Woran misst man den Erfolg einer „sozialen Bewegung“? Legt man das Verschwinden dessen zugrunde, was jahrzehntelang bekämpft wurde, dann ist die Anti-Atom-Bewegung zweifelsfrei die erfolgreichste im wiedervereinten Deutschland. Denn wie mächtig die Atomlobby hierzulande war, zeigte sich nach Angela Merkels Wahlsieg 2009:
Atomkraftwerke wurden in Kampagnen als „Deutschlands ungeliebte Klimaschützer“ beworben, eine Unternehmensberatung entwickelte die Roadmap zum Ausstieg aus dem Atomausstieg, im Auftrag des Bundesumweltministeriums legte das „Energiewirtschaftliche Institut“ der Uni Köln „Energieszenarien“ vor, die begründeten, warum ohne Atomstrom das Licht in Deutschland ausgeht. Die Regierung konnte 2010 also gar nicht anders, als die AKW-Laufzeiten zu verlängern.
Es gibt heute eine Reihe von Indizien, dass Atomminister Franz Josef Strauß (CSU) die Absicht hatte, Atombomben anzuschaffen. Dafür braucht man Atomkraftwerke. Oder genauer: die „Urananreicherung“. In der Natur besitzt Uran lediglich 0,7 Prozent spaltbares Material, in Zentrifugen muss es vermehrt werden.
Wer die Technologien beherrscht, kann auch Bombe: Sind 5 Prozent erreicht, lassen sich damit Brennstäbe für AKWs herstellen, für Bomben sind 90 Prozent notwendig. Nach Darstellung der Internationalen Atomenergiebehörde hatte der Iran seine Vorräte auf etwa 60 Prozent angereichert, eine Begründung für den Angriff der USA und Israels.
Urananreicherung in Nordrhein-Westfalen
1956 legte Strauß die Grundlagen für das Atomprogramm der BRD: Den Energiekonzernen wurde die Technologie mit üppigen Steuermillionen schmackhaft gemacht, das erste kommerzielle Kraftwerk entstand im bayerischen Gundremmingen, 1966 ging dort ein Siedewasserreaktor ans Netz. An diesem Block A ereignete sich 1977 der schwerste Störfall in der westdeutschen Geschichte.
Totalschaden am Reaktor: Eine atomare Verstrahlung Bayerns wurde nur knapp verhindert. Seit den 1960er Jahren wurde die Urananreicherung im „Kernforschungszentrum Jülich“ (Nordrhein-Westfalen) erforscht, heute arbeitet die Urananreicherungsanlage trotz Atomausstieg in Gronau (Westfalen) immer noch. Allerdings verbietet der „Vertrag von Almelo“ aus dem Jahr 1970 der Fabrik, mehr als 6 Prozent anzureichern.
Die DDR verfügte nie über die technologische Fähigkeit, Uran anzureichern. Aber auch die SED setzte früh auf Atomkraft: Strom war knapp, fast 90 Prozent wurden in der frühen DDR aus Braunkohle hergestellt. 1966 ging im märkischen Rheinsberg das erste Atomkraftwerk der DDR ans Netz. Ein Mini-AKW: Zehn moderne Windräder produzieren heute genauso viel Strom.
Allerdings war der 70-Megawatt-Reaktor etwas Besonderes: der erste auf sozialistischem Boden außerhalb der UdSSR. Vier Blöcke folgten in Greifswald, hier kam es 1975 zum Störfall: Nur ein Zufall verhinderte die Kernschmelze, eine Notpumpe zur Kühlung war an den falschen Block angeschlossen – und rettete ihn so.
Der Anti-Atom-Protest begann im Westen Deutschlands 1972
Der Anti-Atom-Protest begann im Westen Deutschlands 1972: Die Bürgerinitiative „Zentrales Oberrheingebiet“ kämpfte gegen ein geplantes Atomkraftwerk in Breisach. nördlich der Breisgauer Stadt sollten 4 Reaktorblöcke mit insgesamt 5.200 Megawatt Leistung am Rhein gebaut werden. Die Initiative „Rheintal-Aktion“ schaffte es bis in den Landtag, die Pläne wurden aufgegeben. Beflügelt von derlei Erfolg besetzten Demonstranten im Februar 1975 den Bauplatz des geplanten AKW Wyhl. Damit begann eine neue Form des Anti-Atom-Protestes in Westdeutschland: die illegale Aktion.
„Es war ein breites Bündnis von Linken bis Konservativen“, erinnert sich Axel Mayer, damals Lehrling des Vermessungswesens. Bauern aus der Region, Winzer, Studenten der nahen Universität Freiburg, Umweltschützer wie Mayer, der damals eigentlich für Atomkraft war – immer waren so viele Leute da, dass die Polizei keine Chance hatte, den Bauplatz zu räumen. Zwar erklärte Baden-Württembergs Ministerpräsident Hans Filbinger (CDU), ohne das AKW würden im „Ländle die Lichter ausgehen“. Sein Nachfolger Lothar Späth (ebenfalls CDU) legte die Baupläne aber zu den Akten.
Gestärkte Versammlungsrechte
Spätere Bauplatz-Besetzungen wie die in Brokdorf scheiterten, weil die Polizei aus dem Whyl-Einsatz gelernt hatte. Mayer: „Bei uns stand der Wald noch: Die Polizei hatte weder mit ihren Hubschraubern noch mit Wasserwerfern eine Einsatzmöglichkeit. Die größte Bauplatz-Besetzung war weniger erfolgreich: 1981 lieferten sich 100.000 Demonstranten eine regelrechte Schlacht mit der Polizei. Später kam das Bundesverfassungsgericht zu dem Urteil, dass das Verbot der Demo unzulässig war, und stärkte Versammlungsrechte.
1977 begann Gorleben zum Zentrum des Protestes zu werden. Niedersachsens Ministerpräsident Ernst Albrecht (CDU) hatte das Dorf im Wendland zum Standort für ein Atomendlager auserkoren. Ausschlaggebend für die Wahl waren die Abgelegenheit der Region, ihre dünne Besiedlung und die Nähe zur DDR. Dagegen wehrte sich die Bürgerinitiative „Umweltschutz Lüchow-Dannenberg“, gleich zur ersten Demonstration kamen 20.000 Menschen.
In der DDR forderten Mitglieder der Friedensbewegung nach dem GAU von Tschernobyl 1986 eine Volksabstimmung über die Nutzung der Atomkraft. Natürlich vergeblich, Strom war knapp, insgesamt sollten 20 Atomkraftwerke gebaut werden. Die größte Anti-Atom-Demo gab es im März 1990: Mehr als 10.000 Menschen protestierten in Stendal, Sachsen-Anhalt, wo vier Reaktoren russischer Bauart ihre Arbeit aufnehmen sollten.
Radioaktive Wolke bis Berlin
Seit den 90er Jahren gab es regelmäßig Blockaden der Bahngleise ins Wendland: Jochen Stay, Sprecher der Initiative „x-tausendmal quer“, entwickelte ein Mobilisierungs- und Blockadekonzept mit, das zu den langanhaltendsten Sitzblockade-Aktionen in der Geschichte führte. Um zu zeigen, wie gefährlich ein Atomunfall sein kann, startete die Organisation „Campact“ eine „radioaktive Wolke“ aus 12.000 Luftballons am Reaktor Biblis südlich von Darmstadt. Einige Ballons wurden später in Berlin-Marzahn gefunden.
„Wir haben gewonnen“, konstatierte Campact-Mitgründer Christoph Bautz, als im April 2023 das letzte deutsche AKW vom Netz ging: „Unser Protest war so stark, dass Angela Merkel kaum anders konnte.“ Das endgültige Aus zeige, wie machtvoll eine Protestbewegung werden kann. Der Moment mache Mut für die große Auseinandersetzung um das Ende von Öl, Gas und Kohle. Bautz: „Nur so können wir eine Klimakatastrophe noch verhindern.“
Demos für Energiewende
An diesem Samstag sind zehntausende Menschen gegen die Wirtschaftspolitik von Katherina Reiche (CDU) auf die Straße gegangen. Unter dem Motto „Erneuerbare Energien verteidigen“ kamen in Köln nach Angaben der Veranstalter 30.000 zusammen, in Berlin zogen demnach 24.000 Demonstranten zum Bundeswirtschaftsministerium, aus Hamburg wurden 15.000 Menschen, aus München 12.000 gemeldet.
„Man kann nicht Klimaneutralität versprechen und gleichzeitig Strukturen bauen, die sie unmöglich machen“, erklärte Yasin Hinz, Sprecher von „Fridays for Future“ in Köln. Katherina Reiche plant, den Ausbau der Erneuerbaren stark zu drosseln.
„Energieszenarien“ vor, die begründeten, warum ohne Atomstrom das Licht in Deutschland ausgeht. Die Regierung konnte 2010 also gar nicht anders, als die AKW-Laufzeiten zu verlängern. Es gibt heute eine Reihe von Indizien, dass Atomminister Franz Josef Strauß (CSU) die Absicht hatte, Atombomben anzuschaffen. Dafür braucht man Atomkraftwerke. Oder genauer: die „Urananreicherung“. In der Natur besitzt Uran lediglich 0,7 Prozent spaltbares Material, in Zentrifugen muss es vermehrt werden.Wer die Technologien beherrscht, kann auch Bombe: Sind 5 Prozent erreicht, lassen sich damit Brennstäbe für AKWs herstellen, für Bomben sind 90 Prozent notwendig. Nach Darstellung der Internationalen Atomenergiebehörde hatte der Iran seine Vorräte auf etwa 60 Prozent angereichert, eine Begründung für den Angriff der USA und Israels.Urananreicherung in Nordrhein-Westfalen 1956 legte Strauß die Grundlagen für das Atomprogramm der BRD: Den Energiekonzernen wurde die Technologie mit üppigen Steuermillionen schmackhaft gemacht, das erste kommerzielle Kraftwerk entstand im bayerischen Gundremmingen, 1966 ging dort ein Siedewasserreaktor ans Netz. An diesem Block A ereignete sich 1977 der schwerste Störfall in der westdeutschen Geschichte.Totalschaden am Reaktor: Eine atomare Verstrahlung Bayerns wurde nur knapp verhindert. Seit den 1960er Jahren wurde die Urananreicherung im „Kernforschungszentrum Jülich“ (Nordrhein-Westfalen) erforscht, heute arbeitet die Urananreicherungsanlage trotz Atomausstieg in Gronau (Westfalen) immer noch. Allerdings verbietet der „Vertrag von Almelo“ aus dem Jahr 1970 der Fabrik, mehr als 6 Prozent anzureichern. Die DDR verfügte nie über die technologische Fähigkeit, Uran anzureichern. Aber auch die SED setzte früh auf Atomkraft: Strom war knapp, fast 90 Prozent wurden in der frühen DDR aus Braunkohle hergestellt. 1966 ging im märkischen Rheinsberg das erste Atomkraftwerk der DDR ans Netz. Ein Mini-AKW: Zehn moderne Windräder produzieren heute genauso viel Strom.Allerdings war der 70-Megawatt-Reaktor etwas Besonderes: der erste auf sozialistischem Boden außerhalb der UdSSR. Vier Blöcke folgten in Greifswald, hier kam es 1975 zum Störfall: Nur ein Zufall verhinderte die Kernschmelze, eine Notpumpe zur Kühlung war an den falschen Block angeschlossen – und rettete ihn so.Der Anti-Atom-Protest begann im Westen Deutschlands 1972Der Anti-Atom-Protest begann im Westen Deutschlands 1972: Die Bürgerinitiative „Zentrales Oberrheingebiet“ kämpfte gegen ein geplantes Atomkraftwerk in Breisach. nördlich der Breisgauer Stadt sollten 4 Reaktorblöcke mit insgesamt 5.200 Megawatt Leistung am Rhein gebaut werden. Die Initiative „Rheintal-Aktion“ schaffte es bis in den Landtag, die Pläne wurden aufgegeben. Beflügelt von derlei Erfolg besetzten Demonstranten im Februar 1975 den Bauplatz des geplanten AKW Wyhl. Damit begann eine neue Form des Anti-Atom-Protestes in Westdeutschland: die illegale Aktion. „Es war ein breites Bündnis von Linken bis Konservativen“, erinnert sich Axel Mayer, damals Lehrling des Vermessungswesens. Bauern aus der Region, Winzer, Studenten der nahen Universität Freiburg, Umweltschützer wie Mayer, der damals eigentlich für Atomkraft war – immer waren so viele Leute da, dass die Polizei keine Chance hatte, den Bauplatz zu räumen. Zwar erklärte Baden-Württembergs Ministerpräsident Hans Filbinger (CDU), ohne das AKW würden im „Ländle die Lichter ausgehen“. Sein Nachfolger Lothar Späth (ebenfalls CDU) legte die Baupläne aber zu den Akten.Gestärkte VersammlungsrechteSpätere Bauplatz-Besetzungen wie die in Brokdorf scheiterten, weil die Polizei aus dem Whyl-Einsatz gelernt hatte. Mayer: „Bei uns stand der Wald noch: Die Polizei hatte weder mit ihren Hubschraubern noch mit Wasserwerfern eine Einsatzmöglichkeit. Die größte Bauplatz-Besetzung war weniger erfolgreich: 1981 lieferten sich 100.000 Demonstranten eine regelrechte Schlacht mit der Polizei. Später kam das Bundesverfassungsgericht zu dem Urteil, dass das Verbot der Demo unzulässig war, und stärkte Versammlungsrechte.1977 begann Gorleben zum Zentrum des Protestes zu werden. Niedersachsens Ministerpräsident Ernst Albrecht (CDU) hatte das Dorf im Wendland zum Standort für ein Atomendlager auserkoren. Ausschlaggebend für die Wahl waren die Abgelegenheit der Region, ihre dünne Besiedlung und die Nähe zur DDR. Dagegen wehrte sich die Bürgerinitiative „Umweltschutz Lüchow-Dannenberg“, gleich zur ersten Demonstration kamen 20.000 Menschen.In der DDR forderten Mitglieder der Friedensbewegung nach dem GAU von Tschernobyl 1986 eine Volksabstimmung über die Nutzung der Atomkraft. Natürlich vergeblich, Strom war knapp, insgesamt sollten 20 Atomkraftwerke gebaut werden. Die größte Anti-Atom-Demo gab es im März 1990: Mehr als 10.000 Menschen protestierten in Stendal, Sachsen-Anhalt, wo vier Reaktoren russischer Bauart ihre Arbeit aufnehmen sollten.Radioaktive Wolke bis BerlinSeit den 90er Jahren gab es regelmäßig Blockaden der Bahngleise ins Wendland: Jochen Stay, Sprecher der Initiative „x-tausendmal quer“, entwickelte ein Mobilisierungs- und Blockadekonzept mit, das zu den langanhaltendsten Sitzblockade-Aktionen in der Geschichte führte. Um zu zeigen, wie gefährlich ein Atomunfall sein kann, startete die Organisation „Campact“ eine „radioaktive Wolke“ aus 12.000 Luftballons am Reaktor Biblis südlich von Darmstadt. Einige Ballons wurden später in Berlin-Marzahn gefunden.„Wir haben gewonnen“, konstatierte Campact-Mitgründer Christoph Bautz, als im April 2023 das letzte deutsche AKW vom Netz ging: „Unser Protest war so stark, dass Angela Merkel kaum anders konnte.“ Das endgültige Aus zeige, wie machtvoll eine Protestbewegung werden kann. Der Moment mache Mut für die große Auseinandersetzung um das Ende von Öl, Gas und Kohle. Bautz: „Nur so können wir eine Klimakatastrophe noch verhindern.“