liegen nebeneinander im Bett und fragen sich nach ihrem Gefühlszustand. Er glaubt, es ginge ihm gut. Sie fragt sich, ob es ihr schon mal besser ging. Für Jerome und Tanja ist wie schon im Buch alles „vielleicht“, „irgendwie“ und „okay“ – und die pastellige Film-Ästhetik folgt dieser sprachlichen Blässe.
Statt auf dem Cover begegnen uns die Blau-Rosa-Farbverläufe jetzt im Hintergrund des Filmvorspanns, der an einen Sonnenaufgang nach einer durchzechten Nacht erinnert. Oder in der pastelligen Bettwäsche, in der sich das Paar zumindest körperlich nah ist.
Überhaupt passen Kostüm- und Set-Design perfekt zu Randts entworfenen Figuren, die sich so sehr über Geschmack definieren – allen voran in Sachen Einrichtung. Der Beistelltisch mit geschwungenen Chromfüßen bei Tanja und die Louis-Poulsen-Lampe bei Jerome. Die flachen Glasschalen, aus denen die beiden ihren Espresso trinken, scheinen zu sagen: Diese Kaffee-Trinker sind unangepasster als andere.
Kontrollverlust, aber geplant
Auch die Kopflastigkeit beider Figuren, die in ihrer grenzenlosen Langeweile immer wieder den „geplanten Kontrollverlust“ suchen, wird durch die Inszenierung ihres Wohnraums vermittelt. So etwa, wenn Jerome eine Glaskaraffe mit Grapefruitsaft ein paar Millimeter verrückt, bevor er Tanja betont lässig zu ihrem Geburtstagsfrühstück weckt, als sei es ihm eben erst eingefallen.
Die Liebesgeschichte wabert mit vielen Voiceover-Gedanken vor sich hin, andere Dates mischen sich in die herrlich sichere Distanz, bis Jerome die scheinbar erste definitive „Ja/Nein“-Entscheidung seines Lebens treffen muss.
Rollers Film erinnert so vor allem an eins: dass Leif Randt nie eine ganze Generation skizziert hat, sondern eine ganz bestimmte Klasse, die nicht viel mehr zu tun hat, als krampfhaft zu versuchen, Mittdreißiger-Klischees zu entkommen. Und deren Tragik eben darin liegt, in der krampfhaften Abwehr eben doch zu einem zu werden.
Randts Repräsentanten dieses Milieus sind zudem schrecklich unsympathisch. So richtige Probleme, wie der Klinikaufenthalt von Tanjas Schwester oder die gesundheitlichen Probleme, die der Alkoholkonsum bei Jeromes Freund angerichtet hat, prallen an der aufwendig konstruierten Echokammer der beiden ab.
Repräsentativ nicht für eine Generation, sondern für bestimmte Privilegierte
Randts (und jetzt auch Rollers) Geschichte steht nicht für eine Generation, sondern erzählt von der zeitlosen Abgehobenheit sehr privilegierter Menschen – und ist so sehr viel zeitloser, als man ihr als „Millennial-Roman“ zugestanden hat. Denn aus der Zeit gefallen wirkt Allegro Pastell heute noch nicht. Nur allzu gut kann man sich Jerome und Tanja auch 2026 bei ihrem Schweigeritual auf dem Balkon vorstellen. Den Grüntee hätten sie dann von ihrem kürzlichen Japan-Trip mitgebracht und statt über die Webseite, die Jerome für Tanja gestaltet hat, würden sie sich vielleicht über den Einsatz von KI in ihrer jeweiligen Kunst streiten.
Unglücklicherweise verkommen die schon im Roman leicht gestelzten Dialoge durch die notwendige filmische Verdichtung und die Arthouse-Tonlage der Schauspielenden zu einer karikaturatigen Zitathaftigkeit und erinnern aneinandergereiht mehr an Kalendersprüche als an echte Gespräche („Es ist besser, was zu fühlen, als nichts zu fühlen“).
Auch das gewollt coole Vokabular, bei dem so manche Lesenden schon 2020 anmerkten, dass Leif Randt wohl selbst wenig in Berlins Feierszene der späten Zehnerjahre unterwegs gewesen sein muss, tut laut ausgesprochen doppelt so weh. Wenn Drogen „eingenommen“ werden, man einen „Crush“ hat und ernsthaft ein „Cab“ ruft.
Erzählt der Film also sehr gut von studierten, therapierten, finanziell gut gestellten, von Bindungsängsten und Süchten heimgesuchten Menschen in der Midlife-Crisis? Ja. Ist diese Welt fast schmerzhaft überstilisiert? Auch ja. Deshalb ist das Kinoerlebnis bei Allegro Pastell, um es mit Jeromes und Tanjas Worten zu sagen, leider doch nur irgendwie … okay.
Allegro Pastell Anna Roller Deutschland 2026, 100 Min.
könne, ohne sich zu dieser „perfekten Durchdringung der Gegenwart“ zu verhalten.Ganze sechs Jahre später ist Allegro Pastell unter der Regie von Anna Roller jetzt im Kino zu sehen – als sehr getreue Verfilmung des Romanstoffs. Letzteres wohl vor allem deswegen, weil Leif Randt selbst das Drehbuch beigesteuert hat. Wie im Buch begleiten wir auch im Film den Web-Designer Jerome (Jannis Niewöhner) und die erfolgreiche Debütautorin Tanja (Sylvaine Faligant), die nach einem „ganz passablen One-Night-Stand“ eine Fernbeziehung zwischen dem hessischen Maintal und Berlin beginnen.Ihre Beziehung findet viel per E-Mail statt oder zwischen einer Menge Crémant und Drogen in den angesagten Feierlocations der Hauptstadt. Ihre große Liebe gilt dabei jedoch nicht einander, sondern ihrer hyperreflexiven Selbstnarrativierung als freigeistige Intellektuelle. So sind die meisten Gespräche der beiden überladen mit Meinungen (Schweigerituale mit grünem Tee sind „nice“, sein eigenes Teeservice töpfern nicht) – aber auch voller Ausflüchte. Mal in konjunktivistischen Rückblicken, mal in antizipatorischen Zukunftsfragen, bleibt ihre emotionale Nähe in der Gegenwart zuweilen unaushaltbar vage.Alles ist irgendwie okayRoller und Randt führen diese umfassende Uneindeutigkeit bereits mit der ersten Filmszene ein: Jerome und Tanja liegen nebeneinander im Bett und fragen sich nach ihrem Gefühlszustand. Er glaubt, es ginge ihm gut. Sie fragt sich, ob es ihr schon mal besser ging. Für Jerome und Tanja ist wie schon im Buch alles „vielleicht“, „irgendwie“ und „okay“ – und die pastellige Film-Ästhetik folgt dieser sprachlichen Blässe.Statt auf dem Cover begegnen uns die Blau-Rosa-Farbverläufe jetzt im Hintergrund des Filmvorspanns, der an einen Sonnenaufgang nach einer durchzechten Nacht erinnert. Oder in der pastelligen Bettwäsche, in der sich das Paar zumindest körperlich nah ist.Überhaupt passen Kostüm- und Set-Design perfekt zu Randts entworfenen Figuren, die sich so sehr über Geschmack definieren – allen voran in Sachen Einrichtung. Der Beistelltisch mit geschwungenen Chromfüßen bei Tanja und die Louis-Poulsen-Lampe bei Jerome. Die flachen Glasschalen, aus denen die beiden ihren Espresso trinken, scheinen zu sagen: Diese Kaffee-Trinker sind unangepasster als andere.Kontrollverlust, aber geplantAuch die Kopflastigkeit beider Figuren, die in ihrer grenzenlosen Langeweile immer wieder den „geplanten Kontrollverlust“ suchen, wird durch die Inszenierung ihres Wohnraums vermittelt. So etwa, wenn Jerome eine Glaskaraffe mit Grapefruitsaft ein paar Millimeter verrückt, bevor er Tanja betont lässig zu ihrem Geburtstagsfrühstück weckt, als sei es ihm eben erst eingefallen.Die Liebesgeschichte wabert mit vielen Voiceover-Gedanken vor sich hin, andere Dates mischen sich in die herrlich sichere Distanz, bis Jerome die scheinbar erste definitive „Ja/Nein“-Entscheidung seines Lebens treffen muss.Rollers Film erinnert so vor allem an eins: dass Leif Randt nie eine ganze Generation skizziert hat, sondern eine ganz bestimmte Klasse, die nicht viel mehr zu tun hat, als krampfhaft zu versuchen, Mittdreißiger-Klischees zu entkommen. Und deren Tragik eben darin liegt, in der krampfhaften Abwehr eben doch zu einem zu werden.Randts Repräsentanten dieses Milieus sind zudem schrecklich unsympathisch. So richtige Probleme, wie der Klinikaufenthalt von Tanjas Schwester oder die gesundheitlichen Probleme, die der Alkoholkonsum bei Jeromes Freund angerichtet hat, prallen an der aufwendig konstruierten Echokammer der beiden ab.Repräsentativ nicht für eine Generation, sondern für bestimmte PrivilegierteRandts (und jetzt auch Rollers) Geschichte steht nicht für eine Generation, sondern erzählt von der zeitlosen Abgehobenheit sehr privilegierter Menschen – und ist so sehr viel zeitloser, als man ihr als „Millennial-Roman“ zugestanden hat. Denn aus der Zeit gefallen wirkt Allegro Pastell heute noch nicht. Nur allzu gut kann man sich Jerome und Tanja auch 2026 bei ihrem Schweigeritual auf dem Balkon vorstellen. Den Grüntee hätten sie dann von ihrem kürzlichen Japan-Trip mitgebracht und statt über die Webseite, die Jerome für Tanja gestaltet hat, würden sie sich vielleicht über den Einsatz von KI in ihrer jeweiligen Kunst streiten.Unglücklicherweise verkommen die schon im Roman leicht gestelzten Dialoge durch die notwendige filmische Verdichtung und die Arthouse-Tonlage der Schauspielenden zu einer karikaturatigen Zitathaftigkeit und erinnern aneinandergereiht mehr an Kalendersprüche als an echte Gespräche („Es ist besser, was zu fühlen, als nichts zu fühlen“).Auch das gewollt coole Vokabular, bei dem so manche Lesenden schon 2020 anmerkten, dass Leif Randt wohl selbst wenig in Berlins Feierszene der späten Zehnerjahre unterwegs gewesen sein muss, tut laut ausgesprochen doppelt so weh. Wenn Drogen „eingenommen“ werden, man einen „Crush“ hat und ernsthaft ein „Cab“ ruft.Erzählt der Film also sehr gut von studierten, therapierten, finanziell gut gestellten, von Bindungsängsten und Süchten heimgesuchten Menschen in der Midlife-Crisis? Ja. Ist diese Welt fast schmerzhaft überstilisiert? Auch ja. Deshalb ist das Kinoerlebnis bei Allegro Pastell, um es mit Jeromes und Tanjas Worten zu sagen, leider doch nur irgendwie … okay.