Ich war 48 Stunden neulich im Veneto in Italien. Geschäftlich – und doch blieb ein schmaler Korridor zum Atmen. Kein Druck auf der Brust, keine bleischwere Moral, die jeden Gedanken vorab taxiert. In einer kleinen Osteria floss das Rote ins Glas, und mit ihm eine Klarheit, die man sich nördlich der Alpen mühsam zurückerobern muss. Diese Zeilen sind dort entstanden. Venetien als Ventil:
Moral von oben – Kant wäre stolz, Aristoteles würde schallend lachen. Ach, wie herrlich ist doch die deutsche Politik, wenn sie wieder einmal die Moral hervorkramt. Der Kategorische Imperativ hat sich offenbar zum Kategorischen Zeigefinger weiterentwickelt.
Wo ist das gute Leben geblieben?
Kant, der alte Königsberger, würde sich vermutlich vor Freude die Perücke richten. Endlich wird seine Idee konsequent umgesetzt: Moral darf nichts mit dem Glück der Menschen zu tun haben. Glückseligkeit? Subjektiv, unbestimmt, privat. Pflicht ist Pflicht, und wehe, jemand fragt nach dem Sinn. Hauptsache, man handelt so, dass die moralische Überlegenheit gewahrt bleibt – selbst wenn am Ende alle frieren, das Licht ausgeht und das Land sich fragt, wo eigentlich das gute Leben geblieben ist.
Aristoteles hingegen würde sich nur kopfschüttelnd seinen Bart zwirbeln. Für den alten Griechen war Glückseligkeit nämlich kein netter Nebeneffekt, sondern das eigentliche Ziel. Wer tugendhaft lebt, lebt gut. Punkt. Besonnenheit, Mut, Gerechtigkeit – alles schön und gut, aber bitte so, dass am Ende ein gelungenes Leben dabei herauskommt, nicht nur ein schlechtes Gewissen.
Stattdessen bekommen wir heute die perfekte kantische Zumutung serviert: „Seid des Glückes würdig, auch wenn ihr dabei unglücklich werdet!“ Das ist ungefähr so sinnvoll wie die Aufforderung, ein gesundes Frühstück zu essen, während man gleichzeitig den Kühlschrank abschafft.
Tugend oder Selbstgerechtigkeit
Die herrschende Moralpolitik betreibt also genau das, was Kant eigentlich verhindern wollte: Sie macht aus der Moral ein Herrschaftsinstrument. Nur dass sie dabei nicht bei der reinen Vernunft bleibt, sondern sich noch einen schönen moralischen Hochmut obendrauf packt. Wer kritisiert, ist nicht einfach anderer Meinung – nein, er ist ein schlechter Mensch. Das ist keine Ethik mehr, das ist moralischer Größenwahn, mit Steuergeldern finanziert.
Man könnte fast meinen, die aktuelle Politik hätte aus den beiden großen Philosophen das Schlimmste herausgepickt: Kants kalte Pflicht ohne jedes Gefühl fürs konkrete Leben, kombiniert mit der Arroganz, das eigene Glücksempfinden zum allein selig machenden Maßstab zu erklären.
Aristoteles würde wahrscheinlich nur trocken bemerken: „Wenn eure Tugend den Menschen das gute Leben nimmt, dann ist es vielleicht keine Tugend mehr – sondern einfach nur eine besonders teure Form von Selbstgerechtigkeit.“
Und Kant? Der würde schweigen. Schließlich hat er genau das gewollt. Dass die Menschen der Moral dienen und nicht umgekehrt. „Mission accomplished“, würde man heute sagen.
Nur dass das Ergebnis nicht besonders glücklich aussieht. Aber was soll’s – Hauptsache, die Glückswürdigkeit stimmt. Das Glück selbst kann ja warten. Am besten bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag.
Dieser Beitrag stellt ausschließlich die Meinung des Verfassers oder des Interviewpartners dar. Er muss nicht zwangsläufig die Sichtweise der Epoch Times Deutschland wiedergeben.