Mit vier Schüssen wird Lorenz A. im vergangenen Jahr hinterrücks von einem Polizeibeamten in Oldenburg niedergeschossen und erliegt später seinen Verletzungen. Während sich der Fall von Lorenz in eine lange Serie rassistischer Polizeigewalt mit tödlichem Ausgang in Deutschland einreiht und einmal mehr den strukturellen Rassismus innerhalb der Polizei aufzeigt, pocht diese jedoch stets auf die Einzelfalllogik.

Seither kämpft der Chemie-Student und Aktivist Suraj Mailitafi gegen die Erzählungen der Polizei und für Gerechtigkeit für Lorenz A. und seine Familie. Im Gespräch mit dem Freitag berichtet er über seinen Aktivismus, über die Täter-Opfer-Umkehr der Polizei und über die Verantwortung der Medien.

der Freitag: Ein Jahr nach den tödlichen Schüssen auf Lorenz A. war auch ein Jahr, in dem Sie, die Angehörigen und viele in der Oldenburger Stadtgesellschaft sich mit rassistischer und tödlicher Polizeigewalt auseinandergesetzt haben. Wie geht es Ihnen damit?

Suraj Mailitafi: Das Jahr war ein ständiger Kampf, schon seit Tag eins für Gerechtigkeit. In diesen zwölf Monaten war nicht nur ich gefordert, sondern vor allem die Angehörigen, die nicht die Zeit gefunden haben, zu trauern, sondern direkt in diesen Kampf um Aufklärung reingehen mussten. Nach einem Jahr sieht man, dass auf landespolitischer Ebene, aber auch juristisch nicht so viel passiert ist.

Wir haben ganz klare Forderungen formuliert, die von Innenministerin Daniela Behrens, von den politischen Verantwortlichen nicht ernst genommen werden. Es werden sogar eher Tatsachen zurückgewiesen, es gäbe keinen Rassismus bei der Polizei, heißt es dann. Trotzdem haben wir einiges erreicht, wir halten den politischen Druck zum Beispiel aufrecht, ohne uns gäbe es gar keine Anklage gegen den Polizisten, der auf Lorenz geschossen hat. Es ist aber vor allem erstaunlich, wie schnell das Jahr rumgegangen ist.

Der Polizeipräsident von Oldenburg, Andreas Sagehorn, wirbt seit einem Jahr verstärkt für Vertrauen in die Polizeiarbeit. Was würden Sie ihm begegnen?

Ich finde das unglaublich. Gerade ist eher Mistrauen da. Man kann darüber hinaus kein Vertrauen schaffen, indem man Rassismus nicht anerkennt. Fehler werden nicht eingesehen, noch nicht mal reflektiert, geschweige denn konkrete Schritte gewagt. Das, was ich vor allem von Herrn Sagehorn höre, ist, dass die Anfeindungen gegenüber der Polizei vermehrt auftreten würden.

Um wessen Befindlichkeiten geht es hier in diesem konkreten Fall? Die Polizei hat das Gewaltmonopol, steht immer auf der mächtigen Seite. Da findet eine Verschiebung des Diskurses statt, die ich als Täter-Opfer-Umkehr interpretiere. Es sollte um Lorenz gehen, der von einem Polizisten mit mehreren Schüssen von hinten getötet wurde.

Woher kommt die Tendenz bei der Polizei, sich selbst als Opfer darzustellen?

Das ist ein Versuch, abzulenken und den Polizisten als Opfer darzustellen. Der Versuch wirkt zumindest bei vielen, die ich kenne, nicht. Gerade wenn es um Schüsse geht, wird das oft als Einzelfall behandelt. Es wird nicht als System betrachtet. Wir kritisieren das System hinter dem einzelnen Polizisten.

Lorenz ist das Opfer. Es gibt zwei Täter: mutmaßlich den Polizisten, der geschossen hat, und das System, das diese Gewalt zulässt. Es geht oft um Ablenkungen, dabei braucht es Mitgefühl für jemanden, der erschossen wurde. Oft bleibt es nicht mal nur bei der Täter-Opfer-Umkehr: Lorenz wird darüber hinaus ständig kriminalisiert.

Patrick Seegers von der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG) in Niedersachsen nutzt den Fall von Lorenz A. seit einem Jahr, um für die Anschaffung von Tasern für die Polizei zu werben. Ist das ein gangbarer Weg?

Ich bin komplett dagegen, der Polizei eine weitere Waffe zu geben, um noch mehr Gewalt zu erzeugen. Unsere Initiative lehnt das strikt ab. Im Fall von Lorenz müssen wir sagen, dass die Beweislage besser wäre, wenn die Bodycams eingeschaltet gewesen wären. Es gibt keine Zeug*innen, die die Schüsse konkret beobachtet haben. Nur die Polizist*innen waren dort und auf die Aussagen der Polizei vertrauen wir nicht. Es wäre gut gewesen, Videomaterial zu haben.

Es gibt in Niedersachsen eine Gesetzesinitiative, Bodycams einzuführen, die automatisch eingeschaltet werden, wenn die Waffe gezogen wird.

Bodycams für eine bessere Beweislage: gut. Gleichzeitig sage ich, wir müssen die Gewalt an sich verhindern, wir müssen über strukturellen Rassismus bei der Polizei sprechen, über Denkmuster und Narrative unter Polizist*innen. Der Fall von Lorenz wird dafür benutzt, um noch mehr Waffen einzukaufen. Das lehnen wir ab.

Marginalisierte Gruppen sind überproportional von tödlicher Polizeigewalt betroffen. Das können wir nicht einfach so hinnehmen

Der Initiative und allgemein polizeikritischem Aktivismus wird von Seiten der Innenpolitik und der Polizei vorgeworfen, sie würden realitätsfern argumentieren und sich nicht um den Alltag von Polizist*innen kümmern.

Durch das Handeln der Polizei werden Menschen erschossen: Menschen in psychischen Krisen, Schwarze Menschen, People of Color, Geflüchtete. Wir müssen uns als Gesellschaft fragen: Wollen wir das so hinnehmen? Unsere Antwort ist klar: Nein. Wir wollen Sicherheit für alle. Ich hoffe nicht, dass es im Sinne der Polizei ist, Menschen zu erschießen. Marginalisierte Gruppen sind überproportional von tödlicher Polizeigewalt betroffen. Das können wir nicht einfach so hinnehmen.

Sie haben wiederkehrend auch die Berichterstattung zum Fall Lorenz kritisiert. Was stört Sie konkret daran?

Er wird immer wieder kriminalisiert. Das Narrativ des „Messermanns“ wurde sehr stark am Anfang genutzt, um die Schüsse zu rechtfertigen. Lorenz hat die Polizisten nie mit einem Messer angegriffen. Das wurde am Anfang von einigen Medien in die Welt gesetzt, später teilweise korrigiert. Aber trotzdem ist es in den Köpfen der Menschen geblieben. Wenn ich jetzt, ein Jahr nach dem Tod von Lorenz, auf sozialen Medien ein Video veröffentliche, lautet meist der erste Kommentar so: „Der hat doch die Polizisten mit einem Messer angegriffen!“ Das stimmt einfach nicht.

Da sieht man, wie mächtig ein Narrativ sein kann. Im Kontext des Todestags wurden vor allem Polizisten interviewt. In vielen Berichten fehlen die Perspektiven von Betroffenen komplett. Da frage ich mich schon, ob man uns verarschen will. Es kann nicht sein, dass der Polizei eine Plattform geboten wird, wo sie sich wieder als Opfer inszenieren kann.

Haben Sie ein aktuelles Beispiel dafür?

Es gab zum Todestag ein Interview im NDR mit einem Polizeigewerkschafter: sechs Minuten lang, im Fernsehen eine Ewigkeit. In dem Interview hat er Lügen über Lorenz verbreitet. Er hat ihn als Straftäter dargestellt, ohne eine kritische Nachfrage oder Einordnung durch die Journalisten. Lorenz ist kein Straftäter, wurde nie verurteilt. Viele Journalist*innen sehen die Polizei als eine vermeintlich neutrale Quelle. Die Polizei ist keine neutrale Quelle. Das sollten Journalist*innen wissen.

Was in Oldenburg auffällt ist, dass überall in der Stadt Spuren des Protests zu sehen sind. Graffiti oder Tags werden seit einem Jahr nicht entfernt, es gibt einen Gedenkort. Was hat dieses Jahr mit der Stadtgesellschaft gemacht?

Ich sehe einerseits von Rassismus betroffene Menschen, die sagen, es hätte jeden von uns treffen können und uns überrascht das alles nicht. Andererseits sehe ich weiße Menschen, die sich wundern, dass es in Oldenburg passiert ist. Gleichzeitig sagen viele von ihnen: Ich habe mich noch nie mit dem Thema auseinandergesetzt, ich habe nie über Rassismus gesprochen, und jetzt ist es fast jeden Tag Thema am Esstisch, am Arbeitsplatz, in der Schule.

Es ist positiv, dass weiße Menschen jetzt anfangen, sich mit diesem Thema kritisch zu beschäftigen. Das hat auch viel damit zu tun, dass Lorenz jemand war, der von sehr vielen gemocht wurde. Er hat Basketball gespielt, Fußball gespielt. Er war ein bekanntes Gesicht in Oldenburg.

Wie fühlen sich junge rassifizierte Menschen in der Stadt?

Freunde von Lorenz vermeiden es, in die Innenstadt zu gehen oder nachts unterwegs zu sein. Es ist sehr schade, wenn das die Konsequenz wäre, sich aus der Stadtgesellschaft zurückzuziehen. Wir versuchen in Oldenburg Räume für sie zu schaffen. Wir haben zum Beispiel den Verein „Black Youth“ gegründet, wo junge Schwarze Menschen sich austauschen können. Ich sehe es aber vor allem als Aufgabe der Stadt Oldenburg, des Oberbürgermeisters Jürgen Krogmann, sich zu kümmern. Er hat bis heute nicht mit uns gesprochen. Man kann auch mal ein bisschen Mitgefühl zeigen und sich für die jungen Menschen einsetzen.

Der angeschuldigte Polizist ist auf freiem Fuß, die Strafkammer in Oldenburg verschiebt aus Kapazitätsgründen den Prozessbeginn immer weiter nach hinten. Wie finden Sie es, dass der Prozess noch nicht mal angefangen hat.

Das ist nicht hinnehmbar. Es ist bisher nichts juristisch aufgeklärt. Es ist zumindest komisch, dass der Fall nicht priorisiert wird. Es darf nicht sein, dass der Fall einer Kammer zugewiesen wird, die überlastet ist. Das schafft kein Vertrauen ins Gericht. Die Perspektive von Lorenz’ Mutter ist hier am wichtigsten: Sie hat ihr einziges Kind verloren und sie wartet nach einem Jahr immer noch darauf, dass sich irgendetwas bewegt – während der Polizist zuhause bei vollem Gehalt chillen kann.

Suraj Mailitafi studiert Chemie und ist politischer Aktivist und Content-Creator. Er setzt sich aktiv für Antirassismus, Chancengerechtigkeit und Nachhaltigkeit ein und ist Sprecher der „Initiative Gerechtigkeit für Lorenz“ in Oldenburg.

28;hlungen der Polizei und für Gerechtigkeit für Lorenz A. und seine Familie. Im Gespräch mit dem Freitag berichtet er über seinen Aktivismus, über die Täter-Opfer-Umkehr der Polizei und über die Verantwortung der Medien.der Freitag: Ein Jahr nach den tödlichen Schüssen auf Lorenz A. war auch ein Jahr, in dem Sie, die Angehörigen und viele in der Oldenburger Stadtgesellschaft sich mit rassistischer und tödlicher Polizeigewalt auseinandergesetzt haben. Wie geht es Ihnen damit?Suraj Mailitafi: Das Jahr war ein ständiger Kampf, schon seit Tag eins für Gerechtigkeit. In diesen zwölf Monaten war nicht nur ich gefordert, sondern vor allem die Angehörigen, die nicht die Zeit gefunden haben, zu trauern, sondern direkt in diesen Kampf um Aufklärung reingehen mussten. Nach einem Jahr sieht man, dass auf landespolitischer Ebene, aber auch juristisch nicht so viel passiert ist.Wir haben ganz klare Forderungen formuliert, die von Innenministerin Daniela Behrens, von den politischen Verantwortlichen nicht ernst genommen werden. Es werden sogar eher Tatsachen zurückgewiesen, es gäbe keinen Rassismus bei der Polizei, heißt es dann. Trotzdem haben wir einiges erreicht, wir halten den politischen Druck zum Beispiel aufrecht, ohne uns gäbe es gar keine Anklage gegen den Polizisten, der auf Lorenz geschossen hat. Es ist aber vor allem erstaunlich, wie schnell das Jahr rumgegangen ist.Der Polizeipräsident von Oldenburg, Andreas Sagehorn, wirbt seit einem Jahr verstärkt für Vertrauen in die Polizeiarbeit. Was würden Sie ihm begegnen?Ich finde das unglaublich. Gerade ist eher Mistrauen da. Man kann darüber hinaus kein Vertrauen schaffen, indem man Rassismus nicht anerkennt. Fehler werden nicht eingesehen, noch nicht mal reflektiert, geschweige denn konkrete Schritte gewagt. Das, was ich vor allem von Herrn Sagehorn höre, ist, dass die Anfeindungen gegenüber der Polizei vermehrt auftreten würden.Um wessen Befindlichkeiten geht es hier in diesem konkreten Fall? Die Polizei hat das Gewaltmonopol, steht immer auf der mächtigen Seite. Da findet eine Verschiebung des Diskurses statt, die ich als Täter-Opfer-Umkehr interpretiere. Es sollte um Lorenz gehen, der von einem Polizisten mit mehreren Schüssen von hinten getötet wurde.Woher kommt die Tendenz bei der Polizei, sich selbst als Opfer darzustellen?Das ist ein Versuch, abzulenken und den Polizisten als Opfer darzustellen. Der Versuch wirkt zumindest bei vielen, die ich kenne, nicht. Gerade wenn es um Schüsse geht, wird das oft als Einzelfall behandelt. Es wird nicht als System betrachtet. Wir kritisieren das System hinter dem einzelnen Polizisten.Lorenz ist das Opfer. Es gibt zwei Täter: mutmaßlich den Polizisten, der geschossen hat, und das System, das diese Gewalt zulässt. Es geht oft um Ablenkungen, dabei braucht es Mitgefühl für jemanden, der erschossen wurde. Oft bleibt es nicht mal nur bei der Täter-Opfer-Umkehr: Lorenz wird darüber hinaus ständig kriminalisiert.Patrick Seegers von der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG) in Niedersachsen nutzt den Fall von Lorenz A. seit einem Jahr, um für die Anschaffung von Tasern für die Polizei zu werben. Ist das ein gangbarer Weg?Ich bin komplett dagegen, der Polizei eine weitere Waffe zu geben, um noch mehr Gewalt zu erzeugen. Unsere Initiative lehnt das strikt ab. Im Fall von Lorenz müssen wir sagen, dass die Beweislage besser wäre, wenn die Bodycams eingeschaltet gewesen wären. Es gibt keine Zeug*innen, die die Schüsse konkret beobachtet haben. Nur die Polizist*innen waren dort und auf die Aussagen der Polizei vertrauen wir nicht. Es wäre gut gewesen, Videomaterial zu haben.Es gibt in Niedersachsen eine Gesetzesinitiative, Bodycams einzuführen, die automatisch eingeschaltet werden, wenn die Waffe gezogen wird.Bodycams für eine bessere Beweislage: gut. Gleichzeitig sage ich, wir müssen die Gewalt an sich verhindern, wir müssen über strukturellen Rassismus bei der Polizei sprechen, über Denkmuster und Narrative unter Polizist*innen. Der Fall von Lorenz wird dafür benutzt, um noch mehr Waffen einzukaufen. Das lehnen wir ab.Marginalisierte Gruppen sind überproportional von tödlicher Polizeigewalt betroffen. Das können wir nicht einfach so hinnehmenDer Initiative und allgemein polizeikritischem Aktivismus wird von Seiten der Innenpolitik und der Polizei vorgeworfen, sie würden realitätsfern argumentieren und sich nicht um den Alltag von Polizist*innen kümmern.Durch das Handeln der Polizei werden Menschen erschossen: Menschen in psychischen Krisen, Schwarze Menschen, People of Color, Geflüchtete. Wir müssen uns als Gesellschaft fragen: Wollen wir das so hinnehmen? Unsere Antwort ist klar: Nein. Wir wollen Sicherheit für alle. Ich hoffe nicht, dass es im Sinne der Polizei ist, Menschen zu erschießen. Marginalisierte Gruppen sind überproportional von tödlicher Polizeigewalt betroffen. Das können wir nicht einfach so hinnehmen.Sie haben wiederkehrend auch die Berichterstattung zum Fall Lorenz kritisiert. Was stört Sie konkret daran?Er wird immer wieder kriminalisiert. Das Narrativ des „Messermanns“ wurde sehr stark am Anfang genutzt, um die Schüsse zu rechtfertigen. Lorenz hat die Polizisten nie mit einem Messer angegriffen. Das wurde am Anfang von einigen Medien in die Welt gesetzt, später teilweise korrigiert. Aber trotzdem ist es in den Köpfen der Menschen geblieben. Wenn ich jetzt, ein Jahr nach dem Tod von Lorenz, auf sozialen Medien ein Video veröffentliche, lautet meist der erste Kommentar so: „Der hat doch die Polizisten mit einem Messer angegriffen!“ Das stimmt einfach nicht.Da sieht man, wie mächtig ein Narrativ sein kann. Im Kontext des Todestags wurden vor allem Polizisten interviewt. In vielen Berichten fehlen die Perspektiven von Betroffenen komplett. Da frage ich mich schon, ob man uns verarschen will. Es kann nicht sein, dass der Polizei eine Plattform geboten wird, wo sie sich wieder als Opfer inszenieren kann.Haben Sie ein aktuelles Beispiel dafür?Es gab zum Todestag ein Interview im NDR mit einem Polizeigewerkschafter: sechs Minuten lang, im Fernsehen eine Ewigkeit. In dem Interview hat er Lügen über Lorenz verbreitet. Er hat ihn als Straftäter dargestellt, ohne eine kritische Nachfrage oder Einordnung durch die Journalisten. Lorenz ist kein Straftäter, wurde nie verurteilt. Viele Journalist*innen sehen die Polizei als eine vermeintlich neutrale Quelle. Die Polizei ist keine neutrale Quelle. Das sollten Journalist*innen wissen.Was in Oldenburg auffällt ist, dass überall in der Stadt Spuren des Protests zu sehen sind. Graffiti oder Tags werden seit einem Jahr nicht entfernt, es gibt einen Gedenkort. Was hat dieses Jahr mit der Stadtgesellschaft gemacht?Ich sehe einerseits von Rassismus betroffene Menschen, die sagen, es hätte jeden von uns treffen können und uns überrascht das alles nicht. Andererseits sehe ich weiße Menschen, die sich wundern, dass es in Oldenburg passiert ist. Gleichzeitig sagen viele von ihnen: Ich habe mich noch nie mit dem Thema auseinandergesetzt, ich habe nie über Rassismus gesprochen, und jetzt ist es fast jeden Tag Thema am Esstisch, am Arbeitsplatz, in der Schule.Es ist positiv, dass weiße Menschen jetzt anfangen, sich mit diesem Thema kritisch zu beschäftigen. Das hat auch viel damit zu tun, dass Lorenz jemand war, der von sehr vielen gemocht wurde. Er hat Basketball gespielt, Fußball gespielt. Er war ein bekanntes Gesicht in Oldenburg.Wie fühlen sich junge rassifizierte Menschen in der Stadt?Freunde von Lorenz vermeiden es, in die Innenstadt zu gehen oder nachts unterwegs zu sein. Es ist sehr schade, wenn das die Konsequenz wäre, sich aus der Stadtgesellschaft zurückzuziehen. Wir versuchen in Oldenburg Räume für sie zu schaffen. Wir haben zum Beispiel den Verein „Black Youth“ gegründet, wo junge Schwarze Menschen sich austauschen können. Ich sehe es aber vor allem als Aufgabe der Stadt Oldenburg, des Oberbürgermeisters Jürgen Krogmann, sich zu kümmern. Er hat bis heute nicht mit uns gesprochen. Man kann auch mal ein bisschen Mitgefühl zeigen und sich für die jungen Menschen einsetzen.Der angeschuldigte Polizist ist auf freiem Fuß, die Strafkammer in Oldenburg verschiebt aus Kapazitätsgründen den Prozessbeginn immer weiter nach hinten. Wie finden Sie es, dass der Prozess noch nicht mal angefangen hat.Das ist nicht hinnehmbar. Es ist bisher nichts juristisch aufgeklärt. Es ist zumindest komisch, dass der Fall nicht priorisiert wird. Es darf nicht sein, dass der Fall einer Kammer zugewiesen wird, die überlastet ist. Das schafft kein Vertrauen ins Gericht. Die Perspektive von Lorenz’ Mutter ist hier am wichtigsten: Sie hat ihr einziges Kind verloren und sie wartet nach einem Jahr immer noch darauf, dass sich irgendetwas bewegt – während der Polizist zuhause bei vollem Gehalt chillen kann.



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