Reza Pahlavi und die Geschichte der 68er, der Buckelwal und die Sozialpsychologie, die Sprengung der Pipeline und ihre Fans
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Liebe Leserinnen und Leser,
gestern besuchte der umstrittene iranische Oppositionelle Reza Pahlavi Berlin. Als er aus einer Pressekonferenz kam, wurde er von einem Aktivisten mit Tomatensauce bespritzt.
Die Meldung ließ mich spontan an einen Schlüsselmoment der bundesrepublikanischen Geschichte denken: den Besuch des Vaters von Reza Pahlavi 1967 in Berlin. Als der Schah und seine Frau Farah Diba Pahlavi am 2. Juni die Deutsche Oper besucht hatten, kam es zu heftigen Protesten, dabei wurde der Student Benno Ohnesorg von einem Polizisten ermordet. Die Tat wurde zum Fanal für die 68er-Bewegung.
Die genauen Abläufe dieses Tages kenne ich aus der Lektüre von Büchern und Artikeln. Einer, der dabei war und ganz nahe an der Absperrung vor der Deutschen Oper stand, ist unser Autor Michael Jäger. Michael nimmt sein Flashback zum Anlass darüber nachzudenken, was uns von der Welt von damals trennt und was gleich geblieben ist. Ein überdauerndes Moment sei hier genannt:
„Die US-Regierung führte schon damals ungerechtfertigte Kriege, vor allem den Vietnamkrieg, gegen den meine Generation aufgestanden war. Diese Regierung scherte sich nicht darum, ob sie mit Demokraten oder Volksunterdrückern zusammenarbeitete.“
Hier geht’s zum Text von Michael Jäger ➜
1. Heute wichtig
- Das neoliberale Konzept der Lebensverlängerung trifft auf viele Abnehmer. Drei Gründe, warum Longevity so gut in unsere Zeit passt
- Was passiert, wenn man vorsorgt, etwa mit ETF-Anlagen, und dann vielleicht Grundsicherung beziehen muss? Schnell wird die Idee zur privaten Altersvorsorge ein Albtraum für Sparer
- Der Rücktritt von Berlins Kultursenatorin Sarah Wedl-Wilson ist konsequent. In Wahrheit ist er mehr als das politische Aus einer Politikerin
2. Made My Day
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➜ Stadtraum: In Berlin gibt es das Volksbegehren für eine autofreie Stadt. Wir berichten darüber in unserer aktuellen Ausgabe. Mein Kollege Velten Schäfer warnt darin vor einer Kulturkampfrhetorik.
Weit davon entfernt, habe ich mir gestern in aller Stille ein neues Rad gekauft. Ich ließ mich zum Kauf eines Singlespeed/Fixie überreden, das nur einen Gang hat. Am Abend hatte ich dann doch Bedenken, ob das eine kluge Wahl war. Aber als ich heute zum ersten Mal mit dem neuen Rad zur Arbeit gefahren bin, waren meine Bedenken rasch zerstreut.
3. Kultur-Tipp
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➜ Gut zu schauen: 400 Meter war die Schlange lang. Das ist selbst für Berliner Verhältnisse lang. Der Andrang vor dem Gropius Bau galt der Eröffnung der Ausstellung von Marina Abramović „Balkan Erotic Epic“. Wie unsere Kritikerin Laura Ewert schrieb: „Diese Ausstellung hat wirklich alles, um ein Publikumsmagnet zu werden: Sex, Feminismus, Blut, Spiritualität, Ostblock und kulturelle Identität.“
Ich bin auch nur ein Mensch. Warum soll ich mich dem entziehen? Ich habe mir also ein Ticket für morgen Samstag gebucht. Wer nicht in Berlin ist, kann sich in einer „Sternstunde Philosophie“ informieren, was Abramović unter ihrer „Kunst der Überwindung“ versteht.
4. Lese-Empfehlung
Erinnern Sie sich noch an den Anschlag der Vulkangruppe im Januar, der zu einem mehrtägigen Stromausfall im Süden Berlins geführt hat? Der Anschlag wurde von rechts bis links verurteilt. Wer ihn öffentlich gutgeheißen hätte, hätte mit schweren Konsequenzen rechnen müssen.
Ganz anders sieht das im Fall der gesprengten Nord-Stream-Pipeline aus. Den kann man folgenlos abfeiern. Mein Kollege Velten Schäfer hat daraus eine Realsatire gestrickt.
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Man stelle sich vor, ein Anschlag lege eine wichtige Energie-Infrastruktur lahm, der Generalbundesanwalt ermittle wegen verfassungsfeindlicher Sabotage-Gewalt – und jemand postet mit Klarnamen im Internet, dass er den Anschlag vollumfänglich gutheiße, nicht ohne auf seinem Profilbild ein Fan-Shirt derjenigen Entität zu tragen, die mutmaßlich dafür verantwortlich ist. Was würde dann wohl passieren? Schwer zu sagen. Es kommt im Deutschland des Jahres 2026 offenbar ganz auf den Anschlag an.
Als eine ominöse „Vulkangruppe“ zu Jahresbeginn in Berlin ein Stromkabel sabotierte, was in erheblichen Teilen der Hauptstadt für längerfristige Blackouts sorgte, wäre ein derart explizites Sympathiebekenntnis unter Garantie mit Hausdurchsuchung, mindestens zeitweiser Festnahme und einem erheblichen juristischen Nachspiel quittiert worden. Verlust des Arbeitsplatzes? Nicht unwahrscheinlich. Und hätte die Person, die ein solches Posting absetzt, irgendeine öffentliche Funktion inne, wäre sie dieselbe mit großer Sicherheit los – und sei es die eines ehrenamtlichen Zeugwarts bei einem lokalen Sportverein.
Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende!
Ihr Michael Angele
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