Die AMOC, unser klimatischer Lebensretter, steht kurz vor dem Kollaps. Forscher warnen vor einer neuen Eiszeit in Europa und dem Kollaps des Amazonas. Warum ignorieren wir diese Krise zugunsten von Benzinpreisen?


Eisskulpturen der brasilianischen Künstlerin Nele Azevedo schmelzen auf den Stufen der Berliner Konzerthalle

Foto: John MacDougall/Getty Images


Bevor ich Ihnen vom drohenden AMOC-Kollaps erzähle, möchte ich Sie bitten, sich in folgende Analogie hineinzuversetzen: Wäre die Welt eine Küche, so hätten wir bislang auf der angenehm temperierten Arbeitsfläche gelebt, je nach Weltregion auch mal im Kühlschrank oder im Dampfgarer – und gelegentlich auf der Herdplatte. Bald aber könnte sich unser Leben in Gefrierschrank und Bratpfanne verlagern.

Nun zur AMOC: Das Akronym steht für „Atlantische Meridionale Umwälzzirkulation“. Sie transportiert warmes Wasser aus den Tropen an der Meeresoberfläche nach Norden und kaltes Wasser am Meeresboden nach Süden. Damit sorgt die Meeresströmung etwa für milde Winter in Westeuropa und für Niederschläge über Amerika und Afrika. Anders ausgedrückt: Die AMOC hat uns bislang ein Leben auf der Küchenarbeitsfläche ermöglicht.

Die Sorge, dass sie aufgrund der globalen Erwärmung kollabiert, gibt es schon seit einiger Zeit. Wir erhitzen die Arktis so stark, dass sich dort das Meerwasser langsamer abkühlt. Es ist in der Folge weniger dicht und sinkt weniger tief. An der Oberfläche sorgen Eisschmelze und verstärkte Niederschläge für mehr Süßwasser. Auch das verringert die Wasserdichte – bis die Strömung kollabiert. Weil das alles hochkomplex ist, schwankten Klimamodelle bislang bei der Frage, ob und wann es so weit kommt.

Kipppunkt wahrscheinlich Mitte des Jahrhunderts erreicht

Eine Studie unter der Leitung von Valentin Portmann von der Universität Bordeaux zeigt: Die pessimistischen Modelle hatten recht. Sie prognostizieren, dass die Strömung bis 2100 um 65 Prozent abnimmt. Der Kipppunkt ist sehr wahrscheinlich bereits Mitte des Jahrhunderts erreicht. Die Folge: eine moderne Eiszeit. Westeuropa drohen extrem kalte Winter und extrem heiße Sommer – was den Klimaforscher Tim Lenton zu der Analogie mit dem Gefrierschrank und der Bratpfanne inspirierte.

Aber das ist längst nicht alles: Ein AMOC-Kollaps würde höchstwahrscheinlich auch den Kollaps des Amazonas-Regenwaldes bedeuten, den Anstieg des Meeresspiegels beschleunigen, die Antarktis um weitere sechs Grad aufheizen und große Mengen CO₂ aus dem Meer freisetzen. Das Schmelzwasser des Grönland-Eisschildes ist da noch nicht mit eingerechnet: „Die Realität dürfte noch schlimmer sein“, sagt Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut.

Was zu alldem nicht passt: die Ruhe. „I want you to panic“, würde uns Greta Thunberg sagen, wenn sie nicht gerade wieder auf einem Boot Richtung Gaza säße. Aber auch das interessiert kaum noch, seit die Benzinpreise die größte Panik seit Jahren auslösen.

Svenja Beller studierte Journalistik in Hannover und Buenos Aires. Nach ihrem Volontariat beim Greenpeace Magazin arbeitet sie seit 2012 als freie Journalistin. 2017 veröffentlichte sie ihr erstes Buch Einfach Loslaufen beim Dumont Reiseverlag. Für ihre Arbeiten wurde sie mit mehreren Preisen ausgezeichnet. Sie lebt und arbeitet in Hamburg und Lissabon. Sie ist spezialisiert auf große Reportagen und Wissenschaftsreports.

Für den Freitag schreibt sie u.a. die umweltpolitische Kolumne „Forst und Wüste“.

nach Süden. Damit sorgt die Meeresströmung etwa für milde Winter in Westeuropa und für Niederschläge über Amerika und Afrika. Anders ausgedrückt: Die AMOC hat uns bislang ein Leben auf der Küchenarbeitsfläche ermöglicht.Die Sorge, dass sie aufgrund der globalen Erwärmung kollabiert, gibt es schon seit einiger Zeit. Wir erhitzen die Arktis so stark, dass sich dort das Meerwasser langsamer abkühlt. Es ist in der Folge weniger dicht und sinkt weniger tief. An der Oberfläche sorgen Eisschmelze und verstärkte Niederschläge für mehr Süßwasser. Auch das verringert die Wasserdichte – bis die Strömung kollabiert. Weil das alles hochkomplex ist, schwankten Klimamodelle bislang bei der Frage, ob und wann es so weit kommt.Kipppunkt wahrscheinlich Mitte des Jahrhunderts erreichtEine Studie unter der Leitung von Valentin Portmann von der Universität Bordeaux zeigt: Die pessimistischen Modelle hatten recht. Sie prognostizieren, dass die Strömung bis 2100 um 65 Prozent abnimmt. Der Kipppunkt ist sehr wahrscheinlich bereits Mitte des Jahrhunderts erreicht. Die Folge: eine moderne Eiszeit. Westeuropa drohen extrem kalte Winter und extrem heiße Sommer – was den Klimaforscher Tim Lenton zu der Analogie mit dem Gefrierschrank und der Bratpfanne inspirierte.Aber das ist längst nicht alles: Ein AMOC-Kollaps würde höchstwahrscheinlich auch den Kollaps des Amazonas-Regenwaldes bedeuten, den Anstieg des Meeresspiegels beschleunigen, die Antarktis um weitere sechs Grad aufheizen und große Mengen CO₂ aus dem Meer freisetzen. Das Schmelzwasser des Grönland-Eisschildes ist da noch nicht mit eingerechnet: „Die Realität dürfte noch schlimmer sein“, sagt Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut.Was zu alldem nicht passt: die Ruhe. „I want you to panic“, würde uns Greta Thunberg sagen, wenn sie nicht gerade wieder auf einem Boot Richtung Gaza säße. Aber auch das interessiert kaum noch, seit die Benzinpreise die größte Panik seit Jahren auslösen.



Source link

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert