Eine schlechte Zahlungskultur – im Deutschen oft als „Zahlungsmoral“ bezeichnet – bringt eine Vielzahl von Problemen mit sich, vor allem für kleine Unternehmen oder Selbständige, bei denen Zahlungsverzögerungen schnell und direkt existenzbedrohend sein können, aber auch für mittlere und größere Unternehmen und die gesamte Wirtschaft eines Landes, weil verspätete Zahlungen einen Domino-Effekt haben: wenn ein Unternehmen aufgrund der Nicht-Bezahlung oder verspäteter Zahlung erbrachter Leistungen in eine Krise hinsichtlich seines operativen cashflows gerät bzw. in Liquditätsprobleme, kann dies weitere Unternehmen, die Gläubiger dieses Unternehmens sind, ihrerseits in Zahlungsprobleme bringen, die dann ihre Gläubiger nicht mehr bezahlen können, usw. Wenn ein Unternehmen scheitert, kann dies dazu führen, dass auch andere scheitern, und dieses Risiko ist bei kleinen Unternehmen naturgemäß größer als bei größeren Unternehmen.
Im Bericht der britischen „Federation of small businesses“, d.h. „Vereinigung kleiner Unternehmen“, aus dem Februar 2025 ist zu lesen, dass von 2.298 kleinen Unternehmen aus verschiedenen Sparten, die an einer Befragung der Vereinigung zwischen Oktober und Dezember 2024 teilgenommen hatten, 60 Prozent angegeben haben, dass verspäteten Zahlungen ihren Geschäfterfolg behindern. 53 Prozent sagten, dass sie eine Stunde pro Woche damit verbringen müssten, sich um verspätete Zahlungen zu kümmern (u.a. indem Zahlungserinnerungen formuliert und verschickt werden), und 63 Prozent die mit verspäteten Zahlungen verbundenen Kosten für sich auf bis zu 100 Britische Pfund pro Woche veranschlagten. Fünf Prozent der befragten Unternehmen gaben an, regelmäßig auf die Eintreibung von nicht getätigten Zahlungen ihrer Schuldner zu verzichten, um die damit verbundene/n Zeit und Kosten zu vermeiden, und weitere 52 Prozent gaben an, dass sie bis zu zehnmal im Jahr auf Geld verzichten. 38 Prozent sagten, dass sie sich stärker als noch vor zwölf Monaten auf Zugang zu Krediten verlassen mussten, um ihren Cashflow zu verwalten. 28 Prozent mussten aufgrund verspäteter Zahlungen ihrer Schuldner sogar kostspielige kurzfristige Kredite aufnehmen.
In Deutschland (und anderswo) kämpfen (vor allem) kleinere und mittlere Unternehmen angesichts ausbleibender oder verspäteter Zahlungen von ihren Schuldnern ebenfalls und zunehmend ums Überleben, wie im „Handelsblatt“ im Oktober 2025 berichtet wurde. Dort wurde weiter berichtet, dass knapp 12 Prozent deutscher Unternehmen im ersten Halbjahr 2025 Rechnungen zu spät bezahlten, während im Vorjahr „nur“ acht Prozent deutscher Unternehmen „Zu-spät-Zahler“ waren.
Was in den meisten Berichten und Kommentaren zum Thema „schlechte Zahlungskultur“ oder „verspätete Zahlungen“ jedoch außen vor bleibt, ist die Tatsache, dass es öffentliche Stellen sind, die die schlechteste Zahlungskultur aufweisen, nicht Unternehmen. Das zeigt (erneut) der Jahresbericht 2025 des „EU Payment Observatory“, erstellt im Auftrag der Europäischen Kommission. In der „Summary of Findings“, der „Zusammenfassung der Ergebnisse“, die auf der Basis von Daten von Cribis/D&B (Dun & Bradstreet) und Eurobarometer-Daten erzielt wurden, heißt es auf Seite 7:
„Average payment periods exceed 60 days for both B2B (60.3) and G2B (69.8), with public authorities paying on average 9.5 days later than businesses. In 2024, the average payment period, reported by suppliers, increased by 0.8 days in G2B transactions and decreased by 1.5 days in B2B transactions“,
d.h.
„[d]ie durchschnittlichen Zahlungsfristen werden sowohl bei B2B (60,3) als auch bei G2B[-Zahlungen] (69,8) mehr als 60 Tage überschritten, wobei die öffentlichen Stellen im Durchschnitt 9,5 Tage später zahlen als die Unternehmen. Im Jahr 2024 stieg die von den Lieferanten gemeldete durchschnittliche Zahlungsdauer bei G2B-Transaktionen um 0,8 Tage und sank bei B2B-Transaktionen um 1,5 Tage“.
Dabei steht „B2B“ für „business-to-business“ und bezeichnet Zahlungen von Unternehmen an andere Unternehmen, während „G2B“ für „government-to-business“ steht und Zahlungen von öffentlichen Stellen an Unternehmen bezeichnet.
Deutschland gehört zu den 19 EU-Staaten, in denen sich die Zahlungskultur im Vergleich zum Jahr 2023 verschlechtert hat, wobei Deutschland mit 43 Prozent aber immer noch unter dem EU-Durchschnitt mit 52 Prozent liegt, was den prozentualen Anteil der Unternehmen betrifft, die im Jahr 2024 in den letzten sechs Monaten vor dem Befragungszeitpunkt Probleme wegen verspäteter Zahlungen berichteten (vgl. Seite 15, Figure 2; Seite 73).
Interessant ist, dass es öffentliche Stellen sind, die die Verschlechterung der deutschen Zahlungskultur zu verantworten haben:
„In B2B transactions, the average payment period from clients stood at 40 days in 2024 …, reflecting minimal variation compared to previous years and a marginal 1-day reduction compared to the 2021-2023 period“ (EU Payment Observatory, Annual Report 2025: S. 73),
d.h.
„Bei B2B-Transaktionen betrug die durchschnittliche Zahlungsfrist der Kunden im Jahr 2024 40 Tage … , was minimale Schwankungen im Vergleich zu den Vorjahren und eine marginale 1-Tages-Reduktion im Vergleich zum Zeitraum 2021–2023 wiederspiegelt“.
Aber
„[i]n relation to G2B transactions, the average payment period from clients stands at 71 days …, representing an increase of 7 days compared to the previous year. This corresponds to a year-on-year rise of 10.41 % – the second highest increase after France. Moreover, the value recorded in 2024 is the second highest observed for German public authorities over the entire 2019-2024 period, standing marginally above the EU average (70 days). Contrary to patterns observed in previous years when Germany was identified as one of the earliest payers in the EU41, in 2024 the German public sector ranked fifth among EU Member States with the longest payment times in G2B transactions“ (EU Payment Observatory, Annual Report 2025: S. 74).
D.h.
„Bezogen auf G2B-Transaktionen beträgt die durchschnittliche Zahlungsfrist der Kunden 71 Tage …, was einer Steigerung von 7 Tagen im Vergleich zum Vorjahr entspricht. Dies entspricht einem Anstieg von 10,41 % gegenüber dem Vorjahr – dem zweithöchsten Anstieg nach Frankreich. Darüber hinaus ist der im Jahr 2024 verzeichnete Wert der zweithöchste, der für die deutschen öffentlichen Stellen im gesamten Zeitraum von 2019 bis 2024 beobachtet wurde, und er liegt geringfügig über dem EU-Durchschnitt (70 Tage). Im Gegensatz zu Mustern, die in den Vorjahren beobachtet wurden, als Deutschland als eines der frühesten Zahler[-Ländern] in der EU41 war, belegte der deutsche öffentliche Sektor im Jahr 2024 den fünften Platz unter den EU-Mitgliedern Staaten mit den längsten Zahlungszeiten bei G2B-Transaktionen“.
Die folgende Abbildung, die auf Seite 18 des Berichtes zu finden ist, gibt einen optischen Eindruck davon, wie groß der Unterschied zwischen der Zahlungskultur von Unternehmen (an Unternehmen) und von öffentlichen Stellen (an Unternehmen) in Deutschland im Vergleich zu anderen EU-Ländern ist:
Quelle: EU Payment Observatory, Annual Report 2025: S. 18
In elf EU-Staaten – darunter wie gesagt Deutschland an zweiter Stelle nach Frankreich – hat sich die Zeit, die vergeht, bis öffentliche Stellen Unternehmen bezahlen, im Jahr 2024 im Vergleich zum Vorjahr erhöht, während sie sich in neun EU-Staaten verringert hat, besonders in Schweden und in Bulgarien. Wenn der öffentliche Sektor im Zahlungsverzug ist, kann dies also schwerlich der gesamtwirtschaftlichen Situation in der EU angerechnet werden.
Und wenn man plausiblerweise spekulieren darf, dass der Bereich des öffentlichen Sektors, der in Deutschland seine Rechnungen am längsten unbezahlt lässt (weil er mit die größten Zahlungsprobleme hat), Kommunen sind, und wenn man plausiblerweise außerdem spekulieren darf, dass Kommunen Dienste vor allem von lokalen oder regionalen Unternehmen nachfragen, dann muss man festhalten, dass die finanziellen Notlagen, in die vor allem kleine und mittlere Unternehmen dadurch geraten, dass ihre Rechnungen nicht pünktlich bezahlt werden, anscheinend zu einem guten Teil von Kommunen verursacht werden. Wie dem auch sei – in jedem Fall ist es in Deutschland vor allem der öffentliche Sektor, der Probleme für Unternehmen schafft, weil er seine Rechnungen nicht pünktlich bezahlt, nicht der privatwirtschaftliche.
Die EU-Richtlinie 2011/17 wurde zwecks Bekämpfung von Zahlungsverzug durch Unternehmen ebenso wie durch den öffentlichen Sektor verabschiedet. Nach den geltenden Vorschriften müssen Unternehmen Rechnungen innerhalb von höchstens 60 Tagen bezahlen,, sofern im Vertrag nicht ausdrücklich etwas anderes vereinbart wurde und sofern die Bedingungen nicht grob unfair gegenüber dem Gläubiger sind. Der öffentliche Sektor muss von ihm gekaufte Waren und Dienstleistungen innerhalb von 30 Tagen bezahlen, wobei bestimmte Ausnahmen (z.B. für Krankenhäuser in öffentlicher Trägerschaft) bestehen, bei denen eine Frist von 60 Tagen gelten kann.
Im Jahr 2024 betrug die durchschnittliche Zahlungsfrist im öffentlichen Sektor – wie oben berichtet – aber 71 Tage, ein Zeitraum, der auch die Ausnahmefrist, die in der EU-Richtlinie für manche Einrichtungen des öffentlichen Sektors möglich ist, deutlich überschreitet. Gläubiger, die ihren gesetzlichen und vertraglichen Verpflichtungen nachgekommen sind, aber nicht innerhalb der gesetzten Fristen bezahlt wurden, haben gemäß der EU-Richtlinie Anspruch auf verzinste Entschädigung, wobei die Verzugszinsen mindestens 8 Prozentpunkte über dem Referenzzinssatz der EZB liegen müssen.
Während kleine Unternmehen gemäß der Daten, die dem Bericht des „EU Payment Obervatory“ zugrundeliegen, besonders unter verspäteten Zahlungen leiden, besteht ein positiver Zusammenhang zwischen der Größe von Unternehmen und verspäteten Zahlungen:
„The larger the company, the less likely it is to pay on time – a pattern consistent across every year analysed. Large companies stand out as those paying later in 16 out of 20 Member States, while micro companies are the most punctual in 13 out of 20 Member States“ (EU Payment Observatory, Annual Report 2025: S. 7).
D.h.
„Je größer das Unternehmen, desto unwahrscheinlicher ist es, dass es pünktlich zahlt – ein Muster, das in jedem analysierten Jahr konsistent ist“. Große Unternehmen stechen in 16 von 20 Mitgliedstaaten als diejenigen hervor, die später zahlen, während Kleinstunternehmen in 13 von 20 Mitgliedstaaten am pünktlichsten [mit ihren Zahlungen] sind.
Der Grund für die Pünktlichkeit kleiner Unternehmen in Sachen Rechnungsbegleichung liegt vermutlich darin, dass sie es sich am wenigsten leisten können, es auf einen Rechtsstreit mit ihrem Gläubiger ankommen zu lassen, sowohl in finanzieller Hinsicht als auch mit Bezug auf ihre Reputation. Gleichzeitig können sie es sich aber vermutlich auch am wenigsten finanziell leisten, ihre Forderungen mit Hilfe rechtlichen Beistands durchzusetzen. De facto besteht also in Deutschland wie EU-weit ein struktureller Nachteil für kleine (und vermutlich auch mittlere) Unternehmen, den gerade Einrichtungen im öffentlichen Sektor nicht noch befördern sollten, sind sie doch eben das: öffentliche Einrichtungen mit einer Verantwortung der Öffentlichkeit bzw. Gesamtgesellschaft gegenüber.
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