Grünes Wissen to go: Sonnenstrom ist hierzulande so günstig geworden, dass nicht einmal die abgeschriebenen Uralt-Kraftwerke in der Lausitz und im Rheinland mithalten können


Verhalfen der Braunkohle zum Durchbruch: Förderbrücken, mit riesigen Schaufelrädern, die sich in die Landschaft fraßen.

Foto: Sean Gallup/Getty Image


4 Millionen Tonnen Braunkohle wurden im vergangenen Jahr in Deutschland abgebaut, so wenig wie zuletzt im Jahr 1914. Das geht aus den Daten des Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme ISE hervor.

Damals begann man gerade, die erdgeschichtlich jüngste aller Kohlearten per Tagebau abzubauen, es waren Kettenbagger, die das „Deckengebirge“ abtrugen, also jene Erdschichten, die über den Kohleflözen lagen. Obwohl sie einen viel geringeren Heizwert besitzt: Dadurch wurde die Braunkohle gegenüber der Steinkohle konkurrenzfähig, was die Nachfrage binnen der kommenden 15 Jahre verdoppelte.

In der Lausitz kam 1924 zum ersten Mal eine Förderbrücke zum Einsatz – also diese riesigen Kettenbagger, die sich vorne in die Landschaft fressen, den „Abraum“ hinten wieder abwerfen. Im rheinischen Braunkohlerevier begann das Förderbrücken-Zeitalter 1927, was den Abbau noch einmal effizienter, ergo billiger machte.

Auf ihrem Höhepunkt verbrannten die beiden deutschen Staaten 1985 zusammen 433 Millionen Tonnen. Die DDR war der weltweit größte Braunkohleproduzent, 1986 wurden 311 Millionen Tonnen Rohkohle gefördert: 70 Prozent des Primärenergieverbrauchs wurden mit Braunkohle gedeckt, Strom zeitweise zu mehr als 90 Prozent durch Kohleverbrennung erzeugt.

Zwar gab es das „Braunkohlebrikett“ bereits Anfang des 20. Jahrhunderts, die zusammengepresste Braunkohle wurde aber nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges immer mehr zum Standard in der Wohnraumbeheizung. Die Verpressung der Rohbraunkohle unter hohem Druck ohne Bindemittel ermöglichte eine effiziente Lagerung im Keller und eine effektivere Verbrennung im Vergleich zu Holz.

In den 1960er Jahren lag die Spitzenproduktion 1964 bei 77 Millionen Tonnen jährlich, in der DDR galten die Briketts unter dem Markennamen „Rekord“ als die besten. Der Kohlekonzern LEAG produziert sie heute immer noch.

Das erste Waldsterben

In Westdeutschland war das „Union-Brikett“ beliebt: Ende 2022 wurde in der Brikettfabrik Frechen die letzte Kohle aus dem Rheinland verpresst. In seiner Hochphase wurden hier in den 50er Jahren 1,6 Millionen Tonnen Kohle zu Briketts gepresst. Trotz Klimawandel und dem beginnenden Ausbau der Erneuerbaren waren es in den 2000er Jahren immer noch gut 1,2 Millionen Tonnen jährlich.

Mit erheblichen Nebenwirkungen: Nicht nur wurden Landschaften zerstört, Menschen ihrer Heimat beraubt, die unentschwefelten Abgase verursachten auch das erste Waldsterben in Mitteleuropa. Zudem ist Braunkohle der klimaschädlichste Energieträger. Beim Verbrennen einer Tonne entstehen bis zu 1,2 Tonnen Kohlendioxid. Deshalb muss die Bundesrepublik schleunigst raus aus dieser Uralt-Technologie.

Das zweite Waldsterben verursacht der Klimawandel, aktuell ist es schon wieder viel zu trocken in einem Frühjahr, der Dürremonitor des „Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung“ zeigt vielerorts dunkelrote Stellen – außergewöhnliche Dürre im Unterboden.

In Westdeutschland hat sich der Konzern RWE mit der Politik auf ein Ende der Kohleverstromung 2030 geeinigt. Im Osten will der tschechische Milliardär Daniel Křetínský aber die Natur noch bis 2038 ausbeuten: Seine Kraftwerke in Deutschland, Frankreich, Italien oder Tschechien stoßen mehr Treibhausgase aus als ganz Finnland. In der EU ist Křetínskýs Firmengeflecht damit drittgrößter Klimasünder – hinter dem polnischen PGE-Konzern und RWE.

Allerdings wird das zunehmend unwirtschaftlicher, wie Daten des Braunkohle-Lobbyverbandes DEBRIV zeigen: Demnach ging im vergangenen Jahr der Einsatz von Braunkohle besonders drastisch in den Monaten Mai, Juni und August zurück, also in den Monaten, in denen die Photovoltaik besonders viel Strom produzierte.

Aktuell werden in der Bundesrepublik jeden Monat Sonnenkraftwerke mit 1.000 Megawatt Leistung neu ans Netz geschlossen, Anfang Mai deckte die Photovoltaik rund ein Drittel des deutschen Strombedarfs.

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Lausitz kam 1924 zum ersten Mal eine Förderbrücke zum Einsatz – also diese riesigen Kettenbagger, die sich vorne in die Landschaft fressen, den „Abraum“ hinten wieder abwerfen. Im rheinischen Braunkohlerevier begann das Förderbrücken-Zeitalter 1927, was den Abbau noch einmal effizienter, ergo billiger machte.Auf ihrem Höhepunkt verbrannten die beiden deutschen Staaten 1985 zusammen 433 Millionen Tonnen. Die DDR war der weltweit größte Braunkohleproduzent, 1986 wurden 311 Millionen Tonnen Rohkohle gefördert: 70 Prozent des Primärenergieverbrauchs wurden mit Braunkohle gedeckt, Strom zeitweise zu mehr als 90 Prozent durch Kohleverbrennung erzeugt.Zwar gab es das „Braunkohlebrikett“ bereits Anfang des 20. Jahrhunderts, die zusammengepresste Braunkohle wurde aber nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges immer mehr zum Standard in der Wohnraumbeheizung. Die Verpressung der Rohbraunkohle unter hohem Druck ohne Bindemittel ermöglichte eine effiziente Lagerung im Keller und eine effektivere Verbrennung im Vergleich zu Holz.In den 1960er Jahren lag die Spitzenproduktion 1964 bei 77 Millionen Tonnen jährlich, in der DDR galten die Briketts unter dem Markennamen „Rekord“ als die besten. Der Kohlekonzern LEAG produziert sie heute immer noch.Das erste WaldsterbenIn Westdeutschland war das „Union-Brikett“ beliebt: Ende 2022 wurde in der Brikettfabrik Frechen die letzte Kohle aus dem Rheinland verpresst. In seiner Hochphase wurden hier in den 50er Jahren 1,6 Millionen Tonnen Kohle zu Briketts gepresst. Trotz Klimawandel und dem beginnenden Ausbau der Erneuerbaren waren es in den 2000er Jahren immer noch gut 1,2 Millionen Tonnen jährlich.Mit erheblichen Nebenwirkungen: Nicht nur wurden Landschaften zerstört, Menschen ihrer Heimat beraubt, die unentschwefelten Abgase verursachten auch das erste Waldsterben in Mitteleuropa. Zudem ist Braunkohle der klimaschädlichste Energieträger. Beim Verbrennen einer Tonne entstehen bis zu 1,2 Tonnen Kohlendioxid. Deshalb muss die Bundesrepublik schleunigst raus aus dieser Uralt-Technologie.Das zweite Waldsterben verursacht der Klimawandel, aktuell ist es schon wieder viel zu trocken in einem Frühjahr, der Dürremonitor des „Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung“ zeigt vielerorts dunkelrote Stellen – außergewöhnliche Dürre im Unterboden.In Westdeutschland hat sich der Konzern RWE mit der Politik auf ein Ende der Kohleverstromung 2030 geeinigt. Im Osten will der tschechische Milliardär Daniel Křetínský aber die Natur noch bis 2038 ausbeuten: Seine Kraftwerke in Deutschland, Frankreich, Italien oder Tschechien stoßen mehr Treibhausgase aus als ganz Finnland. In der EU ist Křetínskýs Firmengeflecht damit drittgrößter Klimasünder – hinter dem polnischen PGE-Konzern und RWE. Allerdings wird das zunehmend unwirtschaftlicher, wie Daten des Braunkohle-Lobbyverbandes DEBRIV zeigen: Demnach ging im vergangenen Jahr der Einsatz von Braunkohle besonders drastisch in den Monaten Mai, Juni und August zurück, also in den Monaten, in denen die Photovoltaik besonders viel Strom produzierte.Aktuell werden in der Bundesrepublik jeden Monat Sonnenkraftwerke mit 1.000 Megawatt Leistung neu ans Netz geschlossen, Anfang Mai deckte die Photovoltaik rund ein Drittel des deutschen Strombedarfs.



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