Der Rücktritt von Berlins Kultursenatorin Sarah Wedl-Wilson ist konsequent. In Wahrheit ist er mehr als das politische Aus einer Politikerin. Er ist der Anfang vom Ende der alten Kulturpolitik in der Hauptstadt
Da entschied sie als Kultursenatorin noch mit, wo in Berlin die Musik spielt: Sarah Wedl-Wilson im Berliner Musikinstrumentenmuseum
Foto: Florian Boillot/SZ Photo/picture alliance
Weniger als ein Jahr dauerte die Amtszeit von Berlins Kultursenatorin Sarah Wedl-Wilson. Und es ist eine bittere politische Ironie, dass sie nun ausgerechnet über einen Fehler stolpert, den ihr Vorgänger Joe Chialo in die Wege geleitet hatte, dessen Chaos-Politik Wedl-Wilson eigentlich neu sortieren wollte.
Schon unter dem Senat von Joe Chialo wurden Fördergelder für Antisemitismus-Projekte falsch vergeben. Der Rechnungshof kritisierte die Vergabe nun als „willkürlich und nicht nachvollziehbar“. Wedl-Wilson war verantwortlich für die Praxis und hatte sie einfach fortgesetzt. Betroffen waren 13 Projekte für das Jahr 2025 mit einem Volumen von rund 2,6 Millionen Euro aus dem Etat für „Projekte von besonderer politischer Bedeutung“.
Nun hat die Kultursenatorin das Handtuch geworfen – kurz vor der Berlin-Wahl am 20. September. Der Druck war zu hoch geworden. Und er wächst jetzt auch für den Regierenden Bürgermeister Kai Wegner. Er war es, der Wedl-Wilson ins Amt hob und auch bei Kritik an ihr festhielt.
Weitere 20 Prozent Einsparungen wickelte Wedl-Wilson geräuschlos ab
Kein Wunder, denn Sarah Wedl-Wilson hat in kurzer Zeit geschafft, was unmöglich erschien. Sie hat die Berliner Kulturszene im Eiltempo auf Sparkurs gebracht. Nachdem Kulturschaffende lautstark gegen den neoliberalen Sprücheklopfer Chialo protestiert hatten, organisierte sie runde Tische, suchte nach Synergien, wollte Werkstätten und Betriebsabläufe von Theatern und Opernhäusern optimieren und schien weitere 20 Prozent Einsparungen weitgehend lautlos abzuwickeln.
Die ehemalige Rektorin der Hanns Eisler Musikhochschule war – auf jeden Fall unter Kulturschaffenden – durchaus geschätzt. Sie kultivierte den Dialog, statt Chialos Provokations-Politik fortzusetzen, unterstützte Institutionen in ihrem Wandel, statt sich durch neoliberale, disruptive Kulturpolitik zu diskreditieren.
Aber nun hat sich Wedl-Wilson einige Tage zu lang gegen ihren Rücktritt gewehrt. Weil sie sich nicht in der Verantwortung sah – aber natürlich in der Verantwortung stand. Der Augiasstall, den ihr Vorgänger ihr hinterlassen hatte, stank einfach an zu vielen Ecken nach schlechtem Polit-Management. Vielleicht hätte es eine gestandene Kulturpolitikerin gebraucht, um hier auch strukturell aufzuräumen, statt eine leidenschaftliche Kämpferin aus der Kultur selbst.
Wer will denn nach Wedl-Wilson noch Kulturpolitik in dieser Stadt machen?
Jetzt stellt sich die Frage, wer überhaupt noch Kulturpolitik in der Hauptstadt machen will. Ex-Senator Klaus Lederer winkt schon lange ab, und Wedl-Wilsons Ende zeigt, wie tiefgreifend die Fallstricke sind. Es gibt nichts zu verteilen, und die Stimmung der Kulturschaffenden ist im Keller.
Früher stand die Hauptstadt wenigstens für eines: Die Kultur hat den andauernden Wandel Berlins kreativ vorgedacht. Museen, Opernhäuser, Theater und Literatur waren intellektuelle Orientierungspunkte in rasant wechselnden Zeiten. Es wurde erst getanzt und dann gezahlt. Kultur in Berlin war produktives Chaos, getragen von Leidenschaft, sie war kompromissbereit und hat sich an den bestehenden Strukturen ausgerichtet. Arte povera im besten Sinne.
Heute ist Kultur in Berlin oft bürokratisch, hängt von Fördergeldern ab, denkt in Mittelzuwendungen und ist auf die Verteidigung von Privilegien angewiesen. Als Kulturpolitikerin oder Kulturpolitiker hat man keinen Spielraum, jede Bewegung zerstört altes Porzellan.
Eigentlich wäre es an der Zeit, die grundsätzliche Frage zu stellen, was Kultur innerhalb einer Stadtgesellschaft eigentlich noch leisten soll. Was Bürgerinnen und Bürger von ihren Steuern mitfinanzieren wollen. Wo sind heute die Spielräume der kulturellen Freiheit?
Berlin ist schon lange pleite
Dafür müssten allerdings grundsätzlich alteingesessene Institutionen und Privilegien auf den Prüfstand. Viele Fragen wären unangenehm: Wie viele Opern, Orchester und Museen will man wirklich? Gäbe es vollkommen neue kulturelle Angebote, die man fördern würde? Welche Aufgabe soll die Kultur innerhalb einer Großstadt überhaupt übernehmen – und welche Publikumsschichten soll sie ansprechen? Wie institutionalisiert oder wie flexibel soll sie sein?
Das sind Fragen, die Städte eigentlich stellen sollten, solange sie die nötigen Mittel für Experimente haben. Aber Berlin ist schon lange pleite. Die Kulturszene wirkt wie der Rest einer Partygesellschaft, der einfach nicht nach Hause gehen will. Er tanzt besoffen weiter, weil er ahnt, dass der kommende Tag Kopfschmerzen bereitet.
Berlins Kultur strahlt schon lange nicht mehr, sondern wirkt lethargisch und zum großen Teil ritualisiert. Es wäre an der Kultur selbst, sich neu zu erfinden. Und an einigen Häusern findet das ja auch statt. Andere verteidigen noch immer, was längst nicht mehr zu halten ist.
Der Rücktritt von Sarah Wedl-Wilson ist nicht nur das Ende einer vielleicht überforderten Politikerin, es ist auch ein Schlusspunkt der Berliner Kulturpolitik. Sie muss sich nach der Wahl vollkommen neu erfinden.
it einem Volumen von rund 2,6 Millionen Euro aus dem Etat für „Projekte von besonderer politischer Bedeutung“.Nun hat die Kultursenatorin das Handtuch geworfen – kurz vor der Berlin-Wahl am 20. September. Der Druck war zu hoch geworden. Und er wächst jetzt auch für den Regierenden Bürgermeister Kai Wegner. Er war es, der Wedl-Wilson ins Amt hob und auch bei Kritik an ihr festhielt.Weitere 20 Prozent Einsparungen wickelte Wedl-Wilson geräuschlos abKein Wunder, denn Sarah Wedl-Wilson hat in kurzer Zeit geschafft, was unmöglich erschien. Sie hat die Berliner Kulturszene im Eiltempo auf Sparkurs gebracht. Nachdem Kulturschaffende lautstark gegen den neoliberalen Sprücheklopfer Chialo protestiert hatten, organisierte sie runde Tische, suchte nach Synergien, wollte Werkstätten und Betriebsabläufe von Theatern und Opernhäusern optimieren und schien weitere 20 Prozent Einsparungen weitgehend lautlos abzuwickeln.Die ehemalige Rektorin der Hanns Eisler Musikhochschule war – auf jeden Fall unter Kulturschaffenden – durchaus geschätzt. Sie kultivierte den Dialog, statt Chialos Provokations-Politik fortzusetzen, unterstützte Institutionen in ihrem Wandel, statt sich durch neoliberale, disruptive Kulturpolitik zu diskreditieren.Aber nun hat sich Wedl-Wilson einige Tage zu lang gegen ihren Rücktritt gewehrt. Weil sie sich nicht in der Verantwortung sah – aber natürlich in der Verantwortung stand. Der Augiasstall, den ihr Vorgänger ihr hinterlassen hatte, stank einfach an zu vielen Ecken nach schlechtem Polit-Management. Vielleicht hätte es eine gestandene Kulturpolitikerin gebraucht, um hier auch strukturell aufzuräumen, statt eine leidenschaftliche Kämpferin aus der Kultur selbst.Wer will denn nach Wedl-Wilson noch Kulturpolitik in dieser Stadt machen?Jetzt stellt sich die Frage, wer überhaupt noch Kulturpolitik in der Hauptstadt machen will. Ex-Senator Klaus Lederer winkt schon lange ab, und Wedl-Wilsons Ende zeigt, wie tiefgreifend die Fallstricke sind. Es gibt nichts zu verteilen, und die Stimmung der Kulturschaffenden ist im Keller.Früher stand die Hauptstadt wenigstens für eines: Die Kultur hat den andauernden Wandel Berlins kreativ vorgedacht. Museen, Opernhäuser, Theater und Literatur waren intellektuelle Orientierungspunkte in rasant wechselnden Zeiten. Es wurde erst getanzt und dann gezahlt. Kultur in Berlin war produktives Chaos, getragen von Leidenschaft, sie war kompromissbereit und hat sich an den bestehenden Strukturen ausgerichtet. Arte povera im besten Sinne.Heute ist Kultur in Berlin oft bürokratisch, hängt von Fördergeldern ab, denkt in Mittelzuwendungen und ist auf die Verteidigung von Privilegien angewiesen. Als Kulturpolitikerin oder Kulturpolitiker hat man keinen Spielraum, jede Bewegung zerstört altes Porzellan.Eigentlich wäre es an der Zeit, die grundsätzliche Frage zu stellen, was Kultur innerhalb einer Stadtgesellschaft eigentlich noch leisten soll. Was Bürgerinnen und Bürger von ihren Steuern mitfinanzieren wollen. Wo sind heute die Spielräume der kulturellen Freiheit?Berlin ist schon lange pleiteDafür müssten allerdings grundsätzlich alteingesessene Institutionen und Privilegien auf den Prüfstand. Viele Fragen wären unangenehm: Wie viele Opern, Orchester und Museen will man wirklich? Gäbe es vollkommen neue kulturelle Angebote, die man fördern würde? Welche Aufgabe soll die Kultur innerhalb einer Großstadt überhaupt übernehmen – und welche Publikumsschichten soll sie ansprechen? Wie institutionalisiert oder wie flexibel soll sie sein?Das sind Fragen, die Städte eigentlich stellen sollten, solange sie die nötigen Mittel für Experimente haben. Aber Berlin ist schon lange pleite. Die Kulturszene wirkt wie der Rest einer Partygesellschaft, der einfach nicht nach Hause gehen will. Er tanzt besoffen weiter, weil er ahnt, dass der kommende Tag Kopfschmerzen bereitet.Berlins Kultur strahlt schon lange nicht mehr, sondern wirkt lethargisch und zum großen Teil ritualisiert. Es wäre an der Kultur selbst, sich neu zu erfinden. Und an einigen Häusern findet das ja auch statt. Andere verteidigen noch immer, was längst nicht mehr zu halten ist.Der Rücktritt von Sarah Wedl-Wilson ist nicht nur das Ende einer vielleicht überforderten Politikerin, es ist auch ein Schlusspunkt der Berliner Kulturpolitik. Sie muss sich nach der Wahl vollkommen neu erfinden.