Während Deutschland seine Rüstungsausgaben erhöht, bleibt bei vielen jungen Menschen die Skepsis gegenüber der Bundeswehr groß. Statt sich für militärische Karrieren zu begeistern, ziehen viele die Kriegsdienstverweigerung vor
Nicht alle wollen zur Waffe greifen. In den ersten drei Monaten dieses Jahres haben 2.656 Menschen einen Antrag auf Kriegsdienstverweigerung gestellt
Foto: IMAGO/imagebroker
Am Montagmorgen wurde ich verstört: Ein Jahrzehnt lang steigende Rüstungsausgaben weltweit. Auf 2,9 Billionen Dollar, 2,9 Prozent mehr, rechnet das Stockholmer Institut für Internationale Friedensforschung aus. Deutschland überholt nun Großbritannien bei den Rüstungsausgaben, dank Sondervermögen. Lange Nase, wir sind auf Platz vier. Noch nie so viel investiert in militärische Sicherheit. Nicht bei uns. Was heißt: Werte vernichten. Kapital. Und am Ende auch Menschen.
Rekruten sollten miteinander reden
Die Zahlen wären eine Vorgabe für mathematische Textaufgaben in der Schule. Wäre ich Mathelehrerin, würde ich meine Schüler:innen ausrechnen lassen, wie viel Euro das sind und wie viel pro Kopf weltweit ins Militär fließt. Wie viel von unserem Inlandsprodukt weltweit?
Und was wir uns dafür hierzulande leisten könnten: in der Schule, den Kitas, also für Kinder, und für die Älteren, die versorgt werden müssen. Aber dann müssten meine Schüler:innen überhaupt eine Vorstellung davon haben, was Billionen von Dollar oder Euro sind. Ehrlich, ich kann mir auch nicht richtig vorstellen, wie viel das ist, wie man das in Lebensqualität quantifiziert. Obwohl ich im Gesundheitsbereich viel damit befasst bin.
Also, da sind erst mal die Zahlen und die große Masse. Und da ist der Einzelne: der junge Mann, der gerade mal seine Ausbildung abschließt oder demnächst die Reife bescheinigt bekommt. Der hätte sich vor ein paar Jahren noch nicht vorstellen können, dass er wieder eingezogen wird. Er, da allein, gegen den Rest der Welt? Nur weil er vom sozialdemokratischen Verteidigungsminister Boris Pistorius darin bestärkt wird, in der Bundeswehr Karriere zu machen und gleichzeitig sein Land zu verteidigen? Ich wünschte mir, Rekruten hierzulande und in Russland oder wer weiß wo hätten noch Gelegenheit, miteinander zu reden.
Aber die Jungen sind ja auch nicht blöd, da ist auch Skepsis. Und ich lese: In den ersten drei Monaten dieses Jahres haben 2.656 Menschen einen Antrag auf Kriegsdienstverweigerung gestellt.
Verweigerer geben ihren sozialen Humus bis heute weiter
Eine lächerliche Zahl, wenn ich an meine westdeutschen Generationsgenossen denke, die einst massenhaft geflüchtet sind. Entweder nach Berlin, wo es keine Wehrpflicht gab, oder indem sie den Wehrdienst verweigerten. Oder in die Kaserne. Manche landeten in Stetten am kalten Markt, „am kalten Arsch“, in einer berüchtigten Bundeswehr-Einrichtung auf der Alb. Die wenigsten nutzten den Dienst an der Waffe für die Revolution und landeten im Bunker, wo sie Marx studieren konnten. War damals auch keine schlechte Alternative.
Die Verweigerer dagegen haben damals eine Realität erfahren, von der sie null wussten. In Notfalldiensten, in Behinderteneinrichtungen oder im Pflegeheim. Das geben sie als wertvollen sozialen Humus bis heute weiter, auch an ihre Kinder. Sie wissen, wie viel unbezahlte Zeit sie dort verbracht und wie viel unbezahlbare Erfahrung sie gesammelt haben. Ihnen muss doch schlecht werden, wenn sie die Billionen zurückrechnen auf ihre Zeit damals in der Ersatzpflicht, weil sie einfach nicht in einen Krieg ziehen wollten, der ihnen absurd vorkam.
Über Generationenzusammenhänge forscht die Soziologie erst seit 100 Jahren, das hat mit dem Ersten Weltkrieg zu tun. Vielleicht können die älteren Mathelehrer noch mal an die Zahlen und mit ihren Schülern rechnen. Vielleicht ein paar kritische Volkswirte. Und vor allem die Eltern, die nicht wollen, dass ihre Kinder – weiß der Teufel wo – verheizt werden!
sche Textaufgaben in der Schule. Wäre ich Mathelehrerin, würde ich meine Schüler:innen ausrechnen lassen, wie viel Euro das sind und wie viel pro Kopf weltweit ins Militär fließt. Wie viel von unserem Inlandsprodukt weltweit?Und was wir uns dafür hierzulande leisten könnten: in der Schule, den Kitas, also für Kinder, und für die Älteren, die versorgt werden müssen. Aber dann müssten meine Schüler:innen überhaupt eine Vorstellung davon haben, was Billionen von Dollar oder Euro sind. Ehrlich, ich kann mir auch nicht richtig vorstellen, wie viel das ist, wie man das in Lebensqualität quantifiziert. Obwohl ich im Gesundheitsbereich viel damit befasst bin.Also, da sind erst mal die Zahlen und die große Masse. Und da ist der Einzelne: der junge Mann, der gerade mal seine Ausbildung abschließt oder demnächst die Reife bescheinigt bekommt. Der hätte sich vor ein paar Jahren noch nicht vorstellen können, dass er wieder eingezogen wird. Er, da allein, gegen den Rest der Welt? Nur weil er vom sozialdemokratischen Verteidigungsminister Boris Pistorius darin bestärkt wird, in der Bundeswehr Karriere zu machen und gleichzeitig sein Land zu verteidigen? Ich wünschte mir, Rekruten hierzulande und in Russland oder wer weiß wo hätten noch Gelegenheit, miteinander zu reden.Aber die Jungen sind ja auch nicht blöd, da ist auch Skepsis. Und ich lese: In den ersten drei Monaten dieses Jahres haben 2.656 Menschen einen Antrag auf Kriegsdienstverweigerung gestellt.Verweigerer geben ihren sozialen Humus bis heute weiterEine lächerliche Zahl, wenn ich an meine westdeutschen Generationsgenossen denke, die einst massenhaft geflüchtet sind. Entweder nach Berlin, wo es keine Wehrpflicht gab, oder indem sie den Wehrdienst verweigerten. Oder in die Kaserne. Manche landeten in Stetten am kalten Markt, „am kalten Arsch“, in einer berüchtigten Bundeswehr-Einrichtung auf der Alb. Die wenigsten nutzten den Dienst an der Waffe für die Revolution und landeten im Bunker, wo sie Marx studieren konnten. War damals auch keine schlechte Alternative.Die Verweigerer dagegen haben damals eine Realität erfahren, von der sie null wussten. In Notfalldiensten, in Behinderteneinrichtungen oder im Pflegeheim. Das geben sie als wertvollen sozialen Humus bis heute weiter, auch an ihre Kinder. Sie wissen, wie viel unbezahlte Zeit sie dort verbracht und wie viel unbezahlbare Erfahrung sie gesammelt haben. Ihnen muss doch schlecht werden, wenn sie die Billionen zurückrechnen auf ihre Zeit damals in der Ersatzpflicht, weil sie einfach nicht in einen Krieg ziehen wollten, der ihnen absurd vorkam.Über Generationenzusammenhänge forscht die Soziologie erst seit 100 Jahren, das hat mit dem Ersten Weltkrieg zu tun. Vielleicht können die älteren Mathelehrer noch mal an die Zahlen und mit ihren Schülern rechnen. Vielleicht ein paar kritische Volkswirte. Und vor allem die Eltern, die nicht wollen, dass ihre Kinder – weiß der Teufel wo – verheizt werden!