Unter der Regie von Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister Till Backhaus hat sich das Drama um Buckelwal Timmy zur landesweiten Hysterie hochgeschaukelt. Ein Lehrstück, was passiert, wenn Politiker vor anmaßender Dummheit in die Knie gehen


Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister Till Backhaus (SPD)

Foto: Frank Ossenbrink/Imago


Es ist die Vorstellung nicht ohne Reiz, was ein Regisseur wie Helmut Dietl (Schtonk!) aus der unendlichen Geschichte um den in der Ostsee verirrten Buckelwal wohl für eine wunderbare Satire gemacht hätte. Schon die Nebenrollen besetzen sich quasi von selbst.

Als hemdsärmeliger „Mann von Greenpeace“ käme Jürgen Vogel in die engere Auswahl, Lars Eidinger als schmieriger „Reporter vor Ort“. Heiner Lauterbach wäre der ideale, weil dubiose „private Geldgeber“ einer weiteren sinnlosen Rettungsaktion. Sandra Hüller hätte einen kurzen Gastauftritt als „Tierärztin aus Hawaii“, die nach wenigen Szenen schon wieder verschwindet. Als durchgeknallte „Walflüsterin“ mit telepathischen Kontakten zum Tier bietet sich Sunnyi Melles an, während Veronica Ferres eine seltsam teilnahmslose Manuela Schwesig darstellen könnte.

Ulrich Tukur könnte Till Backhaus in einer Helmut-Dietl-Satire verkörpern

Im Mittelpunkt von Timmy! (oder Hope, wie der Wal in kitschaffinen Spinnerkreisen genannt wird) stünde natürlich nicht der Wal – sondern Ulrich Tukur in der einsamen Hauptrolle als Till Backhaus. Der SPD-Umweltminister von Mecklenburg-Vorpommern könnte einem verschollenen Stück von Aischylos entsprungen sein, so archaisch sein Scheitern, so tragisch sein Fall in bodenlose Lächerlichkeit, weil er doch nur alles richtig machen möchte. Und beim ehrenwerten Versuch, es allen recht zu machen, zusehends den Verstand verliert. Er hat sich, ganz wie Kapitän Ahab am Ende von Moby Dick, heillos in der Leine verheddert, die ihn mit dem Wal verbindet.

An Ostern noch hatte Backhaus, von Experten flankiert, das Tier allen Ernstes mit Jesus Christus verglichen und, beinahe unter Tränen, „in Ruhe sterben lassen“ wollen. Später paddelte er dann doch wieder zum Wal hinaus und wollte gespürt haben, „dass er mich sehr, sehr genau registriert und mich wahrgenommen hat“. Dann schrieb er dem Tier „Symbolkraft für ganz Deutschland, nein, für Europa und die ganze Welt“ zu. Inzwischen deliriert der arme Mann bereits davon, „dass wir eine Bronzefigur irgendwann hierher stellen und als Mahnmal für die Menschen ein solches Symbol setzen“.

Es ist angezeigt, sich mehr um Backhaus als um den Buckelwal zu sorgen. Und um den Zustand und die Zukunft einer Demokratie, die vor dem erpresserischen Anprall anmaßender Dummheit in die Knie geht, der sie es ohnehin nie wird recht machen können.

Till Backhaus machte die Sandbank zur Bühne für einen Mob

Und so ist die Sandbank zur Bühne geworden für einen Mob aus Esoterikerinnen, Gemütskranken, Idioten und Rechtsradikalen. Der „Livestream von der Sandbank“ führt dieser Armee armer Irrer immer neue Rekruten zu, die „noch selbst denken“, „nicht alles glauben“ und „einfach mal die richtigen Fragen“ stellen.

Haben Chemtrails den Wal verwirrt? Was verschweigen uns die Altparteien? Wer profitiert vom Tod des Tieres? Will es uns etwas mitteilen? Vielleicht, dass die Erde eine Scheibe ist? Hatten die Ukrainer nicht auch bei dieser Pipeline die Finger im Spiel? Schon gewusst? George Soros hasst unseren Wal!

Am Anfang des ganzen Dramas also hörte der Minister noch auf Experten und war geneigt, sich deren Urteil im Interesse des Tierwohls zu beugen. Inzwischen scheint der Mensch jedes Hirngespinst durchzuwinken, das ihm der Mob ins Haus schickt. Das Drama ist erst zur Posse geronnen, dann von der Posse zur Farce geworden.

Unter der Regie von Till Backhaus – nicht der von Helmut Dietl! – hat sich eine maritime Randnotiz erst zur landesweiten Hysterie hochschaukeln können.

Was ist da passiert? Was bedeutet das?

Das Aufrichtige und Menschelnde wird Backhaus zum Verhängnis

Backhaus ist mit 28 Dienstjahren ein Methusalem unter den Landesministern in Deutschland. Er gilt als volksnah, beinahe treuherzig, mit viel Gespür für politische Stimmungen. Und leider so gutwillig, dass er das Wort „Zynismus“ wohl nicht einmal buchstabieren könnte. Ein Politiker, wie man ihn sich eigentlich wünschen sollte. Aber gerade das Aufrichtige und Menschelnde macht ihn so durchlässig für Forderungen, die ebenso unsinnig wie unredlich sind. Denn wer fühlt, hat immer recht – auch wenn das Mitfühlen nur taktisch und toxisch ist.

Nicht als Satire, nicht als Tragödie, einfach als Lehrstück zeigt Timmy! ganz nüchtern, was passiert, wenn Politik aus moralischer Panik die Vernunft als Maßstab ihres Handelns aus der Hand gibt.



Source link

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert