Malis Süden leidet unter Angriffen von Milizionären, die zu Al-Qaida zählen. In Allianz mit ihnen kämpfen derweil im Nordwesten Tuareg gegen die Zentralregierung. Welche Rolle Russland, Frankreich und die USA dabei spielen
Malis Übergangspräsident und Junta-Chef Assimi Goïta bei der Beerdigung des getöteten Verteidigungsministers Sadio Camara am 30. April in Bamako
Foto: Boubacary Bocoum/Picture Alliance/Associated Press
Für Malis Hauptstadt Bamako ist die Versorgung mit Treibstoff mittlerweile prekär. Grund ist die Blockade von Fernstraßen durch die dschihadistische Jama’at Nusrat al-Islam wal-Muslimin (JNIM). Zuletzt wurden außerdem wichtige Städte im Süden und Nordwesten Malis attackiert. Angriffe, die offenbar lange und minutiös vorbereitet waren und auf eine konzertierte Aktion mit der Front de Liberation de l’Azzawad (FLA) schließen ließen, der Unabhängigkeitsbewegung der malischen Touareg, eines häufig aufsässigen Nomadenvolkes. Damit wurde erneut eine Allianz aktiv, die 2013 schon einmal die Zentralmacht in Bamako bedrohte. Seinerzeit konnte sie nur durch die Intervention Frankreichs zurückgedrängt werden.
Rückstau bis zur Grenze des Senegal
Diesmal griffen die JNIM mit Erkundungsdrohnen und schweren Waffen nicht nur die Hauptstadt, sondern zugleich die 30 Kilometer entfernte Garnisonsstadt Kati an. Dort finden sich Residenzen von Regierungsmitgliedern, unter anderem von Übergangspräsident Assimi Goïta. Der zweite Mann im Staat, Verteidigungsminister Sadio Camara, wurde bei diesem Vorstoß getötet. Zwar behauptet die Regierungsarmee, wieder Herr der Lage zu sein, doch kann sie nicht verhindern, dass die JNIM Zufahrtswege nach Bamako derart blockiert, dass es zu einem Rückstau bis zur senegalesischen Grenze kommt.
Im Nordwesten hat die FLA vollendete Tatsachen geschaffen. Es ist ihr gelungen, mit Kidal die angestammte Tuareg-Metropole zurückzuerobern. Die war 2023 mit Unterstützung russischer Wagner-Milizionäre von der malischen Armee eingenommen worden, nachdem die Regierung in Bamako das Ende der dortigen UN-Mission durchgesetzt hatte.
Freies Geleit für russisches Afrikakorps und malische Regierungstruppen
Was jetzt geschehe, so FLA-Sprecher Mohammed Elmaouloud Ramdane, sei die Konsequenz aus dem vor drei Jahren erfolgten Bruch des 2015 durch Vermittlung Algeriens geschlossenen Versöhnungsabkommens mit Bamako. Dadurch sei das Tuareg-Gebiet „blutigem Staatsterror“ ausgesetzt gewesen, die FLA nun entschlossen, den Kampf um die Kontrolle der Nordregion Malis wieder aufnehmen, wozu die Städte Gao und Sevaré gehörten. Dem in Kidal stationierten russischen Afrikakorps und den Regierungstruppen wurde zum Abzug freies Geleit gewährt. Schwere Waffen mussten sie freilich zurücklassen.
Wie 2013 irritiert auch jetzt die Allianz zwischen der säkular ausgerichteten FLA und den islamistischen JNIM. Während Letztere einen transnationalen islamischen Staat anstreben, will die FLA die Unabhängigkeit oder wenigstens eine umfassende Autonomie des von ihr beanspruchten Territoriums. Elmaouloud Ramdane spricht denn auch von einem taktischen Bündnis mit den Dschihadisten, woraus sich schließen lässt, dass Mali territorial zerstückelt werden könnte.
Schauplatz für Rivalitäten von Großmächten
Als äußerst riskant erschien der Einmarsch der nationalen Streitkräfte in Kidal schon 2023, zumal diesem Vormarsch Bombenangriffe vorausgingen. Das ökonomisch und institutionell geschwächte Mali verfügte nicht über die gebotenen Ressourcen, um nach einer Militäraktion einen effizienten Wirtschaftsaufbau voranzutreiben.
Anders als bei der FLA scheint der von den JNIM erhoffte Zuspruch der Bevölkerung im Süden auszubleiben. In der Hauptstadt setzten sich die Menschen mit Barrikaden zur Wehr. Dennoch ist offen, ob sich die durch einen Putsch an die Macht gekommene Regierung von Assimi Goïta halten kann, gerade weil sie sich von der versprochenen nationalen Versöhnungspolitik abgewandt hat.
Die Annäherung an Marokko, wozu auch die Anerkennung einer „Marokkanität“ der Westsahara zählt, deutet darauf hin, dass man die Beziehungen zu Frankreich und den USA wieder auffrischen will. Dem liegt in Bamako die trügerische Hoffnung zugrunde, dass diese Mächte den verdeckten Beistand für islamistische Gruppen einstellen. Eine Illusion, wie die Ausrüstung der JNIM mit modernen Spähdrohnen und Artillerie beweist. Wenn der russische Botschafter Igor Gromyko in Bamako den Fortbestand des Bündnisses zwischen der Russischen Föderation und Mali bestätigt, heißt das nur: Das Land ist einmal mehr den regionalen Rivalitäten von Großmächten ausgeliefert.
Weiterbau einer Pipeline nach Nigeria
Die aktuellen Ereignisse in Mali stellen eine ernste Warnung an die mit Burkina Faso und Niger gebildete Sahel-Konföderation dar. Sie hatte sich das Ziel gesetzt, den Einfluss der alten imperialistischen, einstigen europäischen Kolonialstaaten zurückzudrängen. Ibrahim Traoré, Übergangspräsident von Burkina Faso, reagierte umgehend mit der Einberufung von 100.000 Reservisten auf die kritische Lage in Mali. Er hat – anders als die regierenden Militärs in Bamako – die freundschaftlichen Beziehungen zu Algerien nicht abgebrochen.
Und Nigers Übergangspräsident Abdourahamane Tiani unterschrieb im Februar in Algier ein umfassendes Kooperationsabkommen. Damit konnte auf nigrischem Gebiet der bereits seit Jahren beschlossene Weiterbau einer Pipeline bis nach Nigeria begonnen werden, die von größtem Wert für die innerafrikanische Wirtschaftsintegration ist. Der bisher übliche Seeweg, auf dem der Rohstoff über algerische Häfen verschifft wird, könnte ersetzt werden. Um die Trasse auch für die ansässige Bevölkerung attraktiv zu machen, sind für sie landwirtschaftliche Entwicklungsprojekte geplant.
g aufsässigen Nomadenvolkes. Damit wurde erneut eine Allianz aktiv, die 2013 schon einmal die Zentralmacht in Bamako bedrohte. Seinerzeit konnte sie nur durch die Intervention Frankreichs zurückgedrängt werden.Rückstau bis zur Grenze des SenegalDiesmal griffen die JNIM mit Erkundungsdrohnen und schweren Waffen nicht nur die Hauptstadt, sondern zugleich die 30 Kilometer entfernte Garnisonsstadt Kati an. Dort finden sich Residenzen von Regierungsmitgliedern, unter anderem von Übergangspräsident Assimi Goïta. Der zweite Mann im Staat, Verteidigungsminister Sadio Camara, wurde bei diesem Vorstoß getötet. Zwar behauptet die Regierungsarmee, wieder Herr der Lage zu sein, doch kann sie nicht verhindern, dass die JNIM Zufahrtswege nach Bamako derart blockiert, dass es zu einem Rückstau bis zur senegalesischen Grenze kommt.Im Nordwesten hat die FLA vollendete Tatsachen geschaffen. Es ist ihr gelungen, mit Kidal die angestammte Tuareg-Metropole zurückzuerobern. Die war 2023 mit Unterstützung russischer Wagner-Milizionäre von der malischen Armee eingenommen worden, nachdem die Regierung in Bamako das Ende der dortigen UN-Mission durchgesetzt hatte.Freies Geleit für russisches Afrikakorps und malische RegierungstruppenWas jetzt geschehe, so FLA-Sprecher Mohammed Elmaouloud Ramdane, sei die Konsequenz aus dem vor drei Jahren erfolgten Bruch des 2015 durch Vermittlung Algeriens geschlossenen Versöhnungsabkommens mit Bamako. Dadurch sei das Tuareg-Gebiet „blutigem Staatsterror“ ausgesetzt gewesen, die FLA nun entschlossen, den Kampf um die Kontrolle der Nordregion Malis wieder aufnehmen, wozu die Städte Gao und Sevaré gehörten. Dem in Kidal stationierten russischen Afrikakorps und den Regierungstruppen wurde zum Abzug freies Geleit gewährt. Schwere Waffen mussten sie freilich zurücklassen.Wie 2013 irritiert auch jetzt die Allianz zwischen der säkular ausgerichteten FLA und den islamistischen JNIM. Während Letztere einen transnationalen islamischen Staat anstreben, will die FLA die Unabhängigkeit oder wenigstens eine umfassende Autonomie des von ihr beanspruchten Territoriums. Elmaouloud Ramdane spricht denn auch von einem taktischen Bündnis mit den Dschihadisten, woraus sich schließen lässt, dass Mali territorial zerstückelt werden könnte.Schauplatz für Rivalitäten von GroßmächtenAls äußerst riskant erschien der Einmarsch der nationalen Streitkräfte in Kidal schon 2023, zumal diesem Vormarsch Bombenangriffe vorausgingen. Das ökonomisch und institutionell geschwächte Mali verfügte nicht über die gebotenen Ressourcen, um nach einer Militäraktion einen effizienten Wirtschaftsaufbau voranzutreiben. Anders als bei der FLA scheint der von den JNIM erhoffte Zuspruch der Bevölkerung im Süden auszubleiben. In der Hauptstadt setzten sich die Menschen mit Barrikaden zur Wehr. Dennoch ist offen, ob sich die durch einen Putsch an die Macht gekommene Regierung von Assimi Goïta halten kann, gerade weil sie sich von der versprochenen nationalen Versöhnungspolitik abgewandt hat. Die Annäherung an Marokko, wozu auch die Anerkennung einer „Marokkanität“ der Westsahara zählt, deutet darauf hin, dass man die Beziehungen zu Frankreich und den USA wieder auffrischen will. Dem liegt in Bamako die trügerische Hoffnung zugrunde, dass diese Mächte den verdeckten Beistand für islamistische Gruppen einstellen. Eine Illusion, wie die Ausrüstung der JNIM mit modernen Spähdrohnen und Artillerie beweist. Wenn der russische Botschafter Igor Gromyko in Bamako den Fortbestand des Bündnisses zwischen der Russischen Föderation und Mali bestätigt, heißt das nur: Das Land ist einmal mehr den regionalen Rivalitäten von Großmächten ausgeliefert.Weiterbau einer Pipeline nach Nigeria Die aktuellen Ereignisse in Mali stellen eine ernste Warnung an die mit Burkina Faso und Niger gebildete Sahel-Konföderation dar. Sie hatte sich das Ziel gesetzt, den Einfluss der alten imperialistischen, einstigen europäischen Kolonialstaaten zurückzudrängen. Ibrahim Traoré, Übergangspräsident von Burkina Faso, reagierte umgehend mit der Einberufung von 100.000 Reservisten auf die kritische Lage in Mali. Er hat – anders als die regierenden Militärs in Bamako – die freundschaftlichen Beziehungen zu Algerien nicht abgebrochen. Und Nigers Übergangspräsident Abdourahamane Tiani unterschrieb im Februar in Algier ein umfassendes Kooperationsabkommen. Damit konnte auf nigrischem Gebiet der bereits seit Jahren beschlossene Weiterbau einer Pipeline bis nach Nigeria begonnen werden, die von größtem Wert für die innerafrikanische Wirtschaftsintegration ist. Der bisher übliche Seeweg, auf dem der Rohstoff über algerische Häfen verschifft wird, könnte ersetzt werden. Um die Trasse auch für die ansässige Bevölkerung attraktiv zu machen, sind für sie landwirtschaftliche Entwicklungsprojekte geplant.