Doppelmoral und Geschichtsvergessenheit
In Torgau an der Elbe hätten sich sowjetische und US-amerikanische Soldaten die Hand gereicht und den Eid geleistet: „Nie wieder Krieg!“
„Und jetzt ist es ja leider so, dass diese Erinnerungskultur von der deutschen Politik mehr und mehr eingeschläfert wird. Es ist ja nicht verboten, aber es wird so eingeschläfert.“
Russen würden inzwischen zum Beispiel zu den Gedenkfeiern nicht mehr eingeladen. Nach Eisbrenners Meinung ein Fehler.
Die US-Amerikaner hätten deutlich mehr Kriege geführt als die Russen, würden aber weiterhin eingeladen. Dabei hätten gerade die Russen im Zuge des deutschen Faschismus Millionen Menschen verloren. Diese Einladungspraxis sei völlig geschichtsvergessen. Es handele sich um eine politische Doppelmoral, die alle Teilnehmer der heutigen Kundgebung ablehnten.

Warum die Deutschen gegen den Kriegskurs der Bundesregierung nicht aufstehen
Die Deutschen hätten leider eine große Übung darin, „die Obrigkeit einfach machen zu lassen, bis die Katastrophe da ist“. So sei es letztlich auch zum Zweiten Weltkrieg gekommen. Das sei jedoch nur die eine Seite der Medaille. Auf der anderen Seite gebe es viele Menschen, die versuchten, dagegen Widerstand zu leisten, weil sie merkten, „dass wir uns auf etwas zubewegen, was für die ganze Welt kreuzgefährlich ist“.
Es sei schließlich die Aufgabe von Politik, das Verbindende zwischen Völkern und Menschen herauszuarbeiten – sei es mithilfe von Diplomatie oder durch Wirtschaftsbeziehungen.
Noch würden die Deutschen nicht zusammenzucken, „wenn man uns Nord Stream 2 sprengt“. Als Künstler sei er jedoch viel im Land unterwegs und nehme wahr, dass sich die Stimmung wandle: Selbst Menschen, die „überhaupt keine Russenfreunde“ seien, würden erkennen, dass etwas in die falsche Richtung laufe und mit zweierlei Maß gemessen werde. Notwendig sei es, Friedenskonzepte zu entwickeln, denn Frieden sei letztlich das, was jeder Mensch wolle. An diesen mitunter tief verborgenen Wunsch müssten Künstler und Medienschaffende erinnern.
Zum „Frühling des Gedenkens“: Was bedeuten die Gedenktage zum Kriegsende 1945 für Eisbrenner persönlich?
Er sei in der DDR aufgewachsen: „Und in der DDR gab es eben die Verbindung zur Sowjetunion, die war ganz eng. Und man hat natürlich die Mahnung jedes Jahr durch diese Feiertage immer wieder ausgesprochen, immer wieder gesagt: Von deutschem Boden darf kein Krieg mehr ausgehen. Wir müssen uns daran erinnern, was alles passiert ist. Es ist ja nicht nur eine Mahnung gegen Krieg, es ist ja auch eine Mahnung in Sachen Demokratie. Dass die Demokratie durch den Faschismus abgeschafft wurde ‒ das hat Deutschland auf bitterste Weise miterlebt. Und diese Gedenktage erzählen das ja auch. Heißt, der Krieg geht nicht erst los, wenn der Krieg losgeht, sondern er geht immer schon vorher los.“

In den letzten Jahren habe es in der BRD eine Umgestaltung des Gedenkens gegeben. Sogar die Bezeichnung des 8. Mai habe sich verändert: „Für uns war das immer der Tag der Befreiung, auf der anderen Seite war es der Tag der Kapitulation. Schon allein diese unterschiedliche Namenswahl sagt doch, wo das Herz schlägt. Und entsprechende Politik wird meiner Ansicht nach gemacht.“
Diese Entwicklung sei nur möglich gewesen, weil die Generationen, die den Sozialismus noch erlebt hätten und davon berichten könnten, allmählich alterten und wegstürben. So falle es der Politik leichter, durch bestimmte Formulierungen fragwürdige Deutungen zu etablieren. Eisbrenner nennt als Beispiel eine Rede von Steinmeier, in der es geheißen habe: „Ja, wir danken der Ukrainischen Front für die Befreiung.“ Diese Formulierung sei problematisch, da ein historisch Unkundiger daraus schließen könne: „Super, also waren das ja eigentlich gar nicht die Russen, sondern die Ukrainer, denen wir zu danken haben!“
Eisbrenners Fazit: „Mit solchen klitzekleinen Formulierungen, die an Stellschrauben drehen, schiebt man ganz langsam eine falsche Wahrheit in die Erinnerung der Menschen, in die Erinnerungskultur.“ Das mache ihm Angst – etwa wenn künftig Personen in entscheidenden Positionen säßen, die keine klare Vorstellung mehr davon hätten, wie es tatsächlich gewesen sei. Dies könne von der Völkerverständigung wegführen und zu Fehlentscheidungen beitragen.
Tino Eisbrenner als Botschafter des Ostens im Westen
Natürlich habe es viele Sänger aus dem Osten gegeben. Er selbst sei jedoch auch eine Stimme der DDR: „Ich bin in die gute Phase der sozialistischen Zeit so reingeboren als Kind, habe da meine Kindheit verbracht.“ Auch wenn jeder unterschiedliche Erfahrungen mit der DDR gemacht habe, würden viele sagen: „Es gibt doch Aspekte, die man in dieses gesamte Deutschland aus den Erfahrungen der DDR einbringen sollte. Nicht nur könnte, sondern sollte. Endlich sollte.“ Er betrachte sich als einer dieser Sprecher und Vermittler.
„Und viele kulturelle Aspekte spielen ja dabei auch eine Rolle. […] Ich sage immer: Wir haben Hemingway gelesen und Dostojewski. Und wir wussten, dass Dostojewski kein Aftershave ist. Und in den Jahren, die ich jetzt in dem gesamten Deutschland lebe, habe ich manchmal ganz erschütternde Gespräche gehabt, in denen ich gemerkt habe: Okay, im Westen wurde diese sowjetische Kultur eben nicht vermittelt. Und dann sind da Leute, die eigentlich kluge Leute sind und sagen: Jetzt hilf mir doch mal: Tolstoi, was hat der geschrieben? Und das passiert einem DDR-Bürger meiner Generation erst einmal nicht. Also da gibt es Unterschiede.“
Bewegender Moment am Elbe-Tag in #Torgau: Tino Eisbrenner ruft zur Vereininigung aller friedensorientierten Kräften im Land – #DKP, #SDAJ und andere „unsere linke Freunde“ inkl. „Im nächsten Jahr hoffe ich, dass wir es gemeinsam tun“, sagt er beim vorbeigendem Zug der DKP. pic.twitter.com/E20oUXzM16
— Wlad Sankin (@wladsan) April 26, 2026
Nach über 35 Jahren Wiedervereinigung laufe weiterhin ein Prozess, beide Teile Deutschlands zusammenzubringen. Inzwischen sei jedoch der Zeitpunkt gekommen, an dem die ostdeutsche Seite darauf bestehe, ihre Erfahrungen stärker in den Diskurs einzubringen. Seine Generation und die seiner Eltern, die sich nach 1990 erst einmal umorientieren und die DDR hinter sich lassen mussten, weil der Westen von den DDR-Erfahrungen nichts hören wollte, forderten nun, gehört zu werden:
„Pass mal auf, wir haben jetzt 30 Jahre lang mitgespielt, und jetzt stehen wir wieder kurz vor der Katastrophe – jetzt sagen wir mal, wie wir die Dinge sehen.“
Den Mut aufbringen, zur Freundschaft mit Russland zu stehen
„Ich glaube, an der Stelle kommt es auf einzelne Charaktere richtig an.“ Natürlich gebe es auch Menschen, die sich wegduckten und Angst hätten, sich prorussisch zu äußern. Doch mit der Zuspitzung der Lage in Richtung Eskalation und mit den vielen Fakten, die ans Licht kämen – etwa zur Sprengung von Nord Stream 2 – würden auch eigentlich unpolitische Menschen lauter werden. Diese würden an Tankstellen stehen, „plötzlich 2,40 Euro für den Liter Diesel bezahlen“ und dann sagen: „So, jetzt ist Schluss!“
Dieser Widerstand zeige sich nicht sofort auf der Straße, sondern beginne zunächst im Verborgenen. Dennoch sei ein Prozess in Gang gekommen.

Wie die Friedensbewegung an Fahrt gewinnen kann
Kriegsgegner und Aktivisten der Erinnerungskultur müssten zahlreicher werden. Dafür müsse sich jedoch auch die Friedensarbeit verändern, attraktiver werden und nicht nur die aus seiner Sicht falsche Politik anprangern. Eisbrenner nannte als Vorbild die Anti-Vietnamkriegs-Bewegung in den USA, die sich mit der Popkultur und der Hippie-Bewegung verbunden habe. Dadurch sei sie für viele Menschen anziehend geworden.
Zur Spaltung der Gesellschaft und der Friedensbewegung
Man müsse stärker das „Wir“ statt das „Ihr“ betonen, Freundschaften aufbauen, um anschließend Kritik üben zu können. „Wir sind ja auch gespalten und auseinandergetrieben worden: Das sind die und das sind die anderen, die Querdenker, die Putin-Versteher, und das sind die Linken und das die Rechten.“ Man müsse sich vom Prinzip „Teile und herrsche“ lösen und stattdessen Gemeinsamkeiten finden.
Zur rettenden Funktion der Kultur
„Und meiner Meinung nach ist das eine kulturelle Aufgabe, wirklich eine kulturelle Aufgabe. Und nur darin kann meiner Meinung nach auch unsere Rettung bestehen. Also Frieden entsteht über die Kultur, über die Kulturen. Sowohl der alltägliche Frieden als auch der zwischen den Völkern. […] Man findet sich eigentlich immer über die Kultur.“ Etwa über italienische Opern oder russische Dichter. Niemand frage danach, welche Parteien es in Italien gebe. Leider werde in Deutschland und anderswo Kultur derzeit stark politisiert.
Es sei kein Zufall, dass Kultur zu Corona-Zeiten nicht als systemrelevant gegolten habe: „Ja, warum nicht? Weil sie dafür sorgt, dass Verbindungen entstehen. Und die wollte man in der Corona-Zeit nicht haben. Und jetzt will man sie auch nicht haben.“
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