Von Jonis Ghedi-Alasow
Am 17. April 1996 tötete die Militärpolizei in Eldorado dos Carajás, Brasilien, 21 landlose Arbeiter, die eine Straße blockierten, um eine Agrarreform zu fordern. Sie waren Mitglieder der Landlosenbewegung (Movimento dos Trabalhadores Rurais Sem Terra, MST).
Seitdem hat die Bauernorganisation La Via Campesina den 17. April zum Internationalen Tag des Bauernkampfes erklärt – ein Tag, um diejenigen zu ehren, die für Land, Saatgut, Wasser und Ernährungssouveränität kämpfen, und um diejenigen zur Verantwortung zu ziehen, die von ihrer Enteignung profitieren.
Während wir in Afrika den 30. Jahrestag dieses Tages begehen, sollten wir den wichtigen Entwicklungen in der Sahelzone unseres Kontinents, wo die Frauen von Burkina Faso Saatgut in ihren Haaren versteckten, als die Terroristen kamen, mehr Aufmerksamkeit schenken.
Das ist keine Metapher. Es ist auch keine Improvisation.
Bevor koloniale Grenzen durch den Sahel gezogen wurden, bevor Cash Crops (1) die Subsistenzlandwirtschaft verdrängten und bevor die Strukturanpassung öffentliche Saatgutbanken zerschlug, trugen die Frauen Westafrikas schon lange Saatgut am Körper.
Saatgut wurde vererbt – die Überlieferung von Generationen an kultiviertem Wissen darüber, welche Sorte die Trockenzeit überlebte und welche auf ausgelaugten Böden wuchs. Die Bewahrung von Saatgut war eine Form der sozialen Reproduktion, die ebenso grundlegend war wie jede andere, und Frauen übernahmen diese Aufgabe überwiegend. Diese Praxis verschwand unter kolonialen Steuerregimen, durch Agrarindustrie-Betriebsmittel und Sorten, die nicht zur Bewahrung bestimmt waren. Die Gemeinschaften wurden abhängig von Betriebsmitteln, über die sie keine Kontrolle hatten.

Die Krise brachte diese alte Praxis zurück. Als bewaffnete Gruppen (deren Ausbreitung eine direkte Folge der NATO-Intervention in Libyen im Jahr 2011 war) durch die Bauerngemeinden im Sahel marodierten – Felder niederbrannten, Menschen töteten und Hunderttausende von ihrem Land vertrieben –, kehrten die Frauen in Burkina Faso zu dem zurück, was ihre Großmütter kannten: dem Verstecken von Saatgut in ihrem Haar. Als die Terroristen weg waren, holten sie das Saatgut wieder hervor. Sie pflanzten erneut.
Diese Handlung war sowohl praktisch als auch politisch: Was bewahrt wurde, war nicht nur Nahrung, sondern auch das kultivierte Wissen, das Ernährungssouveränität ermöglicht.
Land als Waffe, Saatgut als Widerstand
Jedes Jahr gehen in Burkina Faso 360.000 Hektar landwirtschaftliche Fläche verloren – als Folge von durch Terrorismus verursachter Vertreibung, Klimawandel und den Kettenreaktionen eines Jahrzehnts der Instabilität.
Bauern, die aus ihren Dörfern vertrieben werden, ziehen entweder ohne Unterstützung in die Städte oder versuchen, ihr Leben und ihren Lebensunterhalt auf unbekanntem, ungeeignetem oder ebenso bedrohtem Land neu aufzubauen.
Der Terrorismus dient auch dazu, die landwirtschaftliche Produktion zu schwächen und zu zersplittern. Die Vertreibung der burkinischen Bauern kommt jenen zugute, die darauf aus sind, Afrika weiterhin von Nahrungsmittelimporten, internationaler Hilfe und dem „guten Willen“ des Imperialismus abhängig zu halten.
Als Reaktion darauf haben Bauernorganisationen, vereint in der Koalition zur Überwachung biotechnologischer Aktivitäten (CVAB), eine agroökologische Alternative zur Abhängigkeit von konzernbasierten Betriebsmitteln geschaffen.

Ihr Widerstand gegen gentechnisch veränderte Organismen und konzernbasierte Biotechnologie basiert auf strukturellen Aspekten, nicht auf Gefühlen: Patentierte Saatgutsysteme übertragen die Kontrolle über Afrikas Nahrungsmittelversorgung an externe Akteure. Dies spiegelt die Logik der Strukturanpassung wider, in diesem Fall auf die Landwirtschaft angewendet.
Der Staat steht hinter dem Saatgut
Diese Probleme sind nicht neu. Sie werden seit Jahrzehnten von den Bauern und den Organisationen, die sie überall auf dem afrikanischen Kontinent aufgebaut haben, thematisiert. Was hat sich also unter der Regierung von Ibrahim Traoré geändert? Es ist der Raum der politischen Möglichkeiten. Zum ersten Mal seit Thomas Sankara (2) erhält die Agenda der Bauernorganisationen – darunter Ernährungssouveränität, Widerstand gegen gentechnisch veränderte Organismen und die Priorisierung lokal produzierter Lebensmittel – staatliche Unterstützung.
Die im Jahr 2023 gestartete Agraroffensive hat Traktoren und Betriebsmittel an die Bauern neu verteilt, Agraringenieure in ländliche Regionen entsandt und zwei Jahre in Folge Getreideüberschüsse erzielt. In seiner Neujahrsansprache am 31. Dezember 2025 erklärte Traoré, dass Burkina Faso die Selbstversorgung mit Nahrungsmitteln erreicht hat. Im Februar 2026 schuf die Regierung fünf große agroindustrielle Komplexe unter staatlicher Kontrolle.
Besonders wichtig ist, dass die Allianz der Sahelstaaten auch die Allianz der landwirtschaftlichen Saatgutproduzenten des Sahel (APSA-Sahel) gegründet hat. Ihr klares Mandat ist es, lokal angepasstes, klimaresistentes Saatgut zu entwickeln und zu vertreiben, einen eigenen regionalen Saatgutmarkt aufzubauen und die Abhängigkeit von ausländischen Saatgutimporten zu beenden, die die Bauern im Sahel jahrzehntelang verwundbar gemacht haben.
Das Wissen über lokal angepasstes Saatgut, das die Frauen von Burkina Faso in ihren Haaren bewahrt haben – und das unersetzlich ist –, wird nun in drei Ländern systematisiert. Der informelle Sektor wird institutionalisiert.

Der 17. April und die afrikanischen Kleinbauern
Der Aufruf von La Via Campesina vom 17. April 2025 betont, dass Land, Wasser und Territorien keine Waren sind und dass das Bewahren und Tauschen von traditionellem Saatgut weltweit nicht auf Dauer unter Strafe gestellt werden darf.
Die UN-Erklärung über die Rechte der Bauern, die im Jahr 2018 verabschiedet wurde, bekräftigt die kollektiven Rechte bäuerlicher Gemeinschaften auf ihr Saatgut, ihr Land und ihre gemeinschaftlichen Lebensweisen.
Ernährungssouveränität, Saatgutsouveränität und Umweltsouveränität sind daher strategische Fragen für den afrikanischen Befreiungskampf – keine zweitrangigen Anliegen.
In der Allianz der Sahelstaaten ist der Kampf um Saatgut eng verbunden mit dem Kampf um Land, Ressourcen und das Recht, die Entwicklung zu bestimmen. Er bringt auch die Frage, wer die Nutznießer dieser Initiativen sein sollten, klar auf den Tisch.
Im Geiste des 17. April ist die Antwort eindeutig: Die Burkinabé, die afrikanische und die internationale Bauernschaft müssen das Herzstück der Lebensgrundlagen in unseren Gemeinschaften sein und daher im Mittelpunkt der Forderungen nach Souveränität stehen.
Während Afrika weiterhin um Souveränität kämpft und die Bauern nach Wohlergehen streben, lassen sich aus der Praxis der Burkinabé, Saatgut im Haar der Frauen aufzubewahren – als würdevolles Symbol für das Land und den Kontinent der aufrechten Menschen (3) – möglicherweise wertvolle Lehren ziehen.
(1) Cash Crops sind landwirtschaftliche Produkte, die primär für den Verkauf auf dem Weltmarkt und zur Gewinnerzielung angebaut werden, nicht für den Eigenbedarf der lokalen Bevölkerung
(2) Thomas Sankara war vom 4. August 1983 bis zu seiner Ermordung am 15. Oktober 1987 Präsident von Burkina Faso
(3) Unter französischer Kolonialherrschaft und während der formalen Unabhängigkeit ab 1960 wurde Burkina Faso als La Haute Volta (Obervolta) bezeichnet. Die Regierung des linksgerichteten Präsidenten Thomas Sankara nannte es 1984 in Burkina Faso um – Land der ehrenwerten/aufrechten Menschen
Aus dem Englischen übersetzt von Olga Espín. Zuerst veröffentlicht bei People’s Dispatch am 17. April.
Jonis Ghedi-Alasow ist ein Koordinator bei Pan Africanism Today, einer internationalen Organisation zur Koordinierung von progressiven, antiimperialistischen und sozialistischen Bewegungen in Afrika.
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