Die Literaturkritikerin Iris Radisch spricht über die Sexismus‑Debatte um Denis Scheck, Marcel Reich-Ranicki, die heutige Dominanz von Frauen im Betrieb und das tödliche Zählen von Klicks
„Hätte ich Frau Passmann oder Frau Kürthy verrissen, hätte das auch so eine Welle gemacht“, fragt sich die Literaturkritikerin Irisch Radisch
Foto: Roman Pawlowski
Als Institution der deutschen Literaturkritik hat Iris Radisch schon viele Debatten erlebt. Sie war Teil des Literarischen Quartetts mit Marcel Reich-Ranicki, jahrelang Literatur- und Feuilletonchefin der Wochenzeitung Die Zeit und ist Autorin diverser Bücher. Gerade schreibt sie am letzten Kapitel ihres Rilke-Porträts und moderiert regelmäßig den Podcast Was liest du gerade?.
Was denkt sie über die Sexismus-Debatte um Denis Scheck? Ein Gespräch über die Krisen und Hoffnungen der Literaturkritik, ihre Beziehung zu Reich-Ranicki – und welche Schriftsteller sie nicht mehr grüßen.
der Freitag: Frau Radisch, was haben Sie zuletzt richtig gern gelesen?
Iris Radisch: Den Roman Flesh, auf Deutsch Was nicht gesagt werden kann von David Szalay, der Gott sei Dank vergangenes Jahr den Booker Prize gewonnen hat. Eine irre Geschichte ist das. In seiner Lakonie hat mich das Buch umgehauen, ich hatte wirklich nochmal ein Leseerlebnis wie bei Albert Camus damals. Szalay erzählt eine Auswanderergeschichte, die einen mitnimmt und dabei stilistisch brillant ist. Bei der Lektüre wurde ich überrascht, ich habe so etwas noch nie gelesen – und das bleibt für mich immer das wichtigste Kriterium.
Wie schön, dass Sie nach 40 Jahren als Literaturkritikerin immer noch solche Momente erleben! Spricht das auch für eine stetige Qualität der Gegenwartsliteratur?
Auf jeden Fall, der Fluss an interessanter Literatur reißt nie ab. Natürlich gab es mal Phasen oder Jahre, in denen mich in der deutschen Gegenwartsliteratur nichts richtig überwältigt hat, aber dann war da immer noch die riesengroße internationale Auswahl. Die Produktion bleibt kreativ, es kommen immer neue Talente, neue Genies. Wenn wir über Literatur sprechen, bin ich überhaupt keine Kulturpessimistin.
Literaturproduktion ruft Literaturkritik hervor, und um letztere gab es kürzlich Ärger. Was sagen Sie zu der Sexismus-Debatte um Denis Scheck?
Der Schein trügt. Wenn man die zwei Beispiele – seinen Verriss von Sophie Passmann und Ildikó von Kürthy – isoliert betrachtet, klingt es in der Tat so, als würden da Frauen in einer schärferen Sprache angegriffen als Männer. Aber wenn man sich Schecks Besprechungen der Spiegel-Bestseller-Listen in the long run anschaut, ergibt sich ein anderes Bild. Die Bestseller von Sebastian Fitzek etwa kritisiert er in aller Spitzenheftigkeit.
Also diese Debatte krankt an mangelndem Kontext. Natürlich kann man sein Format an sich nicht mögen, ich für meinen Teil finde diesen literaturkritischen Warentest aber einen sehr nützlichen Service. Es ist eine Leistung, so pointiert Argumente für oder gegen die großen Bestseller zu finden, und Denis Scheck ist ein ausgewiesen guter Literaturkritiker. Dass Elke Heidenreich und andere nun sogar eine Einstellung der ARD-Sendung Druckfrisch fordern, ist ein Armutszeugnis. Heidenreich hat jede Möglichkeit, Gegenkritik anzubringen, und wir brauchen solche literarischen Aufreger auch dringend in der Öffentlichkeit. Es ist gut, wenn über Bücher gestritten wird. Verbote sind der falsche Weg.
Dass Denis Scheck Reich-Ranickis Großkritiker-Geste selbstironisch aufnimmt, finde ich nur charmant
Stellt sich die Frage, ob der Verriss als literaturkritische Kategorie allgemein vom Aussterben bedroht ist.
Ja wollen wir denn Literaturkritik, oder nur noch reine Buchempfehlungen? Das ist ein großer Unterschied. Ich verstehe ja, dass AutorInnen lieber unterstützt als verrissen werden wollen. Aber darf ich deswegen nicht mehr mit meinem klassischen literaturkritischen Blick beispielsweise die Romane einer Caroline Wahl besprechen? Weil es sich um eine junge Autorin handelt, die endlich ihren großen Erfolg haben will? Meine Position ist da eindeutig: Nein, natürlich muss ich das!
Sie beklagen einen zunehmenden „Inhaltismus“, also die Tendenz, in eine journalistische Buchbesprechung nicht mehr als eine Inhaltsangabe und ein paar positive Phrasen zu investieren. Ist das ein Problem der jungen Generation?
Nein, ich würde das nicht als Generationenfrage sehen. Es gab schon immer Kritiker, die ungern Verrisse geschrieben haben und lieber emphatische Inhaltsangaben, anstatt Bücher als echte Kunstwerke ernst zu nehmen. Das ist auch kein Problem, solange die klassische Kritik daneben weiter existiert. Das ist aber zunehmend nicht mehr so. Allerdings hatten wir früher paradiesische Zustände, was den Platz für Literaturkritik in der Zeitung anging.
Den Luxus, dass alle Kulturformate gleichberechtigt und ausgiebig nebeneinander existieren können, haben wir verloren. Das betrifft auch das Fernsehen, die Sendeplätze sind so klein geworden, von der alten Debattenkultur ist nur noch das Literarische Quartett mit Thea Dorn geblieben – verkürzt und mitten in der Nacht.
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Im Jahr 2000 ersetzten Sie Sigrid Löffler im „Literarischen Quartett“, nachdem diese im Streit mit Marcel Reich-Ranicki die Sendung verlassen hatte. Damals sahen kritische Stimmen ihn als zu dominant. Sehen Sie da eine Parallele zur Debatte um Scheck?
Dieser Eklat um Haruki Murakami damals war unangenehm mitanzusehen, die beiden haben sich richtig gefetzt, und man sollte bei einer literaturkritischen Auseinandersetzung niemals so persönlich verletzend werden, wie es da geschah. Aber ich muss sagen, ich habe dieses Quartett auch als Teilnehmerin geliebt und finde, die Kritik an Reich-Ranicki als autoritärer Großkritiker, der niemandem mehr zuhören wollte, greift viel zu kurz. Ich habe ihn kennengelernt als jemanden, der nicht nur die Literatur liebt, sondern auch den Streit. Seine Urteile waren immer auch als Herausforderung gemeint: Komm, widersprich mir doch!
Er hat mich manchmal abends angerufen, um stundenlang über Bücher zu reden, und ist erst dann richtig in Fahrt gekommen, wenn man auf seine steilen Vorlagen aufgesprungen ist und Kontra gab. Reich-Ranicki wollte die literarische Debatte, den literarischen Salon, er war Teil der Gruppe 47, da wurde gestritten wie die Kesselflicker. Dass Denis Scheck diese Großkritiker-Geste jetzt selbstironisch aufnimmt, finde ich nur charmant. Polemik ist immer auch eine Aufforderung zum Streiten, zum Weiterdenken, zum Weiterreden. Was kann es Lebendigeres geben?
Was haben wir denn davon, wenn Männer keine Bücher mehr von Frauen verreißen dürfen?
Debatten darum, was Literaturkritik darf und was nicht, kehren also immer wieder. Was folgt denn aus ihnen?
Leider haben diese Debatten zunehmend identitätspolitischen Charakter, was ich sehr schade finde. In der Hinsicht bin ich vielleicht doch ein wenig kulturpessimistisch, weil ich fürchte, dass dieses Problem uns noch lange begleiten wird. In identitätspolitisch korrekten Debatten unterhalten sich nur noch diejenigen miteinander, die sich sowieso schon verstehen.
Statt einer Streitkultur im Sinne Marcel Reich-Ranickis wird so eine Blasenkultur kultiviert. Hätte ich Frau Passmann oder Frau Kürthy verrissen, hätte das auch so eine Welle gemacht? Ich glaube nicht. Aber was haben wir denn davon, wenn Männer keine Bücher mehr von Frauen verreißen dürfen? Oder wir uns nicht mehr generationenübergreifend austauschen können? Hinzu kommt dieser Altersrassismus: Ach, der Denis Scheck ist schon 60, der soll jetzt mal die Klappe halten. Was soll das? Das macht unsere Gesprächskultur doch nur ärmer, das macht uns als Menschen ärmer.
Wie viel Macht haben Literaturkritiker?
Nicht mehr so viel. Aber ich trauere den alten Zeiten, in denen sich eine Handvoll männlicher Großkritiker die Macht teilen, auch nicht hinterher. Es war damals für mich persönlich manchmal furchtbar, nur von Männern umgeben zu sein, und ich empfinde es ein Stück weit als ausgleichende Gerechtigkeit, dass heute Frauen den Literaturbetrieb dominieren.
Es geht mir nur darum, dass eine Gesprächskultur, aber auch die Kritik an sich bestehen bleibt, und dazu gehört eben der Verriss. Wenn man heute die Kulturseiten aufschlägt, dominiert die Empfehlung. Es darf nicht zur Monokultur werden, nur noch nachzuerzählen, was im Buch passiert oder Autoren einen netten Hausbesuch abzustatten. Das wäre eine Verarmung der Kulturkritik, denn dann geht es nur noch um eine Vermarktung des Autors.
Die Vermarktung des Autors spielt zum Beispiel auf BookTok eine Rolle. Mein Eindruck ist, es geht dort weniger um tiefsinnige literarische Besprechungen als um eine Weiterempfehlung von Autoren, die die RezensentIn persönlich kennt oder die eine große digitale Präsenz haben.
Ja, natürlich muss man in dieser Debatte einen gewissen Shift im Zeitgeist mitbetrachten. Es kann sein, dass viele heute nicht mehr auf dieses alte Großkritikergehabe stehen oder sogar Angst haben, die Verantwortung für einen Verriss zu übernehmen. Ein wichtiger Unterschied zu früher ist aber auch der Wandel des Literaturbetriebs. Der war schon immer klein, man läuft überall wieder denselben Leuten über den Weg. Aber das Angebot an Lesungen, Moderationen und Festivals ist heute größer, ich würde sogar von einem System der Verbandelung sprechen, was Kritiker vorsichtiger werden lässt.
Als ich angefangen habe, gab es noch nicht so viele Begegnungsorte. Heute gibt es Überschneidungen, die problematisch sein können. Zum Beispiel finde ich es schrecklich, wenn KritikerInnen einen Autor bei einer Veranstaltung moderieren und hinterher eine Rezension schreiben – denn dann sind sie in ihrer Beurteilung nicht mehr frei. Marcel Reich-Ranicki war in der Regel nicht befreundet mit den Schriftstellern, deren Bücher er besprach. Natürlich saß er auch auf allen Bühnen, aber als Kritiker blieb er solitär und war keine Betriebsnudel. Während die Literaturkritik implodiert, ist der Kulturbetrieb inzwischen explodiert. Das hat strukturelle Folgen, die den kritischen Geist vielleicht abschleifen.
Ich plädiere dafür, die LeserInnen kuratiert zu überfordern
Sind Sie denn schon mal einem Autor begegnet, nachdem Sie ihn in der Zeitung verrissen haben?
Klar, und das konnte unangenehm sein, aber auch lustig. Den Schweizer Schriftsteller Paul Nizon habe ich mal ganz böse verrissen und traf ihn hinterher auf einem Literatur-Event. Ich war damals noch sehr jung und er kam auf mich zu und sagte: „Wenn Sie ein Mann wären, würde ich Sie jetzt niederschlagen“. Das hatte irgendwie trotzdem noch eine gewisse Höflichkeit.
Und Herta Müller sagt mir seit Jahrzehnten nicht mehr Hallo, weil ich ihren Roman Atemschaukel kritisiert habe. Damit muss ich leben, und ich verstehe, dass ein Verriss kränken kann. Als ich 1990 frisch bei der Zeit war, gab es diese riesige Debatte um Christa Wolf, woraufhin sie bei einem Treffen zu mir meinte: „Mit Ihnen spreche ich nicht“. Dabei hatte ich gar nichts zu dem Thema geschrieben, aber als DDR-Autorin fühlte sie sich verständlicherweise von sämtlichen West-Medien verletzt.
Was können wir tun, damit Literaturkritik wieder relevanter wird?
Nicht nachgeben. Bloß nicht sagen, ach, die anspruchsvolle Literatur klickt nicht gut, dann machen wir jetzt nur noch Mainstream. Das ist genau der falsche Weg, weil dann alles nur noch langweiliger und unbedarfter wird. Literaturkritik kann wieder attraktiv werden über den Widerstand: Gegen Trends halten, kritisch bleiben, weiter debattieren, Platz für ungewöhnliche Formate bieten. Es gibt viele Formate in vielen Medien, aber ich kann sie kaum auseinanderhalten.
Wir müssen der Homogenisierung etwas entgegensetzen, und das funktioniert sicher nicht durch dieses tödliche Zählen von Klicks. Wenn man nur nach Klicks geht, ähneln sich die Inhalte automatisch. Um interessant zu bleiben, brauchen wir das Störende, sollten wir Lesern ruhig etwas zutrauen, und nicht immer gleich zurückzucken aus Angst, etwas könnte falsch aufgenommen werden. Ich plädiere dafür, die LeserInnen kuratiert zu überfordern: Eine verstiegene Überforderung ist Quatsch, man soll nicht abgehoben klingen und ich bin sehr für Unterhaltung in der Literaturkritik.
Aber dieser Stich Überforderung und ein Schuss Polemik – wenn das wegfällt, wird es einfach nur noch grau und öde. Es ist eine Mutfrage, erstmal durchzuhalten, wenn ein Format nicht gleich tausend Klicks bekommt. Aber es lohnt sich. Sonst verlieren wir am Ende alle.
Iris Radisch war von 1992 bis 2013 Literaturchefin der Zeit . Von 2013 bos 2021 leitete sie mit Adam Soboczynski das Feuilleton des Blattes. Im Oktober erscheint zur Buchmessee ihr neues Buch Du musst das Leben nicht verstehen. Rilkes Tage und Träume (Rowohlt)
Iris Radisch: Den Roman Flesh, auf Deutsch Was nicht gesagt werden kann von David Szalay, der Gott sei Dank vergangenes Jahr den Booker Prize gewonnen hat. Eine irre Geschichte ist das. In seiner Lakonie hat mich das Buch umgehauen, ich hatte wirklich nochmal ein Leseerlebnis wie bei Albert Camus damals. Szalay erzählt eine Auswanderergeschichte, die einen mitnimmt und dabei stilistisch brillant ist. Bei der Lektüre wurde ich überrascht, ich habe so etwas noch nie gelesen – und das bleibt für mich immer das wichtigste Kriterium.Wie schön, dass Sie nach 40 Jahren als Literaturkritikerin immer noch solche Momente erleben! Spricht das auch für eine stetige Qualität der Gegenwartsliteratur?Auf jeden Fall, der Fluss an interessanter Literatur reißt nie ab. Natürlich gab es mal Phasen oder Jahre, in denen mich in der deutschen Gegenwartsliteratur nichts richtig überwältigt hat, aber dann war da immer noch die riesengroße internationale Auswahl. Die Produktion bleibt kreativ, es kommen immer neue Talente, neue Genies. Wenn wir über Literatur sprechen, bin ich überhaupt keine Kulturpessimistin.Literaturproduktion ruft Literaturkritik hervor, und um letztere gab es kürzlich Ärger. Was sagen Sie zu der Sexismus-Debatte um Denis Scheck?Der Schein trügt. Wenn man die zwei Beispiele – seinen Verriss von Sophie Passmann und Ildikó von Kürthy – isoliert betrachtet, klingt es in der Tat so, als würden da Frauen in einer schärferen Sprache angegriffen als Männer. Aber wenn man sich Schecks Besprechungen der Spiegel-Bestseller-Listen in the long run anschaut, ergibt sich ein anderes Bild. Die Bestseller von Sebastian Fitzek etwa kritisiert er in aller Spitzenheftigkeit.Also diese Debatte krankt an mangelndem Kontext. Natürlich kann man sein Format an sich nicht mögen, ich für meinen Teil finde diesen literaturkritischen Warentest aber einen sehr nützlichen Service. Es ist eine Leistung, so pointiert Argumente für oder gegen die großen Bestseller zu finden, und Denis Scheck ist ein ausgewiesen guter Literaturkritiker. Dass Elke Heidenreich und andere nun sogar eine Einstellung der ARD-Sendung Druckfrisch fordern, ist ein Armutszeugnis. Heidenreich hat jede Möglichkeit, Gegenkritik anzubringen, und wir brauchen solche literarischen Aufreger auch dringend in der Öffentlichkeit. Es ist gut, wenn über Bücher gestritten wird. Verbote sind der falsche Weg.Dass Denis Scheck Reich-Ranickis Großkritiker-Geste selbstironisch aufnimmt, finde ich nur charmantStellt sich die Frage, ob der Verriss als literaturkritische Kategorie allgemein vom Aussterben bedroht ist. Ja wollen wir denn Literaturkritik, oder nur noch reine Buchempfehlungen? Das ist ein großer Unterschied. Ich verstehe ja, dass AutorInnen lieber unterstützt als verrissen werden wollen. Aber darf ich deswegen nicht mehr mit meinem klassischen literaturkritischen Blick beispielsweise die Romane einer Caroline Wahl besprechen? Weil es sich um eine junge Autorin handelt, die endlich ihren großen Erfolg haben will? Meine Position ist da eindeutig: Nein, natürlich muss ich das! Sie beklagen einen zunehmenden „Inhaltismus“, also die Tendenz, in eine journalistische Buchbesprechung nicht mehr als eine Inhaltsangabe und ein paar positive Phrasen zu investieren. Ist das ein Problem der jungen Generation?Nein, ich würde das nicht als Generationenfrage sehen. Es gab schon immer Kritiker, die ungern Verrisse geschrieben haben und lieber emphatische Inhaltsangaben, anstatt Bücher als echte Kunstwerke ernst zu nehmen. Das ist auch kein Problem, solange die klassische Kritik daneben weiter existiert. Das ist aber zunehmend nicht mehr so. Allerdings hatten wir früher paradiesische Zustände, was den Platz für Literaturkritik in der Zeitung anging.Den Luxus, dass alle Kulturformate gleichberechtigt und ausgiebig nebeneinander existieren können, haben wir verloren. Das betrifft auch das Fernsehen, die Sendeplätze sind so klein geworden, von der alten Debattenkultur ist nur noch das Literarische Quartett mit Thea Dorn geblieben – verkürzt und mitten in der Nacht.Placeholder image-1Im Jahr 2000 ersetzten Sie Sigrid Löffler im „Literarischen Quartett“, nachdem diese im Streit mit Marcel Reich-Ranicki die Sendung verlassen hatte. Damals sahen kritische Stimmen ihn als zu dominant. Sehen Sie da eine Parallele zur Debatte um Scheck?Dieser Eklat um Haruki Murakami damals war unangenehm mitanzusehen, die beiden haben sich richtig gefetzt, und man sollte bei einer literaturkritischen Auseinandersetzung niemals so persönlich verletzend werden, wie es da geschah. Aber ich muss sagen, ich habe dieses Quartett auch als Teilnehmerin geliebt und finde, die Kritik an Reich-Ranicki als autoritärer Großkritiker, der niemandem mehr zuhören wollte, greift viel zu kurz. Ich habe ihn kennengelernt als jemanden, der nicht nur die Literatur liebt, sondern auch den Streit. Seine Urteile waren immer auch als Herausforderung gemeint: Komm, widersprich mir doch!Er hat mich manchmal abends angerufen, um stundenlang über Bücher zu reden, und ist erst dann richtig in Fahrt gekommen, wenn man auf seine steilen Vorlagen aufgesprungen ist und Kontra gab. Reich-Ranicki wollte die literarische Debatte, den literarischen Salon, er war Teil der Gruppe 47, da wurde gestritten wie die Kesselflicker. Dass Denis Scheck diese Großkritiker-Geste jetzt selbstironisch aufnimmt, finde ich nur charmant. Polemik ist immer auch eine Aufforderung zum Streiten, zum Weiterdenken, zum Weiterreden. Was kann es Lebendigeres geben?Was haben wir denn davon, wenn Männer keine Bücher mehr von Frauen verreißen dürfen?Debatten darum, was Literaturkritik darf und was nicht, kehren also immer wieder. Was folgt denn aus ihnen?Leider haben diese Debatten zunehmend identitätspolitischen Charakter, was ich sehr schade finde. In der Hinsicht bin ich vielleicht doch ein wenig kulturpessimistisch, weil ich fürchte, dass dieses Problem uns noch lange begleiten wird. In identitätspolitisch korrekten Debatten unterhalten sich nur noch diejenigen miteinander, die sich sowieso schon verstehen.Statt einer Streitkultur im Sinne Marcel Reich-Ranickis wird so eine Blasenkultur kultiviert. Hätte ich Frau Passmann oder Frau Kürthy verrissen, hätte das auch so eine Welle gemacht? Ich glaube nicht. Aber was haben wir denn davon, wenn Männer keine Bücher mehr von Frauen verreißen dürfen? Oder wir uns nicht mehr generationenübergreifend austauschen können? Hinzu kommt dieser Altersrassismus: Ach, der Denis Scheck ist schon 60, der soll jetzt mal die Klappe halten. Was soll das? Das macht unsere Gesprächskultur doch nur ärmer, das macht uns als Menschen ärmer.Wie viel Macht haben Literaturkritiker?Nicht mehr so viel. Aber ich trauere den alten Zeiten, in denen sich eine Handvoll männlicher Großkritiker die Macht teilen, auch nicht hinterher. Es war damals für mich persönlich manchmal furchtbar, nur von Männern umgeben zu sein, und ich empfinde es ein Stück weit als ausgleichende Gerechtigkeit, dass heute Frauen den Literaturbetrieb dominieren.Es geht mir nur darum, dass eine Gesprächskultur, aber auch die Kritik an sich bestehen bleibt, und dazu gehört eben der Verriss. Wenn man heute die Kulturseiten aufschlägt, dominiert die Empfehlung. Es darf nicht zur Monokultur werden, nur noch nachzuerzählen, was im Buch passiert oder Autoren einen netten Hausbesuch abzustatten. Das wäre eine Verarmung der Kulturkritik, denn dann geht es nur noch um eine Vermarktung des Autors.Die Vermarktung des Autors spielt zum Beispiel auf BookTok eine Rolle. Mein Eindruck ist, es geht dort weniger um tiefsinnige literarische Besprechungen als um eine Weiterempfehlung von Autoren, die die RezensentIn persönlich kennt oder die eine große digitale Präsenz haben.Ja, natürlich muss man in dieser Debatte einen gewissen Shift im Zeitgeist mitbetrachten. Es kann sein, dass viele heute nicht mehr auf dieses alte Großkritikergehabe stehen oder sogar Angst haben, die Verantwortung für einen Verriss zu übernehmen. Ein wichtiger Unterschied zu früher ist aber auch der Wandel des Literaturbetriebs. Der war schon immer klein, man läuft überall wieder denselben Leuten über den Weg. Aber das Angebot an Lesungen, Moderationen und Festivals ist heute größer, ich würde sogar von einem System der Verbandelung sprechen, was Kritiker vorsichtiger werden lässt.Als ich angefangen habe, gab es noch nicht so viele Begegnungsorte. Heute gibt es Überschneidungen, die problematisch sein können. Zum Beispiel finde ich es schrecklich, wenn KritikerInnen einen Autor bei einer Veranstaltung moderieren und hinterher eine Rezension schreiben – denn dann sind sie in ihrer Beurteilung nicht mehr frei. Marcel Reich-Ranicki war in der Regel nicht befreundet mit den Schriftstellern, deren Bücher er besprach. Natürlich saß er auch auf allen Bühnen, aber als Kritiker blieb er solitär und war keine Betriebsnudel. Während die Literaturkritik implodiert, ist der Kulturbetrieb inzwischen explodiert. Das hat strukturelle Folgen, die den kritischen Geist vielleicht abschleifen.Ich plädiere dafür, die LeserInnen kuratiert zu überfordernSind Sie denn schon mal einem Autor begegnet, nachdem Sie ihn in der Zeitung verrissen haben?Klar, und das konnte unangenehm sein, aber auch lustig. Den Schweizer Schriftsteller Paul Nizon habe ich mal ganz böse verrissen und traf ihn hinterher auf einem Literatur-Event. Ich war damals noch sehr jung und er kam auf mich zu und sagte: „Wenn Sie ein Mann wären, würde ich Sie jetzt niederschlagen“. Das hatte irgendwie trotzdem noch eine gewisse Höflichkeit.Und Herta Müller sagt mir seit Jahrzehnten nicht mehr Hallo, weil ich ihren Roman Atemschaukel kritisiert habe. Damit muss ich leben, und ich verstehe, dass ein Verriss kränken kann. Als ich 1990 frisch bei der Zeit war, gab es diese riesige Debatte um Christa Wolf, woraufhin sie bei einem Treffen zu mir meinte: „Mit Ihnen spreche ich nicht“. Dabei hatte ich gar nichts zu dem Thema geschrieben, aber als DDR-Autorin fühlte sie sich verständlicherweise von sämtlichen West-Medien verletzt.Was können wir tun, damit Literaturkritik wieder relevanter wird?Nicht nachgeben. Bloß nicht sagen, ach, die anspruchsvolle Literatur klickt nicht gut, dann machen wir jetzt nur noch Mainstream. Das ist genau der falsche Weg, weil dann alles nur noch langweiliger und unbedarfter wird. Literaturkritik kann wieder attraktiv werden über den Widerstand: Gegen Trends halten, kritisch bleiben, weiter debattieren, Platz für ungewöhnliche Formate bieten. Es gibt viele Formate in vielen Medien, aber ich kann sie kaum auseinanderhalten.Wir müssen der Homogenisierung etwas entgegensetzen, und das funktioniert sicher nicht durch dieses tödliche Zählen von Klicks. Wenn man nur nach Klicks geht, ähneln sich die Inhalte automatisch. Um interessant zu bleiben, brauchen wir das Störende, sollten wir Lesern ruhig etwas zutrauen, und nicht immer gleich zurückzucken aus Angst, etwas könnte falsch aufgenommen werden. Ich plädiere dafür, die LeserInnen kuratiert zu überfordern: Eine verstiegene Überforderung ist Quatsch, man soll nicht abgehoben klingen und ich bin sehr für Unterhaltung in der Literaturkritik.Aber dieser Stich Überforderung und ein Schuss Polemik – wenn das wegfällt, wird es einfach nur noch grau und öde. Es ist eine Mutfrage, erstmal durchzuhalten, wenn ein Format nicht gleich tausend Klicks bekommt. Aber es lohnt sich. Sonst verlieren wir am Ende alle.