Jeju-do, knapp 100 Kilometer südlich vom südkoreanischen Festland gelegen, ist die Trauminsel vieler Touristen und Jungvermählter aus dem In- wie Ausland – vor allem aus Japan und China. Das subtropische Eiland ist reich an Sandstränden, Palmen, Mandarinenhainen, Golfplätzen, Meeresfrüchten und erstklassigen Hotels. Einige Flecken der Insel hat die UNESCO zum Weltnaturerbe erklärt. Vom Liebreiz Jejus konnten sich vor einem Vierteljahrhundert selbst bundesdeutsche Kicker überzeugen. Anlässlich der Fußballweltmeisterschaft 2002 spielten die Mannen um Oliver Kahn u.a. in Seogwipo, der zweitgrößten Stadt der Insel. Doch seit 2010 ist es vorbei mit der Idylle; eine fortschreitende Militarisierung macht den Inselbewohnern zu schaffen. Ein Rückblick unseres Ostasienexperten Rainer Werning.

Ein Dorf macht mobil: Widerstand – Proteste – Festnahmen

Rettet Jeju – Kein Marinestützpunkt auf Jeju” – „Wir wollen hier keinen Krieg!” – „Kein Guam, kein Hawaii, kein Okinawa“ – „Kampf bis zum Tod gegen die US-imperialistische Anti-China-Marinebasis!“

Solche und ähnliche Parolen werden gemeinhin im Zuge aufgewühlter politischer Protestmärsche laut. Nicht jedoch in einem Dorf wie Gangjeong, das um die Jahreswende 2010/2011 gerade mal 2.000 Seelen zählte. Bis dahin gingen dessen meist bäuerliche und Fischerhaushalte friedlich ihrer Arbeit nach und führten ein beschauliches Leben in einer Gegend, die von der Natur verwöhnt und vom Tourismus umworben ist. Mehr noch: Südkoreas Ex-Präsident Roh Moo-Hyun (2003 – 2008), der wie sein Vorgänger Kim Dae-Jung (1998 – 2003) gegenüber Nordkorea eine auf Ausgleich gerichtete „Sonnenscheinpolitik“ praktizierte, hatte Jeju im Jahre 2005 gar zur „Friedensinsel“ erkoren.

Ausgerechnet dort, im Südwesten der Insel Jeju, begann ab 2011 die südkoreanische Marine mit dem Bau eines Stützpunkts (offiziell als Jeju Civilian-Military Complex firmierend), der zum Zeitpunkt seiner Fertigstellung und Inbetriebnahme im Februar 2016 umgerechnet annähernd eine Milliarde US-Dollar verschlang. Die Marinebasis bietet Platz für 20 Kriegsschiffe (inklusive Unterseeboote) und dient gleichzeitig als Hafen für zivile Kreuzfahrtschiffe und Luxusliner. Der Löwenanteil der Bewohner von Gangjeong war strikt gegen den Bau dieses Mammutprojekts, das sich laut der Lokalzeitung Jeju Weekly über zirka 500.000 Quadratmeter erstreckt. Dafür mussten unter anderem fruchtbares Ackerland, Gewächshäuser, Korallenbänke, Gärten und buddhistische Tempel weichen.

Für die Betroffenen eine Horrorvorstellung, zumal die Gemeinde noch wenige Jahre zuvor vergleichsweise wohlhabend war und über eines der besten Frischwasserreservoirs auf der Insel verfügte. Seit Beginn der Bauarbeiten 2011 regten sich deshalb wachsender Widerstand und Protest der lokalen Bevölkerung. Jung und Alt, Fischerleute und Mandarinenbauern hatten Zelte aufgebaut und Protestplakate installiert, und sie beäugten rund um die Uhr eine Baustellenzufahrt auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Einige hatten es vorgezogen, lieber hier zu verweilen und Wache zu schieben, als weiterhin der Feldarbeit nachzugehen. Hungerstreiks wurden durchgeführt und es gab Verletzte unter den Demonstranten, als diese anrückende Baumaschinen blockierten. Immer wieder erfolgten auch Festnahmen von Aktivisten sowie Künstlern und bekannten Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, die sich zeitweilig Demonstrationen angeschlossen hatten. Sympathiebekundungen und Solidaritätsbotschaften erhielten die Protestierenden unter anderem aus Okinawa, wo sich die Bevölkerung seit Jahren für die Verlegung beziehungsweise Schließung der Futenma-Militärbasis stark machte. Dort sind etwa 35.000 der insgesamt 54.000 US-Soldaten in Japan stationiert, wobei Okinawa immerhin den Großteil der von den USA unterhaltenen Militärbasen in Japan (etwa 70 Prozent) beherbergt.

Geostrategisch sensible Lage

Beide, das (süd-)koreanische Festland und die Insel Jeju, verbindet aber auch ein „Makel“; seine geostrategische Lage wurde (Süd-)Korea in der Geschichte mehrfach zum Verhängnis. Eingekeilt zwischen China und Japan, verlaufen ausgerechnet in seinen Gewässern bedeutsame Schifffahrtsrouten, wo überdies riesige Öl- und Gasvorkommen vermutet werden, auf die neben den Anrainerstaaten auch die USA begehrliche Blicke geworfen haben. Während Südkorea den Bau der Marinebasis mit dem Argument befürwortete, nur so ließen sich die Seewege für seine Ölimporte und wachsende Ausfuhren auf lange Sicht sichern, versuchte Seoul stets den Spagat, gleichzeitig mit der Bekräftigung seiner von den USA „geschützten Sicherheitsinteressen“ das enger gestaltete Verhältnis zu Beijing in den Bereichen Wirtschaft und Handel nicht zu unterminieren.

In den vergangenen Jahren war zwischen Beijing und Washington ein Streit über die Einbindung der südkoreanischen Streitkräfte in ein von den USA entwickeltes regionales Raketenabwehrsystem entbrannt. Dieser Zwist verschärfte sich, als die südkoreanische Marine dazu überging, ihrer Flotte moderne KDX-III-Zerstörer hinzuzufügen, die mit dem amerikanischen AEGIS-Frühwarn- und Feuerleitsystem ausgestattet sind. Während sich die Volksrepublik China dadurch herausgefordert und bedroht sieht, wertet man in Washington, Seoul und Tokio diese Maßnahme unisono „als Schutz vor Raketenangriffen aus Nordkorea“.

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Jejus Bevölkerung hat in der Geschichte stets versucht, seine eigenen Traditionen zu wahren und seine inneren Angelegenheiten selbstbestimmt zu regeln und sich nicht von außen gängeln zu lassen. Das schien der Insel auch in den ersten Jahren nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs zu gelingen, als damit gleichzeitig auch die Ära des verhassten Kolonialjoch Japans (1910 – 1945) über die Koreanische Halbinsel abrupt endete. Doch als die Herrschenden in Seoul im April 1948 ihre geballte Macht einsetzten, um die dreijährige Selbstverwaltung der Insel durch die als „kommunistisch unterwandert“ geltenden demokratischen Volkskomitees zu beenden, antworteten die Menschen auf Jeju mit einem Aufstand.

Die amerikanische Militärregierung“, schrieb Christian Schmidt-Häuer in der Wochenzeitung Die Zeit (Nr. 22/2002), „rüstete das 9. Regiment auf Jeju mit schweren Waffen aus, nachdem sie die koreanische Armee bis dahin nicht einmal mit Karabinern versehen hatte. Sie setzte rechtsextreme Kommandanten an die Spitze des verstärkten Regiments. Einer von ihnen, Kim Sang Gjom, rief seine Soldaten auf: ‚Tötet alle, verbrennt alles, plündert alles!’ Der erste Chef der US-Militärberatergruppe, Brigadegeneral Roberts, hatte zuvor die Devise ausgegeben: ‚Die roten Banditen im amerikanischen Stil ausrotten.’ So zitierte ihn das Blatt Dong-A Ilbo am 9. Mai 1948 unwidersprochen. (…) ‚Weite Teile Koreas’, berichtete Walter Sullivan im März 1950 für die New York Times, ‚sind heute verdüstert durch eine Wolke von Terror, der wahrscheinlich beispiellos ist in der Welt.’

Auf Jeju verbrannten 270 von 400 Inseldörfern. 38.285 Häuser, so die offizielle Zählung, wurden zerstört. (…) In den US-Nationalarchiven findet sich die Aussage des damaligen Gouverneurs von Jeju gegenüber amerikanischen Geheimdienstlern, wonach 60.000 Menschen ums Leben kamen. (…) 1962 wurde ausgerechnet Song Yo Chang[1] Ministerpräsident Südkoreas. Er hatte im Krieg in der japanischen Armee gedient und war im Juli 1948 von der US-Militärregierung zum Kommandanten des 9. Regiments auf Jeju ernannt worden – und damit für die Politik der verbrannten Erde mitverantwortlich. Unter ihm durfte der Aufstand mit keinem Wort erwähnt werden (…).“

Der erbarmungslose Feld- und Rachezug der Truppen Rhee Syngmans bedeutete eine traumatische Zäsur im Leben der Menschen dort. Für den damaligen US-Außenminister Dean Acheson und den Chef des Politischen Planungsstabs im State Department, George F. Kennan, war die Niederschlagung von Dissens, Protest und Widerstand gegen die Behörden in Seoul indes der Lackmus-Test für das politische Überleben des Rhee-Regimes. Je effektiver und schneller dies geschehe, so das Kalkül in Seoul und Washington, umso besser.

Fünfzig lange Jahre musste die Bevölkerung von Jeju ein staatlich verordnetes Beschweigen dieser Gräueltaten erdulden, bis der gerade frisch gekürte Präsident Kim Dae-Jung anordnete, das bis dahin strengst gehütete Tabu langjähriger Militärdiktatur zu brechen, den „Geschehnissen“ auf der Insel auf den Grund zu gehen und eine entsprechende Untersuchungskommission einzusetzen. Im Jahr 2003 erkannte die südkoreanische Regierung unter Präsident Roh Moo-Hyun das Ausmaß des Massakers offiziell an und sprach eine Entschuldigung aus. Heute ist das Massaker als „Jeju 4.3″ bekannt, und eine Gedenkstätte erinnert an die Opfer.

Erneute Auseinandersetzungen – unerwünschte Raketentests

Im Frühjahr 2026 regt sich auf Jeju erneut Unmut. Vertraute Parolen erschallen, und die Insel rückt wiederum ins Blickfeld innen- wie regionalpolitischer Auseinandersetzungen.

Stoppt den gemeinsamen Seestart des südkoreanischen Militärs, von Hanwha Systems und der Provinzregierung von Jeju!“ lautet die Petition, mit der engagierte Bürger- und Menschenrechtsorganisationen den bis Ende April geplanten Test einer Feststoff-Trägerrakete vor der Küste von Seogwipo verhindern wollen. Organisiert wird diese Aktion von der Grünen Partei Jeju, dem Jeju-Ortsverband der Gerechtigkeitspartei und der Organisation „People Opposing Space Militarization and Rocket Launches“ (Südkorea).

Die Organisationen fordern den Stopp des Tests, weil sie befürchten, dass auf diese Weise die Militarisierung von Jeju verstärkt, das lokale Ökosystem und die Umwelt gänzlich zerstört sowie die Demokratie bedroht werden. Laut einem Exklusivbericht von CBS Nocut News vom Februar plant das südkoreanische Militär, bis Ende nächsten Jahres etwa zehn solcher Raketenstarttests durchzuführen. Als Reaktion darauf gaben 19 Bürgerinitiativen auf Jeju bereits am 23. Februar eine gemeinsame Erklärung ab, in der sie die Provinzregierung zu einer Stellungnahme aufforderten. Bislang blieb sowohl seitens der Provinzregierung von Jeju als auch von Militärsprechern eine offizielle Stellungnahme aus. Vage heißt es lediglich, der Start stehe „im Zusammenhang mit militärischen Fähigkeiten“.

Dennoch fördert die Provinzregierung von Jeju die Raumfahrtindustrie als „zukünftigen Wachstumsmotor“. Nachdem sie das Jahr 2025 zum „ersten Jahr einer Raumfahrtindustrie, die die Einwohner konkret erleben können“ erklärt hat, positioniert sie die Raumfahrtindustrie neben der Energiebranche und KI als Kernsektor. Das Unternehmen, das in vollem Umfang von Jejus Investitionen in die Raumfahrtindustrie profitiert hat, ist Hanwha Systems, ein Hersteller von Kriegswaffen. Hanwha, so heißt es in der oben genannten Petition, ist Geschäftsbeziehungen mit israelischen Unternehmen eingegangen und hat zum Massaker an Palästinensern beigetragen. Zudem treibe es seinen Aktienkurs durch Waffenexporte weiter in die Höhe, selbst inmitten des Angriffskriegs der USA und Israels gegen den Iran.

Hanwha Systems ist ein zentraler Akteur innerhalb der südkoreanischen Hanwha Group, der maßgeblich an der technologischen Modernisierung und Militarisierung (im Sinne der Aufrüstung und Digitalisierung von Verteidigungsfähigkeiten) beteiligt ist. Das Unternehmen konzentriert sich auf Defense Electronics (Verteidigungselektronik), C5I-Systeme (Command, Control, Communications, Computers, and Intelligence) und Raumfahrttechnologien. Dessen Vision ist es, Jeju als eine der vier tragenden Säulen der koreanischen Raumfahrtindustrie zu etablieren, neben der Provinz Süd-Jeolla (Trägerraketen), der Provinz Süd-Gyeongsang (Satelliten) und Daejeon (Forschung), die bereits als Raumfahrtindustrie-Cluster ausgewiesen wurden.

Die vor einem Jahrzehnt fertiggestellte Marinebasis Gangjeong dient den US-Streitkräften zum jetzigen Zeitpunkt mehr denn je als einer der zahlreichen vorgeschobenen Stützpunkte gegen die Volksrepublik China – zusammen mit Militärbasen in Japan, auf Okinawa sowie in den Philippinen, wo GIs permanent neun Militäreinrichtungen der philippinischen Streitkräfte (AFP) nutzen können. In Südkorea selbst sind aktuell 28.500 US-Soldaten stationiert – mit Camp Humphreys (etwa 70 Kilometer südlich von Seoul), dem Hauptquartier der US-Streitkräfte Korea (USFK), als weltweit größtem US-Militärstützpunkt außerhalb der Vereinigten Staaten und geschäftigstem Flugfeld der US Army in Asien.

Rainer Werning ist u.a. Co-Autor der beiden Bücher: Korea: Von der Kolonie zum geteilten Land (zusammen mit Du-Yul Song * Wien 2012) und Brennpunkt Nordkorea: Wie gefährlich ist die Region? Berichte, Daten und Fakten (zusammen mit Helga Picht * Berlin 2018)

Weiterführende Literatur & Links

Titelbild: Mehaniq/shutterstock.com



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