Seit 2003 gibt es die „Jüdische Stimme für einen gerechten Frieden in Nahost“. Zuletzt stand der Verein im Verfassungsschutzbericht. Ein Interview mit dem Vorsitzenden Wieland Hoban über Palästina, Antisemitismus, Boykott – und seine Klage
Die „Jüdische Stimme“ bezieht eine klare Position: Demonstration in Berlin (Archivbild 2023)
Foto: Craig Stennett/Getty Images
Der Verein „Jüdische Stimme für einen gerechten Frieden in Nahost“ hat sich am Montag in einem Eilverfahren vor dem Verwaltungsgericht Berlin zunächst erfolgreich gegen seine Nennung als „gesichert“ extremistisch im Verfassungsschutzbericht für 2024 gewehrt. Drei Passagen müssen nun angepasst oder getilgt werden. Das Gericht attestierte dem Verein in mündlicher Verhandlung zwar eine „klare antiisraelische Haltung“, doch reiche dies nicht aus, um in die höchste Stufe geheimdienstlicher Beobachtung einsortiert zu werden. Hierzu wären deutliche Aufrufe zu Gewalt nötig gewesen. Dem Antrag, eine solche Nennung im Verfassungsschutzbericht für 2025 im Vorgriff zu untersagen, gab das Gericht allerdings nicht statt. Der Bericht müsse zunächst abgewartet werden.
Der 2003 gegründete Verein scheut sich gewiss nicht, in der Nahostdebatte sehr polarisierende Positionen zu beziehen. Nach der blutigen Hamas-Attacke vom 7. Oktober 2023 war in einem Statement unter anderem von einem „Gefängnisausbruch“ die Rede, zu dessen Ursachen die Blockade des Gazastreifens zähle. Das Gericht sah in den Postings der „Jüdischen Stimme“ zum 7. Oktober aber keinen Aufruf zur Gewalt.
Scharfen Gegenwind ist der Israel-kritische jüdische Verein gewohnt: Als er etwa 2019 den Göttinger Friedenspreis erhielt, zogen Universität, Stadt und die örtliche Sparkasse ihre Unterstützung für die Auszeichnung zurück. Jüngst hat Hessens Antisemitismusbeauftragter Uwe Becker (CDU) sogar ein rasches Verbot des Vereins gefordert.
Gegen das Urteil des Verwaltungsgerichts Berlin können Rechtsmittel eingelegt werden. Am Verwaltungsgericht Köln läuft noch ein weiteres Verfahren, in dem sich die „Jüdische Stimme für einen gerechten Frieden in Nahost“ nicht nur gegen die Nennung im Verfassungsschutzberiht wehrt, sondern gegen die Überwachung selbst. Den vorläufigen Teilsieg vor dem Berliner Gericht haben wir zum Anlass genommen, mit dem umstrittenen Verein einmal selbst zu sprechen. Im Interview erklärt der Vorsitzende Wieland Hoban, weswegen er gegen den Verfassungsschutz klagt – und spricht über sein Verständnis von jüdischer Identität, von Antisemitismus und der BDS-Boykottkampagne gegen Israel.
der Freitag: Herr Hoban, wie erfährt man davon, wenn einen der Verfassungsschutz für „gesichert“ extremistisch hält? Gibt es da eine Art gelben Brief?
Wieland Hoban: Ich habe das von einem Journalisten erfahren, als der Verfassungsschutzbericht 2024 vorgestellt wurde. Dann haben sich auch viele andere an mich gewandt.
Was wurde Ihnen denn vorgeworfen?
Die Punkte, die da angeführt waren, ergaben ein sehr schwaches Bild. Es war daraus nicht nachzuvollziehen, wie das, was wir tun, die Sicherheit der Bundesrepublik oder das Grundgesetz gefährden sollte. Da wurde viel insinuiert, es ging um Kontaktschuld und Andeutungen, um Kreise, in denen wir uns angeblich bewegen, und Positionen, von denen wir uns nicht distanzierten.
Sie meinen die Kampagne BDS – Boycott, Divestment, Sanctions – gegen Israel? Darüber müssen wir gleich noch reden …
Gerne. Die Rede war auch von einer von uns „behaupteten Apartheid“. Das ist absurd. Das Verbot von Apartheid ist ein völkerrechtlicher Bestand und bezüglich Israels gibt es dazu von zahlreichen Menschenrechtsorganisationen und am Internationalen Gerichtshof (IGH) in Den Haag eine lange Reihe von Berichten, Stellungnahmen und so weiter, die den Begriff klar begründen.
Wir wollen das jetzt gerichtlich klären, auch mit dem Gedanken an andere Gruppen aus der Palästina-Solidarität, die von Repression betroffen sind
Deswegen hatten Sie gegen die Nennung als „gesichert extremistisch“ im Verfassungsschutzbericht geklagt. Was den Bericht für 2024 angeht, vorläufig mit Erfolg …
Nachdem unsere Anwälte aktiv wurden, hat man uns eine inhaltliche Replik zukommen lassen, die über die Vorhaltungen im Bericht weit hinausging. Einzelne Postings, Dinge, die ein Mitglied X auf einer Demonstration Y angeblich gesagt hat – man lässt eine beeindruckende Überwachungsdichte durchblicken. Aber wir sehen dieses Nachlegen eigentlich als Zeichen für eine schwache Position. Wir wollen das jetzt gerichtlich klären, auch mit dem Gedanken an andere Gruppen aus der Palästina-Solidarität, die von Repression betroffen sind. Und natürlich, weil sich der Verfassungsschutz durch die Vergabe dieses Labels auch neue Überwachungsbefugnisse zuspricht.
Wie wirkt sich so ein Eintrag im Verfassungsschutzbericht auf eine Organisation aus?
Das schwächte uns natürlich. Es schürt Ängste bei Mitgliedern, die etwa in einem Einbürgerungsverfahren stecken. Arbeitet man im öffentlichen Dienst, könnte die Stelle gefährdet sein. Es machte uns noch einmal angreifbarer hinsichtlich öffentlicher Auftritte. Es bedroht auch die Gemeinnützigkeit des Vereins.
Geht Deutschland besonders hart gegen Palästina-solidarische Gruppen vor?
Über unsere Dachverbände European Jews for Palestine und Global Jews for Palestine, die Gruppen in über 20 Ländern vereinen, hören wir auch von anderswo von einem erheblichen Eskalationsniveau. In Großbritannien gibt es Kriminalisierungstendenzen, in Frankreich wurde ein einschlägiger Gesetzentwurf zum Glück gerade zurückgezogen. Überall gibt es Konflikte mit den staatlich anerkannten jüdischen Organisationen. Aber dieses institutionelle Vorgehen seitens des Verfassungsschutzes, da ist Deutschland schon führend. Und das vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte: Der post-nazistische Staat verfolgt uns, weil wir keine „guten Juden“ sind. Wenn uns Teile dieser Gesellschaft antisemitisch nennen, empfinde ich das selbst als Antisemitismus.
Wahrscheinlich wäre die richtige Folgerung aus dieser Geschichte, dass in diesem Land alle jüdischen Stimmen gehört werden. Aber lassen Sie uns genauer über ihre Organisation sprechen. Gegründet wurde die „Jüdische Stimme für einen gerechten Frieden in Nahost“ 2003 …
Genau, während der zweiten Intifada. Im Vergleich zu heute war es ein anderes Ausmaß an Gewalt, aber es war eine Zeit der Verschärfung. Das hat bei deutschen und israelischen Jüdinnen und Juden, von denen einige frisch aus Israel kamen, das Bedürfnis geweckt, eine Gegenposition zum jüdischen Mainstream zu bilden, also zu der Behauptung, der Staat Israel sei ein selbstverständlicher Hauptbestandteil und Vertreter jüdischer Identität. Schon damals wurde immer sichtbarer, wie der Begriff und der Vorwurf des Antisemitismus politisch instrumentalisiert wurden. Da wollte man mit einer jüdischen Stimme dagegenhalten.
Was heißt „jüdisch“ in „Jüdische Stimme“? Geht es nur um das Glaubwürdigkeitsplus, dass „auch Jüdinnen und Juden so etwas sagen“? Es wird Ihnen ja oft vorgeworfen, sich zum „Token“ anti-jüdischer, antisemitischer Ressentiments zu machen.
Natürlich geht es auch um das „Nicht in unserem Namen!“ Aber es ist mehr als das. Alle Vereinsmitglieder sind jüdischer Herkunft, ob religiös oder nicht. Uns eint die Haltung, dass ein Eintreten gegen Ungerechtigkeit und Unterdrückung Teil unseres jüdischen Erbes ist, Ergebnis auch unserer kollektiven Geschichte. Ich denke etwa an Marek Edelman, den Widerstandskämpfer aus dem Warschauer Getto, der einst sagte: Jüdisch zu sein bedeutet, immer auf der Seite der Unterdrückten und niemals des Unterdrückers zu stehen. Es ist kein Zufall, dass er danach Solidarität mit der palästinensischen Sache zeigte. Und auch die alten Propheten traten oft auf, um Machthaber und Irrwege anzuprangern.
Es gab in Bayern bei der Linken viel Applaus, als ich die Partei kritisierte und sagte, sie habe da viel gutzumachen
Das, was Sie jüdischen Mainstream nennen, etwa der Zentralrat der Juden in Deutschland, sieht Sie gewiss nicht in Nachfolge der Propheten. Man sagt eher: Das ist eine kleine, verrückte, gefährliche und sich radikalisierende Minderheit, die für niemanden spricht.
Vielleicht sind wir eine Minderheit, aber eine wachsende. Und der Zentralrat ist auch viel weniger repräsentativ, als er sich gibt. Es leben heute in Deutschland rund 225.000 Jüdinnen und Juden. Von denen sind weniger als die Hälfte überhaupt Gemeindemitglieder, und der Zentralrat ist nur der Dachverband für die Gemeinden. Oder schauen wir in die USA: Dort gibt es rund sieben Millionen Jüdinnen und Juden, und von denen sagen laut Umfragen etwa 25 Prozent, dass Israel ein „Apartheidstaat“ ist, aber für solche Aussagen sollen wir hierzulande überwacht werden. Gerade Jüngere wenden sich vom Gewohnheitszionismus der 50- bis 60-Jährigen ab. Sie kritisieren den Rassismus in den USA und wollen sich nicht zum menschlichen Schutzschild des israelischen Rassismus machen lassen.
Versteht sich die „Jüdische Stimme“ als Teil der politischen Linken?
Das steht nicht direkt in der Satzung, und die Mitgliedschaft reicht von liberal bis marxistisch. De facto sind wir aber links, da wir für Gerechtigkeit, Gleichheit und Frieden stehen. Unter den Parteien haben wir auch am ehesten Kontakte zur Partei Die Linke. Seit der letzten Bundestagswahl und der Eintrittswelle davor gibt es dort viel mehr Leute, auch Abgeordnete, die Palästina-solidarische Positionen vertreten. Ich selbst durfte kürzlich beim Parteitag der Bayern-Linken sprechen. Es gab viel Applaus, als ich die Partei kritisierte und sagte, sie habe da viel gutzumachen. Noch immer verteidigt die Parteiführung oft zionistische Positionen wie die von Bodo Ramelow, aber die Auseinandersetzungen der letzten Jahre haben viel bewegt.
Diese Gleichsetzung von BDS und Nazis ist eine komplette Verzerrung der Geschichte
Haben Sie Verbindungen nach Israel? Bereisen Sie das Land?
Ich war 2022 in Palästina, da war mein Name aber noch nicht so öffentlich wie heute. Wenn ich das jetzt versuchen würde, säße ich vielleicht einige Stunden in einer unangenehmen Befragung fest, vielleicht käme ich auch nicht rein. Aber ich boykottiere Israel, und da ich keine engen familiären Verbindungen dorthin habe, stellt sich die Frage für mich nicht.
Womit wir bei dem Boykott-Thema wären. Da zuckt man in Deutschland zusammen, denn „Boykottiert Israel“ erinnert an das unselige „Kauft nicht bei Juden“. Ist die Boykottbewegung nicht kontraproduktiv, weil sie auch das progressive Israel trifft? Ist sie in ihrer Pauschalität nicht dämonisierend und tendenziell antisemitisch?
Diese Gleichsetzung von BDS und Nazis ist eine komplette Verzerrung der Geschichte. Damals hat der Staat, die Staatspartei, gegen eine ungeschützte Minderheit gehetzt als Teil einer buchstäblichen Existenzvernichtung. Heute erheben umgekehrt Unterdrückte diese Forderung, die einem mächtigen Staat mit Atomwaffen gegenüberstehen. Es geht nicht um die Juden, sondern um Israel. Und Boykott ist ein altbewährtes und gewaltloses Mittel.
Ist die Haltung zu BDS auch für Sie ein Lackmustest für eine „richtige“ Position zum Nahostkonflikt, nur mit umgekehrtem Vorzeichen?
Es ist auf jeden Fall ein zentrales Mittel. Sie glauben nicht, wie wichtig etwa Auftritte von Popstars in Israel für die dortige Regierung sind. Über so etwas wird quasi am Kabinettstisch gesprochen, und weil das so ist, verwendet Israel so viele Ressourcen auf Gegenkampagnen, die jegliche Nähe zu BDS als Ausdruck des reinsten Antisemitismus darzustellen versuchen.
Das ist doch kein mächtiges Mittel, sondern ein Stoppschild. Mit BDS isolieren Sie nicht Israel, sondern sich selbst.
Ihre Aussage zeigt, wie wichtig Aufklärung ist. Trifft es die Falschen? Nein. Es geht nicht um persönliche Ächtung, es sollen Institutionen und Strukturen geschwächt werden. Man kann gut aufzeigen, wie sehr etwa Universitäten in die Besatzungs- und Militärstrukturen eingebunden sind. Natürlich nimmt die Repression gegen BDS zu, aber es gibt irgendwann einen Punkt, an dem das umschlägt.
Wie meinen Sie das?
Nehmen Sie den Kunstbereich: Wenn ich als Kurator bei jeder Einladung erst einen umfassenden Background-Check machen muss, ob da nicht mal etwas in dieser Art unterschrieben oder geteilt wurde, wirkt das allmählich als Abschottung etwa gegenüber dem globalen Süden, wo dieser Konflikt oft ganz anders gesehen wird. Deutschland boykottiert sich allmählich selbst, irgendwann wird man das merken. Persönlichkeiten wie Judith Butler meiden dieses Land ja inzwischen so gut es geht, weil sie bestimmte Diskussionen nicht mehr führen möchten.
Die meisten antisemitischen Angriffe werden weiterhin von weißen deutschen Rechten verübt
Nämlich die deutsche Antisemitismus-Diskussion. Was heißt der Begriff für Sie?
Antisemitismus ist die Anfeindung, die Diskriminierung jüdischer Menschen, nur weil sie jüdisch sind. Diese Definitionsschlachten, die es um den Begriff gibt, zeigen nur, wie politisiert das alles ist. Israel versucht lange, den Begriff eng an den sogenannten „Konflikt“ in Westasien zu binden, aber man muss das auseinanderhalten.
Darf ich dazu eine Geschichte erzählen? Vor einiger Zeit war ich in Berlin-Neukölln unterwegs. Da sah ich zwei Jungs, augenscheinlich mit Hintergrund im arabischen Raum …
Wieso sprechen Sie beim Thema Antisemitismus sofort über „Jungs aus dem arabischen Raum“? Die meisten Angriffe werden weiterhin von weißen deutschen Rechten verübt.
Weil ich Sie fragen möchte, inwieweit sich Kritik an Israels Verhalten im Konflikt und Antisemitismus eben doch vermischen, man das also nicht immer auseinanderhalten kann. Diese Jungs jedenfalls, vielleicht zehn oder zwölf Jahre alt, haben vor einem Haus gezielt auf Stolpersteine im Straßenpflaster gepinkelt. Sie müssen gewusst haben, wofür diese stehen. Da habe ich mich gefragt, was denen ihre großen Brüder erzählt haben: Dass das alles nicht stimmt mit dem Holocaust? Oder die Juden das irgendwie verdient hatten?
Abgesehen von der kindischen Lust am Tabubruch: Vielleicht haben diese Kinder oder Jugendlichen auch nur in ihrer deutschen Schule vermittelt bekommen, dass „die Juden“ wegen des Holocaust machen dürfen, was sie heute tun. Ich billige natürlich nicht, dass jemand Synagogen beschmiert oder eben auf Stolpersteine uriniert. Zugleich muss man sich vorzustellen versuchen, wie das ist, so etwas gesagt zu bekommen, wenn man von der betroffenen Seite herkommt.
Ich würde gern die Frage nach der Vermischung von Kritik und Antisemitismus noch einmal aufrufen.
Das existiert zwar, aber auch dann ist es nicht gleichzusetzen mit dem jahrhundertealten europäischen Antisemitismus. Dieser richtete sich gegen eine erst religiös, dann rassistisch diskriminierte Minderheit. Wenn heute so etwas unter palästinensischen Jugendlichen vorkommt, dann vor dem Hintergrund einer kolonialen Unterdrückung, bei der ein übermächtiger, atomar bewaffneter „jüdischer Staat“ Verbrechen begeht. Wer sagt, das ist einfach das gleiche, der tut so, als gäbe es diesen Kontext gar nicht, seit Jahrzehnten und vor allem angesichts dessen, was nun in Gaza geschehen ist. Man muss es also von der erlebten Realität her betrachten.
Was meinen Sie damit?
Wenn ein palästinensischer Jugendlicher „Jude“ negativ benutzt, dann meint er nicht das, was ein etwa deutscher Antisemit im Jahr 1930 vor Augen hatte. Er denkt eher an schwerbewaffnete IDF-Soldaten, vor deren Willkür man Angst haben muss. Oder an Siedler, die im Wissen um Straflosigkeit in dein Haus kommen und dir ins Gesicht sagen, dass sie es sich nehmen werden. Das Gleiche muss man übrigens bei der Deutung politologischer Daten zum Antisemitismus beachten.
Für viele heißt Frieden ja, dass die Palästinenser einfach alles hinnehmen sollen, aber das ist kein Frieden
Auch das müssen Sie genauer erklären.
Wenn ich weiße Deutsche frage: „Haben die Juden zu viel Macht über das Geld?“ und sie sagen ja, dann deutet das auf antisemitische Stereotype. Wenn aber Menschen aus Gaza, der Westbank und so weiter die gleiche Antwort geben, wie es in einer Umfrage der Fall war, dann ist das völlig anders, da ihre Existenz konkret davon abhängt, ob Israel da gerade Geld und Güter hineinlässt oder nicht.
Was bedeutet der zweite Bestandteil des Namens Ihres Vereins, also „gerechter Frieden in Nahost“?
Das ist im Grunde sehr einfach. Wir setzen uns dafür ein, dass es zwischen dem Fluss und dem Meer Gerechtigkeit, Freiheit und Gleichheit für alle gibt. Der Ausdruck „gerechter Friede“ erinnert an eine alte Protestparole: No Justice, No Peace. Für viele heißt Frieden ja, dass die Palästinenser einfach alles hinnehmen sollen, aber das ist kein Frieden.
Böte eine Zweistaatenlösung die Möglichkeit eines gerechten Friedens?
Abgesehen davon, dass das beim heutigen Stand der Dinge kaum noch möglich ist, weil nicht mehr viel da ist, woraus man den zweiten Staat machen könnte, wäre es sowieso völlig ungerecht: 50 Prozent der Menschen auf zwanzig Prozent des Landes.
Was also sonst?
Als antikoloniale jüdische Organisation sehen wir es in diesem Konflikt nicht als unsere Rolle, vorzuschlagen oder vorzuschreiben, was es für staatliche Strukturen geben soll. Aber es existiert schon de facto ein Staat, ein israelisches Herrschaftsgebiet, dass immer mehr übernommen werden soll. Israel will wachsen, will die Westbank annektieren, aber das schafft ein „demografisches Problem“, weil es gemäß seiner Definition als „jüdischer Staat“ eine jüdische Mehrheit braucht. Also muss es die Westbank erst ethnisch säubern, wenn es sie annektieren will. Das ist heute nicht anders als 1948 bei der Nakba.
Israel ist heute eine expansive Militärmacht mit Atomwaffen und den mächtigsten Bündnispartnern, die eine große Region mehr oder minder dominiert
Das deutsche Bundesland Hessen hat jetzt einen Gesetzentwurf vorgelegt, der die „Leugnung des Existenzrechts Israels“ unter Strafe stellt. Was sagen Sie dazu?
Ein solches Gesetz soll Kritik an Israel weiter kriminalisieren. Und die oft inquisitorische Frage zum Existenzrecht, das völkerrechtlich gar nicht existiert, setzt einen manipulativen Rahmen. Sie verschiebt ja die Ebenen: Staaten sind Resultate und Akteure historischer Prozesse. Sie entstehen, ändern ihre Form, ihr System, sie teilen sich oder schließen sich zu größeren Staaten zusammen und natürlich können sie auch verschwinden. Deutsche sollten das wissen. Menschen haben Rechte, Staaten aber nicht.
Bei Israel geht es darum, dass die Verfolgungserfahrungen des Judentums den Wunsch nach einem sicheren Ort begründen, nach einem eigenen Staat. Können Sie das nicht nachvollziehen?
Ich kann das durchaus nachvollziehen für die engere Nachkriegszeit, aber konnte man die Umsetzung den Menschen aufzwingen, die dort schon lebten? Außerdem spielt in der Vorgeschichte der israelischen Staatsgründung der britische, christliche Kolonialismus eine Schlüsselrolle, der in Westasien einen kulturell europäischen Anker werfen wollte – und zugleich, auch das gehört dazu, eine spürbare Zahl von Juden aus dem eigenen Land loswerden.
Aber nochmal: Ohne die Wannsee-Konferenz und ihre schrecklichen Folgen wäre der Zionismus im Judentum vermutlich nicht mehrheitsfähig geworden.
Das ist richtig, aber seither hat sich die Welt verändert. Allerspätestens ab 1967, als Israel in sechs Tagen drei arabische Armeen besiegte, hätte die Rhetorik von Israel als Staat der Opfer obsolet werden sollen. Und mittlerweile, besonders seit Anfang des Genozids im Oktober 2023, ist das Narrativ doch grotesk, dass Israel permanent nur um seine nackte Existenz kämpft. Es ist heute, wie gesagt, eine expansive Militärmacht mit Atomwaffen und den mächtigsten Bündnispartnern, die eine große Region mehr oder minder dominiert. Ob das die Jüdinnen und Juden dort und anderswo wirklich sicherer macht, ist auch fraglich …
Es gibt keine deutsche Wiedergutwerdung durch die Lieferung von Triebwerken für die Merkava-Panzer, die zuerst Gaza und jetzt den Süden Libanons plattwalzen
Was wäre denn für Sie ein Ansatz, um jüdisches Leben sicherer zu machen?
Ein historisches Beispiel war der Bundismus, also der Ansatz des Allgemeinen Jüdischen Arbeiterbunds, der vom späten 19. Jahrhundert bis Mitte der 1930er Jahre in Polen, Litauen und Russland als sozialistische Partei aktiv war. Dort gab es eine regelrechte Apartheid gegen Jüdinnen und Juden. Der Ansatz war, nicht etwa Palästina zu kolonisieren, sondern die eigenen Gesellschaften für alle Menschengruppen gerechter zu machen. Der Holocaust hat das abgebrochen, und viele dieser jüdischen Antizionisten wurden ermordet. Einige aus dem Widerstand waren später an der Nakba beteiligt, eine historische Tragik, die manche auch klar gesehen haben. Das zeigt, dass die Unterscheidung von Opfern und Tätern immer kontextabhängig ist.
Sehen Sie einen Hoffnungsschimmer für den „gerechten Frieden in Nahost“?
Vor Ort? Der Genozid in Gaza geht verlangsamt weiter, die ethnische Säuberung im Westjordanland nimmt erschreckend Fahrt auf. Und dann noch Libanon, Iran: Israel setzt alles in Brand. Mehr Hoffnung macht mir die internationale Situation in den USA und teils in Europa. Die unhinterfragte Unterstützung für alles, was die israelische Regierung tut, nimmt unter Jüdinnen und Juden wie auch insgesamt ab. Und Israel braucht diese Unterstützung für sein Handeln.
Wo sehen Sie Ihre Organisation in den nächsten Jahren?
Ich freue mich zunächst natürlich über den Erfolg im Eilverfahren vor dem Verwaltungsgericht Berlin. Den Rest wird man sehen. Der Kampf gegen die Repression geht so oder so weiter. Für die Mitglieder, die wegen ihrer Haltung manchmal auch Brüche in ihren Familien und Freundeskreisen hinnehmen mussten, bietet der Verein neben dem Einsatz für Palästina auch eine Möglichkeit, ihre jüdische Identität zu leben. Auch das bedroht der deutsche Staat mit dem Vorwand, „jüdisches Leben zu schützen“. Felix Klein, der langjährige Antisemitismus-Beauftragte, hat sinngemäß einmal gesagt, Israelis oder Jüdinnen und Juden wie wir sollten bei unserer Kritik an dem Staat, der in unserem Namen zu handeln behauptet, auf die Befindlichkeiten der Deutschen achten. Das wird es mit uns nicht geben. Und auch keine deutsche Wiedergutwerdung durch die Lieferung von Triebwerken für die Merkava-Panzer, die zuerst Gaza und jetzt den Süden Libanons plattwalzen.
che Stimme für einen gerechten Frieden in Nahost“ hat sich am Montag in einem Eilverfahren vor dem Verwaltungsgericht Berlin zunächst erfolgreich gegen seine Nennung als „gesichert“ extremistisch im Verfassungsschutzbericht für 2024 gewehrt. Drei Passagen müssen nun angepasst oder getilgt werden. Das Gericht attestierte dem Verein in mündlicher Verhandlung zwar eine „klare antiisraelische Haltung“, doch reiche dies nicht aus, um in die höchste Stufe geheimdienstlicher Beobachtung einsortiert zu werden. Hierzu wXX-replace-me-XXX228;ren deutliche Aufrufe zu Gewalt nötig gewesen. Dem Antrag, eine solche Nennung im Verfassungsschutzbericht für 2025 im Vorgriff zu untersagen, gab das Gericht allerdings nicht statt. Der Bericht müsse zunächst abgewartet werden. Der 2003 gegründete Verein scheut sich gewiss nicht, in der Nahostdebatte sehr polarisierende Positionen zu beziehen. Nach der blutigen Hamas-Attacke vom 7. Oktober 2023 war in einem Statement unter anderem von einem „Gefängnisausbruch“ die Rede, zu dessen Ursachen die Blockade des Gazastreifens zähle. Das Gericht sah in den Postings der „Jüdischen Stimme“ zum 7. Oktober aber keinen Aufruf zur Gewalt. Scharfen Gegenwind ist der Israel-kritische jüdische Verein gewohnt: Als er etwa 2019 den Göttinger Friedenspreis erhielt, zogen Universität, Stadt und die örtliche Sparkasse ihre Unterstützung für die Auszeichnung zurück. Jüngst hat Hessens Antisemitismusbeauftragter Uwe Becker (CDU) sogar ein rasches Verbot des Vereins gefordert. Gegen das Urteil des Verwaltungsgerichts Berlin können Rechtsmittel eingelegt werden. Am Verwaltungsgericht Köln läuft noch ein weiteres Verfahren, in dem sich die „Jüdische Stimme für einen gerechten Frieden in Nahost“ nicht nur gegen die Nennung im Verfassungsschutzberiht wehrt, sondern gegen die Überwachung selbst. Den vorläufigen Teilsieg vor dem Berliner Gericht haben wir zum Anlass genommen, mit dem umstrittenen Verein einmal selbst zu sprechen. Im Interview erklärt der Vorsitzende Wieland Hoban, weswegen er gegen den Verfassungsschutz klagt – und spricht über sein Verständnis von jüdischer Identität, von Antisemitismus und der BDS-Boykottkampagne gegen Israel.der Freitag: Herr Hoban, wie erfährt man davon, wenn einen der Verfassungsschutz für „gesichert“ extremistisch hält? Gibt es da eine Art gelben Brief?Wieland Hoban: Ich habe das von einem Journalisten erfahren, als der Verfassungsschutzbericht 2024 vorgestellt wurde. Dann haben sich auch viele andere an mich gewandt.Was wurde Ihnen denn vorgeworfen?Die Punkte, die da angeführt waren, ergaben ein sehr schwaches Bild. Es war daraus nicht nachzuvollziehen, wie das, was wir tun, die Sicherheit der Bundesrepublik oder das Grundgesetz gefährden sollte. Da wurde viel insinuiert, es ging um Kontaktschuld und Andeutungen, um Kreise, in denen wir uns angeblich bewegen, und Positionen, von denen wir uns nicht distanzierten.Sie meinen die Kampagne BDS – Boycott, Divestment, Sanctions – gegen Israel? Darüber müssen wir gleich noch reden …Gerne. Die Rede war auch von einer von uns „behaupteten Apartheid“. Das ist absurd. Das Verbot von Apartheid ist ein völkerrechtlicher Bestand und bezüglich Israels gibt es dazu von zahlreichen Menschenrechtsorganisationen und am Internationalen Gerichtshof (IGH) in Den Haag eine lange Reihe von Berichten, Stellungnahmen und so weiter, die den Begriff klar begründen.Wir wollen das jetzt gerichtlich klären, auch mit dem Gedanken an andere Gruppen aus der Palästina-Solidarität, die von Repression betroffen sindDeswegen hatten Sie gegen die Nennung als „gesichert extremistisch“ im Verfassungsschutzbericht geklagt. Was den Bericht für 2024 angeht, vorläufig mit Erfolg … Nachdem unsere Anwälte aktiv wurden, hat man uns eine inhaltliche Replik zukommen lassen, die über die Vorhaltungen im Bericht weit hinausging. Einzelne Postings, Dinge, die ein Mitglied X auf einer Demonstration Y angeblich gesagt hat – man lässt eine beeindruckende Überwachungsdichte durchblicken. Aber wir sehen dieses Nachlegen eigentlich als Zeichen für eine schwache Position. Wir wollen das jetzt gerichtlich klären, auch mit dem Gedanken an andere Gruppen aus der Palästina-Solidarität, die von Repression betroffen sind. Und natürlich, weil sich der Verfassungsschutz durch die Vergabe dieses Labels auch neue Überwachungsbefugnisse zuspricht.Wie wirkt sich so ein Eintrag im Verfassungsschutzbericht auf eine Organisation aus?Das schwächte uns natürlich. Es schürt Ängste bei Mitgliedern, die etwa in einem Einbürgerungsverfahren stecken. Arbeitet man im öffentlichen Dienst, könnte die Stelle gefährdet sein. Es machte uns noch einmal angreifbarer hinsichtlich öffentlicher Auftritte. Es bedroht auch die Gemeinnützigkeit des Vereins.Geht Deutschland besonders hart gegen Palästina-solidarische Gruppen vor?Über unsere Dachverbände European Jews for Palestine und Global Jews for Palestine, die Gruppen in über 20 Ländern vereinen, hören wir auch von anderswo von einem erheblichen Eskalationsniveau. In Großbritannien gibt es Kriminalisierungstendenzen, in Frankreich wurde ein einschlägiger Gesetzentwurf zum Glück gerade zurückgezogen. Überall gibt es Konflikte mit den staatlich anerkannten jüdischen Organisationen. Aber dieses institutionelle Vorgehen seitens des Verfassungsschutzes, da ist Deutschland schon führend. Und das vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte: Der post-nazistische Staat verfolgt uns, weil wir keine „guten Juden“ sind. Wenn uns Teile dieser Gesellschaft antisemitisch nennen, empfinde ich das selbst als Antisemitismus.Wahrscheinlich wäre die richtige Folgerung aus dieser Geschichte, dass in diesem Land alle jüdischen Stimmen gehört werden. Aber lassen Sie uns genauer über ihre Organisation sprechen. Gegründet wurde die „Jüdische Stimme für einen gerechten Frieden in Nahost“ 2003 …Genau, während der zweiten Intifada. Im Vergleich zu heute war es ein anderes Ausmaß an Gewalt, aber es war eine Zeit der Verschärfung. Das hat bei deutschen und israelischen Jüdinnen und Juden, von denen einige frisch aus Israel kamen, das Bedürfnis geweckt, eine Gegenposition zum jüdischen Mainstream zu bilden, also zu der Behauptung, der Staat Israel sei ein selbstverständlicher Hauptbestandteil und Vertreter jüdischer Identität. Schon damals wurde immer sichtbarer, wie der Begriff und der Vorwurf des Antisemitismus politisch instrumentalisiert wurden. Da wollte man mit einer jüdischen Stimme dagegenhalten.Was heißt „jüdisch“ in „Jüdische Stimme“? Geht es nur um das Glaubwürdigkeitsplus, dass „auch Jüdinnen und Juden so etwas sagen“? Es wird Ihnen ja oft vorgeworfen, sich zum „Token“ anti-jüdischer, antisemitischer Ressentiments zu machen.Natürlich geht es auch um das „Nicht in unserem Namen!“ Aber es ist mehr als das. Alle Vereinsmitglieder sind jüdischer Herkunft, ob religiös oder nicht. Uns eint die Haltung, dass ein Eintreten gegen Ungerechtigkeit und Unterdrückung Teil unseres jüdischen Erbes ist, Ergebnis auch unserer kollektiven Geschichte. Ich denke etwa an Marek Edelman, den Widerstandskämpfer aus dem Warschauer Getto, der einst sagte: Jüdisch zu sein bedeutet, immer auf der Seite der Unterdrückten und niemals des Unterdrückers zu stehen. Es ist kein Zufall, dass er danach Solidarität mit der palästinensischen Sache zeigte. Und auch die alten Propheten traten oft auf, um Machthaber und Irrwege anzuprangern.Es gab in Bayern bei der Linken viel Applaus, als ich die Partei kritisierte und sagte, sie habe da viel gutzumachenDas, was Sie jüdischen Mainstream nennen, etwa der Zentralrat der Juden in Deutschland, sieht Sie gewiss nicht in Nachfolge der Propheten. Man sagt eher: Das ist eine kleine, verrückte, gefährliche und sich radikalisierende Minderheit, die für niemanden spricht.Vielleicht sind wir eine Minderheit, aber eine wachsende. Und der Zentralrat ist auch viel weniger repräsentativ, als er sich gibt. Es leben heute in Deutschland rund 225.000 Jüdinnen und Juden. Von denen sind weniger als die Hälfte überhaupt Gemeindemitglieder, und der Zentralrat ist nur der Dachverband für die Gemeinden. Oder schauen wir in die USA: Dort gibt es rund sieben Millionen Jüdinnen und Juden, und von denen sagen laut Umfragen etwa 25 Prozent, dass Israel ein „Apartheidstaat“ ist, aber für solche Aussagen sollen wir hierzulande überwacht werden. Gerade Jüngere wenden sich vom Gewohnheitszionismus der 50- bis 60-Jährigen ab. Sie kritisieren den Rassismus in den USA und wollen sich nicht zum menschlichen Schutzschild des israelischen Rassismus machen lassen.Versteht sich die „Jüdische Stimme“ als Teil der politischen Linken?Das steht nicht direkt in der Satzung, und die Mitgliedschaft reicht von liberal bis marxistisch. De facto sind wir aber links, da wir für Gerechtigkeit, Gleichheit und Frieden stehen. Unter den Parteien haben wir auch am ehesten Kontakte zur Partei Die Linke. Seit der letzten Bundestagswahl und der Eintrittswelle davor gibt es dort viel mehr Leute, auch Abgeordnete, die Palästina-solidarische Positionen vertreten. Ich selbst durfte kürzlich beim Parteitag der Bayern-Linken sprechen. Es gab viel Applaus, als ich die Partei kritisierte und sagte, sie habe da viel gutzumachen. Noch immer verteidigt die Parteiführung oft zionistische Positionen wie die von Bodo Ramelow, aber die Auseinandersetzungen der letzten Jahre haben viel bewegt.Diese Gleichsetzung von BDS und Nazis ist eine komplette Verzerrung der GeschichteHaben Sie Verbindungen nach Israel? Bereisen Sie das Land?Ich war 2022 in Palästina, da war mein Name aber noch nicht so öffentlich wie heute. Wenn ich das jetzt versuchen würde, säße ich vielleicht einige Stunden in einer unangenehmen Befragung fest, vielleicht käme ich auch nicht rein. Aber ich boykottiere Israel, und da ich keine engen familiären Verbindungen dorthin habe, stellt sich die Frage für mich nicht.Womit wir bei dem Boykott-Thema wären. Da zuckt man in Deutschland zusammen, denn „Boykottiert Israel“ erinnert an das unselige „Kauft nicht bei Juden“. Ist die Boykottbewegung nicht kontraproduktiv, weil sie auch das progressive Israel trifft? Ist sie in ihrer Pauschalität nicht dämonisierend und tendenziell antisemitisch?Diese Gleichsetzung von BDS und Nazis ist eine komplette Verzerrung der Geschichte. Damals hat der Staat, die Staatspartei, gegen eine ungeschützte Minderheit gehetzt als Teil einer buchstäblichen Existenzvernichtung. Heute erheben umgekehrt Unterdrückte diese Forderung, die einem mächtigen Staat mit Atomwaffen gegenüberstehen. Es geht nicht um die Juden, sondern um Israel. Und Boykott ist ein altbewährtes und gewaltloses Mittel.Ist die Haltung zu BDS auch für Sie ein Lackmustest für eine „richtige“ Position zum Nahostkonflikt, nur mit umgekehrtem Vorzeichen?Es ist auf jeden Fall ein zentrales Mittel. Sie glauben nicht, wie wichtig etwa Auftritte von Popstars in Israel für die dortige Regierung sind. Über so etwas wird quasi am Kabinettstisch gesprochen, und weil das so ist, verwendet Israel so viele Ressourcen auf Gegenkampagnen, die jegliche Nähe zu BDS als Ausdruck des reinsten Antisemitismus darzustellen versuchen.Das ist doch kein mächtiges Mittel, sondern ein Stoppschild. Mit BDS isolieren Sie nicht Israel, sondern sich selbst.Ihre Aussage zeigt, wie wichtig Aufklärung ist. Trifft es die Falschen? Nein. Es geht nicht um persönliche Ächtung, es sollen Institutionen und Strukturen geschwächt werden. Man kann gut aufzeigen, wie sehr etwa Universitäten in die Besatzungs- und Militärstrukturen eingebunden sind. Natürlich nimmt die Repression gegen BDS zu, aber es gibt irgendwann einen Punkt, an dem das umschlägt.Wie meinen Sie das?Nehmen Sie den Kunstbereich: Wenn ich als Kurator bei jeder Einladung erst einen umfassenden Background-Check machen muss, ob da nicht mal etwas in dieser Art unterschrieben oder geteilt wurde, wirkt das allmählich als Abschottung etwa gegenüber dem globalen Süden, wo dieser Konflikt oft ganz anders gesehen wird. Deutschland boykottiert sich allmählich selbst, irgendwann wird man das merken. Persönlichkeiten wie Judith Butler meiden dieses Land ja inzwischen so gut es geht, weil sie bestimmte Diskussionen nicht mehr führen möchten.Die meisten antisemitischen Angriffe werden weiterhin von weißen deutschen Rechten verübtNämlich die deutsche Antisemitismus-Diskussion. Was heißt der Begriff für Sie?Antisemitismus ist die Anfeindung, die Diskriminierung jüdischer Menschen, nur weil sie jüdisch sind. Diese Definitionsschlachten, die es um den Begriff gibt, zeigen nur, wie politisiert das alles ist. Israel versucht lange, den Begriff eng an den sogenannten „Konflikt“ in Westasien zu binden, aber man muss das auseinanderhalten.Darf ich dazu eine Geschichte erzählen? Vor einiger Zeit war ich in Berlin-Neukölln unterwegs. Da sah ich zwei Jungs, augenscheinlich mit Hintergrund im arabischen Raum …Wieso sprechen Sie beim Thema Antisemitismus sofort über „Jungs aus dem arabischen Raum“? Die meisten Angriffe werden weiterhin von weißen deutschen Rechten verübt.Weil ich Sie fragen möchte, inwieweit sich Kritik an Israels Verhalten im Konflikt und Antisemitismus eben doch vermischen, man das also nicht immer auseinanderhalten kann. Diese Jungs jedenfalls, vielleicht zehn oder zwölf Jahre alt, haben vor einem Haus gezielt auf Stolpersteine im Straßenpflaster gepinkelt. Sie müssen gewusst haben, wofür diese stehen. Da habe ich mich gefragt, was denen ihre großen Brüder erzählt haben: Dass das alles nicht stimmt mit dem Holocaust? Oder die Juden das irgendwie verdient hatten?Abgesehen von der kindischen Lust am Tabubruch: Vielleicht haben diese Kinder oder Jugendlichen auch nur in ihrer deutschen Schule vermittelt bekommen, dass „die Juden“ wegen des Holocaust machen dürfen, was sie heute tun. Ich billige natürlich nicht, dass jemand Synagogen beschmiert oder eben auf Stolpersteine uriniert. Zugleich muss man sich vorzustellen versuchen, wie das ist, so etwas gesagt zu bekommen, wenn man von der betroffenen Seite herkommt.Ich würde gern die Frage nach der Vermischung von Kritik und Antisemitismus noch einmal aufrufen.Das existiert zwar, aber auch dann ist es nicht gleichzusetzen mit dem jahrhundertealten europäischen Antisemitismus. Dieser richtete sich gegen eine erst religiös, dann rassistisch diskriminierte Minderheit. Wenn heute so etwas unter palästinensischen Jugendlichen vorkommt, dann vor dem Hintergrund einer kolonialen Unterdrückung, bei der ein übermächtiger, atomar bewaffneter „jüdischer Staat“ Verbrechen begeht. Wer sagt, das ist einfach das gleiche, der tut so, als gäbe es diesen Kontext gar nicht, seit Jahrzehnten und vor allem angesichts dessen, was nun in Gaza geschehen ist. Man muss es also von der erlebten Realität her betrachten.Was meinen Sie damit?Wenn ein palästinensischer Jugendlicher „Jude“ negativ benutzt, dann meint er nicht das, was ein etwa deutscher Antisemit im Jahr 1930 vor Augen hatte. Er denkt eher an schwerbewaffnete IDF-Soldaten, vor deren Willkür man Angst haben muss. Oder an Siedler, die im Wissen um Straflosigkeit in dein Haus kommen und dir ins Gesicht sagen, dass sie es sich nehmen werden. Das Gleiche muss man übrigens bei der Deutung politologischer Daten zum Antisemitismus beachten.Für viele heißt Frieden ja, dass die Palästinenser einfach alles hinnehmen sollen, aber das ist kein FriedenAuch das müssen Sie genauer erklären.Wenn ich weiße Deutsche frage: „Haben die Juden zu viel Macht über das Geld?“ und sie sagen ja, dann deutet das auf antisemitische Stereotype. Wenn aber Menschen aus Gaza, der Westbank und so weiter die gleiche Antwort geben, wie es in einer Umfrage der Fall war, dann ist das völlig anders, da ihre Existenz konkret davon abhängt, ob Israel da gerade Geld und Güter hineinlässt oder nicht.Was bedeutet der zweite Bestandteil des Namens Ihres Vereins, also „gerechter Frieden in Nahost“?Das ist im Grunde sehr einfach. Wir setzen uns dafür ein, dass es zwischen dem Fluss und dem Meer Gerechtigkeit, Freiheit und Gleichheit für alle gibt. Der Ausdruck „gerechter Friede“ erinnert an eine alte Protestparole: No Justice, No Peace. Für viele heißt Frieden ja, dass die Palästinenser einfach alles hinnehmen sollen, aber das ist kein Frieden.Böte eine Zweistaatenlösung die Möglichkeit eines gerechten Friedens?Abgesehen davon, dass das beim heutigen Stand der Dinge kaum noch möglich ist, weil nicht mehr viel da ist, woraus man den zweiten Staat machen könnte, wäre es sowieso völlig ungerecht: 50 Prozent der Menschen auf zwanzig Prozent des Landes.Was also sonst?Als antikoloniale jüdische Organisation sehen wir es in diesem Konflikt nicht als unsere Rolle, vorzuschlagen oder vorzuschreiben, was es für staatliche Strukturen geben soll. Aber es existiert schon de facto ein Staat, ein israelisches Herrschaftsgebiet, dass immer mehr übernommen werden soll. Israel will wachsen, will die Westbank annektieren, aber das schafft ein „demografisches Problem“, weil es gemäß seiner Definition als „jüdischer Staat“ eine jüdische Mehrheit braucht. Also muss es die Westbank erst ethnisch säubern, wenn es sie annektieren will. Das ist heute nicht anders als 1948 bei der Nakba.Israel ist heute eine expansive Militärmacht mit Atomwaffen und den mächtigsten Bündnispartnern, die eine große Region mehr oder minder dominiertDas deutsche Bundesland Hessen hat jetzt einen Gesetzentwurf vorgelegt, der die „Leugnung des Existenzrechts Israels“ unter Strafe stellt. Was sagen Sie dazu?Ein solches Gesetz soll Kritik an Israel weiter kriminalisieren. Und die oft inquisitorische Frage zum Existenzrecht, das völkerrechtlich gar nicht existiert, setzt einen manipulativen Rahmen. Sie verschiebt ja die Ebenen: Staaten sind Resultate und Akteure historischer Prozesse. Sie entstehen, ändern ihre Form, ihr System, sie teilen sich oder schließen sich zu größeren Staaten zusammen und natürlich können sie auch verschwinden. Deutsche sollten das wissen. Menschen haben Rechte, Staaten aber nicht.Bei Israel geht es darum, dass die Verfolgungserfahrungen des Judentums den Wunsch nach einem sicheren Ort begründen, nach einem eigenen Staat. Können Sie das nicht nachvollziehen?Ich kann das durchaus nachvollziehen für die engere Nachkriegszeit, aber konnte man die Umsetzung den Menschen aufzwingen, die dort schon lebten? Außerdem spielt in der Vorgeschichte der israelischen Staatsgründung der britische, christliche Kolonialismus eine Schlüsselrolle, der in Westasien einen kulturell europäischen Anker werfen wollte – und zugleich, auch das gehört dazu, eine spürbare Zahl von Juden aus dem eigenen Land loswerden.Aber nochmal: Ohne die Wannsee-Konferenz und ihre schrecklichen Folgen wäre der Zionismus im Judentum vermutlich nicht mehrheitsfähig geworden.Das ist richtig, aber seither hat sich die Welt verändert. Allerspätestens ab 1967, als Israel in sechs Tagen drei arabische Armeen besiegte, hätte die Rhetorik von Israel als Staat der Opfer obsolet werden sollen. Und mittlerweile, besonders seit Anfang des Genozids im Oktober 2023, ist das Narrativ doch grotesk, dass Israel permanent nur um seine nackte Existenz kämpft. Es ist heute, wie gesagt, eine expansive Militärmacht mit Atomwaffen und den mächtigsten Bündnispartnern, die eine große Region mehr oder minder dominiert. Ob das die Jüdinnen und Juden dort und anderswo wirklich sicherer macht, ist auch fraglich …Es gibt keine deutsche Wiedergutwerdung durch die Lieferung von Triebwerken für die Merkava-Panzer, die zuerst Gaza und jetzt den Süden Libanons plattwalzenWas wäre denn für Sie ein Ansatz, um jüdisches Leben sicherer zu machen?Ein historisches Beispiel war der Bundismus, also der Ansatz des Allgemeinen Jüdischen Arbeiterbunds, der vom späten 19. Jahrhundert bis Mitte der 1930er Jahre in Polen, Litauen und Russland als sozialistische Partei aktiv war. Dort gab es eine regelrechte Apartheid gegen Jüdinnen und Juden. Der Ansatz war, nicht etwa Palästina zu kolonisieren, sondern die eigenen Gesellschaften für alle Menschengruppen gerechter zu machen. Der Holocaust hat das abgebrochen, und viele dieser jüdischen Antizionisten wurden ermordet. Einige aus dem Widerstand waren später an der Nakba beteiligt, eine historische Tragik, die manche auch klar gesehen haben. Das zeigt, dass die Unterscheidung von Opfern und Tätern immer kontextabhängig ist.Sehen Sie einen Hoffnungsschimmer für den „gerechten Frieden in Nahost“?Vor Ort? Der Genozid in Gaza geht verlangsamt weiter, die ethnische Säuberung im Westjordanland nimmt erschreckend Fahrt auf. Und dann noch Libanon, Iran: Israel setzt alles in Brand. Mehr Hoffnung macht mir die internationale Situation in den USA und teils in Europa. Die unhinterfragte Unterstützung für alles, was die israelische Regierung tut, nimmt unter Jüdinnen und Juden wie auch insgesamt ab. Und Israel braucht diese Unterstützung für sein Handeln.Wo sehen Sie Ihre Organisation in den nächsten Jahren?Ich freue mich zunächst natürlich über den Erfolg im Eilverfahren vor dem Verwaltungsgericht Berlin. Den Rest wird man sehen. Der Kampf gegen die Repression geht so oder so weiter. Für die Mitglieder, die wegen ihrer Haltung manchmal auch Brüche in ihren Familien und Freundeskreisen hinnehmen mussten, bietet der Verein neben dem Einsatz für Palästina auch eine Möglichkeit, ihre jüdische Identität zu leben. Auch das bedroht der deutsche Staat mit dem Vorwand, „jüdisches Leben zu schützen“. Felix Klein, der langjährige Antisemitismus-Beauftragte, hat sinngemäß einmal gesagt, Israelis oder Jüdinnen und Juden wie wir sollten bei unserer Kritik an dem Staat, der in unserem Namen zu handeln behauptet, auf die Befindlichkeiten der Deutschen achten. Das wird es mit uns nicht geben. Und auch keine deutsche Wiedergutwerdung durch die Lieferung von Triebwerken für die Merkava-Panzer, die zuerst Gaza und jetzt den Süden Libanons plattwalzen.