Ein Erdrutschsieg wie seit 1997 nicht mehr: Rumen Radew gilt als Linksnationalist. Der nächste Ministerpräsident Bulgariens will entspannte Beziehungen zu Moskau und die Ukraine-Hilfen stoppen, weil sein Land dafür schlichtweg zu arm ist


War Kampfpilot und Kommandeur der bulgarischen Luftwaffe sowie bis Januar neun Jahre lang direkt gewählter Staatspräsident: Rumen Radew

Foto: Daniel Yovkov/Getty Images


Als die Bulgaren nur einen Sonntag nach der Abwahl von Viktor Orbán einem als „prorussisch“ verschrienen Bündnis die absolute Mehrheit gaben, mischten sich in die Brüsseler Erleichterung wieder Anfälle von Panik: Das sei ein „Nullsummenspiel“, orakelte der greise Doyen der Europa-Berichterstattung Paul Lendvai. Den antiukrainischen Störenfried Orbán ersetze nun ein anderer „nützlicher Einflussagent“ des russischen Präsidenten Wladimir Putin im Europäischen Rat.

Knapp 45 Prozent für Radew

Wahr ist, dass Bulgariens überragender Wahlsieger Rumen Radew untypisch geringe Berührungsängste mit Moskau zeigt. In den Stunden vor der Wahl ging das Bild reihum, das auf dem großen Abschlussmeeting von Radews erst 2026 gegründetem Bündnis „Progressives Bulgarien“ zu sehen war. Es zeigt einen Handschlag Radews mit Putin.

Wahr ist auch, dass sich der ehemalige Kampfpilot und Kommandeur der bulgarischen Luftwaffe immer wieder gegen die militärische Unterstützung der Ukraine durch das „arme Bulgarien“ aussprach, um die drückende Inflation zu senken. Radew, bis Januar neun Jahre lang direkt gewählter Staatspräsident, sandte freilich stets auch konziliant kooperative Signale Richtung Brüssel.

Um mir selbst einen Eindruck zu verschaffen, suchte ich einen Tag nach der Wahl das Hauptquartier von „Progressives Bulgarien“ auf. Ich kam nach einem Erdrutschsieg, wie ihn Bulgarien seit 1997 nicht erlebt hat. Die Umfragen gaben Radew 30 bis 35 Prozent, die Exit Polls dann schon 38 bis 39, an der Wahlurne bekam er 44,6 und 131 der 240 Mandate. Dies war einer für bulgarische Verhältnisse sensationellen Wahlbeteiligung zu verdanken, die bei sieben vorgezogenen Voten in dreieinhalb Jahren auf 34 Prozent gefallen war.

Seit 1. Januar hat Bulgarien den Euro

Der Linksnationalist Radew kann allein durchregieren und mit der Reformpartei (PP-DB) prowestlicher Harvard-Schnösel (37 Mandate) sogar eine verfassunggebende Mehrheit nutzen, um die angestrebte Justizreform und Zerschlagung der Oligarchie anzugehen. Die mit Korruption und Stimmenkauf agierenden Oligarchen-Parteien GERB und DPS-NN holten mit 39 beziehungsweise 21 Mandaten nur noch ein Viertel der Parlamentssitze.

Radew ist schon deshalb eine bekannte Figur, da er jahrelang und pausenlos Krisenkabinette ernannt hat. Zum anderen ist er auch für Bulgaren schwer lesbar: Er griff die Corona-Politik an, die nur eine Minderheit zum Impfen bewegen konnte, zeigte aber keine Alternative auf. Er war als Unabhängiger mit den postkommunistischen Sozialisten verbunden, die nun dank seines Erfolgs aus dem Parlament flogen, und zeigte sich angetan von Souveränisten wie Orbán, nannte aber den Orbán-Bezwinger Péter Magyar sein Vorbild.

Rumen Radew sagt einen faszinierenden Satz über Europa

Er steht für entspanntere Beziehungen zu Moskau, ernannte dennoch wiederholt einen Freund aus der Luftwaffe zum Verteidigungsminister, der die Ukraine unterstützte und im großen Stil Waffenshopping bei Onkel Sam betrieb. Radew forderte ein Referendum über den am 1. Januar erfolgten Beitritt zur Eurozone, nur zielte das weniger gegen Brüssel als gegen die pro-europäischen Sonntagsreden der Oligarchie.

Seine EU-Doktrin kleidete er jüngst in den faszinierenden Satz, dass „ein starkes Bulgarien in einem starken Europa kritisches Denken und Pragmatismus braucht, weil Europa seiner Ambition zum Opfer gefallen ist, in einer Welt ohne Regeln auf moralische Führungskraft zu machen“.

Da die Zahl der einseitig prorussisch orientierten Bulgaren deutlich unter 45 Prozent liegt, reicht Radews geopolitische Offenheit als Erklärung seines Triumphes nicht aus. Da ist zum einen sein für viele glaubwürdiges Nationalpathos: „Die politische Klasse hat die Hoffnungen der Bulgaren durch Kompromisse mit der Mafia verraten“, zum anderen der verbreitete Eindruck, dass Bulgarien alle von Brüssel verlangten Opfer gebracht und die Rolle des fiskalischen Musterknaben gespielt hat, mit dem Euro den höchstmöglichen Grad an pro-europäischer Orientierung zeigte – die Leute aber nichts davon haben.

Russisch? Im Hauptquartier von „Progressives Bulgarien“ antworten sie auf Englisch

Der Kampf gegen die heftige Inflation war daher Radews stärkstes Thema. So wie er Wähler aus allen Lagern anzog, ist auch seine gewaltige Fraktion ein Kessel Buntes: Ex-Sozialisten, Technokraten aus seinem Präsidialamt und den Übergangskabinetten, berühmte Sportler, respektierte Lokalgrößen und Sicherheitskader.

Sofia war nach der Wahl verregnet, windig und kalt. Und ich kann nicht behaupten, dass ich im Hauptquartier des „Progressiven Bulgariens“ viel gelernt hätte. Es handelte sich um ein Straßenlokal in einem schmalen Büroblock, drinnen fast leer geräumt und für keine Kommunikation mit den Medien vorgesehen. Radew, den seine Leute nur „den Präsidenten“ nannten, beriet sich gerade in einem nicht zugänglichen Büro.

Als sie mich freundlich hinausbat, sagte die hochgewachsene, platinblonde Office-Managerin: „Heute sind nur der Präsident und die Security hier.“ Ich versuchte, mit diesen „russischen Agenten“ Russisch zu sprechen, aber sie wechselten umgehend ins Englische.

Serie Europa Transit Regelmäßig berichtet Martin Leidenfrost über nahe und fernab gelegene Orte in Europa

;r RadewWahr ist, dass Bulgariens überragender Wahlsieger Rumen Radew untypisch geringe Berührungsängste mit Moskau zeigt. In den Stunden vor der Wahl ging das Bild reihum, das auf dem großen Abschlussmeeting von Radews erst 2026 gegründetem Bündnis „Progressives Bulgarien“ zu sehen war. Es zeigt einen Handschlag Radews mit Putin.Wahr ist auch, dass sich der ehemalige Kampfpilot und Kommandeur der bulgarischen Luftwaffe immer wieder gegen die militärische Unterstützung der Ukraine durch das „arme Bulgarien“ aussprach, um die drückende Inflation zu senken. Radew, bis Januar neun Jahre lang direkt gewählter Staatspräsident, sandte freilich stets auch konziliant kooperative Signale Richtung Brüssel.Um mir selbst einen Eindruck zu verschaffen, suchte ich einen Tag nach der Wahl das Hauptquartier von „Progressives Bulgarien“ auf. Ich kam nach einem Erdrutschsieg, wie ihn Bulgarien seit 1997 nicht erlebt hat. Die Umfragen gaben Radew 30 bis 35 Prozent, die Exit Polls dann schon 38 bis 39, an der Wahlurne bekam er 44,6 und 131 der 240 Mandate. Dies war einer für bulgarische Verhältnisse sensationellen Wahlbeteiligung zu verdanken, die bei sieben vorgezogenen Voten in dreieinhalb Jahren auf 34 Prozent gefallen war.Seit 1. Januar hat Bulgarien den EuroDer Linksnationalist Radew kann allein durchregieren und mit der Reformpartei (PP-DB) prowestlicher Harvard-Schnösel (37 Mandate) sogar eine verfassunggebende Mehrheit nutzen, um die angestrebte Justizreform und Zerschlagung der Oligarchie anzugehen. Die mit Korruption und Stimmenkauf agierenden Oligarchen-Parteien GERB und DPS-NN holten mit 39 beziehungsweise 21 Mandaten nur noch ein Viertel der Parlamentssitze.Radew ist schon deshalb eine bekannte Figur, da er jahrelang und pausenlos Krisenkabinette ernannt hat. Zum anderen ist er auch für Bulgaren schwer lesbar: Er griff die Corona-Politik an, die nur eine Minderheit zum Impfen bewegen konnte, zeigte aber keine Alternative auf. Er war als Unabhängiger mit den postkommunistischen Sozialisten verbunden, die nun dank seines Erfolgs aus dem Parlament flogen, und zeigte sich angetan von Souveränisten wie Orbán, nannte aber den Orbán-Bezwinger Péter Magyar sein Vorbild.Rumen Radew sagt einen faszinierenden Satz über EuropaEr steht für entspanntere Beziehungen zu Moskau, ernannte dennoch wiederholt einen Freund aus der Luftwaffe zum Verteidigungsminister, der die Ukraine unterstützte und im großen Stil Waffenshopping bei Onkel Sam betrieb. Radew forderte ein Referendum über den am 1. Januar erfolgten Beitritt zur Eurozone, nur zielte das weniger gegen Brüssel als gegen die pro-europäischen Sonntagsreden der Oligarchie.Seine EU-Doktrin kleidete er jüngst in den faszinierenden Satz, dass „ein starkes Bulgarien in einem starken Europa kritisches Denken und Pragmatismus braucht, weil Europa seiner Ambition zum Opfer gefallen ist, in einer Welt ohne Regeln auf moralische Führungskraft zu machen“.Da die Zahl der einseitig prorussisch orientierten Bulgaren deutlich unter 45 Prozent liegt, reicht Radews geopolitische Offenheit als Erklärung seines Triumphes nicht aus. Da ist zum einen sein für viele glaubwürdiges Nationalpathos: „Die politische Klasse hat die Hoffnungen der Bulgaren durch Kompromisse mit der Mafia verraten“, zum anderen der verbreitete Eindruck, dass Bulgarien alle von Brüssel verlangten Opfer gebracht und die Rolle des fiskalischen Musterknaben gespielt hat, mit dem Euro den höchstmöglichen Grad an pro-europäischer Orientierung zeigte – die Leute aber nichts davon haben.Russisch? Im Hauptquartier von „Progressives Bulgarien“ antworten sie auf EnglischDer Kampf gegen die heftige Inflation war daher Radews stärkstes Thema. So wie er Wähler aus allen Lagern anzog, ist auch seine gewaltige Fraktion ein Kessel Buntes: Ex-Sozialisten, Technokraten aus seinem Präsidialamt und den Übergangskabinetten, berühmte Sportler, respektierte Lokalgrößen und Sicherheitskader.Sofia war nach der Wahl verregnet, windig und kalt. Und ich kann nicht behaupten, dass ich im Hauptquartier des „Progressiven Bulgariens“ viel gelernt hätte. Es handelte sich um ein Straßenlokal in einem schmalen Büroblock, drinnen fast leer geräumt und für keine Kommunikation mit den Medien vorgesehen. Radew, den seine Leute nur „den Präsidenten“ nannten, beriet sich gerade in einem nicht zugänglichen Büro.Als sie mich freundlich hinausbat, sagte die hochgewachsene, platinblonde Office-Managerin: „Heute sind nur der Präsident und die Security hier.“ Ich versuchte, mit diesen „russischen Agenten“ Russisch zu sprechen, aber sie wechselten umgehend ins Englische.



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