Was in der Debatte um AfD-Erfolge zu kurz kommt, sind junge Frauen, die ländliche Regionen Ostdeutschlands verlassen. Ein Gespräch mit der Soziologin Katja Salomo über einsame Männer und Abbau von Infrastruktur als Treiber des Rechtsrucks


Die Jugendorganisation der AfD „Generation Deutschland“ wirbt mit dem KI-Bild einer blonden jungen Frau

Foto: Thilo Schmuelgen/Reuters/picture alliance


Ob Epstein, „Looksmaxxing“ oder Christian Ulmen: Alles scheint sich aktuell um Männlichkeit zu drehen. Insbesondere Antifeminismus als Brückenideologie zur extremen Rechten wird breit aus der Perspektive von Männern besprochen.

Was in der Analyse des Rechtsrucks bislang etwas kurz kam, ist hingegen der demografische Kontext, in dem sich diese Erfolge in Deutschland abspielen. Und auch die Perspektiven der Frauen, die ländliche Regionen mit Männerüberhang wegen mangelnder Infrastruktur verlassen. Ein Gespräch mit der Soziologin Katja Salomo darüber, warum Linke sich stärker mit den Problemen ländlicher Regionen beschäftigen sollten.

Der Freitag: Frau Salomo, Sie erforschen Mobilität und die demografische Situation in Ostdeutschland. Dabei hat eine Ihrer Studien besonders viel Aufmerksamkeit erregt, in der ein Männerüberhang in ländlichen Regionen Ostdeutschlands als Indikator für den Erfolg der AfD beobachtet wurde. Was hat es damit auf sich?

Katja Salomo: Die Studie bezog sich 2019 noch lediglich auf Thüringen, die Beobachtung gilt aber nach aktueller Forschung für ganz Ostdeutschland: Ich habe über die Zeit eine Korrelation festgestellt zwischen Männerüberhang, Abwanderung, Überalterung und Kindermangel auf der einen sowie dem Gefühl, gegenüber anderen in Deutschland benachteiligt zu sein, und fremdenfeindlichen und demokratiefeindlichen Einstellungen auf der anderen Seite.

Das heißt?

Dort, wo sich die demografische Lage angespannt hat, sind letztere Indikatoren gestiegen. Obwohl sich die wirtschaftliche Lage im selben Zeitraum sehr verbessert hat, sind diese Gewinne seit 2001 auf der Einstellungsebene quasi aufgefressen worden durch das, was die problematischen demografischen Entwicklungen im selben Zeitraum angerichtet haben.

Dieser Männerüberhang entsteht dadurch, dass vor allem junge Frauen diese ländlichen Regionen verlassen und in größere Städte in Ostdeutschland, aber auch in den Westen ziehen. Warum?

Zu diesem Phänomen kam es vor allem während der Abwanderungswelle um 2005. Diese Generation hat ihren Bildungsabschluss im vereinten Deutschland gemacht und wurde von der Vorstellung geprägt, dass man aus Ostdeutschland weggehen muss, um etwas aus sich zu machen. Deshalb sind viele junge Menschen zunächst in großem Umfang abgewandert. Dass mehr Frauen abgewandert sind, hat viel mit der Arbeitsmarktstruktur zu tun.

Cafés sprechen eher Frauen an, Kneipen eher Männer. In ländlichen Regionen gibt es Cafés jedoch deutlich seltener.

Inwiefern?

Frauen sind nicht weniger mit ihrer Region verbunden, fanden damals in ihrer Herkunftsregion im Osten jedoch seltener die Ausbildungsberufe und Studiengänge, die sie anstrebten. Hinzu kam, dass Frauen in dieser Generation seltener nach Ostdeutschland zurückkehrten. Frauen verlassen zudem in West wie Ost etwas häufiger ländliche Gebiete, unter anderem, weil sie seltener einen Führerschein machen und häufiger öffentliche Verkehrsmittel nutzen. Zudem geben sie häufiger an, dass ihnen kulturelle und bestimmte Unterhaltungsangebote in ländlichen Regionen fehlen. Es gibt die Tendenz, dass Cafés zum Beispiel eher Frauen ansprechen, Kneipen eher Männer. In ländlichen Regionen gibt es Cafés jedoch deutlich seltener.

Die Abwanderungswelle von 2005 betrifft Menschen, die jetzt mittleren Alters sind, also 40 aufwärts. Das ist gleichzeitig die „Gen X“ also die Altersgruppe, in der die AfD am stärksten ist. Sehen Sie da einen Zusammenhang?

Einen direkten Nachweis kann ich – noch – nicht liefern, aber der Zusammenhang ist plausibel. Es ist die Generation, die von dem Gefühl geprägt ist, zurückgelassen worden zu sein. Wer geblieben ist, vergleicht sich stärker mit denen, die gegangen sind. In meinem Heimatort in der Sächsischen Schweiz hat meine Elterngeneration noch davon profitiert, dass es früher eine adäquate Infrastruktur gab: Einkaufsmöglichkeiten, Cafés und Freizeitangebote, auch ein Schwimmbad, eine Mittelschule, eine Tank- und Poststelle. Zu erleben, wie diese Infrastruktur innerhalb weniger Jahre verloren gegangen ist, führt zu gefühlter Benachteiligung – in Umfragen erfragen wir dazu, ob Menschen meinen „Im Vergleich dazu, wie andere in Deutschland leben, bekomme ich nicht meinen gerechten Anteil.“ Dieses Gefühl ist in diesen Regionen auch nicht eingebildet. Wichtig für Ihre Frage ist auch: Unter den heute 20- bis 30-Jährigen, ergibt sich der flächendeckende Frauenmangel in Ostdeutschland nicht mehr.

Dass Männerüberhang, Kindermangel und Überalterung in Ostdeutschland gleichzeitig so stark auftreten, ist weltweit einzigartig.

Liegt das daran, dass jüngere Frauen heute bessere berufliche Perspektiven in ländlichen Regionen sehen?

Ja, ich hoffe es. Wir haben jedoch noch keine Untersuchungen dazu, warum Frauen heute seltener Ostdeutschland verlassen als vor einigen Jahren.

Sie betonen auch, dass in Ostdeutschland zusätzlich zum Männerüberhang und zur Überalterung auch ein Kindermangel zu beobachten ist. Sie bezeichnen diese drei Dinge in der Kombination als einzigartig und auch als gefährlich. Warum?

Die Einzigartigkeit ist statistisch. Vielleicht abgesehen von sehr dünn besiedelten Gemeinden im Norden Skandinaviens, ist Suhl die am stärksten gealterte Stadt der Welt. Wenn man Ostdeutschland als Ganzes betrachtet, ist nur Japan noch stärker überaltert. Es gibt nur wenige Länder, in denen der Frauenmangel noch höher ist (zum Beispiel in Westafrika oder kleineren Stadtstaaten aufgrund von Arbeitsmigration), und nur wenige andere Länder, die ein noch ungünstigeres Verhältnis von Kindern zu älteren Menschen haben. Insbesondere durch den Wegzug von Frauen in meiner Generation sind eben auch deren Kinder nicht im Osten geboren worden. Dass diese drei Phänomene in Ostdeutschland gleichzeitig so stark auftreten, ist weltweit einzigartig.

Und gefährlich?

Sozial und politisch, ja. Sozial insbesondere beim Thema Altenpflege – es ist wie eine Zeitbombe, die auf uns zukommt, wenn die letzten Boomer in Rente gehen. Gerade weil Frauen fehlen, fehlen sowohl professionelle Pflegekräfte als auch ihre – leider oft – unbezahlte private Pflegearbeit für ältere Verwandte. Bereits jetzt gibt es das Phänomen der Abwanderung von Älteren aus den ländlichen Gebieten in Ostdeutschland. Wer nicht mehr sicher Auto fahren kann, verliert oft den Zugang zu medizinischer Versorgung, Einkaufsmöglichkeiten usw. In der Konsequenz verlieren Menschen im hohen Alter ihr vertrautes Umfeld – genau dann, wenn soziale Nähe, Stabilität und Unterstützung am dringendsten gebraucht würden. Problematisch wird es, wenn man niemand mehr hat, der einem bei so einem großen Schritt helfen könnte.

Worin besteht die politische Gefahr?

Politisch gefährlich ist die Lage, weil Vakuums entstehen. Wenn Treffpunkte verschwinden und Vereine mangels Nachwuchses nicht mehr handlungsfähig sind, können extreme Akteure diese Leerräume gezielt nutzen. Sie bieten scheinbar unpolitische Angebote an, engagieren sich lokal – gründen eigene Heimatvereine oder pflegen Kriegsgräber, leisten wichtige Fahrdienste für Ältere. Sie können auch leichter Schlüsselpositionen in bestehenden Vereinen besetzen, weil es an Alternativen fehlt. Auf diese Weise verankern sie sich in der Bevölkerung – und man kann sie nur schwer herausfordern, denn sie engagieren sich ja für die Menschen vor Ort. Diese tiefe gesellschaftliche Verankerung unterscheidet Ostdeutschland von westdeutschen Regionen, in denen wir zwar ebenfalls AfD-Erfolge sehen, aber meist nicht dieselbe strukturelle Vorarbeit vor Ort.

Würden Sie sagen, dass der AfD in diesen Regionen auch zugetraut wird, diese demografischen Probleme – also den Wegzug von Frauen, die Überalterung und den Bevölkerungsrückgang – zu lösen?

Da kommen wir zu einem sehr spannenden Punkt. Die AfD, aber auch schon die NPD, macht gezielt Propaganda mit dem Thema Frauenmangel. Die AfD ist nicht gerade für ein emanzipiertes Frauenbild bekannt, es entspricht eher dem der alten Bundesrepublik in den 50er Jahren. Aber ich glaube, dass dies in demografisch prekären Regionen durchaus anschlussfähig ist. Die implizite Botschaft lautet: „Durch die Freiheiten der Frauen sind wir Männer hier allein zurückgelassen worden.“ Und die Antwort darauf ist dann, sehr zugespitzt: „Dann nehmen wir den Frauen eben wieder ein Stück Freiheit weg.“

Die AfD muss das Thema Abwanderung gar nicht offensiv ansprechen, weil wir uns dieses Problems insgesamt noch nicht ausreichend bewusst sind.

Wird das Thema bewusst diskutiert?

Kaum. Wenn ich in meinem Wohnort fragen würde: „Warum sind in den letzten Jahren die Tankstelle, das Café, der Obstladen, der Gemüseladen, der Modeladen, das Elektrogeschäft, die Drogerie und das Schwimmbad geschlossen worden?“, dann würden viele antworten: „Weil wir nicht oft genug dort eingekauft haben.“ Doch selbst wenn alle diese Angebote regelmäßig genutzt hätten, wären wir schlicht zu wenige Menschen gewesen, um sie dauerhaft zu erhalten. Die Menschen beobachten also die Abwanderung, erkennen sie aber nicht unbedingt als zentrale Ursache für die Veränderungen ihrer Lebenswelt. Deshalb muss die AfD dieses Thema gar nicht offensiv ansprechen, weil wir uns dieses Problems insgesamt noch nicht ausreichend bewusst sind.

Womit punktet die AfD in diesen Regionen dann?

Fremdenfeindlichkeit ist nach wie vor ein zentraler Grund für die Wahl der AfD. Und der Mechanismus ist relativ einfach: Wenn man von einem Mangel betroffen ist, den man nicht selbst verschuldet sieht – etwa infrastrukturelle Defizite – und gleichzeitig wahrnimmt, dass für andere Gruppen erhebliche Ressourcen aufgewendet werden, mit denen man sich selbst nicht identifiziert, entsteht Ablehnung. Entsprechend wird Zuwanderung auch nicht als Lösung gesehen – selbst wenn sie es angesichts der Überalterung und des Kindermangels wäre.

Aktuell ist auf Social Media viel von einer „Male Loneliness Epidemic“ die Rede, als Label dafür, dass vor allem junge Männer der Gen Z einsamer sind als junge Männer früher. Betrachten Sie diese Linse auf das Problem als sinnvoll?

Das ist eine schöne Frage. Ich bin da auch ein bisschen skeptisch. Wenn ich kurz etwas weiter ausholen darf: Ich werde häufig angesprochen auf die armen, zurückgelassenen Männer in Ostdeutschland. Und da muss ich ganz deutlich sagen: Gelitten haben in erster Linie die Frauen – und zwar so sehr, dass sie weggegangen sind. Wenn alles gut ist, bleibt man, und wenn alles schön war, kehrt man zurück.

Parteien zu unterstützen, die Gleichberechtigung infrage stellen, verschärft die Lage weiter: Frauen stimmen dann umso entschiedener mit ihren Füßen und mit ihren Partnerschaftsentscheidungen ab.

Bei der viel diskutierten „Loneliness-Epidemie“ fällt insbesondere in der Gen Z auf, wie stark sich die politischen Einstellungen junger Männer und junger Frauen auseinanderentwickeln – vor allem bei Fragen von Gleichberechtigung. Wer als Mann in einer abgehängten Region mit hoher Abwanderung lebt, sollte sehr genau bedenken, welche politischen Signale er sendet. Parteien zu unterstützen, die Gleichberechtigung infrage stellen, verschärft die Lage nämlich weiter: Frauen stimmen dann umso entschiedener mit ihren Füßen und mit ihren Partnerschaftsentscheidungen ab. Wer so darauf reagiert, gießt Öl ins Feuer und verschlechtert seine eigenen Chancen auf eine erfüllende Partnerschaft.

Was heißt das konkret?

Ich gebe mal ein anderes Beispiel: Junge Frauen wünschen sich seltener Kinder als junge Männer, das heißt, die Vorstellungen zur Familienplanung passen nicht mehr zusammen. Die Gründe sind bekannt: Frauen drohen Einkommens- und Karriereeinbußen, Nachteile in der Altersvorsorge und eine weiterhin ungerechte Verteilung von Sorgearbeit. Ein Ansatz wäre beispielsweise, Infrastruktur zu fördern, die Frauen wichtig ist, und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie endlich ernst zu nehmen – statt dämliche Debatten über sogenannte „Lifestyle-Teilzeit“ zu führen.

Wie hängt das mit Ostdeutschland zusammen?

Bei all diesen Themen sieht man, dass Gesellschaften häufig nicht auf Frauen hören und ihre Bedürfnisse ignorieren. Genau hier sehe ich den Zusammenhang zwischen der weiblichen Abwanderung aus Ostdeutschland und der „Male Loneliness Epidemic“: Es ist dasselbe Prinzip. Man hört nicht auf Frauen, ignoriert ihre Bedürfnisse – und wundert sich dann, dass sie mit ihrem Verhalten abstimmen. Und wenn, oder vielleicht erst wenn Männer dann irgendwann auch unter diesen Missständen leiden, auf die Frauen längst reagieren mussten, sprechen wir plötzlich von den Krisen der Männer.

Sie haben jetzt ja auch schon Maßnahmen angesprochen. Was wäre denn noch nötig, damit insbesondere junge Frauen eine Zukunft in ländlichen Regionen sehen?

Ich denke, man sollte gar nicht ausschließlich an junge Frauen denken, auch wenn es die Gruppe ist, die häufig demografisch gesehen sehr positive Effekte mit sich bringt. Entscheidend ist eher, was Familien insgesamt brauchen. In Ostsachsen gibt es zum Beispiel keine Schulbusangebote – das ist auch in anderen Bundesländern ähnlich. Wenn Sie als Familie, angezogen von niedrigen Immobilienpreisen, aufs Land ziehen, kann das bedeuten, dass das Kind täglich über eine Stunde im Bus sitzt, um ein Gymnasium zu erreichen. So kann eine Region keine Familien anziehen.

Wenn Männer irgendwann unter Missständen leiden, auf die Frauen längst reagieren mussten, sprechen wir plötzlich von den Krisen der Männer.

Deshalb braucht es Investitionen in Verkehrsinfrastruktur und den Ausbau des ÖPNV. Gerade weil Frauen seltener einen Führerschein haben und häufiger öffentliche Verkehrsmittel nutzen. Das gilt insbesondere, wenn es im Haushalt nur ein Auto gibt. Das sind teure Maßnahmen, aber sie sind notwendig.

Es gibt außerdem Projekte im ländlichen Raum, etwa Mobility-On-Demand-Angebote, die starten, aber nach einem halben Jahr wegen zu geringer Nachfrage wieder eingestellt werden. Menschen in diesen Regionen haben jahrzehntelang ohne diese Angebote gelebt – man kann nicht erwarten, dass sie sich innerhalb weniger Monate umstellen. Solche Angebote müssen dauerhaft finanziert und etabliert werden, um Abwanderung zu verhindern und mehr Zuwanderung zu ermöglichen.

Müssten die männlich dominierten Branchen in ländlichen Regionen nicht stärker um weibliche Auszubildende werben oder sich so verändern, dass sie für junge Frauen attraktiver werden?

Das eine sehr gute Idee. Die demografischen Entwicklungen in Ostdeutschland veranschaulichen gut, dass wir geschlechtersegregierte Branchen nur schwer leisten können. Landwirtschaft, Zulieferbetriebe und das verarbeitende Gewerbe, also typische ländliche Branchen, sind weiterhin stärker männlich geprägt. Wenn man früh ansetzt, um Frauen dafür zu gewinnen und entsprechende Bilder in den Köpfen aufzubrechen, kann das sehr helfen.

Linker Politik wird oft vorgeworfen, sich zu sehr auf urbane Probleme zu konzentrieren, wie Mietpreise oder Polizeigewalt in Großstädten. Bräuchte es im Kampf gegen den Rechtsruck einen stärkeren Fokus auf ländliche Räume?

In Ostdeutschland auf jeden Fall – 60 Prozent der Menschen leben im Osten in ländlichen Gebieten. Die Grünen haben dort beispielsweise nie richtig Fuß gefasst, weil sie als stark städtisch wahrgenommen werden. Es braucht deutlich mehr Sensibilität für ländliche Räume. Für mich ist es ein Phänomen der gesamten westlichen Welt, dass ländliche Regionen aufbegehren, vor allem dort, wo Menschen etwas einfordern, das ihnen zusteht, es aber nicht bekommen und sich dauerhaft ignoriert fühlen. Dadurch werden die Stimmen lauter und auch radikaler. Das ist für mich ein zentraler Treiber des Rechtsrucks, den wir seit über einem Jahrzehnt beobachten.

Es braucht deutlich mehr Sensibilität für ländliche Räume. Ländliche Regionen begehren vor allem dort auf, wo Menschen etwas einfordern, das ihnen zusteht

Warum fällt es der Politik so schwer, darauf zu reagieren?

Ich kann es nicht nachvollziehen. In der Bundespolitik spielt das Thema Chancengleichheit auf dem Land kaum eine Rolle. Dabei könnte den ländlichen Regionen in Ost und West gut geholfen werden, würde man die Regionalförderung in Deutschland nur etwas reformieren. Es fehlt offensichtlich an Sensibilität, Unterstützung und politischem Willen. Dabei liegen die Wahlanalysen seit Jahren vor.

Katja Salomo ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Fachgebiet „Politisches System der BRD – Staatlichkeit im Wandel“ an der Universität Kassel. Ihre Forschungsthemen sind politischer Extremismus, soziale Intoleranz, Segregation und Land- & Stadtforschung

ät und die demografische Situation in Ostdeutschland. Dabei hat eine Ihrer Studien besonders viel Aufmerksamkeit erregt, in der ein Männerüberhang in ländlichen Regionen Ostdeutschlands als Indikator für den Erfolg der AfD beobachtet wurde. Was hat es damit auf sich?Katja Salomo: Die Studie bezog sich 2019 noch lediglich auf Thüringen, die Beobachtung gilt aber nach aktueller Forschung für ganz Ostdeutschland: Ich habe über die Zeit eine Korrelation festgestellt zwischen Männerüberhang, Abwanderung, Überalterung und Kindermangel auf der einen sowie dem Gefühl, gegenüber anderen in Deutschland benachteiligt zu sein, und fremdenfeindlichen und demokratiefeindlichen Einstellungen auf der anderen Seite.Das heißt?Dort, wo sich die demografische Lage angespannt hat, sind letztere Indikatoren gestiegen. Obwohl sich die wirtschaftliche Lage im selben Zeitraum sehr verbessert hat, sind diese Gewinne seit 2001 auf der Einstellungsebene quasi aufgefressen worden durch das, was die problematischen demografischen Entwicklungen im selben Zeitraum angerichtet haben.Dieser Männerüberhang entsteht dadurch, dass vor allem junge Frauen diese ländlichen Regionen verlassen und in größere Städte in Ostdeutschland, aber auch in den Westen ziehen. Warum?Zu diesem Phänomen kam es vor allem während der Abwanderungswelle um 2005. Diese Generation hat ihren Bildungsabschluss im vereinten Deutschland gemacht und wurde von der Vorstellung geprägt, dass man aus Ostdeutschland weggehen muss, um etwas aus sich zu machen. Deshalb sind viele junge Menschen zunächst in großem Umfang abgewandert. Dass mehr Frauen abgewandert sind, hat viel mit der Arbeitsmarktstruktur zu tun.Cafés sprechen eher Frauen an, Kneipen eher Männer. In ländlichen Regionen gibt es Cafés jedoch deutlich seltener.Inwiefern?Frauen sind nicht weniger mit ihrer Region verbunden, fanden damals in ihrer Herkunftsregion im Osten jedoch seltener die Ausbildungsberufe und Studiengänge, die sie anstrebten. Hinzu kam, dass Frauen in dieser Generation seltener nach Ostdeutschland zurückkehrten. Frauen verlassen zudem in West wie Ost etwas häufiger ländliche Gebiete, unter anderem, weil sie seltener einen Führerschein machen und häufiger öffentliche Verkehrsmittel nutzen. Zudem geben sie häufiger an, dass ihnen kulturelle und bestimmte Unterhaltungsangebote in ländlichen Regionen fehlen. Es gibt die Tendenz, dass Cafés zum Beispiel eher Frauen ansprechen, Kneipen eher Männer. In ländlichen Regionen gibt es Cafés jedoch deutlich seltener.Die Abwanderungswelle von 2005 betrifft Menschen, die jetzt mittleren Alters sind, also 40 aufwärts. Das ist gleichzeitig die „Gen X“ also die Altersgruppe, in der die AfD am stärksten ist. Sehen Sie da einen Zusammenhang?Einen direkten Nachweis kann ich – noch – nicht liefern, aber der Zusammenhang ist plausibel. Es ist die Generation, die von dem Gefühl geprägt ist, zurückgelassen worden zu sein. Wer geblieben ist, vergleicht sich stärker mit denen, die gegangen sind. In meinem Heimatort in der Sächsischen Schweiz hat meine Elterngeneration noch davon profitiert, dass es früher eine adäquate Infrastruktur gab: Einkaufsmöglichkeiten, Cafés und Freizeitangebote, auch ein Schwimmbad, eine Mittelschule, eine Tank- und Poststelle. Zu erleben, wie diese Infrastruktur innerhalb weniger Jahre verloren gegangen ist, führt zu gefühlter Benachteiligung – in Umfragen erfragen wir dazu, ob Menschen meinen „Im Vergleich dazu, wie andere in Deutschland leben, bekomme ich nicht meinen gerechten Anteil.“ Dieses Gefühl ist in diesen Regionen auch nicht eingebildet. Wichtig für Ihre Frage ist auch: Unter den heute 20- bis 30-Jährigen, ergibt sich der flächendeckende Frauenmangel in Ostdeutschland nicht mehr.Dass Männerüberhang, Kindermangel und Überalterung in Ostdeutschland gleichzeitig so stark auftreten, ist weltweit einzigartig.Liegt das daran, dass jüngere Frauen heute bessere berufliche Perspektiven in ländlichen Regionen sehen?Ja, ich hoffe es. Wir haben jedoch noch keine Untersuchungen dazu, warum Frauen heute seltener Ostdeutschland verlassen als vor einigen Jahren.Sie betonen auch, dass in Ostdeutschland zusätzlich zum Männerüberhang und zur Überalterung auch ein Kindermangel zu beobachten ist. Sie bezeichnen diese drei Dinge in der Kombination als einzigartig und auch als gefährlich. Warum?Die Einzigartigkeit ist statistisch. Vielleicht abgesehen von sehr dünn besiedelten Gemeinden im Norden Skandinaviens, ist Suhl die am stärksten gealterte Stadt der Welt. Wenn man Ostdeutschland als Ganzes betrachtet, ist nur Japan noch stärker überaltert. Es gibt nur wenige Länder, in denen der Frauenmangel noch höher ist (zum Beispiel in Westafrika oder kleineren Stadtstaaten aufgrund von Arbeitsmigration), und nur wenige andere Länder, die ein noch ungünstigeres Verhältnis von Kindern zu älteren Menschen haben. Insbesondere durch den Wegzug von Frauen in meiner Generation sind eben auch deren Kinder nicht im Osten geboren worden. Dass diese drei Phänomene in Ostdeutschland gleichzeitig so stark auftreten, ist weltweit einzigartig.Und gefährlich?Sozial und politisch, ja. Sozial insbesondere beim Thema Altenpflege – es ist wie eine Zeitbombe, die auf uns zukommt, wenn die letzten Boomer in Rente gehen. Gerade weil Frauen fehlen, fehlen sowohl professionelle Pflegekräfte als auch ihre – leider oft – unbezahlte private Pflegearbeit für ältere Verwandte. Bereits jetzt gibt es das Phänomen der Abwanderung von Älteren aus den ländlichen Gebieten in Ostdeutschland. Wer nicht mehr sicher Auto fahren kann, verliert oft den Zugang zu medizinischer Versorgung, Einkaufsmöglichkeiten usw. In der Konsequenz verlieren Menschen im hohen Alter ihr vertrautes Umfeld – genau dann, wenn soziale Nähe, Stabilität und Unterstützung am dringendsten gebraucht würden. Problematisch wird es, wenn man niemand mehr hat, der einem bei so einem großen Schritt helfen könnte.Worin besteht die politische Gefahr?Politisch gefährlich ist die Lage, weil Vakuums entstehen. Wenn Treffpunkte verschwinden und Vereine mangels Nachwuchses nicht mehr handlungsfähig sind, können extreme Akteure diese Leerräume gezielt nutzen. Sie bieten scheinbar unpolitische Angebote an, engagieren sich lokal – gründen eigene Heimatvereine oder pflegen Kriegsgräber, leisten wichtige Fahrdienste für Ältere. Sie können auch leichter Schlüsselpositionen in bestehenden Vereinen besetzen, weil es an Alternativen fehlt. Auf diese Weise verankern sie sich in der Bevölkerung – und man kann sie nur schwer herausfordern, denn sie engagieren sich ja für die Menschen vor Ort. Diese tiefe gesellschaftliche Verankerung unterscheidet Ostdeutschland von westdeutschen Regionen, in denen wir zwar ebenfalls AfD-Erfolge sehen, aber meist nicht dieselbe strukturelle Vorarbeit vor Ort.Würden Sie sagen, dass der AfD in diesen Regionen auch zugetraut wird, diese demografischen Probleme – also den Wegzug von Frauen, die Überalterung und den Bevölkerungsrückgang – zu lösen?Da kommen wir zu einem sehr spannenden Punkt. Die AfD, aber auch schon die NPD, macht gezielt Propaganda mit dem Thema Frauenmangel. Die AfD ist nicht gerade für ein emanzipiertes Frauenbild bekannt, es entspricht eher dem der alten Bundesrepublik in den 50er Jahren. Aber ich glaube, dass dies in demografisch prekären Regionen durchaus anschlussfähig ist. Die implizite Botschaft lautet: „Durch die Freiheiten der Frauen sind wir Männer hier allein zurückgelassen worden.“ Und die Antwort darauf ist dann, sehr zugespitzt: „Dann nehmen wir den Frauen eben wieder ein Stück Freiheit weg.“Die AfD muss das Thema Abwanderung gar nicht offensiv ansprechen, weil wir uns dieses Problems insgesamt noch nicht ausreichend bewusst sind.Wird das Thema bewusst diskutiert?Kaum. Wenn ich in meinem Wohnort fragen würde: „Warum sind in den letzten Jahren die Tankstelle, das Café, der Obstladen, der Gemüseladen, der Modeladen, das Elektrogeschäft, die Drogerie und das Schwimmbad geschlossen worden?“, dann würden viele antworten: „Weil wir nicht oft genug dort eingekauft haben.“ Doch selbst wenn alle diese Angebote regelmäßig genutzt hätten, wären wir schlicht zu wenige Menschen gewesen, um sie dauerhaft zu erhalten. Die Menschen beobachten also die Abwanderung, erkennen sie aber nicht unbedingt als zentrale Ursache für die Veränderungen ihrer Lebenswelt. Deshalb muss die AfD dieses Thema gar nicht offensiv ansprechen, weil wir uns dieses Problems insgesamt noch nicht ausreichend bewusst sind.Womit punktet die AfD in diesen Regionen dann?Fremdenfeindlichkeit ist nach wie vor ein zentraler Grund für die Wahl der AfD. Und der Mechanismus ist relativ einfach: Wenn man von einem Mangel betroffen ist, den man nicht selbst verschuldet sieht – etwa infrastrukturelle Defizite – und gleichzeitig wahrnimmt, dass für andere Gruppen erhebliche Ressourcen aufgewendet werden, mit denen man sich selbst nicht identifiziert, entsteht Ablehnung. Entsprechend wird Zuwanderung auch nicht als Lösung gesehen – selbst wenn sie es angesichts der Überalterung und des Kindermangels wäre.Aktuell ist auf Social Media viel von einer „Male Loneliness Epidemic“ die Rede, als Label dafür, dass vor allem junge Männer der Gen Z einsamer sind als junge Männer früher. Betrachten Sie diese Linse auf das Problem als sinnvoll?Das ist eine schöne Frage. Ich bin da auch ein bisschen skeptisch. Wenn ich kurz etwas weiter ausholen darf: Ich werde häufig angesprochen auf die armen, zurückgelassenen Männer in Ostdeutschland. Und da muss ich ganz deutlich sagen: Gelitten haben in erster Linie die Frauen – und zwar so sehr, dass sie weggegangen sind. Wenn alles gut ist, bleibt man, und wenn alles schön war, kehrt man zurück.Parteien zu unterstützen, die Gleichberechtigung infrage stellen, verschärft die Lage weiter: Frauen stimmen dann umso entschiedener mit ihren Füßen und mit ihren Partnerschaftsentscheidungen ab.Bei der viel diskutierten „Loneliness-Epidemie“ fällt insbesondere in der Gen Z auf, wie stark sich die politischen Einstellungen junger Männer und junger Frauen auseinanderentwickeln – vor allem bei Fragen von Gleichberechtigung. Wer als Mann in einer abgehängten Region mit hoher Abwanderung lebt, sollte sehr genau bedenken, welche politischen Signale er sendet. Parteien zu unterstützen, die Gleichberechtigung infrage stellen, verschärft die Lage nämlich weiter: Frauen stimmen dann umso entschiedener mit ihren Füßen und mit ihren Partnerschaftsentscheidungen ab. Wer so darauf reagiert, gießt Öl ins Feuer und verschlechtert seine eigenen Chancen auf eine erfüllende Partnerschaft.Was heißt das konkret?Ich gebe mal ein anderes Beispiel: Junge Frauen wünschen sich seltener Kinder als junge Männer, das heißt, die Vorstellungen zur Familienplanung passen nicht mehr zusammen. Die Gründe sind bekannt: Frauen drohen Einkommens- und Karriereeinbußen, Nachteile in der Altersvorsorge und eine weiterhin ungerechte Verteilung von Sorgearbeit. Ein Ansatz wäre beispielsweise, Infrastruktur zu fördern, die Frauen wichtig ist, und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie endlich ernst zu nehmen – statt dämliche Debatten über sogenannte „Lifestyle-Teilzeit“ zu führen.Wie hängt das mit Ostdeutschland zusammen?Bei all diesen Themen sieht man, dass Gesellschaften häufig nicht auf Frauen hören und ihre Bedürfnisse ignorieren. Genau hier sehe ich den Zusammenhang zwischen der weiblichen Abwanderung aus Ostdeutschland und der „Male Loneliness Epidemic“: Es ist dasselbe Prinzip. Man hört nicht auf Frauen, ignoriert ihre Bedürfnisse – und wundert sich dann, dass sie mit ihrem Verhalten abstimmen. Und wenn, oder vielleicht erst wenn Männer dann irgendwann auch unter diesen Missständen leiden, auf die Frauen längst reagieren mussten, sprechen wir plötzlich von den Krisen der Männer.Sie haben jetzt ja auch schon Maßnahmen angesprochen. Was wäre denn noch nötig, damit insbesondere junge Frauen eine Zukunft in ländlichen Regionen sehen?Ich denke, man sollte gar nicht ausschließlich an junge Frauen denken, auch wenn es die Gruppe ist, die häufig demografisch gesehen sehr positive Effekte mit sich bringt. Entscheidend ist eher, was Familien insgesamt brauchen. In Ostsachsen gibt es zum Beispiel keine Schulbusangebote – das ist auch in anderen Bundesländern ähnlich. Wenn Sie als Familie, angezogen von niedrigen Immobilienpreisen, aufs Land ziehen, kann das bedeuten, dass das Kind täglich über eine Stunde im Bus sitzt, um ein Gymnasium zu erreichen. So kann eine Region keine Familien anziehen.Wenn Männer irgendwann unter Missständen leiden, auf die Frauen längst reagieren mussten, sprechen wir plötzlich von den Krisen der Männer.Deshalb braucht es Investitionen in Verkehrsinfrastruktur und den Ausbau des ÖPNV. Gerade weil Frauen seltener einen Führerschein haben und häufiger öffentliche Verkehrsmittel nutzen. Das gilt insbesondere, wenn es im Haushalt nur ein Auto gibt. Das sind teure Maßnahmen, aber sie sind notwendig.Es gibt außerdem Projekte im ländlichen Raum, etwa Mobility-On-Demand-Angebote, die starten, aber nach einem halben Jahr wegen zu geringer Nachfrage wieder eingestellt werden. Menschen in diesen Regionen haben jahrzehntelang ohne diese Angebote gelebt – man kann nicht erwarten, dass sie sich innerhalb weniger Monate umstellen. Solche Angebote müssen dauerhaft finanziert und etabliert werden, um Abwanderung zu verhindern und mehr Zuwanderung zu ermöglichen.Müssten die männlich dominierten Branchen in ländlichen Regionen nicht stärker um weibliche Auszubildende werben oder sich so verändern, dass sie für junge Frauen attraktiver werden?Das eine sehr gute Idee. Die demografischen Entwicklungen in Ostdeutschland veranschaulichen gut, dass wir geschlechtersegregierte Branchen nur schwer leisten können. Landwirtschaft, Zulieferbetriebe und das verarbeitende Gewerbe, also typische ländliche Branchen, sind weiterhin stärker männlich geprägt. Wenn man früh ansetzt, um Frauen dafür zu gewinnen und entsprechende Bilder in den Köpfen aufzubrechen, kann das sehr helfen.Linker Politik wird oft vorgeworfen, sich zu sehr auf urbane Probleme zu konzentrieren, wie Mietpreise oder Polizeigewalt in Großstädten. Bräuchte es im Kampf gegen den Rechtsruck einen stärkeren Fokus auf ländliche Räume?In Ostdeutschland auf jeden Fall – 60 Prozent der Menschen leben im Osten in ländlichen Gebieten. Die Grünen haben dort beispielsweise nie richtig Fuß gefasst, weil sie als stark städtisch wahrgenommen werden. Es braucht deutlich mehr Sensibilität für ländliche Räume. Für mich ist es ein Phänomen der gesamten westlichen Welt, dass ländliche Regionen aufbegehren, vor allem dort, wo Menschen etwas einfordern, das ihnen zusteht, es aber nicht bekommen und sich dauerhaft ignoriert fühlen. Dadurch werden die Stimmen lauter und auch radikaler. Das ist für mich ein zentraler Treiber des Rechtsrucks, den wir seit über einem Jahrzehnt beobachten.Es braucht deutlich mehr Sensibilität für ländliche Räume. Ländliche Regionen begehren vor allem dort auf, wo Menschen etwas einfordern, das ihnen zustehtWarum fällt es der Politik so schwer, darauf zu reagieren?Ich kann es nicht nachvollziehen. In der Bundespolitik spielt das Thema Chancengleichheit auf dem Land kaum eine Rolle. Dabei könnte den ländlichen Regionen in Ost und West gut geholfen werden, würde man die Regionalförderung in Deutschland nur etwas reformieren. Es fehlt offensichtlich an Sensibilität, Unterstützung und politischem Willen. Dabei liegen die Wahlanalysen seit Jahren vor.



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