Ein Blick aus Teheran mit Professor Seyed Mohammad Marandi
Im Live‑Interview „Now Live: Is the War on Iran Really Over?“ mit Professor Seyed Mohammad Marandi, Dozent an der Universität Teheran und langjähriger politischer Analyst, zieht sich ein Faden durch das ganze Gespräch: Der Krieg ist längst nicht vorbei – weder militärisch noch gedanklich. Stattdessen findet er heute auf mehreren Ebenen gleichzeitig statt: in den Straßen und Häfen des Iran, in den Märkten und Regierungen der westlichen Welt und in den Köpfen der Menschen, die tagtäglich mit Propaganda, Kriegsbilder und Fake‑„Friedens“‑Ankündigungen bombardiert werden.
Leben im Krieg: Normalität trotz Blockade
Marandi beschreibt Teheran als eine Stadt, die äußerlich weitgehend normal wirkt. Die Menschen einkaufen, die Kinder gehen zur Schule, die Straßen füllen sich nachts nicht mit Panik, sondern mit solidarischen Kundgebungen zugunsten der iranischen Streitkräfte und der „Achse des Widerstands“. „Teheran ist eine sehr sichere Stadt“, sagt Marandi. „Du kannst nachts allein um 23 oder 24 Uhr durch die Straßen gehen und dich sicher fühlen.“
Gleichzeitig spürt die Bevölkerung die Folgen der Kriegs‑ und Sanktionslage: Die Inflation steigt, Fabriken wurden bombardiert, Medikamenten‑ und Energieversorgung sind angespannt. Doch im Vergleich zu den Erfahrungen in westlichen Metropolen empfindet der Professor die iranische Alltagssicherheit sogar als höher. Die Menschen sind „unerschrocken“, wie er formuliert – sie gehen zur Arbeit, essen, feiern und beten weiter, während im Hintergrund Gerüchte über eine bevorstehende großangelegte Offensive einer „Epstein‑Koalition“ kursieren, die sich offenbar aus den USA, Israel und westlichen Verbündeten zusammensetzt.
Die „Schuldfrage“: Wer ist kriegsfähig – und wer schaut weg?
Für Marandi ist klar: Der Krieg gegen den Iran entsteht nicht aus dem Nichts, sondern als direkte Antwort auf die Kriegspolitik des zionistischen Regimes in Israel und dessen unverhältnislose Unterstützung durch den Westen. Die jüngsten Verbrechen – der längerfristige Genozid in Gaza, der Teile des Gazastreifens quasi vollständig zerstört hat, und die genozidalen Angriffe auf den Süden des Libanon – seien die eigentlichen Auslöser, Iran zu angreifen und zu blockieren.uncutnews+1
Marandi betont, dass diese Kriege medial bewusst heruntergespielt werden: Die westlichen Medien würden von „präzisen Schlägen“ auf „Hisbollah‑Ziele“ sprechen, obwohl es in Wirklichkeit um bombardierte Wohnblocks, Schulen und Familien geht. Die Strategie: „Schau weg, erzähle eine andere Geschichte, und wenn die öffentliche Empörung trotzdem wächst, verharmlose sie mit dem Begriff ‚Waffenstillstand‘, der längst keine reale Wirkung mehr hat.
Warum die Verhandlungen hinfällig sind – und die Blockade bleibt
Aus iranischer Sicht haben die viel diskutierten Verhandlungen zwischen Iran und den USA faktisch gescheitert, weil sie einem grundlegenden Machtmissverhältnis folgen. Die US‑Seite bestehe auf einseitigen Bedingungen, während die iranische Seite – gestützt von der Erfahrung der letzten Jahre – längst verstanden hat, dass jeder einseitige Kompromiss in der Vergangenheit nur zu neuen Angriffen und Druck geführt hat.
Der resultierende Zustand ist kein klassischer Waffenstillstand, sondern ein Krieg im Unterton, ein „Belagerungskrieg“: Die Straße von Hormuz wird faktisch blockiert, iranische Schiffe werden aufgehalten, internationale Schiffsverkehr strömt nur unter strenger Überwachung und teils nach Zahlung geheimer oder indirekter Abgaben in anderen Routen. Für Teheran ist dies ein permanenter Kriegszustand, auch wenn in Washington oder Tel Aviv von „Verhandlungen“ gesprochen wird.
Wie der Westen versucht, die Welt zu blenden
Marandi analysiert den Krieg nicht nur als militärischen Konflikt, sondern auch als Krieg um die Wahrnehmung. Die westliche Öffentlichkeit, so seine These, sei durch Jahrzehnte kapitalistischer Medienkonzentration, akademischer Kooptation und staatlicher Propaganda formbar gemacht worden. Die gleichen oligarchischen Netzwerke, die Medien und Thinktanks steuern, dominierten auch die akademische Ausbildung – und sorgten dafür, dass westliche Narrative Jahrzehnte lang als „universal“ galten.
Das Erwachen kam in den letzten Jahren durch drei Entwicklungen:
- die enorme Masse an Bildern und Videos aus Gaza und dem Libanon, die auch censierten Plattformen wie Instagram oder X nicht komplett verbergen konnten,
- die wachsende Ungleichheit und der Zerfall der westlichen Mittelschicht, die viele Menschen gegenüber ihren eigenen Institutionen skeptischer gemacht hat,
- den Aufstieg nicht‑westlicher Staaten – vor allem Ruslands, Chinas, Teherans und anderer –, die alternative Informationsquellen anbieten.
Dennoch, so Marandi, setzen die etablierten Mächte nicht auf Umkehr, sondern auf Verstärkung: mehr Krieg, mehr Sanktionen, mehr Narrative‑Kontrolle – ein „Doubling down“, das die Spaltung der Gesellschaft und die Wut auf die herrschenden Eliten weiter verschärft.
Kunst und Satire als Widerstandswerkzeuge
Im Interview hebt Marandi besonders die Rolle von Kunst und Satire hervor. Die Host der Show arbeitet mit einer „satirischen“ Brille, die sich ausdrücklich an diejenigen richtet, die sich weigern zu sehen oder zu verstehen – die „Zombies“, wie sie selbst sagen. Satire, Comedy, Kunst und Musik würden Gehirne „aufbrechen“, die sich gegen die Realität abgeschottet haben.
Marandi betont: „Kunst hilft, die Welt zu verstehen – aber sie hilft auch, bei Verstand zu bleiben.“ In einer Realität, in der man jeden Morgen mit neuen Bildern zerrissener Kinder, getöteter Väter und umgebrachter Mütter konfrontiert ist, sei humoristische oder satirische Kritik ein kleines Ventil – und zugleich ein mächtiges politisches Werkzeug, um die Wahrnehmung der Öffentlichkeit zu verändern.
Warum die junge Generation anders reagiert
Die Jugend in vielen westlichen Ländern, so Marandi, reagiert völlig anders auf die Kriegsrealität als die Generationen davor. Die Kombination aus Social‑Media‑Bildern, direkter Solidarität mit den Opfern in Gaza und dem klaren Widerspruch zwischen offiziellen westlichen Erklärungen und den sichtbaren Tatsachen habe dazu geführt, dass viele junge Menschen heute die Seite des Widerstands unterstützen – und nicht länger die offizielle NATO‑Perspektive für die einzig „verlässliche“ halten.uncutnews+1
Mit diesem Wandel würden langsam auch ältere Bevölkerungsgruppen umdenken. „Jeder Tag macht die Menschen wacher als der Tag zuvor“, sagt Marandi. Die alte Logik, dass man sich auf staatlich gesteuerte Nachrichtenkanäle verlassen könne, bricht damit sukzessive auf – und die Kräfte, die daran festhalten, verlieren an Glaubwürdigkeit.uncutnews+1
Fazit: Der Krieg ist nicht vorbei – er ist nur neu verpackt
Laut Marandi ist der Krieg gegen den Iran keineswegs beendet. Er ist vielmehr in verschiedene Formen zerlegt worden:
- ein militärisch‑navaler Konflikt um die Kontrolle der Straße von Hormuz,
- ein wirtschaftlicher Krieg durch Sanktionen, Blockaden und Marktdruck,
- und ein ideologischer Krieg, der die Köpfe der Menschen in Europa und Nordamerika bearbeitet.uncutnewsyoutube
Die iranische Gesellschaft zeigt, trotz Belastung, eine außergewöhnliche Resilienz. Die westliche Gesellschaft dagegen befindet sich in einem Zustand der inneren Zerrissenheit: Die Kluft zwischen denen, die die Kriegsrealität erkennen, und denen, die weiterhin an offiziellen Narrative festhalten, wächst.
Für Zuschauer und Unterstützer im Westen zieht Marandi eine klare Linie: „Der wichtigste Beitrag ist, sich gegen Zionismus und Ethnosuprematismus zu stellen.“ Er ruft dazu auf, Anti‑Genozid‑Proteste auf die Straße zu bringen, alternative Medien zu unterstützen und die Rolle der Kunst und Satire nicht zu unterschätzen – denn sie seien entscheidende Werkzeuge, um die Wahrnehmung der Welt zu verändern und die Kriegskoalition um die USA und Israel zu schwächen.uncutnews+1