Die Versprechen von sozialem Aufstieg, die die SPD machte, sind schon lange zerplatzt

Collage: der Freitag, Material: Getty Images

An das Aufstiegsversprechen der SPD konnte meine Generation noch glauben, weil es stimmte. Heute ist das Märchen keines mit gutem Ausgang für alle. Ein letzter Brief

Liebe SPD,

als die Älteren von dir schwärmten, war ich noch zu jung, um wie sie begeistert durch die Straßen zu ziehen und für „Willy“ zu werben. 1968 tobte ich mit meiner jüngeren Schwester aber schon durchs Zimmer und brüllte: Dubček! Svoboda! Ich beneidete die demonstrierenden „Gammler“ am Freiburger Bertholdsbrunnen, über die sich meine Mutter aufregte, aber 1972 war „Willy“ schon wieder weg vom Fenster. Ich bin schlicht zu spät geboren für dich und eine potenzielle Liebe.

Doch als ich Anfang März im Krankenbett die ersten Hochrechnungen zur Landtagswahl in Baden-Württemberg verfolgt habe und der farblose Spitzenkandidat Andreas Stoch beteuerte, er habe „hart gearbeitet“ – wie kann man mit dieser Floskel überhaupt noch unter die Leute gehen –, überkam mich ein seltsames Gefühl. Irgendetwas zwischen Beklemmung, Mitleid und Wehmut.

Nichts mehr von der Häme, die ich nach den Wahldebakeln verspürt hatte, als du für Hartz IV verdient abgestraft wurdest, und auch keine achselzuckende Gleichgültigkeit wie nach der letzten Bundestagswahl, als du dich mit deinem desaströsen Kandidatentheater blamiertest. Da war nur Fremdschämen.

Die SPD war in Baden-Württemberg nie bedeutend

Vielleicht ging mir dein Fast-Rauswurf aus dem Landtag in Baden-Württemberg deshalb nahe, weil es die Partei in dem Bundesland, aus dem ich stamme und in dem ich aufgewachsen bin, nie leicht hatte, trotz der großen Industriezentren.

In einer Gegend, die fast 60 Jahre finster schwarz – und lange in Alleinherrschaft – regiert wurde und von mindestens zwei Ministerpräsidenten, denen die Hakenkreuznadel noch unterm Revers steckte, war es schon ein Erfolg, wenn Sozialdemokraten ein Drittel der Stimmen erringen konnten. Zuletzt übrigens mit einer inzwischen vergessenen Frau, Ute Vogt. Das war 2001, dann ging es bergab.

Carlo Schmid und Erhard Eppler dürften die letzten, weit über die Landesgrenzen ausstrahlenden Galionsfiguren der Südwest-SPD gewesen sein, Walter Riester hat bekanntlich nur ein rentenpolitisches Desaster hinterlassen. Knapp 28.000 Stimmen bei dieser Wahl weniger, und die SPD hätte das Schicksal der Liberalen geteilt.

Im Wahlkreis Mannheim I, eine der einstigen sozialdemokratischen Hochburgen, ging nur noch gut die Hälfte der Wählerschaft zur Urne. Aus Mannheim stammt ein Zweig meiner Arbeiterfamilie.

Mit der SPD verbanden sich Aufstiegshoffnungen

Nebulöse Erinnerung an den September 1965, Bundestagswahl. Unionskanzler Ludwig Erhard tourt quäkend im Wagen durch unsere Straße, verspricht die „sichere Mark“. Meine Eltern streiten viel, aber selten politisch. Nun kommt es zum Krach zwischen den „kleinen Leuten“, der eine vom Land, erzkonservativ, die andere geprägt vom vermasselten Leben durch den Krieg: „Die Schwarzen, die tun doch nichts für uns. Die lassen uns nur schuften!“ Meine Mutter wählt „rot“, weil sie damals hofft, dass die Sozialdemokraten etwas „für uns tun“, vor allem für ihre „Schlüsselkinder“.

Unsereins haust unter der Gaube, Wohnungsnot allenthalben. Wenn der „Ernährer“ krank wird, bricht Lohn weg durch die Karenztage, dann bleibt nur das Pfandleihhaus am Schwabentor, wohin man regelmäßig den Sonntagsanzug trägt. Manchmal gibt’s dann ein Eis für 20 Pfennig.

Die Mutter war prägender mit ihrer Aufstiegshoffnung, die für sie nicht mehr einzulösen war. Viel erwartete sie von „denen da oben“ nicht, aber zumindest die Erwartung, dass ihre Kinder, wenn sie sich anstrengten, einmal mehr erreichen würden. Was in einem per se ausgrenzenden Bildungssystem schwer war, denn ich habe als katholisches Mädchen erfahren, dass die damals noch verbindliche Schulempfehlung in einem vom Katholizismus geprägten Umfeld ganz klar vom Status der Eltern abhing. Da gab es Gott und seinen Vertreter, den Kultusminister Hahn in Stuttgart, der ganz klare Vorstellungen davon hatte, auf welchen Platz man gehörte.

Ein Kind der Bildungsreform

Dennoch bin ich ein Kind der Bildungsreform geworden, die wir später, als wir uns radikalisierten, mit dem Verdikt „imperialistisch“ versahen, weil sie die ökonomische Expansion Westdeutschlands bediente und nicht unsere Wünsche. Modernisierungsagentur hieß das später in der Soziologie. Was man mit „Durchlässigkeit“ umschrieb, litt jedoch an Verstopfungen, und es war kein Zufall, dass ich mich später oft Älteren anschloss, die auf dem zweiten oder dritten Bildungsweg taumelten.

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Für sie und mich war das 1971 von dir auf den Weg gebrachte Bafög die Grundlage, dass unsere Leistung überhaupt zarte Blüten entfalten konnte. Ohne Schüler-Bafög, was nicht sehr viel war, hätte ich – wenn auch spät – nie ein Gymnasium von innen gesehen und diese Zeilen wohl nie geschrieben.

Dafür bin ich dir, liebe SPD, dankbar. Auch wenn die von dir ausgehobene „Bildungsreserve“ ziemlich schnell in der Jugendarbeitslosigkeit der 1970er Jahre landete. Immerhin, dank der von dir angestoßenen Reformen gab es auch keine Karenztage mehr, die Frauen mussten nicht mehr ihren Mann fragen, wenn sie arbeiten gehen wollten, und irgendwann zogen wir sogar in eine Sozialwohnung. Immerhin.

Der erste Bruch: Die Atomkraft-Frage

Vielleicht wäre ich ja als Verkäuferin glücklicher geworden hieß ein Buch, in dem eine Soziologin einmal die Situation von Arbeitertöchtern an der Hochschule erkundete. Die Entfremdung vom Herkunftsmilieu war mir nicht fremd, als ich mich endlich an die Uni traute. Dein Aufstiegsversprechen war fragil, es fehlte an symbolischem Kapital.

Und dass du dich, in Regierungsmontur, gegen uns stelltest, erlebten wir in der Anti-Atomkraft-Bewegung, als euer Chef Helmut Schmidt die Kernkraft zur „Schicksalsfrage“ erklärte, in harter Konfrontation mit dem genannten Erhard Eppler, einer der halbwegs Glaubwürdigen.

Dabei hattest du uns während der Ölkrise 1973 im Winter in ungeheizten Schulzimmern frieren lassen, auch wenn wir an den autofreien Sonntagen auf einer Autobahn Rollschuh fahren durften. Einer von Schmidts Durchgriffen, vielleicht war er deshalb bei älteren Damen so beliebt.

Die Verbindungen zur SPD waren eng

Es war eine Zeit enger Verbandelungen, die Jugend tickte links, wir Frauen kämpften gegen den Paragraph 218, wir wollen nicht mehr nach Holland fahren. Manche SPD-Frauen waren unerschrocken. Aber wäre ich je in der SPD gelandet, das muss ich dir gestehen, wäre es ein kurzes Intermezzo geworden. Spätestens der Radikalenerlass, der für viele meiner älteren Kombattant:innen das Karriereende einläutete und auch zum Ausschluss aus den Gewerkschaften führte, hätte mich ausgetrieben. Und als ich 1976 zum ersten Mal an einer Bundestagswahl teilnahm, dräuten schon der Deutsche Herbst und der NATO-Doppelbeschluss.

Deine Haltung zu Atom und Krieg, ein eigenes Kapitel. Ich war immer froh, dass ich derlei nicht in einer Partei ausfechten musste, das zerriss ja nicht nur die SPD, sondern später auch die Grünen. Die friedensbewegte Vorstellung, im Kapitalismus könne es dauerhaften Frieden geben, habe ich nie geteilt. Die militärisch-atomare Befestigung, die du auf den Weg brachtest, unterminierte sogar diesen Status quo.

Gerhard Schröder war die neoliberale Wende für die SPD

Doch das Jahrzehnt zwischen 1980 und 1990 läutete, entgegen aller heutigen Westnostalgie, auch das Ende jenes sozialstaatlichen Kompromisses ein, in dem aufzuwachsen für meine Generation selbstverständlich war. Manchmal erklären wir uns am Telefon überrascht, in welcher Ruhe wir trotz Krisen und aufschäumender Bewegungshochs gelebt haben.

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Und ich frage mich immer, was geworden wäre, wenn nicht Helmut Kohl, sondern Oskar Lafontaines SPD die Einheit konzertiert hätte. Ob ökonomisch-rationale Besonnenheit die emotionale Energie im Osten hätte einfangen können, zusammen mit den Genoss:innen im Osten, die damals noch klingende Namen hatten, die liebste war mir Regine Hildebrandt. Deren Sündenfall war, wie du heute vielleicht einräumen wirst, die „Brandmauer“ gegen die PDS.

Als die Genoss:innen 1989 im Bundestag mit der Union in die Nationalhymne einstimmten, vollzogst auch du deine „nationale Wende“. Und die Erleichterung, zehn Jahre später das Vakuum der Kohl-Ära endlich hinter uns zu lassen, mündete eben nicht in einem Aufbruchsjubel wie 1972. Auf dem neoliberal gedüngten Feld, das Gerhard Schröder dann kreativ bestellte, wuchsen keine Reformkinder aus den Armutszonen mehr heran, sondern im Gegenteil, sie verkümmerten in den Hartz-IV-Schneisen der Arbeitsagenturen.

Das Erbe der SPD? Magere Renten

Und wir? Ein Teil von uns hat reüssiert und ist versorgt, ein anderer blickt auf ein mäanderndes Leben, auf „gebrochene Erwerbsbiografien“ zurück. Hubertus Heil, vielleicht einer der letzten Aufrechten unter euch, wollte noch dafür sorgen, dass es nicht ganz so schlimm wird, aber du, liebe SPD, hattest mit Schröder und Müntefering schon den Rentensockel geschleift.

Deine sicherheitspolitische Wende macht uns nun allen deutlich, dass wir nichts mehr zu erwarten haben. Denn jeder Steuereuro, der vielleicht in den Taschen der Jüngeren bleibt, müssen sie drei oder vier Mal wieder ausgeben, für sich oder uns, in der Apotheke oder für den Pflegedienst. Wir reden wieder darüber, wenn der „Reformsommer“ seine langen Schatten wirft.

Die SPD verspricht heute keinen sozialen Aufstieg mehr

Ich verstehe, wenn sich nun die letzten Getreuen allmählich davonmachen. Und das hat nichts damit zu tun, dass dir „eine Erzählung“ fehlt, dir „die Seele abhandengekommen“ ist oder du dich „tot regiert“ hast. Es hat damit zu tun, dass das Märchen, das du heute erzählen musst, keines mit gutem Ausgang für alle ist. Weil „Aufstieg, Wohlstand und soziale Sicherheit“ angesichts von Klimakrisen und Krieg eine Fata Morgana ist. Weil die Krise der Kapitalverwertung und der digital und KI-gesteuerte Schub zu viele Überflüssige zurücklassen und in Kriegen münden werden.

Als Hoffnungsstern bist du verglüht, als „kleineres Übel“ verbraucht, als Bremserin, die für ein bisschen Alimentation am Wegrand sorgt, einfach nicht mehr stark genug. Neu erfinden könntest du dich heutzutage nur als Vorsatzblatt der Linkspartei, und das braucht niemand. Wenn du noch einmal Lichtgestalt werden willst, müsstest du sie überholen.

Dieser Artikel wurde am 15. April aktualisiert.

Krankenbett die ersten Hochrechnungen zur Landtagswahl in Baden-Württemberg verfolgt habe und der farblose Spitzenkandidat Andreas Stoch beteuerte, er habe „hart gearbeitet“ – wie kann man mit dieser Floskel überhaupt noch unter die Leute gehen –, überkam mich ein seltsames Gefühl. Irgendetwas zwischen Beklemmung, Mitleid und Wehmut.Nichts mehr von der Häme, die ich nach den Wahldebakeln verspürt hatte, als du für Hartz IV verdient abgestraft wurdest, und auch keine achselzuckende Gleichgültigkeit wie nach der letzten Bundestagswahl, als du dich mit deinem desaströsen Kandidatentheater blamiertest. Da war nur Fremdschämen.Die SPD war in Baden-Württemberg nie bedeutendVielleicht ging mir dein Fast-Rauswurf aus dem Landtag in Baden-Württemberg deshalb nahe, weil es die Partei in dem Bundesland, aus dem ich stamme und in dem ich aufgewachsen bin, nie leicht hatte, trotz der großen Industriezentren.In einer Gegend, die fast 60 Jahre finster schwarz – und lange in Alleinherrschaft – regiert wurde und von mindestens zwei Ministerpräsidenten, denen die Hakenkreuznadel noch unterm Revers steckte, war es schon ein Erfolg, wenn Sozialdemokraten ein Drittel der Stimmen erringen konnten. Zuletzt übrigens mit einer inzwischen vergessenen Frau, Ute Vogt. Das war 2001, dann ging es bergab.Carlo Schmid und Erhard Eppler dürften die letzten, weit über die Landesgrenzen ausstrahlenden Galionsfiguren der Südwest-SPD gewesen sein, Walter Riester hat bekanntlich nur ein rentenpolitisches Desaster hinterlassen. Knapp 28.000 Stimmen bei dieser Wahl weniger, und die SPD hätte das Schicksal der Liberalen geteilt.Im Wahlkreis Mannheim I, eine der einstigen sozialdemokratischen Hochburgen, ging nur noch gut die Hälfte der Wählerschaft zur Urne. Aus Mannheim stammt ein Zweig meiner Arbeiterfamilie.Mit der SPD verbanden sich AufstiegshoffnungenNebulöse Erinnerung an den September 1965, Bundestagswahl. Unionskanzler Ludwig Erhard tourt quäkend im Wagen durch unsere Straße, verspricht die „sichere Mark“. Meine Eltern streiten viel, aber selten politisch. Nun kommt es zum Krach zwischen den „kleinen Leuten“, der eine vom Land, erzkonservativ, die andere geprägt vom vermasselten Leben durch den Krieg: „Die Schwarzen, die tun doch nichts für uns. Die lassen uns nur schuften!“ Meine Mutter wählt „rot“, weil sie damals hofft, dass die Sozialdemokraten etwas „für uns tun“, vor allem für ihre „Schlüsselkinder“.Unsereins haust unter der Gaube, Wohnungsnot allenthalben. Wenn der „Ernährer“ krank wird, bricht Lohn weg durch die Karenztage, dann bleibt nur das Pfandleihhaus am Schwabentor, wohin man regelmäßig den Sonntagsanzug trägt. Manchmal gibt’s dann ein Eis für 20 Pfennig.Die Mutter war prägender mit ihrer Aufstiegshoffnung, die für sie nicht mehr einzulösen war. Viel erwartete sie von „denen da oben“ nicht, aber zumindest die Erwartung, dass ihre Kinder, wenn sie sich anstrengten, einmal mehr erreichen würden. Was in einem per se ausgrenzenden Bildungssystem schwer war, denn ich habe als katholisches Mädchen erfahren, dass die damals noch verbindliche Schulempfehlung in einem vom Katholizismus geprägten Umfeld ganz klar vom Status der Eltern abhing. Da gab es Gott und seinen Vertreter, den Kultusminister Hahn in Stuttgart, der ganz klare Vorstellungen davon hatte, auf welchen Platz man gehörte.Ein Kind der BildungsreformDennoch bin ich ein Kind der Bildungsreform geworden, die wir später, als wir uns radikalisierten, mit dem Verdikt „imperialistisch“ versahen, weil sie die ökonomische Expansion Westdeutschlands bediente und nicht unsere Wünsche. Modernisierungsagentur hieß das später in der Soziologie. Was man mit „Durchlässigkeit“ umschrieb, litt jedoch an Verstopfungen, und es war kein Zufall, dass ich mich später oft Älteren anschloss, die auf dem zweiten oder dritten Bildungsweg taumelten.Placeholder image-1Für sie und mich war das 1971 von dir auf den Weg gebrachte Bafög die Grundlage, dass unsere Leistung überhaupt zarte Blüten entfalten konnte. Ohne Schüler-Bafög, was nicht sehr viel war, hätte ich – wenn auch spät – nie ein Gymnasium von innen gesehen und diese Zeilen wohl nie geschrieben.Dafür bin ich dir, liebe SPD, dankbar. Auch wenn die von dir ausgehobene „Bildungsreserve“ ziemlich schnell in der Jugendarbeitslosigkeit der 1970er Jahre landete. Immerhin, dank der von dir angestoßenen Reformen gab es auch keine Karenztage mehr, die Frauen mussten nicht mehr ihren Mann fragen, wenn sie arbeiten gehen wollten, und irgendwann zogen wir sogar in eine Sozialwohnung. Immerhin.Der erste Bruch: Die Atomkraft-FrageVielleicht wäre ich ja als Verkäuferin glücklicher geworden hieß ein Buch, in dem eine Soziologin einmal die Situation von Arbeitertöchtern an der Hochschule erkundete. Die Entfremdung vom Herkunftsmilieu war mir nicht fremd, als ich mich endlich an die Uni traute. Dein Aufstiegsversprechen war fragil, es fehlte an symbolischem Kapital.Und dass du dich, in Regierungsmontur, gegen uns stelltest, erlebten wir in der Anti-Atomkraft-Bewegung, als euer Chef Helmut Schmidt die Kernkraft zur „Schicksalsfrage“ erklärte, in harter Konfrontation mit dem genannten Erhard Eppler, einer der halbwegs Glaubwürdigen.Dabei hattest du uns während der Ölkrise 1973 im Winter in ungeheizten Schulzimmern frieren lassen, auch wenn wir an den autofreien Sonntagen auf einer Autobahn Rollschuh fahren durften. Einer von Schmidts Durchgriffen, vielleicht war er deshalb bei älteren Damen so beliebt.Die Verbindungen zur SPD waren engEs war eine Zeit enger Verbandelungen, die Jugend tickte links, wir Frauen kämpften gegen den Paragraph 218, wir wollen nicht mehr nach Holland fahren. Manche SPD-Frauen waren unerschrocken. Aber wäre ich je in der SPD gelandet, das muss ich dir gestehen, wäre es ein kurzes Intermezzo geworden. Spätestens der Radikalenerlass, der für viele meiner älteren Kombattant:innen das Karriereende einläutete und auch zum Ausschluss aus den Gewerkschaften führte, hätte mich ausgetrieben. Und als ich 1976 zum ersten Mal an einer Bundestagswahl teilnahm, dräuten schon der Deutsche Herbst und der NATO-Doppelbeschluss.Deine Haltung zu Atom und Krieg, ein eigenes Kapitel. Ich war immer froh, dass ich derlei nicht in einer Partei ausfechten musste, das zerriss ja nicht nur die SPD, sondern später auch die Grünen. Die friedensbewegte Vorstellung, im Kapitalismus könne es dauerhaften Frieden geben, habe ich nie geteilt. Die militärisch-atomare Befestigung, die du auf den Weg brachtest, unterminierte sogar diesen Status quo.Gerhard Schröder war die neoliberale Wende für die SPDDoch das Jahrzehnt zwischen 1980 und 1990 läutete, entgegen aller heutigen Westnostalgie, auch das Ende jenes sozialstaatlichen Kompromisses ein, in dem aufzuwachsen für meine Generation selbstverständlich war. Manchmal erklären wir uns am Telefon überrascht, in welcher Ruhe wir trotz Krisen und aufschäumender Bewegungshochs gelebt haben. Placeholder image-2Und ich frage mich immer, was geworden wäre, wenn nicht Helmut Kohl, sondern Oskar Lafontaines SPD die Einheit konzertiert hätte. Ob ökonomisch-rationale Besonnenheit die emotionale Energie im Osten hätte einfangen können, zusammen mit den Genoss:innen im Osten, die damals noch klingende Namen hatten, die liebste war mir Regine Hildebrandt. Deren Sündenfall war, wie du heute vielleicht einräumen wirst, die „Brandmauer“ gegen die PDS.Als die Genoss:innen 1989 im Bundestag mit der Union in die Nationalhymne einstimmten, vollzogst auch du deine „nationale Wende“. Und die Erleichterung, zehn Jahre später das Vakuum der Kohl-Ära endlich hinter uns zu lassen, mündete eben nicht in einem Aufbruchsjubel wie 1972. Auf dem neoliberal gedüngten Feld, das Gerhard Schröder dann kreativ bestellte, wuchsen keine Reformkinder aus den Armutszonen mehr heran, sondern im Gegenteil, sie verkümmerten in den Hartz-IV-Schneisen der Arbeitsagenturen.Das Erbe der SPD? Magere RentenUnd wir? Ein Teil von uns hat reüssiert und ist versorgt, ein anderer blickt auf ein mäanderndes Leben, auf „gebrochene Erwerbsbiografien“ zurück. Hubertus Heil, vielleicht einer der letzten Aufrechten unter euch, wollte noch dafür sorgen, dass es nicht ganz so schlimm wird, aber du, liebe SPD, hattest mit Schröder und Müntefering schon den Rentensockel geschleift.Deine sicherheitspolitische Wende macht uns nun allen deutlich, dass wir nichts mehr zu erwarten haben. Denn jeder Steuereuro, der vielleicht in den Taschen der Jüngeren bleibt, müssen sie drei oder vier Mal wieder ausgeben, für sich oder uns, in der Apotheke oder für den Pflegedienst. Wir reden wieder darüber, wenn der „Reformsommer“ seine langen Schatten wirft.Die SPD verspricht heute keinen sozialen Aufstieg mehrIch verstehe, wenn sich nun die letzten Getreuen allmählich davonmachen. Und das hat nichts damit zu tun, dass dir „eine Erzählung“ fehlt, dir „die Seele abhandengekommen“ ist oder du dich „tot regiert“ hast. Es hat damit zu tun, dass das Märchen, das du heute erzählen musst, keines mit gutem Ausgang für alle ist. Weil „Aufstieg, Wohlstand und soziale Sicherheit“ angesichts von Klimakrisen und Krieg eine Fata Morgana ist. Weil die Krise der Kapitalverwertung und der digital und KI-gesteuerte Schub zu viele Überflüssige zurücklassen und in Kriegen münden werden.Als Hoffnungsstern bist du verglüht, als „kleineres Übel“ verbraucht, als Bremserin, die für ein bisschen Alimentation am Wegrand sorgt, einfach nicht mehr stark genug. Neu erfinden könntest du dich heutzutage nur als Vorsatzblatt der Linkspartei, und das braucht niemand. Wenn du noch einmal Lichtgestalt werden willst, müsstest du sie überholen.Dieser Artikel wurde am 15. April aktualisiert.



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