Peiman Salehi
Iran hat den Druck nach außen gelenkt und die USA in eine Pause gezwungen, die diese politisch nicht aufrechterhalten können.
Was derzeit als „Waffenstillstand“ zwischen Iran und den USA beschrieben wird, ist in Wirklichkeit etwas weit Zerbrechlicheres und weit Strategischeres: eine vorübergehende Pause in einem andauernden Krieg.
Diese Unterscheidung ist von Bedeutung. Denn während Washington diesen Moment als diplomatische Öffnung darzustellen versucht, betrachtet Teheran ihn zunehmend als Neukalibrierung des Tempos – nicht als Beilegung des Konflikts.
Genau diesen Punkt hat der iranische Chefstratege Mohsen Rezaei kürzlich artikuliert: Was wir derzeit erleben, sei kein Waffenstillstand, sondern ein „militärisches Schweigen“ innerhalb eines aktiven Krieges.
Verhandlungen sind aus dieser Perspektive keine Alternative zum Konflikt, sondern etwas, das sich innerhalb desselben entfaltet. Der aktuelle Moment entspricht dieser Doktrin. Es gibt keine politische Einigung, keine strukturelle Verschiebung der amerikanischen Ziele und keine Anzeichen dafür, dass die grundlegende Auseinandersetzung beigelegt wurde.
Washingtons gescheiterte Wette
Von Anfang an reichte das US-Ziel tiefer als die militärische Eindämmung. Im Kern war die Strategie ideologischer Natur. Washington kalkulierte, dass es durch die Beseitigung der Führung der Islamischen Republik eine Transformation des iranischen politischen Systems selbst auslösen könnte – ersetzt durch einen gefügigeren, „rationaleren“ Akteur, der den westlichen Erwartungen entspricht.
Diese Wette ist gescheitert.
Anstatt eine liberalisierende Wende herbeizuführen, hat sich das Gegenteil ergeben. Irans innere Entwicklung hat sich nicht in Richtung Deeskalation oder ideologischem Kompromiss bewegt. Wenn überhaupt, wurde die Kontinuität gestärkt.
Das System hat bewiesen, dass es sich unter Druck selbst reproduzieren kann – möglicherweise mit Persönlichkeiten, die noch unbeugsamerer Natur sind, den Konflikt persönlicher erleben und weniger zur Konzilianz neigen. Die Erwartung, dass äußerer Druck eine ideologische Veränderung bewirken würde, hat sich als strategische Fehleinschätzung erwiesen.
Die Kostenrechnung verlagert sich nach außen
Irans Kriegsführung hat eine neue Dimension in die Gleichung eingebracht: die Externalisierung der Kosten. Teherans Strategie bestand nicht darin, Schäden zu vermeiden, sondern sie umzuverteilen. Durch das Anvisieren regionaler Dynamiken und die Nutzung seiner geografischen Position – insbesondere durch die Straße von Hormus – hat Iran zu steigenden Energiepreisen und einem breiteren wirtschaftlichen Druck beigetragen.
Die Auswirkungen blieben nicht auf das Schlachtfeld beschränkt. Sie haben sich auf die Weltmärkte ausgeweitet und Treibstoffpreise, Transportkosten und Lieferketten beeinflusst.
Dies hat politische Bedeutung für die USA.
Der Zeitpunkt ist entscheidend. US-Präsident Donald Trump nähert sich dem Ende eines 60-Tage-Fensters, in dem er Militäroperationen ohne zusätzliche Genehmigung des Kongresses aufrechterhalten kann. Innerhalb weniger Tage wird dieses Fenster sich schließen und die Regierung zwingen, für jede weitere Eskalation die Zustimmung von Kongress und Senat einzuholen.
Hinzu kommt eine Überlagerung wirtschaftlicher und politischer Druckfaktoren. Steigende Energiepreise schlagen sich direkt in innenpolitischer Unzufriedenheit nieder. Höhere Kraftstoffkosten erhöhen die Transportausgaben, was wiederum Lebensmittelpreise und die Gesamtinflation beeinflusst.
In einem Moment, in dem die USA sich auf große internationale Ereignisse vorbereiten – darunter die Mitausrichtung der Fußballweltmeisterschaft – und auf die Zwischenwahlen zum Kongress zusteuern, werden die politischen Kosten anhaltender Instabilität zunehmend schwerer beherrschbar.
In diesem Kontext ist die aktuelle „Pause“ zu verstehen. Nicht als Lösung, sondern als vorübergehende Anpassung, bedingt durch äußere Zwänge.
Das bedeutet nicht, dass die USA die Konfrontation aufgeben. Im Gegenteil: Die Logik des Drucks bleibt intakt. Was sich abzuzeichnen scheint, ist eine strategische Pause, die Raum schaffen soll – nicht unbedingt für echte Diplomatie, sondern für eine Neukalibrierung.
Es gibt deutliche Hinweise darauf, dass Washington versucht, die inneren Dynamiken im Iran zu gestalten und Teile des politischen Establishments dazu zu bringen, Verhandlungen als gangbaren Weg zu betrachten.
Araghchis kalkulierte Rundreise
Die jüngste Diplomatietour des iranischen Außenministers Abbas Araghchi – durch Pakistan, Oman und Russland – muss in diesem umfassenderen Rahmen verstanden werden.
In Pakistan scheint das Ziel darin bestanden zu haben, Irans Verhandlungsgrenzen zu bekräftigen und sicherzustellen, dass jedes Engagement in den grundlegenden nationalen Positionen verankert bleibt.
In Oman drehten sich die Gespräche wahrscheinlich um das Management und die mögliche Regulierung der Straße von Hormus – einem entscheidenden Hebel in der gegenwärtigen Konfrontation.
Und in Russland lag der Schwerpunkt offenbar auf langfristiger Koordination für den Fall einer erneuten Eskalation.
Diese Besuche werden häufig eng als diplomatische Kontaktaufnahme im Zusammenhang mit den Verhandlungen mit den USA interpretiert. Diese Lesart greift zu kurz. Sie dienen auch als Vorbereitungsschritte für ein Szenario, in dem der Krieg wieder aufgenommen wird. Der gemeinsame Nenner ist nicht die Verhandlung an sich, sondern die Bereitschaft für mehrere Ausgänge.
Debatte ohne Spaltung
Innerhalb Irans ist die Debatte real. Aber eine Fragmentierung gibt es nicht.
Unterschiede bestehen hinsichtlich Zeitplan und Taktik, nicht hinsichtlich der Natur des Konflikts. Die Entscheidungsfindung bleibt zentralisiert. Der Oberste Nationale Sicherheitsrat gibt die Linie vor.
Manche argumentieren, dass die aktuelle militärische Positionierung Raum für Verhandlungen eröffnet. Andere lehnen jede Pause ab, die den Druck auf Washington und Tel Aviv mindert.
Aus dieser Perspektive ist anhaltender Druck – insbesondere über die Energiemärkte – die einzige Sprache, die die USA verstehen.
Beide Seiten sind sich in einem Punkt einig: Die USA werden sich ohne Kosten nicht bewegen. Die Meinungsverschiedenheit betrifft die Frage, wie diese aufzuerlegen sind.
Araghchis fortgesetzte Bezugnahmen auf Diplomatie mit Trump – auch in jüngsten Äußerungen – spiegeln diese Spannung wider. Für manche Beobachter scheint eine solche Botschaft nicht im Einklang mit der übergeordneten Entwicklung des Konflikts zu stehen. Angesichts der historischen Bilanz der US-Politik gegenüber Iran wird die Erwartung, dass Diplomatie allein eine dauerhafte Lösung herbeiführen könnte, mit Skepsis betrachtet.
Verhandlungen innerhalb des Krieges
Die Befürchtung ist nicht, dass Verhandlungen grundsätzlich fehlerhaft sind, sondern dass sie als Endpunkt missverstanden werden könnten statt als Bestandteil einer umfassenderen Strategie.
Genau hier wird das Konzept der „Verhandlungen innerhalb des Krieges“ bedeutsam.
Werden Verhandlungen ohne Druck geführt, riskieren sie, bestehende Machtungleichgewichte zu verfestigen. Finden sie innerhalb einer aktiven Konfrontation statt, können sie als Instrumente der Hebelwirkung fungieren. Die aktuelle Pause ist daher nicht neutral. Sie hat Verteilungseffekte: Sie mindert den unmittelbaren Druck auf externe Akteure, schafft aber gleichzeitig Anreize für innere Debatten innerhalb Irans.
Nach der Pause
Die Wahrscheinlichkeit einer erneuten Eskalation bleibt hoch, denn strukturell wurde nichts gelöst, und das grundlegende US-Ziel – die Umgestaltung der ideologischen Ausrichtung Irans – bleibt fest verankert, ebenso wie die Druckmechanismen, die den Konflikt von Beginn an geprägt haben.
Was sich verändert hat, ist der Zeitpunkt, nicht die Absicht. Washington verschiebt Entscheidungen, anstatt sie aufzugeben, und steuert den politischen Kalender ebenso wie das Schlachtfeld selbst.
Die Periode nach den amerikanischen Zwischenwahlen wird entscheidend sein – wenn die innenpolitischen Zwänge nachlassen und der Anreiz, den Druck wieder zu erhöhen, mit geringeren unmittelbaren politischen Kosten zurückkehrt.
Die entscheidende Variable ist – wie von Anfang an – der Preis.
Solange die globalen wirtschaftlichen Auswirkungen der Eskalation beherrschbar bleiben, bleibt die Schwelle für eine erneute Konfrontation relativ niedrig. Erst wenn der Preis – insbesondere auf den Energiemärkten und für die innenpolitische Stabilität – auf ein nicht mehr tragbares Niveau steigt, beginnt eine echte Abschreckung Gestalt anzunehmen.
Dies ist die ungelöste Gleichung im Kern des Konflikts.
Das Scheitern der USA bei der Erreichung ihres ideologischen Ziels verlängert den Krieg und treibt ihn auf eine andere Bahn.
Diese Pause spiegelt eine Verschiebung in der Art und Weise wider, wie der Konflikt gehandhabt wird – mit einer Verlagerung des Drucks, nicht seiner Verringerung.
Und in diesem Sinne ist der Krieg nicht beendet. Er hat lediglich eine neue Phase eingeläutet.