Blühende Obstbäume, das weiche Licht des Sonnenuntergangs und die granitgraue Fassade des Klosters El Escorial – das lässt einen sofort an ein pastorales Gemälde denken. Wir befinden uns in der Stadt San Lorenzo de El Escorial, eine Stunde von Madrid entfernt. Die Stadt liegt knapp 1.000 Meter über dem Meeresspiegel am Hang des Berges Abantos, der zur Bergkette Sierra de Guadarrama gehört.

Jährlich zieht der Ort über 500.000 Besucher an, die vor allem El Escorial besichtigen möchten. Das Gebäude wird oft als Kloster bezeichnet, ist aber tatsächlich ein königlicher Palastkomplex, der Kirchen, Konvente, eine Bibliothek, eine Schule sowie Grabkammern und Gemächer für die spanischen Königsfamilien seit dem 16. Jahrhundert beherbergt.

Seit 1984 gehört das Schloss zum Weltkulturerbe der Unesco. Architektonisch ist es für seine schlichten Linien bekannt und gehört zum Stil der italienischen Hochrenaissance.

Die Initiative für das Bauvorhaben ging von König Philipp II. von Spanien (1527–1598) aus. Im Jahr 1561 beschloss er, die Burg in der Nähe des Dorfes El Escorial in einer Gegend mit reichlich Wasser, Stein und Wald errichten zu lassen.

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Eine geführte Tour durch El Escorial

Wir nehmen an einer englischsprachigen geführten Tour teil. Vom Innenhof der Könige (Patio de los Reyes) erhebt sich die Basilika, eine katholische Kirche, die vom Petersdom in Rom inspiriert wurde. Über dem Eingang stehen sechs Könige des Reiches Juda, von denen David und Salomo dem Tor am nächsten stehen.

Die Kirche wird immer noch für Messen und Zeremonien genutzt. Gerade heute sind zwei Paare für ihre Hochzeit angemeldet. Wir haben Glück und kommen direkt nach der ersten Trauung an.

Im Inneren der Kirche eröffnet sich ein großartiger Raum. Das Licht fällt durch die große Kuppel und der Chor erstrahlt in Gold.

Philipp II. war ein tiefgläubiger Katholik. Er wollte für seinen Vater, für sich selbst und für die kommenden Königsfamilien die bestmögliche Ruhestätte schaffen. Die Basilika war zentral angelegt, ebenso wie das Pantheon, die königlichen Grabkammern darunter. Er wollte, dass die Priester direkt über ihm stünden, wenn er einst im Sarg ruhen würde.

Mit der Gründung des Klosters sollte sichergestellt werden, dass stets Mönche und Priester für die Seelen der Verstorbenen beten würden. Ursprünglich lebten dort 100 Mönche des Hieronymusordens. Heute leben Augustinermönche auf dem Gelände. Sie betreiben außerdem eine Schule und eine nahe gelegene Universität.

Philipp II. war der Sohn von Kaiser Karl V. und Isabella von Portugal. Unter seiner Regentschaft erreichte das spanische Imperium seinen Höhepunkt. Im Unterschied zu seinem Vater war Philipp II. kein Krieger, sondern sehr kunstinteressiert.

Dem Märtyrer San Lorenzo gewidmet

Das Schloss wurde von 1563 bis 1584 gebaut. Es sollte keine Zurschaustellung von Luxus sein, sondern seinen Zweck widerspiegeln und den Märtyrer San Lorenzo (Laurentius von Rom) ehren, der im Jahr 258 n. Chr. auf einem Eisenrost lebendig verbrannt wurde.

Die Heiligen spielten eine wichtige Rolle im Kampf der katholischen Kirche gegen den Protestantismus. Daher wurden die Märtyrer ins Zentrum der Gemälde gerückt. Es wurde als wichtig erachtet, ihre Leiden hervorzuheben.

Während der Rundtour durch die Basilika bekommen wir die großen Kabinettschränke zu sehen, in denen eine umfangreiche Sammlung von Reliquien aufbewahrt wird. Hier gibt es beispielsweise den linken Fuß des heiligen Laurentius. Philipp II. sammelte über 7.000 Reliquien und wünschte sich, mit einigen von ihnen begraben zu werden.

Früher galt es als unwürdig, vor Gott zu sitzen, deshalb fehlten in der Kirche Bänke. Heute aber sitzen wir auf Bänken, um den 30 Meter hohen Altar zu bewundern, der sich über vier Stockwerke erstreckt und aus kostbarem Material gefertigt ist.

Viele Gemälde und eine „Kammer der Geheimnisse“

Ganz oben sehen wir den gekreuzigten Jesus, flankiert von den Aposteln Petrus und Paulus. Der Heilige San Lorenzo hat einen zentralen Platz: In der Mitte ist das Gemälde „El martirio de San Lorenzo“ („Das Martyrium des heiligen Laurentius“) zu sehen, auf dem der Heilige auf einem Rost über dem Feuer liegt.

Ganz unten befindet sich ein Tabernakel aus rotem Jaspis. Von innen strahlt violettes Licht, dessen Farbe sich nach dem Kirchenjahr richtet und aktuell die Farbe von Ostern leuchtet. Direkt darunter liegen die Grabkammern der spanischen Könige und Königinnen.

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Der Fremdenführer erzählt dann von den beeindruckenden Deckengemälden. Der italienische Maler Luca Giordano (1634–1705) fertigte die zwölf Deckengemälde der Kirche in nur 20 Monaten an. Seine Schnelligkeit gab ihm den Spitznamen „Luca fa presto“ – Luca, mach schnell.

Anschließend gehen wir weiter zum Teil des Schlosses, der den Mönchen vorbehalten war. Die Hieronymusmönche legten ein Schweigegelübde ab, durften aber im Vorraum, in dem sie Besucher empfingen, sprechen. Der Raum hat eine besondere Akustik, die wir ausprobieren dürfen, indem wir gegen die Wand flüstern. In der gegenüberliegenden Ecke ist es noch gut zu hören.

„Sie nennen es die ,Kammer der Geheimnisse‘. Ich schätze, die Mönche hatten viele Geheimnisse zu erzählen“, sagt der Fremdenführer mit einem Lächeln.

Schmale und steile Treppen

Die nächste Station ist der Kreuzgang, ein überwölbter Gang entlang des Klosterhofs. Entlang der gesamten Wand gibt es Gemälde mit Szenen aus dem Leben der Jungfrau Maria und Jesu. Sie sollen die Erlösung darstellen. Früher zogen die Mönche hier in Prozessionen vorbei und hielten bei jedem Gemälde inne, um zu beten.

Solche Gemälde spielten im 16. Jahrhundert eine wichtige Rolle, denn damals konnten nur wenige lesen. Die Menschen lernten stattdessen durch die Bilder etwas über das Leben Jesu.

Wir kommen zu einer breiten Treppe. Ihre niedrigen Stufen wurden so gestaltet, dass Könige und Mönche diese leicht hinaufgehen konnten, ohne außer Atem zu geraten. Später dürfen wir die Treppen des Dienstpersonals in den äußeren Bereichen des Schlosses kennenlernen, die deutlich höhere Stufen haben.

Danach erreichen wir die Kapelle, den ersten Kirchenraum des Schlosses, bevor die Basilika fertiggestellt wurde. Dies war auch der erste Wohnsitz Philipps II., inmitten der Mönche, bei denen er sich gern aufhielt.

Die Bretter des Mitgefühls

An zwei Wänden der Kapelle gibt es schweres Chorgestühl aus dunklem Holz. Hier sangen die Mönche Hymnen. Während sie sangen, durften sie jedoch nicht sitzen und die Sitzflächen der Stühle waren hochgeklappt. Allerdings befanden sich an der Unterseite der Sitzflächen kleine, aber stabile hölzerne Stützbretter, an denen man sich beim Stehen anlehnen und das Gewicht verlagern konnte.

Diese Hilfen nennt man „Miserikordien“, abgeleitet vom lateinischen Wort „misericordia“ für Barmherzigkeit. Es war eine Mildtätigkeit gegenüber der „Schwäche des Fleisches“, in diesem Fall der körperlichen Erschöpfung. Damit sollte ihr ausdauernder Einsatz beim Singen gefördert werden.

Auf den Unterseiten der Stühle befinden sich außerdem geschnitzte Gesichter. Sie sind alle verschieden und einige sehen ein wenig merkwürdig aus. Einige haben abstehende Ohren, andere Hörner auf der Stirn und wieder andere sehen aus, als hätten sie Fangzähne. Der Fremdenführer erklärt, dass es sich dabei um Karikaturen der ersten Mönche handelt, die hier lebten – ein Ausdruck des Humors der damaligen Zeit.

Die Kunstsammlung Philipps II.

Das Gebäude beherbergt eine große Kunstsammlung mit Werken niederländischer, spanischer und italienischer Meister. Philipp II. war der größte Sammler von Gemälden von „El Bosco“, auch bekannt als Hieronymus Bosch (1450–1516). Der Fremdenführer zeigt auf ein Gemälde, in dem Boschs spezielle Bildsprache deutlich wird. Jesus ist von Priestern umgeben und richtet den Blick auf den Betrachter, während die Priester als unsympathisch dargestellt werden.

„El Bosco war geschickt darin, den Mangel an Mitgefühl mit leidenden Menschen in der Gesellschaft des 16. Jahrhunderts abzubilden. Er zeigte das Volk so, wie es war: mit Sünden und Egoismus. Die hässlichen Gesichter der Priester repräsentieren den Wahnsinn des Volkes, sagt der Führer.“

In der Gruft der Könige

Es ist Zeit, die Erdgeschossebene zu verlassen und die Treppen hinunter zu den Grabkammern zu nehmen. In einer von ihnen steht ein dreistöckiges, rundes Grabmal aus weißem Marmor. Es ist reich verziert und wird „die Torte“ genannt, wie der Fremdenführer erklärt, auch wenn das makaber klinge.

Hier ruhen die Kinder der königlichen Familien, die nicht älter als sechs Jahre wurden – und die Kindersterblichkeit war hoch. Isabella II. von Spanien (1830–1904) bekam zwölf Kinder, von denen nur vier überlebten.

Ein Engel hält am Grab eines Kindes das Wappen der Familie Bourbon. Foto: Eva Sagerfors

Ein Engel hält am Grab eines Kindes das Wappen der Familie Bourbon.

Über eine lange Treppe erreichen wir die Grabkammer für die Thronerben und ihre Gemahlinnen – das königliche Pantheon. Der Raum erstrahlt in vergoldeten Details. Auf jeder Seite des Grabes von Philipp II. stehen Kerubim mit Leuchtern in den Händen. Hier gibt es auch ein Kreuz mit Jesus.

Wir befinden uns 15 Meter unter dem Altar der Basilika. Das Ruhegemach des jetzigen Königs Felipe VI. wird hier jedoch keinen Platz mehr finden. Auch sind noch keine künftigen Grabplätze bestimmt worden.

Als wir die Grabkammern verlassen und hinauf ins Schloss gehen, geschieht dies mit einem Gefühl der Erleichterung.

Das normale königliche Leben

Licht strömt durch die Fenster und wir erreichen die königlichen Gemächer. Hier wurden Besucher empfangen, Entscheidungen getroffen – und das Leben gelebt.

Wir stehen in dem Raum, in dem Philipp II. seine letzte Zeit verbrachte. Eine kleine Tür, nur wenige Meter vom Bett entfernt, führt direkt in die Basilika seitlich des Altarbildes. Sie ist eine von drei privaten Abkürzungen des Königspaares in die Kirche. So konnte Philipp II. die Messe von seinem Krankenbett aus verfolgen.

Gemälde königlicher Paläste zieren den Speisesaal, im Raum der Botschafter werden Blätter aus dem ersten Atlas der Welt gezeigt. An der Wand hängt eine Karte, die die Ausdehnung des spanischen Imperiums im 16. Jahrhundert zeigt. Die Auswahl der Ausstellungsstücke in den einzelnen Räumen war selbstverständlich sorgfältig durchdacht.

Tanzendes Paar vor einem Teil eines Wandteppichs in einem der königlichen Gemächer. Solche gewebten Wandteppiche sind typisch für den bourbonischen Teil des Schlosses. Foto: Eva Sagerfors

Tanzendes Paar auf einem Teil eines Wandteppichs in einem der königlichen Gemächer. Solche gewebten, die ganze Wand ausfüllenden Teppiche sind typisch für den bourbonischen Teil des Schlosses.

Der Führer erklärt auch, warum die spanischen Adligen schwarze Kleidung trugen. Schwarz war eine Farbe der Elite – ein Zeichen von Wohlstand. Sie war schwer herzustellen, doch in Mexiko hatte man das Geheimnis gelüftet und die Spanier importierten die kostbare Farbe.

Schlachtengetümmel im Kriegssaal

Eine der Hauptattraktionen des Schlosses ist die Sala de Batallas, der Kriegssaal, dessen Wände von großen Fresken bedeckt sind.

„Es ist wie im Kino“, sagt der Guide fröhlich und erklärt, dass die Gemälde zwei Schlachten darstellen, die Philipp II. für besonders wichtig hielt. Eine davon fand im Jahr 1431 statt. Kastilische Truppen besiegten das Königreich Granada und vertrieben die muslimischen Herrscher.

Die Fresken wurden um 1590 angefertigt und spielten wahrscheinlich eine wichtige Rolle für das Image des Königreichs. Sie seien unter anderem Botschaftern gezeigt worden, erzählt der Fremdenführer.

An den Wänden spielt sich nicht nur die Schlacht ab, sondern auch das Leben drumherum. Ein berittener Soldat schaut zu einem Hund, einige von ihnen blasen in Hörner, während Schmiede Hufeisen fertigen. Ein Soldat macht gerade einer schönen Dame den Hof.

In der Bibliothek

Der letzte Raum, den wir besuchen, ist die Bibliothek, die für ihre Sammlung klassischer und arabischer Handschriften bekannt ist. In den dunklen Bücherregalen stehen die Bücher mit den Buchrücken nach innen und den vergoldeten Seiten nach außen gewandt. Auf diese Weise werden die Bücher besser konserviert. Doch diese Anordnung hatte auch ästhetische Gründe: Man wollte den Eindruck einer goldenen Bibliothek erwecken.

Besucher fotografieren den beeindruckenden Saal, machen Selfies und posieren für Bilder. Ein Globus auf einem Steintisch wurde mit Absperrseilen gegen Unbefugte gesichert. „Nicht berühren“, warnt ein Schild. Dennoch muss ein Wärter eine Frau ermahnen, die ihre Hand auf den Tisch legt, während sie fotografiert wird.

Gesättigt von den Eindrücken gehen wir hinaus in den Garten.

Der leitende Architekt des Gebäudes, Juan de Herrera, entwarf auch einige der Möbel, darunter die Bücherregale in der Bibliothek. Fresken an der Decke zeigen beispielsweise griechische Philosophen und den Bau des Turms zu Babel. Foto: Eva Sagerfors

Der leitende Architekt des Gebäudes, Juan de Herrera, entwarf auch einige der Möbel, darunter die Bücherregale in der Bibliothek. An der Decke befinden sich Fresken, die unter anderem griechische Philosophen und den Bau des Turms zu Babel zeigen.

Der Garten, der Wald und der steinerne Stuhl

Einige Kinder spielen Verstecken zwischen den niedrigen Buchsbaumhecken. Vogelgezwitscher und der Duft von blühenden Obstbäumen erfüllen die Luft. Die Spiegelungen des Schlosses in einem nahen Teich locken Fotografen an. Wenn der Himmel sich von seiner besten Seite zeigt, kann es hier schon mal eng werden.

Am nächsten Tag wollen wir eine andere Perspektive auf das Schloss bekommen. Der Wald La Herrería gehört zum Schloss und war über mehrere Jahrhunderte Teil eines größeren Jagdgebiets. Gut zwei Kilometer vom Schloss entfernt liegt der Aussichtspunkt, der Silla de Felipe II. genannt wird, ein steinerner Sitzplatz. Von hier aus soll König Philipp II. die wichtigen Bauarbeiten überwacht haben.

Wir machen uns auf den Weg dorthin. Eine Karte der Touristeninformation zeigt eine Wanderroute mit Informationen über interessante Bäume und historische Stätten entlang des Weges. Wir unternehmen einen schönen Halbtagesausflug über Parkwege und Waldpfade.

Der Aussichtspunkt ist gut besucht und kann auch mit dem Auto erreicht werden. Einige Granitstufen führen hinauf zum „Stuhl“, wo sich tatsächlich aus dem Gestein herausgehauene Sitzplätze befinden. Von dort hat man eine fantastische Aussicht auf das Schloss und die Stadt San Lorenzo de El Escorial. Im Hintergrund sind die Berge zu sehen. Überall ist Natur um uns herum.

Wir fragen uns, was Philipp II. erlebte, als er hier vor über 450 Jahren stand, und wer wohl einst die Sitzplätze aus dem Stein gehauen hat. Neue Erkenntnisse bereichern, wecken aber auch neue Fragen.

Das Klosterschloss El Escorial in Fakten

Der Palast-Kloster-Komplex Real Sitio de San Lorenzo de El Escorial wurde in Form eines 207 Meter mal 161 Meter großen Rechtecks gebaut, was eine beeindruckende Fläche von 33.300 Quadratmetern ergibt.

Er bildet auf einer Höhe von 910 Metern den touristischen Mittelpunkt der sich anschmiegenden Gemeinde San Lorenzo de El Escorial, in der Sierra de Guadarrama. Von hier aus sind es 45 Kilometer in südöstlicher Richtung nach Madrid. An zwei Seiten des Bauwerks befinden sich Gärten, die kostenlos für jedermann zu besuchen sind.

Sehenswert – und von Gärten umgeben – sind auch die historischen Anwesen des Thronfolgers Príncipe Carlos de Borbón (später Karl IV., 1748–1819), die Casita del Príncipe und die Casita del Infante seines jüngeren Bruders Infante Gabriel de Borbón (1752–1788). Beide wurden 1773 erbaut. Von Don Gabriels Haus aus hat man eine schöne Aussicht auf das Klosterschloss.



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