Vor auf den Tag genau drei Jahren hat unser Autor Deutschland verlassen und lebt seitdem in Moskau. Was hat sich in dieser Zeit verändert in Russlands Hauptstadt, in Russland und darüber hinaus? Eine ganz persönliche Zwischenbilanz von Alexej Danckwardt.

Von Alexej Danckwardt

Am 1. Mai vor genau drei Jahren habe ich mich ins Auto gesetzt und Deutschland verlassen. Wie die Dinge heute stehen, offenbar für immer. 

Seitdem lebe ich in Moskau und beobachte die Entwicklungen in Deutschland, Europa und der Welt aus der Ferne, mit zunehmender Sorge. Anfangs war ich einer von nur wenigen, der einen neuen Weltkrieg, einen Eroberungs- und Vernichtungsfeldzug des „kollektiven Westens“ gegen Russland und alle Russen im Anrollen sah. Heute sprechen viele, auch viele Offizielle davon, dass wir uns kurz davor – wenn nicht gar mittendrin – befinden. Bewahrheitet sich dies, werde ich hier sterben. Das ist meine Wahl – hier, bei meinem Volk, ist mein Platz, und ich teile sein Schicksal.

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Angekommen bin ich damals in einer pulsierenden Metropole, die zehn Jahre atemberaubend schneller Modernisierung, intensiven Ausbaus der Infrastruktur und Verschönerung erlebt hatte. Als sichtbarstes Zeichen stehen überall Wolkenkratzer und Wohnhochhäuser, die Fußwege sind mit Granitplatten gepflastert, die Technik auf dem neuesten Stand. Wenige Wochen vor meiner Ankunft konnte der Große Metroring, die dritte Ringlinie Moskaus, bis auf Weiteres die weltweit längste, fertiggestellt werden.

Doch auch Gefährliches war damals Alltag: Just in jenen Maiwochen des Jahres 2023 wurde Moskau mehrmals von ukrainischen Drohnen angegriffen. In der Nacht zum 3. Mai schlugen sie sogar im Herzen Russlands – dem Moskauer Kreml – ein und trafen die Kuppel des Präsidentenpalastes. Ein weiteres bei ukrainischen Drohnenführern beliebtes Zielobjekt waren die Wolkenkratzer des Geschäftsviertels Moskau City, aber auch Wohnhäuser, Industrieanlagen und eine Ölraffinerie wurden getroffen. So ging es viele Wochen lang.

Mit der Zeit wurde die Luftverteidigung rund um die Hauptstadt verstärkt, und in den letzten zwei Jahren ist keine Drohne mehr bis in die Stadt vorgedrungen. Auch wenn die Ukraine es stur weiter versucht: Fast täglich berichtet der Oberbürgermeister vom Abschuss der todbringenden Waffen im Anflug auf Moskau, an manchen Tagen reicht deren Zahl bis an 100 heran. Regelmäßig muss auch der Flugverkehr auf den vier Hauptstadtflughäfen wegen der damit verbundenen Gefahren eingestellt werden. Doch Meldungen über Treffer in der Stadt selbst gibt es derzeit nicht, verschweigen ließen sie sich auch nicht.

Die Ukraine lässt ihre Wut und ihre Ohnmacht deshalb an den Einwohnern russischer Provinzstädte aus. Die Grenzregionen sind besonders hart betroffen, aber auch einst sicher geglaubte Städte wie Saratow, Wolgograd (das einstige Stalingrad), Samara, Kasan oder Ufa. Auch der Ural, wobei die dort einschlagenden Drohnen womöglich aus den unkontrollierbaren Steppen Kasachstans abheben. Und neuerdings Sankt Petersburg – durch Drohnen, die aus dem Luftraum Finnlands und Estlands kommen. Die meisten Angriffe gelten Industrieanlagen, auch ein rechtlich zweifelhaftes Kriegsziel, aber es kommen auch gezielte Jagden auf Zivilisten vor. Regelmäßig wird von Treffern in Wohngebieten und sogar Dörfern berichtet, wo weit und breit keine Industrie vorhanden ist, geschweige denn Militär.

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Wer Moskau besucht, wird heute nichts vom Krieg merken. Man kann hier – so man will – leben, als geschehe nichts um einen und um die Stadt herum: feiern, essen, trinken, einkaufen, sich amüsieren. Das Leben geht oberflächlich betrachtet so weiter wie immer schon. Ob das gut oder schlecht ist, ist eine andere Frage. Mitbürger in den besonders hart gebeutelten Teilen des Landes, im Donbass, in Belgorod, in Kursk, würden sich mehr Anteilnahme von den Hauptstädtern wünschen. Doch es ist, wie es ist: Die Regierung hat es geschafft, den Krieg von der Hauptstadt weitgehend fernzuhalten. Und es gibt tatsächlich Hauptstädter, die es schaffen, ihn ganz auszublenden.

Oft werde ich gefragt, ob denn vier Jahre Sanktionen und militärischer Anstrengung keinerlei Auswirkungen haben. Doch, natürlich geht all das am Land nicht spurlos vorbei. Man muss aber genau hinsehen und gut informiert sein, um die Auswirkungen zu bemerken. Nehmen wir den eingangs erwähnten Infrastrukturausbau: Er geht weiter. Der Straßenbelag wird regelmäßig, auf manchen Magistralen gar jährlich erneuert, alles top. Neue Straßen werden gebaut. Und auch der Metrobau geht weiter – bald steht die Eröffnung einer neuen Linie bevor, mit fünf Stationen, davon drei nach 2022 neu gebaut. Das Tempo ist allerdings nicht dasselbe wie im Jahrzehnt 2012 bis 2022.

Vieles wurde im zeitlichen Ablauf gestreckt, das merkt aber auch nur der in die ursprünglichen Planungen und Zeitschienen Eingeweihte. Personalmangel, Finanzen – man kann als Außenstehender über die Gründe nur spekulieren; klar ist nur, dass Moskau und Russland ohne Sanktionen und Kriegsanstrengungen heute viel weiter wären. So gesehen haben die gierigen Oligarchen des Westens und ihr korruptes Politpersonal dem russischen Volk tatsächlich Schaden zugefügt – ihm eine noch glänzendere Gegenwart gestohlen. Aber, Hand aufs Herz, geschadet hat das „Projekt Ukraine“ und der neu entdeckte „Drang nach Osten“ des EU-Imperialismus allen – den Ukrainern, Deutschen, Europäern. Nicht weniger, Ukrainern unbestreitbar mehr als Russen.

Trotz allem ist die Leistung des Landes in diesen Jahren beachtlich. Einem derart massiven, historisch einmaligen Sanktionsdruck nicht nur standzuhalten, das Lebensniveau im Großen und Ganzen zu halten und darüber hinaus auch noch für eine verlangsamte, aber anhaltende Entwicklung zu sorgen, ist eine Errungenschaft, wie sie sich niemand vorstellen konnte. Anders als die Ukraine führt Russland seine militärischen Anstrengungen aktuell noch ohne totale Mobilmachung durch. Welche Reserven an Kraft da noch im Verborgenen lauern, kann man sich kaum ausmalen.

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All das ist natürlich nur ein Zwischenfazit. Wir sind mitten im Geschehen, und in den letzten Monaten spürt man, dass der Wind weltweit rauer wird. Meine Grundstimmung aktuell ist pessimistisch: Zu deutlich klopft der Weltkrieg an die Tür. Diplomatie versagt, der Iran-Krieg zeigt, dass der Westen keine Grenzen mehr kennt und sich zu allem befugt fühlt. Kein Verbrechen gibt es, vor dem seine gierigen Eliten zurückschrecken würden.

Das Schlimmste aber: Ich sehe keinerlei Bewegung in den Köpfen der Deutschen und der sonstigen Europäer. Nichts wurde in diesen drei Jahren begriffen, nichts neu bewertet, über nichts wird nachgedacht. Einzelstimmen, die RT DE gern aufgreift, bleiben Einzelstimmen.

Die westlichen Eliten ziehen ihren teuflischen Plan durch – und die Massen sind erstarrt wie ein Reh im Scheinwerferlicht des auf es zurasenden Autos. Bleibt es so, sind wir alle geliefert, ob in Moskau, ob in Berlin. Die Uhr tickt.

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