Der Westen als Traum? Ostdeutsche hatten immer ein Verhältnis zu ihm. Autoren und Autorinnen wie Constanze Neumann, Annett Gröschner oder Jakob Hein erzählen im neuen Buch von Cornelia Geißler, wie das aussieht
Test the West, Schönhauser Allee, 1990
Foto: Nelly Rau-Häring
Soll das jetzt ein Pamphlet werden? Eine Streitschrift à la Dirk Oschmann, der in seinem Bestseller Der Osten – eine westdeutsche Erfindung (2023) beklagt hat, dieser werde noch immer als Norm wahrgenommen? Wird die Debatte weitergehen?
„Den Westen muss keiner mehr erfinden“, schreibt die Herausgeberin Cornelia Geißler in ihrem Vorwort, „er wirkt wie immer schon dagewesen“. Ostdeutsche hatten ein Verhältnis zum Westen, so oder so. Er war Sehnsuchtsort oder Gefahr, Glanz oder Elend. Im Westen träumte niemand vom Osten.
Geißler, die Literaturjournalistin ist, hat für ihren Sammelband Der Westen – eine ostdeutsche Empfindung (Kanon) verschiedene ostdeutsche Autoren und Autorinnen um ihre Sicht gebeten und hat ihnen je eine Frage gestellt. Manche von ihnen sind erst nach der Wende geboren, manche haben die DDR als Kind verlassen. Wie schauen sie auf den Westen, was bedeutet er in ihrem Leben?
Sich als Westfrau ausgeben? Für Annett Gröschner war’s leicht
Es sind bekannte Namen darunter, wie Annett Gröschner und Jakob Hein. Für beide spielt Werbung eine Schlüsselrolle, der Westen zeigte sich da von seiner besten Seite. Sie habe die Westwerbung auswendig gekonnt, schreibt Gröschner, weil alle Westfernsehen guckten, auch in der Provinz: „Lavendel, Oleander, Jasmin: Vernell“. Oder Lux-Seife.
Es sei nach dem Mauerfall leicht für sie gewesen, an Runden Tischen eine Westidentität zu simulieren. „Man durfte sich halt nicht gerade eine Herkunft aus großbürgerlichem Hause imaginieren, mit Segeltörns über den Atlantik oder ein Haus auf den Malediven.“ Gröschner hat sich auch mal als Hausbesetzerin in Kreuzberg ausgegeben, aber das ging nur außerhalb von Berlin. Andererseits gebe es „die“ Westfrau nicht. Mit manchen Westfrauen würde sie inzwischen mehr verbinden als mit Gleichaltrigen aus dem Osten. Die Armut im Alter zum Beispiel.
Für Ostkinder war der Westen „Fernsehen und Konsum“, schreibt Jakob Hein. Alles war interessanter. Man konnte alle Bücher kaufen. Wem etwas nicht passte, der machte eine Protestdemo. So habe sich der Osten seinen Westen erfunden. Als Erfolgsmodell. „Die ideale Wiedervereinigung hätte exakt die Republik hervorgebracht, die Westdeutschland für unsere Augen sein wollte.“
Ost oder West? Dann lieber Palermo
Manche Texte in diesem Band sind überraschend, andere ein bisschen erwartbar. Bewegend ist die Geschichte von Constanze Neumann. Die Schriftstellerin und Verlegerin erzählt von ihrem Aufwachsen zwischen zwei Ländern. Von der Suche nach Heimat. „Ich war sechs Jahre alt, als meine Eltern 1979 mit mir die DDR verließen.“
Die Eltern hatten vom Westen geträumt „und sie hatten einen hohen Preis bezahlt für diesen Traum“. Der Osten war für sie nun so unerreichbar, wie es der Westen zuvor gewesen war. Als sie älter wurde, sei sie allein nach Leipzig gefahren, habe Familie und Freunde besucht. Sie stand dazwischen, schreibt Neumann.
Als sie 15 wurde, hat ihr die Leipziger Oma das Buch Der Leopard von Giuseppe Tomasi di Lampedusa geschickt. Es wurde für sie das Tor zur Welt, einer fremden, südlichen Welt. Sie fuhr mit dem Reisebus von Köln nach Palermo. Über allem lag ein Geheimnis, schreibt Neumann, „etwas, das sich nicht ergründen ließ und das es in Westdeutschland nicht gab“. Sie fand dort auch eine ramponierte Schönheit, eine Verletzlichkeit, „die ich kannte aus Dresden und aus bestimmten Stadtvierteln Leipzigs“.
Blick auf Ostdeutsche: Aus Euphorie wurde Herablassung
Die Wendezeit sei verwirrend gewesen, der Westen, den sie kannte, habe sich nach dem Mauerfall rasant verändert. Ostdeutsche waren nicht länger Exoten, „aus anfänglicher Euphorie war Herablassung geworden“.
Dieser Blick des Westens auf den Osten habe sie verletzt. „Ich brachte ihn nicht zusammen mit dem, was ich gesehen und erlebt hatte, mit den Menschen, die ich im Osten kannte“. Sie reiste immer wieder nach Sizilien. Aus der Entfernung war es einfacher, der Orientierungslosigkeit zu entkommen.
Mit ihrer Geschichte trifft Constanze Neumann ein Gefühl, das auch ich aus den Neunzigern kenne. Wir waren im Niemandsland und suchten Zuflucht in Europa.
Die jungen Ostdeutschen und das Erbe der Eltern
Dass man die DDR nicht als Erwachsener erlebt haben muss, um ostdeutsch sozialisiert zu sein, das beweisen jüngere Autoren wie Aron Boks oder Tom Jonas Müller in ihren Geschichten. Sie erzählen von der Sprachlosigkeit der Eltern nach der Wende, oder von der ignoranten Reaktion einer Lehrerin auf den Satz, dass die Wiedervereinigung keine war (von den Eltern zu Hause gelernt). Oder von westdeutschen Redakteuren, die Ostdeutsche nicht verstehen und in Schubladen packen.
Cornelia Geißlers Buch ist alles andere als wütend, es sammelt Geschichten und zeigt, worin sich ostdeutsche Biografien ähneln: Es gibt den erfundenen Westen, der idyllisch schien, und es gibt die Erfahrungen mit dem realen Westen, dem hinter den Kulissen. Der anders ist. Der hält sich noch immer für die Norm.
Der Westen – eine ostdeutsche Empfindung. Cornelia Geißler (Hg.), Kanon 2026, 176 S., 22 €
#8220;. Ostdeutsche hatten ein Verhältnis zum Westen, so oder so. Er war Sehnsuchtsort oder Gefahr, Glanz oder Elend. Im Westen träumte niemand vom Osten.Geißler, die Literaturjournalistin ist, hat für ihren Sammelband Der Westen – eine ostdeutsche Empfindung (Kanon) verschiedene ostdeutsche Autoren und Autorinnen um ihre Sicht gebeten und hat ihnen je eine Frage gestellt. Manche von ihnen sind erst nach der Wende geboren, manche haben die DDR als Kind verlassen. Wie schauen sie auf den Westen, was bedeutet er in ihrem Leben?Sich als Westfrau ausgeben? Für Annett Gröschner war’s leicht Es sind bekannte Namen darunter, wie Annett Gröschner und Jakob Hein. Für beide spielt Werbung eine Schlüsselrolle, der Westen zeigte sich da von seiner besten Seite. Sie habe die Westwerbung auswendig gekonnt, schreibt Gröschner, weil alle Westfernsehen guckten, auch in der Provinz: „Lavendel, Oleander, Jasmin: Vernell“. Oder Lux-Seife. Es sei nach dem Mauerfall leicht für sie gewesen, an Runden Tischen eine Westidentität zu simulieren. „Man durfte sich halt nicht gerade eine Herkunft aus großbürgerlichem Hause imaginieren, mit Segeltörns über den Atlantik oder ein Haus auf den Malediven.“ Gröschner hat sich auch mal als Hausbesetzerin in Kreuzberg ausgegeben, aber das ging nur außerhalb von Berlin. Andererseits gebe es „die“ Westfrau nicht. Mit manchen Westfrauen würde sie inzwischen mehr verbinden als mit Gleichaltrigen aus dem Osten. Die Armut im Alter zum Beispiel.Für Ostkinder war der Westen „Fernsehen und Konsum“, schreibt Jakob Hein. Alles war interessanter. Man konnte alle Bücher kaufen. Wem etwas nicht passte, der machte eine Protestdemo. So habe sich der Osten seinen Westen erfunden. Als Erfolgsmodell. „Die ideale Wiedervereinigung hätte exakt die Republik hervorgebracht, die Westdeutschland für unsere Augen sein wollte.“ Ost oder West? Dann lieber Palermo Manche Texte in diesem Band sind überraschend, andere ein bisschen erwartbar. Bewegend ist die Geschichte von Constanze Neumann. Die Schriftstellerin und Verlegerin erzählt von ihrem Aufwachsen zwischen zwei Ländern. Von der Suche nach Heimat. „Ich war sechs Jahre alt, als meine Eltern 1979 mit mir die DDR verließen.“Die Eltern hatten vom Westen geträumt „und sie hatten einen hohen Preis bezahlt für diesen Traum“. Der Osten war für sie nun so unerreichbar, wie es der Westen zuvor gewesen war. Als sie älter wurde, sei sie allein nach Leipzig gefahren, habe Familie und Freunde besucht. Sie stand dazwischen, schreibt Neumann.Als sie 15 wurde, hat ihr die Leipziger Oma das Buch Der Leopard von Giuseppe Tomasi di Lampedusa geschickt. Es wurde für sie das Tor zur Welt, einer fremden, südlichen Welt. Sie fuhr mit dem Reisebus von Köln nach Palermo. Über allem lag ein Geheimnis, schreibt Neumann, „etwas, das sich nicht ergründen ließ und das es in Westdeutschland nicht gab“. Sie fand dort auch eine ramponierte Schönheit, eine Verletzlichkeit, „die ich kannte aus Dresden und aus bestimmten Stadtvierteln Leipzigs“. Blick auf Ostdeutsche: Aus Euphorie wurde HerablassungDie Wendezeit sei verwirrend gewesen, der Westen, den sie kannte, habe sich nach dem Mauerfall rasant verändert. Ostdeutsche waren nicht länger Exoten, „aus anfänglicher Euphorie war Herablassung geworden“.Dieser Blick des Westens auf den Osten habe sie verletzt. „Ich brachte ihn nicht zusammen mit dem, was ich gesehen und erlebt hatte, mit den Menschen, die ich im Osten kannte“. Sie reiste immer wieder nach Sizilien. Aus der Entfernung war es einfacher, der Orientierungslosigkeit zu entkommen. Mit ihrer Geschichte trifft Constanze Neumann ein Gefühl, das auch ich aus den Neunzigern kenne. Wir waren im Niemandsland und suchten Zuflucht in Europa. Die jungen Ostdeutschen und das Erbe der Eltern Dass man die DDR nicht als Erwachsener erlebt haben muss, um ostdeutsch sozialisiert zu sein, das beweisen jüngere Autoren wie Aron Boks oder Tom Jonas Müller in ihren Geschichten. Sie erzählen von der Sprachlosigkeit der Eltern nach der Wende, oder von der ignoranten Reaktion einer Lehrerin auf den Satz, dass die Wiedervereinigung keine war (von den Eltern zu Hause gelernt). Oder von westdeutschen Redakteuren, die Ostdeutsche nicht verstehen und in Schubladen packen.Cornelia Geißlers Buch ist alles andere als wütend, es sammelt Geschichten und zeigt, worin sich ostdeutsche Biografien ähneln: Es gibt den erfundenen Westen, der idyllisch schien, und es gibt die Erfahrungen mit dem realen Westen, dem hinter den Kulissen. Der anders ist. Der hält sich noch immer für die Norm.