Von der Weltöffentlichkeit fast beiläufig zur Kenntnis genommen, rollte am Donnerstag der letzte Konvoi des US-Militärs aus Syrien. Nach mehr als einem Jahrzehnt an Kämpfen, Hunderttausenden Toten und dem wirtschaftlichen Ruin endet ein blutiger Stellvertreterkrieg. Das neue Regime darf nun seine geopolitische Rolle spielen.

Machen wir uns nichts vor: Das jahrelange Märchen des Pentagons, die US-Truppen seien hauptsächlich in Syrien, um den IS zu bekämpfen, war exakt das – ein Märchen. In Wahrheit ging es immer darum, den Einfluss Teherans zurückzudrängen, dem damaligen syrischen Machthaber Baschar al-Assad den Zugang zu den eigenen, lukrativen Öl- und Gasquellen im Nordosten abzuschneiden und die sogenannte „Schiitische Achse“ (Teheran – Bagdad – Damaskus – Hisbollah) zu zerschlagen.

Jetzt ist die Mission erfüllt und Trumps Kalkül ist so brutal wie simpel. In Damaskus sitzt mit Präsident Ahmed al-Sharaa – der Welt früher besser bekannt als Abu Mohammad al-Jolani, syrischer Al-Qaida-Gründer – nun eine Marionette der amerikanisch-saudischen Achse fest im Sattel. Aus Sicht der Trump-Administration ist das eine reine Kosten-Nutzen-Rechnung: Lieber ein „kontrollierbarer“ sunnitischer Diktator, der zwar eine extremistische Vergangenheit hat, dafür aber von Washingtons und Riads Gnaden abhängt, als ein säkulares Assad-System, das als Brückenkopf für die radikalen Mullahs im Iran diente.

Die Übergabe der strategisch wichtigen Ölfelder und Militärbasen (wie zuvor schon Al-Tanf oder die Shaddadi-Basis) erfolgte dabei in voller Abstimmung zwischen der neuen syrischen Regierung und den Amerikanern. Damaskus freut sich über die zurückgewonnene Kontrolle der heimischen Energieressourcen und versichert brav, man könne den „Anti-Terror-Kampf“ nun selbst führen. Auch wenn dies wohl bedeutet, dass der Teufel mit dem Beelzebub ausgetrieben wird.

Verlierer dieses geopolitischen Schachzuges sind, einmal mehr, die Kurden. Jahrelang hielten sie als Bodentruppen der von den USA unterstützten Syrian Democratic Forces (SDF) den Kopf hin. Ihr Traum von einem autonomen Gebiet (Rojava) ist nun endgültig geplatzt. Sie wurden den geopolitischen Zwängen geopfert – eingeklemmt zwischen sunnitischen Fanatikern im Süden und Erdogans türkischer Armee im Norden. In Trumps Anti-Iran-Strategie waren sie am Ende nur noch entbehrliche Bauern auf dem Schachbrett.

Der US-Abzug aus Syrien bedeutet keinen Rückzug Amerikas aus dem Nahen Osten. Im Gegenteil: Das US-Zentralkommando (CENTCOM) positioniert seine Truppen einfach nur um. Das nächste und eigentliche Ziel steht längst fest: die finalen Anti-Iran-Operationen. Durch den Regimewechsel in Syrien hat Trump der iranischen Führung ihre wichtigste Landbrücke zum Mittelmeer entrissen. Die Mullahs sind isolierter denn je. Und in Syrien herrscht nun ein Mann, der Washington nicht aus ideologischer Überzeugung liebt – der aber weiß, wer ihn an die Macht gebracht hat und wer ihn dort hält.

Das ist eiskalte Geopolitik ohne moralische Filter. Doch wenn der Mohr in Damaskus seine Schuldigkeit getan hat und entbehrlich wird, könnte auch ihm ein unangenehmes Schicksal drohen. Wie sagte es der frühere britische Außen- und Premierminister Lord Palmerston: „Staaten haben keine ewigen Freunde und keine ewigen Feinde, sondern nur ewige Interessen.“ Die Interessen der Vereinigten Staaten (und der westlichen Welt allgemein) liegen derzeit in der Zerschlagung des Terrorregimes der Mullahs, die momentan ein größeres Sicherheitsproblem darstellen als die radikalen Sunniten in Syrien. Um diese kann man sich nämlich kümmern, wenn es die Interessenlage erfordert.





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