Wie selten Kinder und Jugendliche systematisch mitgedacht werden, irritiert mich im Diskurs um Gewaltschutz, gerade auch im Kontext geschlechtsspezifischer Gewalt, immer wieder. Das ist nicht nur eine Leerstelle, sondern ein strukturelles Problem in der Art, wie wir Prävention verstehen.
Ich erinnere mich an einen 15-jährigen Jungen in meiner Kanzlei, der in der Schule zunehmend als „auffällig“ beschrieben wurde. Hinter dieser Zuschreibung zeigte sich ein Alltag, der von dauerhafter Unsicherheit geprägt war: beengte Wohnverhältnisse, finanzielle Engpässe, ein familiäres Umfeld im permanenten Überforderungszustand und wenig Raum für Stabilität oder Entlastung.
Der Junge reagierte mit Rückzug und gleichzeitig mit aggressiven Ausbrüchen im sozialen Umfeld. In der Schule hatte er viele Konflikte auszutragen und war im Alltag schnell überfordert. In Beziehungen schwankte er zwischen Kontrolle, Gewalt und Rückzug. Es war keine individuelle „Störung“, sondern eine Reaktion auf die chronische Unsicherheit und fehlende soziale Stabilität in seinem Leben.
Gewalt ist kein isoliertes Ereignis und auch kein individuelles Phänomen, das sich losgelöst von Lebensrealitäten erklären ließe. Sie ist eingebettet in soziale Ungleichheiten und Machtverhältnisse. Und in die Frage, wer gehört wird, wessen Grenzen gelten, wer über Ressourcen verfügt und wer nicht.
Menschen werden weder als Täter noch als Betroffene geboren; ihre Handlungsspielräume, Bewältigungsstrategien und auch Grenzüberschreitungen entwickeln sich in konkreten sozialen Kontexten.
Wie Gewalt entsteht
Diese Machtverhältnisse zeigen sich früh: in ungleichen Rollenbildern, die Verhalten und Anpassung unterschiedlich fordern; in Armut, die Teilhabe begrenzt; in Rassismus und anderen Formen der Diskriminierung, die festlegen, wessen Erfahrungen zählen; und in Institutionen wie Schule oder Jugendhilfe, die Schutz bieten können, aber auch Ungleichheiten verstärken. All das prägt, wie Kinder und Jugendliche Konflikte wahrnehmen. Sie lernen, welche Möglichkeiten sie haben und wie Gewalt sichtbar wird oder im Verborgenen bleibt.
Das Beispiel des Jungen aus meinem Büro zeigt, wie schnell solche Geschichten in der Öffentlichkeit auf das Individuum reduziert werden, während seine Lebensumstände kaum Beachtung finden.
Die aktuelle Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) zur Kinder- und Jugendkriminalität wird oft als Zeichen für einen Rückgang oder eine Entspannung gewertet, besonders im Vergleich zu den auffälligen Entwicklungen während der Corona-Jahre. Doch diese Schwankungen lassen sich nur im Kontext der sozialen Bedingungen verstehen.
Während der Pandemie waren zentrale soziale Räume zeitweise geschlossen oder unzugänglich: Schulen, Freizeitangebote, Jugendzentren, informelle Treffpunkte und Teile der Jugendhilfe. Gleichzeitig nahmen familiäre Belastungen, Unsicherheiten und soziale Isolation spürbar zu, vor allem in ohnehin schwierigen Lebensverhältnissen. Ich denke an Kinder und Jugendliche, die auf engste Räume zurückgeworfen wurden – genau jene Orte, an denen Überforderung, Konflikte und Gewalt kaum abgefedert werden konnten.
Die drohenden Kürzungen in der Jugendhilfe sind dramatisch
Dass sich in dieser Phase Konflikte anders verdichten und sichtbar werden als in Phasen stabiler öffentlicher und institutioneller Räume, ist kein individuelles Phänomen, sondern ein struktureller Effekt. Wenn sich diese Räume wieder öffnen, sagt das oft weniger über Jugend als über die Verfügbarkeit von Unterstützung, Bildung und sozialer Infrastruktur.
Gerade vor diesem Hintergrund ist das vom Paritätischen Gesamtverband veröffentlichte interne Arbeitspapier dramatisch, die drohenden Kürzungen bei Leistungen für Kinder, Jugendliche, Familien und Menschen mit Behinderungen sind keine haushaltstechnische Randfrage, sondern eine politische Entscheidung darüber, wie viel Schutz, Stabilität und Teilhabe Kinder und Jugendliche in dieser Gesellschaft noch haben.
Wir können Gewaltprävention nicht unabhängig von Sozialpolitik begreifen. Wenn Gewaltschutz erst dort ansetzt, wo Gewalt bereits verfestigt ist, etwa bei erwachsenen Tätern, ist das zwar notwendig, aber reaktiv und in vieler Hinsicht zu spät. Eine nachhaltige Prävention müsste viel früher ansetzen: in den Lebensrealitäten von Kindern und Jugendlichen, insbesondere bei jenen, die von Armut, Rassismus, Sexismus, Ableismus oder anderen Ungleichheitsverhältnissen betroffen sind.
Genau dort entstehen Erfahrungen von Ohnmacht, fehlender Selbstwirksamkeit und eingeschränkter Teilhabe, aber auch Potenziale für solidarisches Handeln und gewaltfreie Konfliktbearbeitung.
Statistiken zeigen nur das Ergebnis, nicht die Gründe für Jugendgewalt
Eine ernsthafte Gewaltprävention muss Kinder- und Jugendhilfe, Bildungspolitik und Sozialpolitik als Kernbereiche sehen. Sie erfordert Investitionen in Chancengleichheit, den Abbau von Kinderarmut, diskriminierungsfreie Bildung und soziale Räume, die Beteiligung ermöglichen und Grenzen wahren.
Der Junge aus meinem Büro ist kein Einzelfall, sondern ein Beispiel dafür, was Statistiken nur indirekt zeigen: wie eng Verhalten mit sozialen Verhältnissen verknüpft ist und wie schnell diese Zusammenhänge übersehen werden, wenn nur das Ergebnis zählt.
Eine Gesellschaft, die Gewalt verringern will, darf keine Politik betreiben, die die sozialen Grundlagen von Kindheit und Jugend schwächt und die Folgen dieser Schwächung den Einzelnen zuschreibt. Die entscheidende Frage lautet nicht, warum Kinder und Jugendliche gewalttätig werden. Sondern warum wir Strukturen erhalten, die solche Verhältnisse schaffen.
t Rückzug und gleichzeitig mit aggressiven Ausbrüchen im sozialen Umfeld. In der Schule hatte er viele Konflikte auszutragen und war im Alltag schnell überfordert. In Beziehungen schwankte er zwischen Kontrolle, Gewalt und Rückzug. Es war keine individuelle „Störung“, sondern eine Reaktion auf die chronische Unsicherheit und fehlende soziale Stabilität in seinem Leben. Gewalt ist kein isoliertes Ereignis und auch kein individuelles Phänomen, das sich losgelöst von Lebensrealitäten erklären ließe. Sie ist eingebettet in soziale Ungleichheiten und Machtverhältnisse. Und in die Frage, wer gehört wird, wessen Grenzen gelten, wer über Ressourcen verfügt und wer nicht.Menschen werden weder als Täter noch als Betroffene geboren; ihre Handlungsspielräume, Bewältigungsstrategien und auch Grenzüberschreitungen entwickeln sich in konkreten sozialen Kontexten.Wie Gewalt entstehtDiese Machtverhältnisse zeigen sich früh: in ungleichen Rollenbildern, die Verhalten und Anpassung unterschiedlich fordern; in Armut, die Teilhabe begrenzt; in Rassismus und anderen Formen der Diskriminierung, die festlegen, wessen Erfahrungen zählen; und in Institutionen wie Schule oder Jugendhilfe, die Schutz bieten können, aber auch Ungleichheiten verstärken. All das prägt, wie Kinder und Jugendliche Konflikte wahrnehmen. Sie lernen, welche Möglichkeiten sie haben und wie Gewalt sichtbar wird oder im Verborgenen bleibt.Das Beispiel des Jungen aus meinem Büro zeigt, wie schnell solche Geschichten in der Öffentlichkeit auf das Individuum reduziert werden, während seine Lebensumstände kaum Beachtung finden.Die aktuelle Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) zur Kinder- und Jugendkriminalität wird oft als Zeichen für einen Rückgang oder eine Entspannung gewertet, besonders im Vergleich zu den auffälligen Entwicklungen während der Corona-Jahre. Doch diese Schwankungen lassen sich nur im Kontext der sozialen Bedingungen verstehen.Während der Pandemie waren zentrale soziale Räume zeitweise geschlossen oder unzugänglich: Schulen, Freizeitangebote, Jugendzentren, informelle Treffpunkte und Teile der Jugendhilfe. Gleichzeitig nahmen familiäre Belastungen, Unsicherheiten und soziale Isolation spürbar zu, vor allem in ohnehin schwierigen Lebensverhältnissen. Ich denke an Kinder und Jugendliche, die auf engste Räume zurückgeworfen wurden – genau jene Orte, an denen Überforderung, Konflikte und Gewalt kaum abgefedert werden konnten.Die drohenden Kürzungen in der Jugendhilfe sind dramatischDass sich in dieser Phase Konflikte anders verdichten und sichtbar werden als in Phasen stabiler öffentlicher und institutioneller Räume, ist kein individuelles Phänomen, sondern ein struktureller Effekt. Wenn sich diese Räume wieder öffnen, sagt das oft weniger über Jugend als über die Verfügbarkeit von Unterstützung, Bildung und sozialer Infrastruktur.Gerade vor diesem Hintergrund ist das vom Paritätischen Gesamtverband veröffentlichte interne Arbeitspapier dramatisch, die drohenden Kürzungen bei Leistungen für Kinder, Jugendliche, Familien und Menschen mit Behinderungen sind keine haushaltstechnische Randfrage, sondern eine politische Entscheidung darüber, wie viel Schutz, Stabilität und Teilhabe Kinder und Jugendliche in dieser Gesellschaft noch haben.Wir können Gewaltprävention nicht unabhängig von Sozialpolitik begreifen. Wenn Gewaltschutz erst dort ansetzt, wo Gewalt bereits verfestigt ist, etwa bei erwachsenen Tätern, ist das zwar notwendig, aber reaktiv und in vieler Hinsicht zu spät. Eine nachhaltige Prävention müsste viel früher ansetzen: in den Lebensrealitäten von Kindern und Jugendlichen, insbesondere bei jenen, die von Armut, Rassismus, Sexismus, Ableismus oder anderen Ungleichheitsverhältnissen betroffen sind.Genau dort entstehen Erfahrungen von Ohnmacht, fehlender Selbstwirksamkeit und eingeschränkter Teilhabe, aber auch Potenziale für solidarisches Handeln und gewaltfreie Konfliktbearbeitung.Statistiken zeigen nur das Ergebnis, nicht die Gründe für JugendgewaltEine ernsthafte Gewaltprävention muss Kinder- und Jugendhilfe, Bildungspolitik und Sozialpolitik als Kernbereiche sehen. Sie erfordert Investitionen in Chancengleichheit, den Abbau von Kinderarmut, diskriminierungsfreie Bildung und soziale Räume, die Beteiligung ermöglichen und Grenzen wahren. Der Junge aus meinem Büro ist kein Einzelfall, sondern ein Beispiel dafür, was Statistiken nur indirekt zeigen: wie eng Verhalten mit sozialen Verhältnissen verknüpft ist und wie schnell diese Zusammenhänge übersehen werden, wenn nur das Ergebnis zählt. Eine Gesellschaft, die Gewalt verringern will, darf keine Politik betreiben, die die sozialen Grundlagen von Kindheit und Jugend schwächt und die Folgen dieser Schwächung den Einzelnen zuschreibt. Die entscheidende Frage lautet nicht, warum Kinder und Jugendliche gewalttätig werden. Sondern warum wir Strukturen erhalten, die solche Verhältnisse schaffen.