Wenn Ayten Fırat an den Februar 1974 denkt, sieht sie die Straße des 17. Juni voller Menschen. Busse und Bahnen standen damals still, die Müllabfuhr kam nicht, die Post blieb liegen: Drei Tage lang legten die, die das System unsichtbar am Laufen hielten, das Land lahm. Auch die damals 28-jährige Ayten Fırat, die als Reinigungskraft an Westberliner Schulen arbeitete, legte den Putzlappen weg. Normalerweise putzte sie 42 Stunden die Woche Klassenzimmer und Flure.
Jetzt zog sie mit einer Kollegin von Schule zu Schule, um die anderen Putzfrauen zu mobilisieren. „Wir haben die Straße des 17. Juni dichtgemacht“, sagt die heute 80-Jährige. „Wir haben gestreikt, dann haben wir unsere Rechte bekommen.“ Und zwar: „Unsere Löhne wurden erhöht, die Stunden reduziert, und wir setzten das 13. Monatsgehalt durch.“
Placeholder image-1
Der Streik im öffentlichen Dienst vor über 50 Jahren gilt heute als so kurzer wie wirkungsvoller Arbeitskampf. 15 Prozent mehr Lohn forderte die Gewerkschaft Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr (ÖTV), elf Prozent erstritt sie nach nur drei Streiktagen. Im Vorfeld hatte die ÖTV Flugblätter in fünf Sprachen übersetzt. Denn die unsichtbare Arbeit in den Kommunen leisteten insbesondere Migrant:innen.
Dass Ayten Fırat an jenen Tagen von morgens bis abends auf der Straße des 17. Juni stand, war alles andere als vorgezeichnet. Mit einem Arbeitsvertrag bei AEG-Telefunken in Westberlin kam sie 1969 als eine von knapp 140.000 Arbeiterinnen aus der Türkei im Rahmen des Anwerbeabkommens nach Westdeutschland. Ihren Mann und ihre Tochter holte sie später nach. Das Anwerbeabkommen sah Arbeitskräfte auf Zeit vor. Nicht Menschen mit Familien, die für ihre Rechte kämpften.
Westdeutsche Firmen warben bevorzugt Frauen aus dem Mittelmeerraum an
1970 waren in Westberlin rund 40 Prozent der Arbeitsmigrant:innen Frauen. Westdeutsche Unternehmen warben in den 1960er Jahren bevorzugt Frauen aus dem Mittelmeerraum an. Die Arbeit in den Fabriken übernahmen Migrantinnen – im Akkord, im Schichtbetrieb, eingestuft in niedriger entlohnte sogenannte Leichtlohngruppen. Viele wurden zu Alleinernährerinnen ihrer Familie. Die Hausfrauenehe, in Westdeutschland noch bis in die 1970er Jahre hinein das dominante Familienmodell, blieb so unangetastet.
Kinder waren in diesem System nicht vorgesehen, Kindergartenplätze fehlten. Immer wieder forderten Arbeiterinnen Behörden und Betriebe heraus, wenn sie versuchten, Erwerbsarbeit und Familie zu vereinbaren. In der bayerischen Textil- und Porzellanindustrie wurden 1969 Fälle aktenkundig, bei denen sich Arbeiterinnen selbst halfen: Sie meldeten sich abwechselnd krank, um die Kinder der anderen zu betreuen. Damit schufen sie eigene Strukturen, weil es keine gab.
Placeholder image-2
Was das im Alltag bedeutete, erlebte Ayten Fırat unmittelbar. Als sie ihren Mann nach Westberlin holte und wenig später schwanger wurde, entließ ihre Firma AEG sie von heute auf morgen. Schwangeren Arbeitsmigrantinnen drohte trotz Mutterschutzgesetz nicht selten die Kündigung – und die Ausweisung, denn die Aufenthaltserlaubnis war an die Arbeitserlaubnis gebunden.
Auch Fırat konnte nur mit der Intervention eines Sozialberaters verhindern, dass ihre Aufenthaltserlaubnis annulliert wurde. Nach der Geburt ihrer Tochter fing sie als Reinigungskraft im öffentlichen Dienst an und trat der Gewerkschaft bei. Bereits in der Türkei war sie als Alevitin durch die erlebte Diskriminierung politisiert worden und hatte von ihrem Vater früh gelernt, für ihre Rechte einzustehen.
„Die Gewerkschaft war für mich eine Schule des linken Denkens“, sagt auch Remziye Ünal. Geboren 1950 in Istanbul, kam sie 1968 zunächst zum Studieren nach München. Als sie das Studium nach einem Jahr finanziell bedingt nicht mehr fortsetzen konnte, registrierte sich Ünal als Arbeiterin. In der Textilfabrik, in der sie arbeitete, war gewerkschaftliche Organisation nicht möglich.
Placeholder image-3
„Wir haben in den Textilfirmen versucht, uns zu organisieren, aber das war schwierig. Die Leute, die sich dazu bereit erklärten, wurden entlassen“, sagt die heute 75-Jährige. Als sie in einer Westberliner Metallfabrik Arbeit fand, trat sie der IG Metall bei. Die Arbeitsbedingungen waren hart: Ünal lötete im Akkord Tonbandköpfe. „Die Zeit wurde immer weiter heruntergeschraubt“, erinnert sie sich. Das führte zu Spannungen zwischen migrantischen und deutschen Arbeiterinnen.
Wer schneller arbeitete, trieb den Akkordsatz nach oben, und damit die Norm für alle. „Nur, die nichtdeutschen Arbeitskräfte hatten ja eine befristete Arbeits- und Aufenthaltserlaubnis“, sagt Ünal. „Sie hatten immer Angst, dass sie nicht verlängert wird, es gab ja das Ausländergesetz.“ Weil der Betriebsrat in ihren Augen nicht ihre Rechte vertrat, wurde Remziye Ünal selbst aktiv.
Mehr als 300 Arbeitsniederlegungen im „Streiksommer“ 1973
Ayten Fırat und Remziye Ünal waren nicht allein; überall im Land wehrten sich migrantische Arbeiter:innen seit den 1960er Jahren kollektiv gegen Diskriminierung und kämpften für Gleichberechtigung. In der Keksfabrik Bahlsen traten 1967 spanische Arbeiterinnen wegen des erhöhten Arbeitspensums in den Streik.
Bei Hella in Lippstadt streikten 1969 Arbeitsmigrantinnen gegen ungleiche Bezahlung. Bei Siemens in Westberlin legten Arbeiterinnen aus der Türkei 1969 die Arbeit nieder, um gegen Akkordbeschleunigung zu protestieren, 1970 folgte ein mehrtägiger Sitzstreik gegen Versetzungen. Diese kleineren Streiks kulminierten 1973 in der als „Streiksommer“ bekannten Streikwelle mit mehr als 300 Arbeitsniederlegungen.
Dass er ohne gewerkschaftlichen Aufruf stattfand, spiegelt zugleich das ambivalente Verhältnis zwischen Gewerkschaften und migrantischen Arbeiter:innen wider. Zwar waren Gewerkschaften eines der wenigen Foren, an denen Arbeitsmigrant:innen in den 1960ern und 1970ern politisch partizipieren konnten; Anfang der 1970er Jahre war ein Viertel der rund zwei Millionen migrantischer Beschäftigter gewerkschaftlich organisiert.
Bei Frauen aus der Türkei stieg der Organisationsgrad in der IG Metall zwischen 1975 und 1987 stark: Mitte der 1970er Jahre war noch jede dritte gewerkschaftlich organisiert, Mitte der 1980er Jahre dann schon jede zweite, wie die Politikwissenschaftlerin Gülay Toksöz herausgearbeitet hat.
Migrantische Arbeiter:innen mussten ihren Platz in den Gewerkschaften mühsam erkämpfen
Gerade in den Anfangsjahren begegneten die Gewerkschaften politisch aktiven Arbeitsmigrant:innen jedoch misstrauisch und fürchteten kommunistische Einflüsse. Migrantische Arbeiter:innen hatten aufgrund von gewerkschaftsinternen Hierarchien nur wenig Gestaltungsräume. Das Betriebsverfassungsgesetz von 1972 änderte das: Nun konnten sich Arbeiter:innen erstmals unabhängig von ihrer Herkunft als Betriebsräte aufstellen lassen. Daraufhin nahm der Anteil migrantischer Betriebsräte und Vertrauensleute zu.
Eine der Vertrauensfrauen war Remziye Ünal. Bei der IG Metall lernte sie den – bei Arbeitsmigrant:innen weit über Berlin hinaus – bekannten Gewerkschaftssekretär Necati Gürbaca kennen und war begeistert. „Von ihm habe ich viel gelernt“, sagt sie. „Etwa, dass es eine Arbeiterklasse gibt und dass es Kapitalismus gibt.“
Placeholder image-9
Remziye Ünal nahm an Wochenendseminaren der IG Metall teil, fuhr nach Bremen und in andere Städte. Fotos von damals zeigen sie als einzige Frau zwischen rauchenden Männern an einem Tisch sitzend. Hinter ihnen an der Tafel steht der dozierende Necati Gürbaca und gestikuliert mit beiden Händen. Von ihm lernte Ünal, wie man für seine Rechte eintritt und sie durchsetzt. „Er hat gesagt, wir sind die Mehrheit, wir werden uns weiterbilden und uns für unsere Rechte einsetzen. So können wir weiterkommen.“
!—- Parallax text ends here —-!
In der Praxis stellte Ünal jedoch fest, dass ihre Handlungsspielräume als Vertrauensfrau begrenzt waren. Heute bezeichnet sie die Gewerkschaft als eine wichtige Lernphase. 1975 begann sie als Integrationskraft an einer Westberliner Schule und setzte sich fortan für Frauenrechte ein.
Andere Erfahrungen machte Ayten Fırat in der ÖTV. 1976 wurde sie zur Vertrauensfrau gewählt. Sie klärte die Arbeiterinnen über ihre Rechte auf und half ihnen, ein eigenes Konto zu eröffnen, für viele Frauen der erste Schritt in die finanzielle Unabhängigkeit. Als türkeistämmige Vertrauensfrau wurde sie von Gewerkschaftern „als Projekt entdeckt“, wie sie es bezeichnet, und reiste zu Konferenzen und Seminaren. Dies war in Fırats Augen auch deshalb möglich, weil ihr Mann den Haushalt und die Kinderbetreuung übernahm.
Remziye Ünal ist überzeugt, dass Allianzen unverzichtbar waren und sind. Migrantische Arbeiter:innen riskierten durch ihren befristeten Aufenthaltsstatus mehr als Menschen mit deutscher Staatsbürgerschaft. Das Ausländergesetz von 1965 schränkte politische Aktivitäten ein. Wer politisch aktiv war, riskierte eine Ausweisung, wenn „erhebliche Belange der Bundesrepublik“ es erforderten.
Am 1. Mai liefen sie hinter den deutschen Kolleg:innen
Am 1. Mai und bei Demonstrationen liefen Ünal und ihre Gruppe in den 1970er Jahren in der zweiten Reihe hinter deutschen Kolleg:innen, die wie ein Schutzschild vorangingen. „Trotz aller politischen Unterschiede“, sagt sie heute, „ein gemeinsames Ziel zu haben, ist am wichtigsten.“
Placeholder image-4
Heute nimmt sie wahr, dass die Menschen weniger auf die Straße gehen. „Die Zeiten haben sich geändert, und wir müssen für die heutige Zeit neue Widerstandsformen entwickeln.“ Alles sei heute politisch, doch nichts bewege sich. Ünal beobachtet das mit Sorge. „Rechte wie der Acht-Stunden-Tag, für die wir gekämpft haben, werden als selbstverständlich gesehen.“
Dabei könnten sie wieder entzogen werden. Arbeitskämpfe entstehen heute unter anderen Bedingungen, doch die Konflikte sind geblieben: Heute streiken Beschäftigte in der Pflege und im öffentlichen Nahverkehr gegen niedrige Löhne, belastende Arbeit und Kürzungen. In den vergangenen Jahren wurde der bekannte Pierburg-Streik wiederentdeckt: auf Podien, in Ausstellungen und von einer neuen Generation von Aktivist:innen, die in ihm ein Vorbild für heutige Kämpfe sehen.
Das Prinzip, glaubt Remziye Ünal, bleibt gleich: „Sich organisieren, zusammenhalten, sich nicht vereinzeln lassen.“ Und Ayten Fırat fügt kämpferisch hinzu: „Wir haben uns gewehrt. Nur so haben wir unsere Rechte bekommen.“
Elisabeth Kimmerle ist Journalistin und Historikerin am Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam (ZZF). Ihre Dissertation Frauen in Bewegung. Politische Räume von Migrantinnen aus der Türkei in West-Berlin, 1961–1989 ist im September 2025 im Wallstein Verlag erschienen
6;hne wurden erhöht, die Stunden reduziert, und wir setzten das 13. Monatsgehalt durch.“Placeholder image-1Der Streik im öffentlichen Dienst vor über 50 Jahren gilt heute als so kurzer wie wirkungsvoller Arbeitskampf. 15 Prozent mehr Lohn forderte die Gewerkschaft Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr (ÖTV), elf Prozent erstritt sie nach nur drei Streiktagen. Im Vorfeld hatte die ÖTV Flugblätter in fünf Sprachen übersetzt. Denn die unsichtbare Arbeit in den Kommunen leisteten insbesondere Migrant:innen.Dass Ayten Fırat an jenen Tagen von morgens bis abends auf der Straße des 17. Juni stand, war alles andere als vorgezeichnet. Mit einem Arbeitsvertrag bei AEG-Telefunken in Westberlin kam sie 1969 als eine von knapp 140.000 Arbeiterinnen aus der Türkei im Rahmen des Anwerbeabkommens nach Westdeutschland. Ihren Mann und ihre Tochter holte sie später nach. Das Anwerbeabkommen sah Arbeitskräfte auf Zeit vor. Nicht Menschen mit Familien, die für ihre Rechte kämpften.Westdeutsche Firmen warben bevorzugt Frauen aus dem Mittelmeerraum an1970 waren in Westberlin rund 40 Prozent der Arbeitsmigrant:innen Frauen. Westdeutsche Unternehmen warben in den 1960er Jahren bevorzugt Frauen aus dem Mittelmeerraum an. Die Arbeit in den Fabriken übernahmen Migrantinnen – im Akkord, im Schichtbetrieb, eingestuft in niedriger entlohnte sogenannte Leichtlohngruppen. Viele wurden zu Alleinernährerinnen ihrer Familie. Die Hausfrauenehe, in Westdeutschland noch bis in die 1970er Jahre hinein das dominante Familienmodell, blieb so unangetastet.Kinder waren in diesem System nicht vorgesehen, Kindergartenplätze fehlten. Immer wieder forderten Arbeiterinnen Behörden und Betriebe heraus, wenn sie versuchten, Erwerbsarbeit und Familie zu vereinbaren. In der bayerischen Textil- und Porzellanindustrie wurden 1969 Fälle aktenkundig, bei denen sich Arbeiterinnen selbst halfen: Sie meldeten sich abwechselnd krank, um die Kinder der anderen zu betreuen. Damit schufen sie eigene Strukturen, weil es keine gab.Placeholder image-2Was das im Alltag bedeutete, erlebte Ayten Fırat unmittelbar. Als sie ihren Mann nach Westberlin holte und wenig später schwanger wurde, entließ ihre Firma AEG sie von heute auf morgen. Schwangeren Arbeitsmigrantinnen drohte trotz Mutterschutzgesetz nicht selten die Kündigung – und die Ausweisung, denn die Aufenthaltserlaubnis war an die Arbeitserlaubnis gebunden.Auch Fırat konnte nur mit der Intervention eines Sozialberaters verhindern, dass ihre Aufenthaltserlaubnis annulliert wurde. Nach der Geburt ihrer Tochter fing sie als Reinigungskraft im öffentlichen Dienst an und trat der Gewerkschaft bei. Bereits in der Türkei war sie als Alevitin durch die erlebte Diskriminierung politisiert worden und hatte von ihrem Vater früh gelernt, für ihre Rechte einzustehen.„Die Gewerkschaft war für mich eine Schule des linken Denkens“, sagt auch Remziye Ünal. Geboren 1950 in Istanbul, kam sie 1968 zunächst zum Studieren nach München. Als sie das Studium nach einem Jahr finanziell bedingt nicht mehr fortsetzen konnte, registrierte sich Ünal als Arbeiterin. In der Textilfabrik, in der sie arbeitete, war gewerkschaftliche Organisation nicht möglich.Placeholder image-3„Wir haben in den Textilfirmen versucht, uns zu organisieren, aber das war schwierig. Die Leute, die sich dazu bereit erklärten, wurden entlassen“, sagt die heute 75-Jährige. Als sie in einer Westberliner Metallfabrik Arbeit fand, trat sie der IG Metall bei. Die Arbeitsbedingungen waren hart: Ünal lötete im Akkord Tonbandköpfe. „Die Zeit wurde immer weiter heruntergeschraubt“, erinnert sie sich. Das führte zu Spannungen zwischen migrantischen und deutschen Arbeiterinnen.Wer schneller arbeitete, trieb den Akkordsatz nach oben, und damit die Norm für alle. „Nur, die nichtdeutschen Arbeitskräfte hatten ja eine befristete Arbeits- und Aufenthaltserlaubnis“, sagt Ünal. „Sie hatten immer Angst, dass sie nicht verlängert wird, es gab ja das Ausländergesetz.“ Weil der Betriebsrat in ihren Augen nicht ihre Rechte vertrat, wurde Remziye Ünal selbst aktiv.Mehr als 300 Arbeitsniederlegungen im „Streiksommer“ 1973Ayten Fırat und Remziye Ünal waren nicht allein; überall im Land wehrten sich migrantische Arbeiter:innen seit den 1960er Jahren kollektiv gegen Diskriminierung und kämpften für Gleichberechtigung. In der Keksfabrik Bahlsen traten 1967 spanische Arbeiterinnen wegen des erhöhten Arbeitspensums in den Streik.Bei Hella in Lippstadt streikten 1969 Arbeitsmigrantinnen gegen ungleiche Bezahlung. Bei Siemens in Westberlin legten Arbeiterinnen aus der Türkei 1969 die Arbeit nieder, um gegen Akkordbeschleunigung zu protestieren, 1970 folgte ein mehrtägiger Sitzstreik gegen Versetzungen. Diese kleineren Streiks kulminierten 1973 in der als „Streiksommer“ bekannten Streikwelle mit mehr als 300 Arbeitsniederlegungen.Dass er ohne gewerkschaftlichen Aufruf stattfand, spiegelt zugleich das ambivalente Verhältnis zwischen Gewerkschaften und migrantischen Arbeiter:innen wider. Zwar waren Gewerkschaften eines der wenigen Foren, an denen Arbeitsmigrant:innen in den 1960ern und 1970ern politisch partizipieren konnten; Anfang der 1970er Jahre war ein Viertel der rund zwei Millionen migrantischer Beschäftigter gewerkschaftlich organisiert.Bei Frauen aus der Türkei stieg der Organisationsgrad in der IG Metall zwischen 1975 und 1987 stark: Mitte der 1970er Jahre war noch jede dritte gewerkschaftlich organisiert, Mitte der 1980er Jahre dann schon jede zweite, wie die Politikwissenschaftlerin Gülay Toksöz herausgearbeitet hat.Migrantische Arbeiter:innen mussten ihren Platz in den Gewerkschaften mühsam erkämpfenGerade in den Anfangsjahren begegneten die Gewerkschaften politisch aktiven Arbeitsmigrant:innen jedoch misstrauisch und fürchteten kommunistische Einflüsse. Migrantische Arbeiter:innen hatten aufgrund von gewerkschaftsinternen Hierarchien nur wenig Gestaltungsräume. Das Betriebsverfassungsgesetz von 1972 änderte das: Nun konnten sich Arbeiter:innen erstmals unabhängig von ihrer Herkunft als Betriebsräte aufstellen lassen. Daraufhin nahm der Anteil migrantischer Betriebsräte und Vertrauensleute zu.Eine der Vertrauensfrauen war Remziye Ünal. Bei der IG Metall lernte sie den – bei Arbeitsmigrant:innen weit über Berlin hinaus – bekannten Gewerkschaftssekretär Necati Gürbaca kennen und war begeistert. „Von ihm habe ich viel gelernt“, sagt sie. „Etwa, dass es eine Arbeiterklasse gibt und dass es Kapitalismus gibt.“Placeholder image-9Remziye Ünal nahm an Wochenendseminaren der IG Metall teil, fuhr nach Bremen und in andere Städte. Fotos von damals zeigen sie als einzige Frau zwischen rauchenden Männern an einem Tisch sitzend. Hinter ihnen an der Tafel steht der dozierende Necati Gürbaca und gestikuliert mit beiden Händen. Von ihm lernte Ünal, wie man für seine Rechte eintritt und sie durchsetzt. „Er hat gesagt, wir sind die Mehrheit, wir werden uns weiterbilden und uns für unsere Rechte einsetzen. So können wir weiterkommen.“ !—- Parallax text ends here —-!In der Praxis stellte Ünal jedoch fest, dass ihre Handlungsspielräume als Vertrauensfrau begrenzt waren. Heute bezeichnet sie die Gewerkschaft als eine wichtige Lernphase. 1975 begann sie als Integrationskraft an einer Westberliner Schule und setzte sich fortan für Frauenrechte ein.Andere Erfahrungen machte Ayten Fırat in der ÖTV. 1976 wurde sie zur Vertrauensfrau gewählt. Sie klärte die Arbeiterinnen über ihre Rechte auf und half ihnen, ein eigenes Konto zu eröffnen, für viele Frauen der erste Schritt in die finanzielle Unabhängigkeit. Als türkeistämmige Vertrauensfrau wurde sie von Gewerkschaftern „als Projekt entdeckt“, wie sie es bezeichnet, und reiste zu Konferenzen und Seminaren. Dies war in Fırats Augen auch deshalb möglich, weil ihr Mann den Haushalt und die Kinderbetreuung übernahm.Remziye Ünal ist überzeugt, dass Allianzen unverzichtbar waren und sind. Migrantische Arbeiter:innen riskierten durch ihren befristeten Aufenthaltsstatus mehr als Menschen mit deutscher Staatsbürgerschaft. Das Ausländergesetz von 1965 schränkte politische Aktivitäten ein. Wer politisch aktiv war, riskierte eine Ausweisung, wenn „erhebliche Belange der Bundesrepublik“ es erforderten.Am 1. Mai liefen sie hinter den deutschen Kolleg:innenAm 1. Mai und bei Demonstrationen liefen Ünal und ihre Gruppe in den 1970er Jahren in der zweiten Reihe hinter deutschen Kolleg:innen, die wie ein Schutzschild vorangingen. „Trotz aller politischen Unterschiede“, sagt sie heute, „ein gemeinsames Ziel zu haben, ist am wichtigsten.“Placeholder image-4Heute nimmt sie wahr, dass die Menschen weniger auf die Straße gehen. „Die Zeiten haben sich geändert, und wir müssen für die heutige Zeit neue Widerstandsformen entwickeln.“ Alles sei heute politisch, doch nichts bewege sich. Ünal beobachtet das mit Sorge. „Rechte wie der Acht-Stunden-Tag, für die wir gekämpft haben, werden als selbstverständlich gesehen.“Dabei könnten sie wieder entzogen werden. Arbeitskämpfe entstehen heute unter anderen Bedingungen, doch die Konflikte sind geblieben: Heute streiken Beschäftigte in der Pflege und im öffentlichen Nahverkehr gegen niedrige Löhne, belastende Arbeit und Kürzungen. In den vergangenen Jahren wurde der bekannte Pierburg-Streik wiederentdeckt: auf Podien, in Ausstellungen und von einer neuen Generation von Aktivist:innen, die in ihm ein Vorbild für heutige Kämpfe sehen.Das Prinzip, glaubt Remziye Ünal, bleibt gleich: „Sich organisieren, zusammenhalten, sich nicht vereinzeln lassen.“ Und Ayten Fırat fügt kämpferisch hinzu: „Wir haben uns gewehrt. Nur so haben wir unsere Rechte bekommen.“