Denis Scheck verreißt, Sticker verkaufen: Die Debatte um Sexismus in seiner Sendung „Druckfrisch“ lenkt ab vom Wesentlichen: Literaturkritik und ihr kommerzielles Pendant, der Bestseller-Aufkleber, dienen beide dem großen Geschäft


Nicht verstecken: Einen Bestseller-Aufkleber muss man mit Stolz tragen!

Collage: der Freitag, Material: KI-Bilder


„Dieses Buch ist der Kracher! Wirklich fabelhaft, geradezu grandios.“ Oder, in Anlehnung an die legendäre Band Knorkator gesprochen: „Es ist das meiste Buch der Welt!“ Um welches Buch es geht, ist eigentlich egal. Superlativ ist schließlich Superlativ.

Das zeigt die Realität der sogenannten „Blurbs“. Sie wissen schon, das sind Preisungen und Lobeshymnen auf dem Cover eines Buches, die zum Kauf animieren sollen. Damit das Lobpreis von Gewicht ist, muss der Preisende selbst ein Star des Genres sein – sein Wort ist von Gewicht. Anders als die Kritik, die (idealerweise) entlang ästhetischer Kriterien urteilt, vermittelt der empfehlende Autor ein Geschmacksurteil, das potenzielle Leser in eine Gemeinschaft der Aficionados verwandelt.

Weil dir meine Sachen gefallen, werden dir ihre Sachen gefallen, denn diese sind von mir für gut befunden … Der „Blurbende“ (für mich klingt das stets nach einem Rülpser) muss nicht begründen, er darf befinden. Und hier landen wir bei der aktuellen Debatte über die Literaturkritik, die sich jüngst an Denis Schecks genüsslichen Verrissen der Bücher Sophie Passmanns und Ildikó von Kürthys entzündete. Despektierlich und sexistisch fanden es die einen, was er da über die Bücher (oder doch eher die Autorinnen?) sagte; unterhaltsam die anderen.

Was muss sich ein Autor bieten lassen?

Kulturkritiker wollen aus so einem Ereignis naturgemäß eine Debatte machen: Wie viel Schmähung darf sein? Was muss sich ein Autor bieten lassen? Darf man zu seiner Kränkung stehen? Wenn der Schmähende überdies selbst einer geschmähten Gruppe angehört, jener der alten weißen Männer nämlich, dann wird’s noch debattiger: Dann darf man sich darüber streiten, wie viel Sexismus in den Worten des männlichen Kritikers steckt.

Um Literatur oder gar ernstzunehmende Kritik geht es dann schon lange nicht mehr. Das ist ja die schöne Pointe: Vor lauter Befinden vergessen wir die Frage des Geschmacks, der nicht nur persönlich, sondern auch begründet sein sollte. Scheck befindet als Testimonial des überlegenen Geschmacks. Damit das Werturteil sitzt, muss es ein wenig gehässig vorgetragen werden.

Letztlich orientiert sich diese Form der Kritik an der Aufmerksamkeitsspanne des durchschnittlichen Fernsehzuschauers. Da reicht es manchmal für nicht mehr als einen Daumen runter oder hoch. Wie bei einem Like oder einem Repost auf Social Media wird ein Blitzurteil gefällt – einmal durch den Kritiker, dann durch jene, die seiner Geschmacksgemeinschaft angehören.

Auch Ildikó von Kürthy und Sophie Passmann wollen Lob

Und um Gemeinschaft geht es! Das zeigt ja der gleichermaßen verhasste wie heiß ersehnte Spiegel-Bestseller-Aufkleber. Auch hierbei geht es nicht mehr um die Frage, ob ein Buch gut oder schlecht ist. Hauptsache, man darf sich als Teil der Gemeinschaft begreifen: Wer kauft, was andere kauften, vertraut auf das Geschmacksurteil der Mehrheit, des Schwarmbewusstseins, das damit so falsch doch nicht liegen kann.

Sowohl Ildikó von Kürthy als auch Sophie Passmann könnten sich in diesem Sinne auf ihre große Leserinnenschar berufen. Diese stürzt sich für die geschmähten Autorinnen derzeit sogar in Online-Gefechte. Aber Autoren – und Menschen im Allgemeinen – wollen nicht nur geliket, sondern auch gelobt werden. Sie wollen die Kaufkraft der Vielen und die Anerkennung der Wenigen.

Der Leser wiederum will nicht zwingend Teil der Viel-zu-Vielen sein, will sich stattdessen auf einen auserlesenen Geschmack berufen können. Wohl deswegen knubbelt so manche Buchhandlung die Spiegel-Bestseller-Aufkleber schon vorsorglich von den Büchern. Dem erlesenen Geschmack der eigenen Kundschaft muss man nicht vor Augen führen, dass auch Hinz und Kunz dasselbe Buch besitzen.

Der „Spiegel“-Aufkleber als Arschgeweih

Selbst so manchem Autor ist der Aufkleber nicht ganz geheuer. Hinter vorgehaltener Hand raunte einmal eine Autorin zu mir, dass der hässliche Aufkleber auf ihrem Buch doch etwas prätentiös sei, nachdem sie gerade einmal eine Woche lang auf den unteren Rängen der Liste rangiert habe.

Nein, nein, sagte ich. So einen Aufkleber muss man mit Stolz tragen! Wie das Arschgeweih, das man sich im betrunkenen Zustand im Ibiza-Urlaub hat stechen lassen. Verstecken gilt nicht. Und man wird ihn, so wie das Tattoo, ohnehin nicht mehr los, bisschen was bleibt immer kleben. Nicht zum Schaden der Buchverkäufe.

lt, vermittelt der empfehlende Autor ein Geschmacksurteil, das potenzielle Leser in eine Gemeinschaft der Aficionados verwandelt.Weil dir meine Sachen gefallen, werden dir ihre Sachen gefallen, denn diese sind von mir für gut befunden … Der „Blurbende“ (für mich klingt das stets nach einem Rülpser) muss nicht begründen, er darf befinden. Und hier landen wir bei der aktuellen Debatte über die Literaturkritik, die sich jüngst an Denis Schecks genüsslichen Verrissen der Bücher Sophie Passmanns und Ildikó von Kürthys entzündete. Despektierlich und sexistisch fanden es die einen, was er da über die Bücher (oder doch eher die Autorinnen?) sagte; unterhaltsam die anderen.Was muss sich ein Autor bieten lassen?Kulturkritiker wollen aus so einem Ereignis naturgemäß eine Debatte machen: Wie viel Schmähung darf sein? Was muss sich ein Autor bieten lassen? Darf man zu seiner Kränkung stehen? Wenn der Schmähende überdies selbst einer geschmähten Gruppe angehört, jener der alten weißen Männer nämlich, dann wird’s noch debattiger: Dann darf man sich darüber streiten, wie viel Sexismus in den Worten des männlichen Kritikers steckt.Um Literatur oder gar ernstzunehmende Kritik geht es dann schon lange nicht mehr. Das ist ja die schöne Pointe: Vor lauter Befinden vergessen wir die Frage des Geschmacks, der nicht nur persönlich, sondern auch begründet sein sollte. Scheck befindet als Testimonial des überlegenen Geschmacks. Damit das Werturteil sitzt, muss es ein wenig gehässig vorgetragen werden.Letztlich orientiert sich diese Form der Kritik an der Aufmerksamkeitsspanne des durchschnittlichen Fernsehzuschauers. Da reicht es manchmal für nicht mehr als einen Daumen runter oder hoch. Wie bei einem Like oder einem Repost auf Social Media wird ein Blitzurteil gefällt – einmal durch den Kritiker, dann durch jene, die seiner Geschmacksgemeinschaft angehören.Auch Ildikó von Kürthy und Sophie Passmann wollen LobUnd um Gemeinschaft geht es! Das zeigt ja der gleichermaßen verhasste wie heiß ersehnte Spiegel-Bestseller-Aufkleber. Auch hierbei geht es nicht mehr um die Frage, ob ein Buch gut oder schlecht ist. Hauptsache, man darf sich als Teil der Gemeinschaft begreifen: Wer kauft, was andere kauften, vertraut auf das Geschmacksurteil der Mehrheit, des Schwarmbewusstseins, das damit so falsch doch nicht liegen kann.Sowohl Ildikó von Kürthy als auch Sophie Passmann könnten sich in diesem Sinne auf ihre große Leserinnenschar berufen. Diese stürzt sich für die geschmähten Autorinnen derzeit sogar in Online-Gefechte. Aber Autoren – und Menschen im Allgemeinen – wollen nicht nur geliket, sondern auch gelobt werden. Sie wollen die Kaufkraft der Vielen und die Anerkennung der Wenigen.Der Leser wiederum will nicht zwingend Teil der Viel-zu-Vielen sein, will sich stattdessen auf einen auserlesenen Geschmack berufen können. Wohl deswegen knubbelt so manche Buchhandlung die Spiegel-Bestseller-Aufkleber schon vorsorglich von den Büchern. Dem erlesenen Geschmack der eigenen Kundschaft muss man nicht vor Augen führen, dass auch Hinz und Kunz dasselbe Buch besitzen.Der „Spiegel“-Aufkleber als ArschgeweihSelbst so manchem Autor ist der Aufkleber nicht ganz geheuer. Hinter vorgehaltener Hand raunte einmal eine Autorin zu mir, dass der hässliche Aufkleber auf ihrem Buch doch etwas prätentiös sei, nachdem sie gerade einmal eine Woche lang auf den unteren Rängen der Liste rangiert habe.Nein, nein, sagte ich. So einen Aufkleber muss man mit Stolz tragen! Wie das Arschgeweih, das man sich im betrunkenen Zustand im Ibiza-Urlaub hat stechen lassen. Verstecken gilt nicht. Und man wird ihn, so wie das Tattoo, ohnehin nicht mehr los, bisschen was bleibt immer kleben. Nicht zum Schaden der Buchverkäufe.



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