Leif Randts Millennial-Roman „Allegro Pastell“ und dessen Verfilmung erzählen vor allem von privilegierten Menschen. Wer die Gen Y besser verstehen will, sollte diese fünf Filme und Serien kennen. Die Klassenfrage wird hier auch gestellt


Der Traum eines jeden Millennial: Fleabag (Phoebe Waller-Bridge) hat ihr eigenes Café!

Foto: Capital Pictures/Imago


Auf Social Media wird 2016 als vermeintlich letztes unproblematisches Jahr des aktuellen Jahrhunderts romantisiert, Skinny Jeans sind wieder en vogue und die Gen Z entdeckt CDs wieder für sich. Kurz: Die Millennial-Kultur feiert ein Comeback! Aber was macht die Generation Y eigentlich aus, die zwischen 1981 und 1995 geboren wurde? Diese fünf Filme und Serien geben einen Einblick.

„Fleabag“: Auch mal im Dazwischen steckenbleiben

Millennials sind Meister im Loslassen. Loslassen traditioneller Beziehungsmuster, ungesunder Körperbilder, toxischer Erziehungsmethoden. Dass die Generation bei diesen großen Emanzipationsprozessen natürlicherweise auch mal im Dazwischen stecken bleibt, dafür steht Phoebe Waller-Bridges widersprüchliche Fleabag vielleicht wie keine andere Figur.

Fleabag zeigt die Befreiung von alten Rollenbildern als ideelles Chaos. Die Protagonistin sehnt sich nach Anerkennung und will doch vollkommen frei von gesellschaftlichen Normen durch die Welt gehen. Sie verliebt sich als Atheistin ausgerechnet in einen Priester, provoziert ihre Schwester im Schweigeretreat zu einem lautstarken Lachanfall – und gibt trotz feministischer Werte bei einem Ted-Talk durch Handzeichen zu, dass sie für den perfekten Körper auf ein paar Lebensjahre verzichten würde.

Außerdem lebt Fleabag den Millennial-Traum schlechthin: ein eigenes Café. Die Millennial-Realität, mit Mitte 30 noch keine finanzielle Stabilität erlangt zu haben, lebt sie jedoch gleich mit.

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„Twilight“: Team Edward oder Team Jacob?

Die Twilight-Verfilmungen hatten das Glück, dass sich die Allgemeinheit 2008 noch nicht daran störte, dass ihre zentrale Liebesgeschichte zwischen einem über 100-jährigen Vampir und einer Minderjährigen stattfindet. Und: dass Millennials es lieben, sich selbst zu kategorisieren. Schließlich war die essenzielle Frage der Zeit „Team Edward“ oder „Team Jacob“ – und das Online-Forum Reddit lieferte, angelehnt an diese Gretchenfrage, unendlich viele weitere Online-Quizze für die erste Digital-Native-Generation.

Der Twilight-Hype steht deshalb auch für die spezielle Art des Internetkonsums Anfang der Nullerjahre, als man ganz unschuldig sämtliche Vorlieben, Geburtsdaten und Co. in ein öffentliches Forum eingab, nur um herauszufinden, ob man eher Werwolf (Jacob) oder Vampir (Edward) ist oder welcher Twilight-Charakter zum eigenen Sternzeichen passt.

Heute wirkt die Liebesgeschichte zwischen Edward und Bella ebenso aus der Zeit gefallen wie der extreme Blaulichtfilter der Filme. Dafür bietet die Filmreihe mittlerweile einiges Meme-Potenzial – und was lieben Millennials mehr, als alte Favoriten mit ironischem Weitblick neu aufleben zu lassen?

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„Master of None“: Champions des ewigen Abwägens

Kein Millennial-Dasein ohne „Decision Fatigue“, also die Überforderung angesichts zu vieler Auswahlmöglichkeiten. Ob es um Informationen im Netz oder ganze Lebensentwürfe geht – für Millennials schien eine kurze Zeit lang alles möglich und dadurch nichts klar. Dev und seine Freunde Arnold, Denise und Brian in Master of None sind olympische Champions des ewigen Abwägens. Kind, kein Kind, Schauspielausbildung in den USA oder Kochausbildung in Italien, Monogamie oder lieber doch nicht.

Ihre teils absurden Denkschleifen zeigen, dass die grenzenlose Verfügbarkeit, die Millennials versprochen wurde, natürlich nur eine scheinbare ist – so etwa, wenn Dev nach 45 Minuten Online-Suche nach dem besten Taco New Yorks beim ausgewählten Food-Truck ankommt, nur um festzustellen, dass die Tacos bereits ausverkauft sind.

Master of None macht außerdem explizit darauf aufmerksam, wie nicht-divers der Content war, mit dem viele Millennials aufgewachsen sind, wenn Dev von einem Casting-Director gesagt bekommt, dass zwei indische Schauspieler zu viel seien für eine Sitcom, die von „allen“ gemocht werden soll.

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„Harry Potter und ein Stein“: An ihren Tattoos sollt ihr sie erkennen

Es gibt viele Anzeichen, an denen man einen Millennial auf der Straße erkennen kann. Neben perlweißen Sneakern und unsichtbaren Socken, ist es auch das Dreiecks-Tattoo der Heiligtümer des Todes aus Harry Potter. Der besondere Sog der Buch- und Filmreihe entstand für viele Millennials durch die Gleichzeitigkeit der Plot-Entwicklung und ihres eigenen Lebens. Einige wurden zeitgleich mit Erscheinen des ersten Buchs (oder des ersten Films) eingeschult und dann mit jeder Neuerscheinung ein Jahr älter.

Fast noch mehr „Millennial-Culture“ als Harry Potter selbst ist jedoch die Parodie von der Medienkünstlerin Kathrin Fricke (alias „Cold Mirror“): Diese findet man in zahlreichen Voice-Over-Clips dort, wo Millennials ihre Zeit verbracht haben, wenn sie gerade nichts Neues illegal über kinox.to herunterladen wollten: YouTube. Das Beste, wenn man statt des Originals die Parodie streamt: Die sich immer wieder transphob äußernde Potter-Autorin J. K. Rowling verdient weniger Geld.

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„Lady Bird“: Vergessen wir nicht die Klassenfrage

Christine nennt sich selbst Lady Bird und will, wie so viele Millennials, mit allem brechen, was ihr in die Wiege gelegt wurde. Die katholische Schule, auf die sie geht, passt genauso wenig zu ihr wie das kalifornische Sacramento, in dem sie aufwächst. Also träumt sie ganz klassisch von einem Studium an der Ostküste, von Großstadt, freigeistigen Intellektuellen und Kunst.

Und doch unterscheidet sich Lady Bird durch ein entscheidendes Detail von vielen anderen Darstellungen dieses Millennial-Traums: die finanziell prekären Verhältnisse ihrer Familie, die zeigen, dass das Verlassen von alten Strukturen nicht etwa jedem Mitglied einer Generation gleich zugänglich ist – und wir bei Debatten um die Wünsche und Ängste einer Generation die Frage nach Klasse nicht vergessen dürfen.

ischer Erziehungsmethoden. Dass die Generation bei diesen großen Emanzipationsprozessen natürlicherweise auch mal im Dazwischen stecken bleibt, dafür steht Phoebe Waller-Bridges widersprüchliche Fleabag vielleicht wie keine andere Figur.Fleabag zeigt die Befreiung von alten Rollenbildern als ideelles Chaos. Die Protagonistin sehnt sich nach Anerkennung und will doch vollkommen frei von gesellschaftlichen Normen durch die Welt gehen. Sie verliebt sich als Atheistin ausgerechnet in einen Priester, provoziert ihre Schwester im Schweigeretreat zu einem lautstarken Lachanfall – und gibt trotz feministischer Werte bei einem Ted-Talk durch Handzeichen zu, dass sie für den perfekten Körper auf ein paar Lebensjahre verzichten würde.Außerdem lebt Fleabag den Millennial-Traum schlechthin: ein eigenes Café. Die Millennial-Realität, mit Mitte 30 noch keine finanzielle Stabilität erlangt zu haben, lebt sie jedoch gleich mit. Placeholder image-1„Twilight“: Team Edward oder Team Jacob?Die Twilight-Verfilmungen hatten das Glück, dass sich die Allgemeinheit 2008 noch nicht daran störte, dass ihre zentrale Liebesgeschichte zwischen einem über 100-jährigen Vampir und einer Minderjährigen stattfindet. Und: dass Millennials es lieben, sich selbst zu kategorisieren. Schließlich war die essenzielle Frage der Zeit „Team Edward“ oder „Team Jacob“ – und das Online-Forum Reddit lieferte, angelehnt an diese Gretchenfrage, unendlich viele weitere Online-Quizze für die erste Digital-Native-Generation.Der Twilight-Hype steht deshalb auch für die spezielle Art des Internetkonsums Anfang der Nullerjahre, als man ganz unschuldig sämtliche Vorlieben, Geburtsdaten und Co. in ein öffentliches Forum eingab, nur um herauszufinden, ob man eher Werwolf (Jacob) oder Vampir (Edward) ist oder welcher Twilight-Charakter zum eigenen Sternzeichen passt.Heute wirkt die Liebesgeschichte zwischen Edward und Bella ebenso aus der Zeit gefallen wie der extreme Blaulichtfilter der Filme. Dafür bietet die Filmreihe mittlerweile einiges Meme-Potenzial – und was lieben Millennials mehr, als alte Favoriten mit ironischem Weitblick neu aufleben zu lassen? Placeholder image-2„Master of None“: Champions des ewigen AbwägensKein Millennial-Dasein ohne „Decision Fatigue“, also die Überforderung angesichts zu vieler Auswahlmöglichkeiten. Ob es um Informationen im Netz oder ganze Lebensentwürfe geht – für Millennials schien eine kurze Zeit lang alles möglich und dadurch nichts klar. Dev und seine Freunde Arnold, Denise und Brian in Master of None sind olympische Champions des ewigen Abwägens. Kind, kein Kind, Schauspielausbildung in den USA oder Kochausbildung in Italien, Monogamie oder lieber doch nicht.Ihre teils absurden Denkschleifen zeigen, dass die grenzenlose Verfügbarkeit, die Millennials versprochen wurde, natürlich nur eine scheinbare ist – so etwa, wenn Dev nach 45 Minuten Online-Suche nach dem besten Taco New Yorks beim ausgewählten Food-Truck ankommt, nur um festzustellen, dass die Tacos bereits ausverkauft sind.Master of None macht außerdem explizit darauf aufmerksam, wie nicht-divers der Content war, mit dem viele Millennials aufgewachsen sind, wenn Dev von einem Casting-Director gesagt bekommt, dass zwei indische Schauspieler zu viel seien für eine Sitcom, die von „allen“ gemocht werden soll. Placeholder image-3„Harry Potter und ein Stein“: An ihren Tattoos sollt ihr sie erkennenEs gibt viele Anzeichen, an denen man einen Millennial auf der Straße erkennen kann. Neben perlweißen Sneakern und unsichtbaren Socken, ist es auch das Dreiecks-Tattoo der Heiligtümer des Todes aus Harry Potter. Der besondere Sog der Buch- und Filmreihe entstand für viele Millennials durch die Gleichzeitigkeit der Plot-Entwicklung und ihres eigenen Lebens. Einige wurden zeitgleich mit Erscheinen des ersten Buchs (oder des ersten Films) eingeschult und dann mit jeder Neuerscheinung ein Jahr älter.Fast noch mehr „Millennial-Culture“ als Harry Potter selbst ist jedoch die Parodie von der Medienkünstlerin Kathrin Fricke (alias „Cold Mirror“): Diese findet man in zahlreichen Voice-Over-Clips dort, wo Millennials ihre Zeit verbracht haben, wenn sie gerade nichts Neues illegal über kinox.to herunterladen wollten: YouTube. Das Beste, wenn man statt des Originals die Parodie streamt: Die sich immer wieder transphob äußernde Potter-Autorin J. K. Rowling verdient weniger Geld. Placeholder image-4„Lady Bird“: Vergessen wir nicht die KlassenfrageChristine nennt sich selbst Lady Bird und will, wie so viele Millennials, mit allem brechen, was ihr in die Wiege gelegt wurde. Die katholische Schule, auf die sie geht, passt genauso wenig zu ihr wie das kalifornische Sacramento, in dem sie aufwächst. Also träumt sie ganz klassisch von einem Studium an der Ostküste, von Großstadt, freigeistigen Intellektuellen und Kunst.Und doch unterscheidet sich Lady Bird durch ein entscheidendes Detail von vielen anderen Darstellungen dieses Millennial-Traums: die finanziell prekären Verhältnisse ihrer Familie, die zeigen, dass das Verlassen von alten Strukturen nicht etwa jedem Mitglied einer Generation gleich zugänglich ist – und wir bei Debatten um die Wünsche und Ängste einer Generation die Frage nach Klasse nicht vergessen dürfen.



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