Drei von 30 Minuten im Comeback der umstrittenen ARD-Journalistin Julia Ruhs gefährden jahrelange Arbeit an einer Schule in Neukölln. Eltern und Leitung fühlen sich hintergangen. Nach Beschwerden wird der Beitrag plötzlich geändert
Eltern sagen, dass im KLAR-Beitrag von Julia Ruhs eine „Spaltung zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen inszeniert“ wurde
Foto: Vera Hutchison-Bird/BR
Der Beitrag beginnt mit dem Prozess gegen den 24-jährigen Afghanen, der im Februar 2025 in eine Gewerkschaftsdemo in München raste und zwei Menschen tötete. Ein traumatisierter Überlebender wird interviewt. Dann geht’s bald auch schon nach Berlin.
Eine Expertin erklärt, in der Hauptstadt ende die Demokratie quasi am Hermannplatz, dem Tor zum berühmt-berüchtigten Stadtteil Neukölln: Palästina-Demo, Arafat-Tücher, haarsträubende Statements jüngerer Männer in Provokationslaune. Und schon stand das Publikum auf dem Hof einer Grundschule, wo Kinder in die Kamera sagten, es sei schon doof, dass andere Kinder während des muslimischen Fastenmonats Ramadan manchmal darauf drängten, dass man tagsüber nicht essen solle.
In dem halbstündigen Stück Wo der Islamismus Deutschland unterwandert, mit dem das Format KLAR um Julia Ruhs ins ARD-Programm zurückgekehrt ist, nachdem der NDR vor Monaten ausgestiegen war, nehmen die Szenen aus der Neuköllner Elbe-Schule nur gut drei Minuten ein. Doch die haben ausgereicht, um vor Ort jede Menge Porzellan zu zerschlagen, womöglich den Schulfrieden zu stören und gerade die Eltern von Kindern, die vor der Kamera auftraten, massiv aufzubringen.
Nach deren Beschwerden hat die Redaktion den Beitrag nun über Nacht verändert. Die Aussagen der Kinder wurden herausgeschnitten. Der BR teilt aber mit, man könne weiterhin kein eigenes Fehlverhalten erkennen. Auch deshalb bleibt die Geschichte erzählenswert.
Eltern fühlen sich hintergangen und instrumentalisiert
Mehrere Eltern, deren Kinder in dem KLAR-Beitrag vorkamen, hatten sich an den Freitag gewendet. Sie beschuldigten das Format des Bayerischen Rundfunks (BR), ihre Kinder durch eine manipulative Wiedergabe ihrer Aussagen zur Illustration eines vorgefertigten politischen Narrativs missbraucht zu haben, das zudem die Realität verfehle. Auch die Schulleiterin Deniz Taner fühlt sich benutzt und getäuscht. Die Pressestelle des BR hatte das alles recht schroff zurückgewiesen – bis der Beitrag plötzlich modifiziert wurde. Worum geht es hier im Einzelnen?
Insgesamt waren in dem Beitrag, der in veränderter Fassung in der ARD-Mediathek verfügbar ist, drei Kinder vor der Kamera zu Wort gekommen, zwei weitere sangen ein „Friedenslied“, das Schulkinder für die „Friedenspause“ geschrieben haben, die Toleranz und Zusammenhalt an der Elbe-Schule stärken soll. Die Aussagen der Kinder sind nicht mehr im Beitrag, das Singen des Lieds wurde nachträglich geblurrt.
Niemand an der Schule wusste, um welche Sendung es eigentlich ging
In der Ursprungsfassung hatten sich alle Aussagen der Kinder ausschließlich um das Pausenbrot im Ramadan gedreht. „Dadurch wirkte das so, als wäre das ein Thema, das den Schulalltag prägt“, sagt ein Elternteil eines der gefilmten Kinder, „das ist aber auch während des Ramadan überhaupt nicht der Fall.“ Nach dem Drehtag hatte das Kind von einem Gespräch berichtet, in dem es sehr allgemein um die Schule gegangen sei, um Veränderungen durch einen Schulleitungswechsel, um Angebote, die die Schule macht.
„Es war dem Kind nicht im Entferntesten klar gewesen, dass der angebliche Pausenbrot-Krieg das einzige Thema war, das die am Ende interessiert hat“, sagt dieses Elternteil, das namentlich nicht genannt werden will. Nach den Erzählungen des Kindes sei man auch selbst aus allen Wolken gefallen, als man den Beitrag gesehen habe. Ob das Format KLAR in der unterschriebenen Dreherlaubnis auftauchte, ist dem Elternteil nicht mehr erinnerlich. Der Name Julia Ruhs sei aber ganz sicher nicht erwähnt worden.
„Ich bin bedrückt und wütend, es macht mich betroffen“, sagt eine Mutter
Diese Darstellung deckt sich mit den Berichten anderer Eltern. „Von der Schule wurde uns gesagt, der Beitrag sei über Diversität an Neuköllner Schulen. Ich habe die Unterschrift im Vertrauen gesetzt, weil es ja der BR war“, sagt Tina Stampfl, die Mutter eines anderen gefilmten Kindes, das nun aus dem Beitrag entfernt wurde. Im vergangenen Jahr habe es gewisse Probleme mit dem Fasten unter Kindern gegeben, dieses Jahr aber nicht, nachdem sich die Schule sehr professionell darum gekümmert habe.
„Die journalistische Intention dieses Beitrags ist offensichtlich“, ärgert sich Tina Stampfl noch immer, „die haben einen halben Tag dort gefilmt und nur wenige Ausschnitte gezeigt, die Aussagen der Kinder wurden aus dem Kontext gerissen.“ Sie ist „entsetzt, dass ein öffentlich-rechtlicher Sender Aussagen und Informationen in einen derart reißerischen Kontext stellt. Ich bin bedrückt und wütend, es macht mich betroffen.“
Man traut sich nicht, den Kindern den Beitrag zu zeigen
Auch Nora Brezger hat ein Kind an der Elbe-Schule. Den Beitrag empfindet sie als „hetzerisch und reißerisch“, die Szenen im Stadtteil als reines „Neukölln-Bashing“. Auch ihr war absolut nicht klar, in welchem Zusammenhang die Schule gezeigt werden sollte. „Meine Kinder sind zum Kamerateam gerannt und haben gefragt, wofür die drehen. Gesagt wurde ihnen, es würde ein Beitrag über die Schule gemacht.“ Nora Brezger sagt weiter: „Wir sind alle sehr geschockt, die Gemeinschaft in der Schule ist sehr gut, aber die Kinder wurden für den Beitrag exponiert. Es wird eine gewollte Spaltung zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen inszeniert.“
Aus der Schule hört man nun, dass sich Eltern nicht trauen, ihren Kindern den Beitrag überhaupt zu zeigen. Dabei hätten sich die Kinder darüber gefreut, dass ihre Schule im Fernsehen vorkommt.
Offenbar hatte an der Schule tatsächlich niemand gewusst, in welchem Kontext die Dreharbeiten standen – auch Schulleiterin Deniz Taner nicht. Sie berichtet dem Freitag von einer aus ihrer Sicht völlig unverfänglichen Anfrage per Telefon. Die Einverständniserklärungen, die sie an die Eltern der gefilmten Kinder weitergeleitet habe, seien ihr von der anfragenden Journalistin zugesandt worden.
Dass möglichst allgemein formulierte Einverständniserklärungen durchaus üblich sind, weil sich die Sender Bildrechte für eine möglichst breite Verwendung sichern wollen, macht es für die Betroffenen nicht besser.
Presse-ethisch ist diese verdeckte Ermittlung kein Ruhmesblatt
Schulleiterin Deniz Taner ist noch immer empört darüber, dass für sie nicht ersichtlich war, mit wem sie am Ende „gesprochen haben“ würde. Nach einem freundlich und interessiert wirkenden Vorgespräch habe sie keinerlei Bedenken gehabt. Auch die Dreharbeiten selbst hätten nicht den Eindruck gemacht, dass die Schule und ihre Kinder am Ende in einem so polemischen Kontext auftauchen würden. Sie fühlt sich hintergangen, enttäuscht und „in einem populistischen Kontext instrumentalisiert“.
Ob ein solches Vorgehen, das man umgangssprachlich wohl eher als verdeckte Ermittlung bezeichnen würde denn als journalistische Recherche, presserechtlich beanstandet werden kann, wollten die verärgerten Eltern der ursprünglich gezeigten Kinder anwaltlich prüfen lassen. Der BR ist dem nun zuvorgekommen. Doch presse-ethisch ist das alles auch nach der Korrektur ganz gewiss kein Ruhmesblatt.
Vergegenwärtigt man sich den Aufwand, den eine Redaktion hier getrieben hat, um aus einer Schule genau das zu bekommen, was sie hören wollte und ohnehin zu wissen glaubte, ist man wirklich nicht geneigt, dem langen Rest des Films viel journalistisches Gewicht zuzumessen. Für einen Satz wie „So sollte öffentlich-rechtliche Informationsgebung aussehen“, mit dem etwa das Qualitätsmedium FAZ eine Sendungsrezension anreißt, sieht man aus der Nähe jedenfalls wenig Grund.
Der BR schickt die stille Post auf den Weg
Der BR verteidigt seine Sendung gegenüber dem Freitag mit dem Argument, die Schule sei ja als „Vorzeigeschule“ vorgestellt worden; man habe sich an sie gewandt, nachdem es in der Vergangenheit Ramadan-Probleme mit Brotboxen gegeben habe und die Schule dagegen vorgegangen sei.
Das alles ist zwar richtig, doch der Beitrag macht nicht wirklich deutlich, was hier Thema sein sollte: Dass und wie diese Probleme nämlich überwunden worden sind, nachdem die Schule bestimmt, aber respektvoll und auf Augenhöhe an die Elternschaft herangetreten ist – unter anderem durch einen Elternbrief zum Thema, der im Beitrag szenisch dramatisiert wird, ohne dabei auf seine Wirkung einzugehen. Schulleiterin Deniz Taner sagt, man habe sie vorab in dem irrigen Glauben gelassen, genau diese Wirkung sei Gegenstand des geplanten Beitrags.
Den Rezensenten beim Focus hat diese Botschaft im fraglichen Beitrag jedenfalls nicht erreicht. Sein Take geht wie folgt: „Berlin, Neukölln. Elbe-Schule. Fastenmonat Ramadan. Die einen Schüler nehmen den anderen die Brotzeitboxen weg. Die Schulleiterin spricht von Mobbing …“ Man spürt förmlich, wie die stille Post hier ihre Rösser anspannt. Noch einmal: Vom Wegnehmen ist im Beitrag einmal in der Vergangenheitsform und aus dem Off die Rede. Die vor der Kamera befragten und nun herausgeschnittenen Kinder hatten allenfalls von blöden Kommentaren berichtet.
Auf dem Boulevard erschienen derweil im Nachgang dieser Sendung Spinoff-Texte, gegen die laut Deniz Taner tatsächlich juristisch vorgegangen werden könnte.
Eine Schulversammlung muss jetzt den Schaden regulieren
Die BR-Pressestelle hatte gegenüber dem Freitag zunächst behauptet, die Kinder in dem Beitrag seien „neutral und ergebnisoffen“ befragt worden. Gerade, wenn das stimmte, hatte man der KLAR-Redaktion damit unfreiwillig ein verheerendes Zeugnis ausgestellt. Denn zusammengeschnitten worden waren die Aussagen der Kinder für jedermann sichtbar in einer ganz extrem verengten Weise: ausschließlich mit Blick auf den vermeintlichen Ramadan-Brotboxen-Stellungskrieg.
In der Debatte, die sich im vergangenen Jahr um die Person Julia Ruhs und die öffentlich-rechtlichen Medien entspann, sagten die einen, es gehe um die Qualität von Journalismus, und die anderen, es gehe um die Vielfalt von politischen Perspektiven. Wer irgendwie mit der Elbe-Schule zu tun hat, wird sich spätestens jetzt eine Meinung gebildet haben.
In Berlin-Neukölln ist der Schaden jedenfalls angerichtet, auch nach der Korrektur der Sendung. In wenigen Tagen wird eine eigens einberufene Elternversammlung versuchen, die Scherben aufzukehren. Die Schul-Chats explodieren, muslimische Eltern fühlen sich grundlos an den Pranger gestellt. Schulleiterin Deniz Taner hofft, dass die Affäre am Ende ein Zusammenrücken bewirkt und keine dauerhaften Spaltungen in der Elternschaft und unter den Kindern.
Der öffentlich-rechtliche Rundfunk hat hier jedes Vertrauen verloren
Das Vertrauen in öffentlich-rechtliche Medien aber, ganz zu schweigen vom BR, ist im Umfeld der Schule nachhaltig geschwächt, ob die Familien deutsche Nachnamen tragen oder nicht.
Dabei kann dieses Vertrauen an Schulen so wichtig für die Demokratie-Erziehung sein, wenn es etwa um die Frage geht, ob öffentlich-rechtliche Kinder-Informationsangebote in den Klassen gesehen werden. Aber das ist jenseits der Elbe-Schule das kleinere Problem. Das größere ist das Umsichgreifen eines Journalismus, dem das Narrativ wichtiger ist als die erlebte Welt mit ihren Widersprüchen. Ja doch: Das mag es auch von links geben. Aber hier kommt es von rechts.
amera sagten, es sei schon doof, dass andere Kinder während des muslimischen Fastenmonats Ramadan manchmal darauf drängten, dass man tagsüber nicht essen solle.In dem halbstündigen Stück Wo der Islamismus Deutschland unterwandert, mit dem das Format KLAR um Julia Ruhs ins ARD-Programm zurückgekehrt ist, nachdem der NDR vor Monaten ausgestiegen war, nehmen die Szenen aus der Neuköllner Elbe-Schule nur gut drei Minuten ein. Doch die haben ausgereicht, um vor Ort jede Menge Porzellan zu zerschlagen, womöglich den Schulfrieden zu stören und gerade die Eltern von Kindern, die vor der Kamera auftraten, massiv aufzubringen.Nach deren Beschwerden hat die Redaktion den Beitrag nun über Nacht verändert. Die Aussagen der Kinder wurden herausgeschnitten. Der BR teilt aber mit, man könne weiterhin kein eigenes Fehlverhalten erkennen. Auch deshalb bleibt die Geschichte erzählenswert. Eltern fühlen sich hintergangen und instrumentalisiert Mehrere Eltern, deren Kinder in dem KLAR-Beitrag vorkamen, hatten sich an den Freitag gewendet. Sie beschuldigten das Format des Bayerischen Rundfunks (BR), ihre Kinder durch eine manipulative Wiedergabe ihrer Aussagen zur Illustration eines vorgefertigten politischen Narrativs missbraucht zu haben, das zudem die Realität verfehle. Auch die Schulleiterin Deniz Taner fühlt sich benutzt und getäuscht. Die Pressestelle des BR hatte das alles recht schroff zurückgewiesen – bis der Beitrag plötzlich modifiziert wurde. Worum geht es hier im Einzelnen?Insgesamt waren in dem Beitrag, der in veränderter Fassung in der ARD-Mediathek verfügbar ist, drei Kinder vor der Kamera zu Wort gekommen, zwei weitere sangen ein „Friedenslied“, das Schulkinder für die „Friedenspause“ geschrieben haben, die Toleranz und Zusammenhalt an der Elbe-Schule stärken soll. Die Aussagen der Kinder sind nicht mehr im Beitrag, das Singen des Lieds wurde nachträglich geblurrt.Niemand an der Schule wusste, um welche Sendung es eigentlich ging In der Ursprungsfassung hatten sich alle Aussagen der Kinder ausschließlich um das Pausenbrot im Ramadan gedreht. „Dadurch wirkte das so, als wäre das ein Thema, das den Schulalltag prägt“, sagt ein Elternteil eines der gefilmten Kinder, „das ist aber auch während des Ramadan überhaupt nicht der Fall.“ Nach dem Drehtag hatte das Kind von einem Gespräch berichtet, in dem es sehr allgemein um die Schule gegangen sei, um Veränderungen durch einen Schulleitungswechsel, um Angebote, die die Schule macht.„Es war dem Kind nicht im Entferntesten klar gewesen, dass der angebliche Pausenbrot-Krieg das einzige Thema war, das die am Ende interessiert hat“, sagt dieses Elternteil, das namentlich nicht genannt werden will. Nach den Erzählungen des Kindes sei man auch selbst aus allen Wolken gefallen, als man den Beitrag gesehen habe. Ob das Format KLAR in der unterschriebenen Dreherlaubnis auftauchte, ist dem Elternteil nicht mehr erinnerlich. Der Name Julia Ruhs sei aber ganz sicher nicht erwähnt worden.„Ich bin bedrückt und wütend, es macht mich betroffen“, sagt eine MutterDiese Darstellung deckt sich mit den Berichten anderer Eltern. „Von der Schule wurde uns gesagt, der Beitrag sei über Diversität an Neuköllner Schulen. Ich habe die Unterschrift im Vertrauen gesetzt, weil es ja der BR war“, sagt Tina Stampfl, die Mutter eines anderen gefilmten Kindes, das nun aus dem Beitrag entfernt wurde. Im vergangenen Jahr habe es gewisse Probleme mit dem Fasten unter Kindern gegeben, dieses Jahr aber nicht, nachdem sich die Schule sehr professionell darum gekümmert habe.„Die journalistische Intention dieses Beitrags ist offensichtlich“, ärgert sich Tina Stampfl noch immer, „die haben einen halben Tag dort gefilmt und nur wenige Ausschnitte gezeigt, die Aussagen der Kinder wurden aus dem Kontext gerissen.“ Sie ist „entsetzt, dass ein öffentlich-rechtlicher Sender Aussagen und Informationen in einen derart reißerischen Kontext stellt. Ich bin bedrückt und wütend, es macht mich betroffen.“Man traut sich nicht, den Kindern den Beitrag zu zeigenAuch Nora Brezger hat ein Kind an der Elbe-Schule. Den Beitrag empfindet sie als „hetzerisch und reißerisch“, die Szenen im Stadtteil als reines „Neukölln-Bashing“. Auch ihr war absolut nicht klar, in welchem Zusammenhang die Schule gezeigt werden sollte. „Meine Kinder sind zum Kamerateam gerannt und haben gefragt, wofür die drehen. Gesagt wurde ihnen, es würde ein Beitrag über die Schule gemacht.“ Nora Brezger sagt weiter: „Wir sind alle sehr geschockt, die Gemeinschaft in der Schule ist sehr gut, aber die Kinder wurden für den Beitrag exponiert. Es wird eine gewollte Spaltung zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen inszeniert.“Aus der Schule hört man nun, dass sich Eltern nicht trauen, ihren Kindern den Beitrag überhaupt zu zeigen. Dabei hätten sich die Kinder darüber gefreut, dass ihre Schule im Fernsehen vorkommt.Offenbar hatte an der Schule tatsächlich niemand gewusst, in welchem Kontext die Dreharbeiten standen – auch Schulleiterin Deniz Taner nicht. Sie berichtet dem Freitag von einer aus ihrer Sicht völlig unverfänglichen Anfrage per Telefon. Die Einverständniserklärungen, die sie an die Eltern der gefilmten Kinder weitergeleitet habe, seien ihr von der anfragenden Journalistin zugesandt worden.Dass möglichst allgemein formulierte Einverständniserklärungen durchaus üblich sind, weil sich die Sender Bildrechte für eine möglichst breite Verwendung sichern wollen, macht es für die Betroffenen nicht besser.Presse-ethisch ist diese verdeckte Ermittlung kein RuhmesblattSchulleiterin Deniz Taner ist noch immer empört darüber, dass für sie nicht ersichtlich war, mit wem sie am Ende „gesprochen haben“ würde. Nach einem freundlich und interessiert wirkenden Vorgespräch habe sie keinerlei Bedenken gehabt. Auch die Dreharbeiten selbst hätten nicht den Eindruck gemacht, dass die Schule und ihre Kinder am Ende in einem so polemischen Kontext auftauchen würden. Sie fühlt sich hintergangen, enttäuscht und „in einem populistischen Kontext instrumentalisiert“.Ob ein solches Vorgehen, das man umgangssprachlich wohl eher als verdeckte Ermittlung bezeichnen würde denn als journalistische Recherche, presserechtlich beanstandet werden kann, wollten die verärgerten Eltern der ursprünglich gezeigten Kinder anwaltlich prüfen lassen. Der BR ist dem nun zuvorgekommen. Doch presse-ethisch ist das alles auch nach der Korrektur ganz gewiss kein Ruhmesblatt. Vergegenwärtigt man sich den Aufwand, den eine Redaktion hier getrieben hat, um aus einer Schule genau das zu bekommen, was sie hören wollte und ohnehin zu wissen glaubte, ist man wirklich nicht geneigt, dem langen Rest des Films viel journalistisches Gewicht zuzumessen. Für einen Satz wie „So sollte öffentlich-rechtliche Informationsgebung aussehen“, mit dem etwa das Qualitätsmedium FAZ eine Sendungsrezension anreißt, sieht man aus der Nähe jedenfalls wenig Grund.Der BR schickt die stille Post auf den WegDer BR verteidigt seine Sendung gegenüber dem Freitag mit dem Argument, die Schule sei ja als „Vorzeigeschule“ vorgestellt worden; man habe sich an sie gewandt, nachdem es in der Vergangenheit Ramadan-Probleme mit Brotboxen gegeben habe und die Schule dagegen vorgegangen sei.Das alles ist zwar richtig, doch der Beitrag macht nicht wirklich deutlich, was hier Thema sein sollte: Dass und wie diese Probleme nämlich überwunden worden sind, nachdem die Schule bestimmt, aber respektvoll und auf Augenhöhe an die Elternschaft herangetreten ist – unter anderem durch einen Elternbrief zum Thema, der im Beitrag szenisch dramatisiert wird, ohne dabei auf seine Wirkung einzugehen. Schulleiterin Deniz Taner sagt, man habe sie vorab in dem irrigen Glauben gelassen, genau diese Wirkung sei Gegenstand des geplanten Beitrags. Den Rezensenten beim Focus hat diese Botschaft im fraglichen Beitrag jedenfalls nicht erreicht. Sein Take geht wie folgt: „Berlin, Neukölln. Elbe-Schule. Fastenmonat Ramadan. Die einen Schüler nehmen den anderen die Brotzeitboxen weg. Die Schulleiterin spricht von Mobbing …“ Man spürt förmlich, wie die stille Post hier ihre Rösser anspannt. Noch einmal: Vom Wegnehmen ist im Beitrag einmal in der Vergangenheitsform und aus dem Off die Rede. Die vor der Kamera befragten und nun herausgeschnittenen Kinder hatten allenfalls von blöden Kommentaren berichtet.Auf dem Boulevard erschienen derweil im Nachgang dieser Sendung Spinoff-Texte, gegen die laut Deniz Taner tatsächlich juristisch vorgegangen werden könnte.Eine Schulversammlung muss jetzt den Schaden regulierenDie BR-Pressestelle hatte gegenüber dem Freitag zunächst behauptet, die Kinder in dem Beitrag seien „neutral und ergebnisoffen“ befragt worden. Gerade, wenn das stimmte, hatte man der KLAR-Redaktion damit unfreiwillig ein verheerendes Zeugnis ausgestellt. Denn zusammengeschnitten worden waren die Aussagen der Kinder für jedermann sichtbar in einer ganz extrem verengten Weise: ausschließlich mit Blick auf den vermeintlichen Ramadan-Brotboxen-Stellungskrieg. In der Debatte, die sich im vergangenen Jahr um die Person Julia Ruhs und die öffentlich-rechtlichen Medien entspann, sagten die einen, es gehe um die Qualität von Journalismus, und die anderen, es gehe um die Vielfalt von politischen Perspektiven. Wer irgendwie mit der Elbe-Schule zu tun hat, wird sich spätestens jetzt eine Meinung gebildet haben.In Berlin-Neukölln ist der Schaden jedenfalls angerichtet, auch nach der Korrektur der Sendung. In wenigen Tagen wird eine eigens einberufene Elternversammlung versuchen, die Scherben aufzukehren. Die Schul-Chats explodieren, muslimische Eltern fühlen sich grundlos an den Pranger gestellt. Schulleiterin Deniz Taner hofft, dass die Affäre am Ende ein Zusammenrücken bewirkt und keine dauerhaften Spaltungen in der Elternschaft und unter den Kindern. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk hat hier jedes Vertrauen verlorenDas Vertrauen in öffentlich-rechtliche Medien aber, ganz zu schweigen vom BR, ist im Umfeld der Schule nachhaltig geschwächt, ob die Familien deutsche Nachnamen tragen oder nicht.Dabei kann dieses Vertrauen an Schulen so wichtig für die Demokratie-Erziehung sein, wenn es etwa um die Frage geht, ob öffentlich-rechtliche Kinder-Informationsangebote in den Klassen gesehen werden. Aber das ist jenseits der Elbe-Schule das kleinere Problem. Das größere ist das Umsichgreifen eines Journalismus, dem das Narrativ wichtiger ist als die erlebte Welt mit ihren Widersprüchen. Ja doch: Das mag es auch von links geben. Aber hier kommt es von rechts.