In Kürze:

  • Der Preis an der Strombörse sank am 1. Mai auf –499.99 Euro pro MWh, die Grenze des aktuell möglichen.
  • Das bedeutet Kosten von mehr als 100 Millionen Euro für die Steuerzahler.
  • Solar hat zeitweise den kompletten Strombedarf abgedeckt.
  • Auch die Nachbarländer haben tiefe Minuspreise.

 

Der 1. Mai erfreut die Menschen mit viel Sonne – und viel Strom aus Photovoltaik (PV). Gleichzeitig stehen an diesem bundesweiten Feiertag in Industrie und Gewerbe viele Maschinen still, der Strombedarf ist somit niedrig.

Eine hohe Stromproduktion und vergleichsweise geringer Verbrauch erweisen sich in Zeiten der inzwischen stark vorangeschrittenen deutschen Energiewende jedoch zunehmend als problematisch. Der Börsenstrompreis fällt in den Mittagsstunden auf bis zu Minus 499,99 Euro pro Megawattstunde (€/MWh). Das ist nur 1 Cent über der 500-Euro-Grenze. Tiefer geht es an der Strombörse, der sogenannten Day-Ahead-Auktion, nicht mehr.

Kosten für den Steuerzahler

Zunächst ist anzunehmen, dass Minuspreise den Strompreis nach unten drücken, da Börsenstrompreise die Basis des Endverbraucherstrompreises darstellen. Doch Preise sind nicht gleich Kosten.

Dem finanziellen Aufruf, mehr Strom zum Preis von –49,99 €/kWh zu „kaufen“, kommen besonders Stromgroßkunden nach. So fahren Betreiber von Kühlhäusern mit dem zusätzlichen Strom die Temperaturen weiter herunter oder heizen Metallschmelzen mit höheren Temperaturen.
Diese Gutschriften erhalten die Betriebe vom Staat. Dazu kommen noch die staatlichen Ausgaben für die gesetzlich garantierten Vergütungen für Betreiber der Erneuerbaren-Energien-Anlagen aus dem EEG-Konto (Erneuerbare-Energien-Gesetz).
Wie hoch die Kosten für die Steuerzahler sind, hat der Energieexperte Stefan Spiegelsperger für den vergangenen Sonntag errechnet. Allein an diesem Tag lagen sie bei rund 132,2 Millionen Euro. Darin sind neben den EEG-Konto-Kosten auch Redispatch- und Abregelungskosten. Der Anteil von Photovoltaik machte rund 101,6 Millionen Euro aus.

Demnach ist zu erwarten, dass die Kosten für den 1. Mai erneut einen neunstelligen Eurobetrag erreicht haben, da sich die Preise am 1. Mai noch länger und tiefer im Minusbereich befanden.

Solarstrom wird zum Strommüll

Ein Aufruf an die fünf Millionen Besitzer von Solaranlagen in Deutschland kam von dem Energieökonomen Prof. Lion Hirth von der Hertie School in Berlin und Unternehmern. Auf LinkedIn schrieb er am Donnerstag: „Wenn ihr etwas Gutes für die Versorgungssicherheit und die Energiewende (und dem Bundeshaushalt) tun wollt, dann schaltet morgen eure PV-Anlage ab. Ehrlich gesagt, am besten gleich bis Montag auslassen.“
In den Mittagsstunden haben laut den Prognosedaten von „Energy Charts“ teils gut 50 Gigawatt (GW) Solarleistung in die Netze gedrückt. Der Verbrauch, also die Netzlast, war zur selben Zeit in etwa gleich hoch. Solar hätte somit allein den Bedarf von ganz Deutschland decken können.

Hinzu kommt allerdings der Umstand, dass man im Stromsystem die anderen Kraftwerksarten aus Gründen der Netzstabilität nicht komplett auf null herunterfahren darf. Somit stand hier eine Kraftwerksleistung von rund 64 GW zu Buche, also 14 GW zu viel.

Öffentliche Stromerzeugung und die EntwicklungdesBörsenstrompreises.

Von den über 122 GW installierter Solarleistung hierzulande können die Netzbetreiber auf mindestens 48,9 GW im Bedarfsfall nicht zugreifen und bei Überproduktion drosseln. Diese Anlagen drücken ihren Strom unkontrolliert ins Netz, egal ob er benötigt wird oder nicht. „Viele kleine PV-Anlagen lassen sich nicht vom Netzbetreiber abschalten“, bestätigte Hirth.

Im Stromsystem gilt jedoch die Regel, dass die Stromerzeugung stets gleich dem Stromverbrauch sein muss. Ansonsten gerät die Netzfrequenz zu sehr aus dem Takt und es könnte zu Netzstörungen oder Ausfällen kommen. „Es kann passieren, dass wir in Deutschland morgen mehr Strom ins Netz einspeisen, als wir abnehmen können“, warnte Hirth deswegen am Donnerstag.

Diesen Stromüberschuss oder Strommüll müssen die Netzbetreiber beseitigen. Das äußert sich im jeweils aktuellen Börsenstrompreis. Je niedriger der Preis, desto dringender muss die Ware verschwinden.

Preis an technischer Grenze

Der Preis von –499,99 €/MWh galt für 1,25 Stunden. Auf den gekoppelten europäischen Day-Ahead-Märkten liegt der Mindestpreis bei –500 €/MWh. Das ist die technische und regulatorische Untergrenze für Gebote und den Marktpreis.
Deutschlands Nachbarländer hatten das gleiche Problem: Auch deren Netzbetreiber kämpften mit Überschussstrom. Ihre Börsenstrompreise befanden sich ebenfalls tief im Minus. In den Niederlanden betrug der Preis laut der Plattform „Epexspot“ zwischen 13:45 Uhr und 14:00 Uhr –499,37 €/MWh, in Belgien –498,76 €/MWh. In Frankreich und Österreich lag er jeweils bei –497,58 €/MWh, in Polen bei –407,04 €/MWh.

Bis zum Redaktionsschluss war ungewiss, inwiefern die Länder Deutschland Strom abnehmen konnten. „Energy Charts“ zeigte zum grenzüberschreitenden Außenhandel noch keine Daten an.

Dass die Preisgrenze von 500 €/MWh aber schon jetzt nicht mehr ausreichend ist, zeigt der Intradayhandel. Hier war der Börsenstrompreis am 1. Mai gegen 14 Uhr mit –855,24 €/MWh bewertet.
Daher existieren bereits Überlegungen, die 500-Euro-Grenze der Day-Ahead-Auktion weiter nach unten zu verschieben. Nach den EU-Regeln für die Strombörsen ist das möglich, wenn der Preis innerhalb von 30 Tagen zweimal auf 70 Prozent (350 Euro) an die Grenze heranrückt. Da der Preis schon am vergangenen Sonntag diese Schwelle mit –480,01 €/MWh deutlich geknackt hat, ist die Bedingung somit erfüllt.

Eins steht jedoch fest: Bei noch niedrigeren Minuspreisen erhöhen sich auch die Kosten für den Steuerzahler. Die Energiewende würde sich weiter verteuern.



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