In Kürze:

  • Kleidung und Verhalten sind Ausdruck von Haltung und Respekt.
  • Umgangsformen verlieren durch zunehmenden Individualismus an Bedeutung.
  • Mehr Rücksicht und Bewusstsein stärken das gesellschaftliche Miteinander.

 

Dem Chanel-Modeschöpfer Karl Lagerfeld (1933–2019) wird folgendes – inzwischen berühmt gewordenes – Zitat zugeschrieben: „Wer eine Jogginghose trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren.“ Genau so hat er es wohl nicht gesagt, aber sinngemäß gemeint. Denn von ihm ist laut seinem Biografen Alfons Kaiser folgende Aussage überliefert: „Jogginghosen sind das Zeichen einer Niederlage. Man hat die Kontrolle über sein Leben verloren, und dann geht man eben in Jogginghosen auf die Straße.“

Sich selbst vor der Katze nicht gehen lassen

Gegenüber Markus Lanz äußerte Lagerfeld im Jahr 2012 in einer TV-Sendung auf die Frage, ob er manchmal Jogginghosen trage: „Nein. Weil man das nicht kontrollieren kann. Ich trage nur Kleidung, bei der man genau weiß, wie weit man gehen kann. Die Sachen aus Stretch, Gummiband und all so’n Quatsch sollte man nie anziehen. Denn enge Kleidung ist besser als eine Waage, denn ein Hosenbund kann nicht lügen.“ Für Lagerfeld ging die Selbstdisziplin zu Hause sogar so weit, dass er glaubte, „man dürfe sich selbst vor seiner Katze nicht gehen lassen“.

Jonathan Lösel, der Vorsitzende des Deutschen Knigge-Rats in Bamberg, meint dazu: „Die Jogginghose ist ästhetisch oft herausfordernd. Sie zeichnet Körperproportionen selten vorteilhaft nach, gibt wenig Kontur und wirkt dadurch schnell nachlässig statt bewusst lässig. Kleidung ist nie neutral – sie sendet immer eine Botschaft.“

Wer war Knigge?

Der Deutsche Knigge-Rat tritt nach eigenen Angaben für eine „Renaissance der Werte“ ein. Dies soll „in Verbindung mit zeitgemäßen Umgangsformen und deren Umsetzung im Alltag“ geschehen. Die Vereinigung beruft sich auf Adolph Freiherr Knigge (1752–1796) und dessen bis heute als Benimmratgeber beachtetes Hauptwerk „Über den Umgang mit Menschen“ aus dem Jahr 1788.
Knigge ging es dabei nicht um eine Auflistung von Tischmanieren oder die Frage, ob man eine Kartoffel mit der Gabel zerdrückt oder sie mit dem Messer schneidet. Vielmehr betrachtete er Wertschätzung füreinander und respektvolles Verhalten als Grundlage für ein gelingendes Miteinander – in der Gesellschaft, in der Politik, in der Familie und in jedem Lebensbereich, erklärt der Knigge-Rat auf seiner Website.

Heute wird Knigges Name oft fälschlicherweise als Synonym für starre Benimmregeln und gesellschaftliche Etikette verwendet. Doch dem Freiherrn Knigge ging es um eine grundsätzliche Lebenseinstellung: „Die Pflichten gegen uns selbst sind die wichtigsten und ersten, also der Umgang mit unsrer eigenen Person“, lautete einer seiner Leitsätze. An anderer Stelle mahnte Knigge: „Sorge für die Gesundheit deines Leibes und deiner Seele; aber verzärtle beide nicht“ sowie „Respektiere dich selbst, wenn du willst, dass andere dich respektieren sollen“.

Kleidung als Kommunikationsmittel

Es ging dem weltberühmten Knigge also in erster Linie um Selbstachtung – ein Gedanke, der auch Lagerfeld wichtig war. Dazu zählt ganz offensichtlich auch, wie man sich kleidet, sowohl in den eigenen vier Wänden als auch im öffentlichen Raum.

Der Knigge-Rat-Vorsitzende Lösel meint mit Blick auf die Gegenwart: „In den eigenen vier Wänden haben wir die Freiheit, uns zu kleiden, wie wir möchten. Es gibt kein Publikum, keine Erwartung, keine unmittelbare Botschaftspflicht. In dem Moment jedoch, in dem wir den privaten Raum verlassen oder andere Menschen empfangen, verändert sich die Situation: Kleidung wird zum Kommunikationsmittel.“

Lösel ist überzeugt, dass Kleidung „unser Selbstverständnis und unser Stilbewusstsein widerspiegelt und zugleich die Wertschätzung gegenüber unserem Gegenüber zum Ausdruck bringt“. Am Ende bleibe als zentrale Frage für jeden Einzelnen: „Bin ich mir der Wirkung bewusst, die ich erzeuge?“

Wie sieht für den Knigge-Rat eine ideale Kleidung für Herren, Damen und Kinder in der Freizeit aus? Lösel betont: „Kleidung spricht, bevor wir ein Wort sagen: darüber, wie wir uns selbst sehen, welchen Wert wir uns beimessen und mit welcher Haltung wir unserem Gegenüber begegnen.“ Sich allein auf Komfort zu berufen, wie es in der Freizeit häufig geschieht, greife seiner Meinung nach zu kurz.

„Wer etwa in Jogginghose zu einer Hochzeit erscheint, sendet eine klare Botschaft: Er entzieht sich dem feierlichen Rahmen und wird weder dem Anlass noch dem gastgebenden Paar gerecht – mit spürbaren Auswirkungen auf die Beziehungsebene“, so der Knigge-Rat-Vorsitzende. Lösel spricht sich daher klar für „stilvolle Freizeitkleidung“ aus. Sie vereine „Authentizität und Angemessenheit“, bringe die eigene Persönlichkeit zum Ausdruck und zeuge von Wertschätzung gegenüber anderen.

Tischmanieren: Vorgelebt durch Erwachsene

Danach gefragt, ab welchem Alter Kinder mit Messer und Gabel essen können sollten, sagt der Benimmexperte: „Kinder entwickeln diese Kompetenz im sozialen Miteinander: durch gemeinsame Mahlzeiten in der Familie und das bewusste Vorleben der Erwachsenen.“

Elterliche Präsenz, klare Orientierung und ein unterstützender Rahmen stärken dabei nicht nur die motorische Entwicklung, sondern vermitteln zugleich Werte wie Rücksichtnahme, Aufmerksamkeit und Selbstständigkeit.

Die Kernfamilie sei dafür „die prägendste Instanz“. Denn bereits in den ersten Lebensjahren lege sie das Fundament für Verhalten, Haltung und soziale Kompetenz, so Lösel. Mit Messer und Gabel zu essen, gehört für ihn zudem „zu den wirkungsvollsten motorischen Übungen und unterstützt beispielsweise das spätere Schreibenlernen“.

Es sei daher sinnvoll, diese Kompetenzen bereits im Kindergartenalter zu entwickeln. Mit dem Schuleintritt sollten Kinder seiner Meinung nach die Fähigkeit, mit Besteck zu essen, sicher beherrschen.

Pizza und Pommes mit der Hand oder mit der Gabel essen?

Zu der inzwischen weitverbreiteten Gewohnheit, Pizza und Pommes frites mit der Hand zu essen, erklärt Lösel, dass es auf den Kontext ankomme. In einem Fünf-Sterne-Restaurant sei das Essen mit den Fingern „unschicklich“. An der Pommesbude oder bei Streetfood hingegen sei das Essen mit der Hand „selbstverständlich“, zumal dies oft die einzig praktikable Lösung darstelle.

Auftreten im öffentlichen Raum

Wenn ein Müllbehälter in einem Park überfüllt ist, man aber seinen eigenen Müll entsorgen möchte, wie sollte man sich verhalten? Verantwortungsvoll sei es, sich entweder einen anderen Mülleimer zu suchen oder den eigenen Abfall wieder mitzunehmen. „Das ist kein großer Aufwand“, meint Lösel. „Unser Verhalten wirkt immer auch als Vorbild. Genau hier entscheidet sich, wie unsere Umgebung am Ende aussieht.“

Ist laute Musik eine Belästigung oder muss man sie hinnehmen?

Wenn Musik andere Menschen beeinträchtigt, „wird sie zur Respektlosigkeit“, ist Lösel überzeugt.

Er erklärt diese Entwicklung auch mit Blick auf die vergangenen Jahrzehnte. Ein zunehmender Individualismus habe „unseren Blick stärker auf uns selbst gelenkt“. Dabei sei ein Teil „des feinen Gespürs für die Bedürfnisse anderer“ verloren gegangen. Gerade im öffentlichen Raum zeige sich Haltung darin, ob man „andere mitdenkt“. Gesellschaft funktioniere nur im Miteinander. Dafür sei „wieder mehr Aufmerksamkeit, Rücksicht und ein echtes Gespür für den anderen“ nötig.

Lösels Fazit: „Sei selbst der Mensch, dem du gerne begegnen möchtest.“

Egoismus hat zugenommen

Generell beobachtet der Knigge-Experte derzeit nicht nur einen oberflächlichen Wandel der Umgangsformen, sondern eine tieferliegende kulturelle Verschiebung. Er stellt fest: „Unsere Gesellschaft richtet ihren Blick zunehmend vom Miteinander auf das Ich. Der Wahrnehmungskorridor verengt sich und fokussiert stärker auf das eigene Empfinden, auf Bedürfnisse, Befindlichkeiten und Selbstverwirklichung.“

Wenn darüber das Feingespür für andere Menschen verloren gehe und Menschen vor allem um sich selbst kreisten, gerate „etwas aus dem Gleichgewicht“.

Was die „Verschiebung auf der Werteebene“ angeht, stellt Lösel fest: „Das gemeinsame Fundament, das eine Gesellschaft trägt, tritt zunehmend aus dem Bewusstsein. Umgangsformen sind keine bloßen Konventionen oder ästhetischen Nebensächlichkeiten; sie sind sichtbarer Ausdruck unseres Menschenbildes und unseres Verständnisses von Würde.“

Verblasse dieses Bewusstsein, verliere auch das intuitive Gespür für das, was „man einfach nicht macht“, seine Selbstverständlichkeit. „Und genau hier entscheidet sich, wie tragfähig unser gesellschaftliches Miteinander in Zukunft sein wird“, ist Lösel überzeugt.

„Gespür verloren gegangen“

Und er kritisiert: „Uns ist vielfach das Gespür für die Bedeutungstiefe von Handlungen und Formen verloren gegangen.“ Jede Geste, jede Ansprache sende ein Signal – sowohl über die eigene Person als auch über den Wert, der anderen Menschen beigemessen werde.

„Umgangsformen sind daher niemals bloße Äußerlichkeiten, sondern verdichtete Botschaften“, sagt Lösel. Wer ihre Symbolkraft verstehe, handle bewusster und verantwortungsvoller und baue dadurch Vertrauen auf.

Allgemein anerkannte Umgangsformen geben seiner Meinung nach Orientierung und Sicherheit. Sie ermöglichten es zudem, sich in unterschiedlichsten Situationen souverän und wertschätzend zu bewegen.

Wer sie beherrscht, wird nicht eingeengt, sondern gewinnt an Freiheit, weil Klarheit entsteht und im Zwischenmenschlichen nicht ständig alles neu ausgehandelt werden muss.

Er stellt eine Grundsatzfrage: „Verwechseln wir Freiheit nicht zu oft mit Grenzenlosigkeit?“, und gibt selbst die Antwort: „Wo Leitplanken fehlen, entsteht keine Weite, sondern Unsicherheit.“

Manieren seien kulturell bewährte Formen des Umgangs. Sie hätten sich über lange Zeit hinweg als tragfähig erwiesen, weil sie einem grundlegenden Bedürfnis dienen, nämlich dem Wunsch, gesehen und in seiner Würde geachtet zu werden.

„Rekultivierung gemeinsamer Werte“

Lösels Appell: „Ich werbe deshalb für eine Rekultivierung unserer gemeinsamen Werte – nicht mit einem moralischen Zeigefinger, sondern als Einladung. Verantwortung tragen wir alle: in Politik, Öffentlichkeit und im Privaten – nicht nur durch das, was wir sagen, sondern auch durch das, was wir unwidersprochen stehen lassen.“

Und er ermutigt dazu, dass jeder für sich den ersten Schritt wagt und selbst zu der Person wird, der er gern begegnen möchte.



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