Von Michael Jacksons Affen bis zum „Problembären“ Bruno: Der Kult um Wal Timmy offenbart unsere bizarre Doppelmoral. Warum wir Einzelschicksale vermenschlichen, während das Massenschlachten im Verborgenen bleibt
Imago/Imagebrocker
Zu den vielleicht allerletzten wirklich leidenschaftlichen Zeitungslesern des Landes zählt Harald Schmidt. Die Älteren werden sich erinnern, der Mann war mal der wichtigste Late-Night-Talker des deutschen Fernsehens. Damals, als es noch Leute gab, die leidenschaftlich gern deutsches Fernsehen schauten.
Bei einem Auftritt in Kaiserslautern vor wenigen Tagen wies Schmidt im Zusammenhang mit dem seit Wochen die Medienwelt in Atem haltenden Buckelwal vor der Insel Poel darauf hin, dass Deutschlands größtes Boulevardblatt kürzlich einen Experten erklären ließ, wie problematisch die Vermenschlichung von Tieren sei – unter der inzwischen zur eigenen Rubrik aufgestiegenen Überschrift: „Krimi um Timmy“.
Kein Aspekt rund um dieses Ereignis bietet der komödiantischen Sparte des Entertainmentbetriebs so leichtes Spiel wie dieser. Zu naheliegend ist das Verlachen derer, denen das Schicksal eines Wals das Herz bricht und die anderntags bei rechtsextremen Demonstrationen in Richtung der im Mittelmeer in Not befindlichen Flüchtlinge brüllten: „Absaufen, absaufen!“
Das sind Menschen, die nicht repräsentativ stehen für die Masse derer, denen der Wal wichtig ist, doch sind es die Lautesten und am leichtesten Angreifbaren. Jede Pointe wertet jene auf, die über sie lachen – die befreit Losprustenden wähnen sich in dem Überlegenheitsgefühl, sich nicht von solchen doppelmoralischen Nebensächlichkeiten ablenken zu lassen von den wahren Brennpunkten auf der Welt. Nur keine Sentimentalitäten!
Anthropomorphismus als evolutionäre Strategie
Dabei ist Anthropomorphismus eine in den meisten menschlichen Kulturen angelegte evolutionäre Strategie. Wer ein Kleinkind beim freien Spielen beobachtet, wird in nahezu jedem Fall erleben, wie es dem Spielzeug einen Namen gibt und so tut, als sei es ein menschliches Wesen. Wir Menschen sind auch als Erwachsene noch gut darin, Romanhelden, Trickfilmfiguren, Pflanzen, Puppen, Computern, sogar dem Wetter Gefühle, Gedanken und Absichten zu unterstellen. In Kinderbüchern ist es üblich, Tiere und Sachen mit einer menschlichen Physis auszustatten und sie sprechen zu lassen.
So lernen Kinder spielerisch die Bedeutung sozialer Regeln und Emotionen. Auch das erwachsene Gehirn nimmt eine kognitive Abkürzung, um komplexe Vorgänge der Natur und der dinglichen Umwelt in bekannte Muster zu pressen. Für Tiere, die auf diese Weise vermenschlicht werden, ist und bleibt das aber problematisch. Dafür gibt es in der Populärkultur der jüngeren Zeit einige Beispiele, die teilweise eine tragische Wendung nahmen und wie Mahnmale wirken in Bezug auf Timmy, den Buckelwal.
Ein weiteres Beispiel ist der Schimpanse Bubbles von Michael Jackson
Zum aktuellen Kino-Kassenknüller Michael über den 2009 verstorbenen Popstar Michael Jackson ist bereits viel Kritisches geschrieben und gesagt worden. Ein Aspekt findet nur am Rande mal eine Erwähnung: In einer Szene wird dem Protagonisten ein windeltragender Schimpanse geliefert. Michael Jackson sagt seinen verdutzten Eltern und Geschwistern, er habe das Tier aus einem Versuchslabor gerettet. Sein Name sei Bubbles, und er sei von nun an Teil der Familie.
Mehrmals verwahrt er sich gegen die Bezeichnung „Haustier“. Er spielt mit ihm Twister, liest mit ihm Peter Pan und lässt ihn in seinem Bett übernachten. Dieser Part ist nahezu originalgetreu dem echten Leben entnommen. Jackson war von Kindesbeinen an ein Superstar, hatte daher nie menschliche Freunde und fand einen Ersatz in Tieren, die er seinerseits vermenschlichen konnte und die ihm wegen des enormen Machtgefälles nicht zu widersprechen in der Lage waren.
Wildtier bleibt Wildtier
Immerhin, im Film taucht kein echter Affe auf. Bubbles ist ein technischer Effekt, mit CGI animiert (wieder so ein verräterischer Begriff!), weil etwas anderes heute nicht mehr vermittelbar wäre. Das verdient Beachtung und Anerkennung, weil es lange Zeit normal war, einem wirklichen Schimpansen die artfremden Strapazen eines Filmdrehs zuzumuten. Jüngere sollten zum Beispiel einmal zur öffentlich-rechtlichen Fernsehserie Unser Charly recherchieren, die bis 2012 in Deutschland ausgestrahlt wurde.
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Der Film Michael spart alles aus, was den King of Pop ambivalent erscheinen ließe, ihn also wahrhaft vermenschlichen könnte. So bleibt auch unerzählt, wie es mit Bubbles weiterging. Jackson schleifte das Tier bei seinen Shows rund um die Welt mit, das Wesen wurde selbst zu einem von den Medien gejagten Star. Irgendwann musste Bubbles fort, weil zumindest theoretisch die Gefahr bestand, dass er die Kinder von Michael Jackson angriff. Wildtier bleibt eben Wildtier, sei es auch noch so lange in menschlicher – nun ja: Obhut. Heute lebt der inzwischen 43-jährige Schimpanse im Center for Great Apes in Florida. Am liebsten, so berichten es die Pfleger, sitze er gemeinsam mit seinem gleichaltrigen Freund auf seinem Lieblingsbaum.
Bruno, der Braunbär
Der Sommer 2006 stand in Deutschland ganz im Zeichen der Fußball-Weltmeisterschaft, die unser Tätervolk von seiner scheinbar ungewohnt entspannten, gastfreundlichen und sonnigen Seite zeigte. Kurz vor Turnierbeginn, am 20. Mai, war ein aus Italien eingewanderter Braunbär erstmals in Bayern gesichtet worden. Bei Mittenwald hatte er mehrere Schafe gerissen, und auch dem Hühnerstall hatte er einen für das Federvieh verhängnisvollen Besuch abgestattet. Bruno, oder auch Bruno, der „Problembär“, wie ihn die Medien nennen, hatte bereits 300 Kilometer zurückgelegt. Es war der erste freilebende Braunbär auf deutschem Boden seit 1835.
Ein Suchtrupp wurde zusammengestellt, darunter auch ein Tierarzt, der ein Gewehr mit Betäubungspatronen aus dreißig Metern Entfernung zielsicher auf den Bären hätte abschießen können. Die Fahndung wurde zum riesigen Medienspektakel, weil sich an diesem Beispiel das Unterhaltsame und das Ernsthafte verbinden ließen: Hier dieser die Menschen narrende Knuddelbär, dort die eindringliche Warnung vor dem für Menschen extrem lebensbedrohlichen Wildtier. Wo auch immer der Trupp auftauchte, war Bruno schon wieder weg.
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Der Umgang mit dem Tier wird zum Politikum. Leidenschaftliche Debatten spielten sich ab zur Frage, ob Bruno zum Schutz der Menschen nicht doch zum Abschuss freizugeben wäre? In der Politik wogen sie ab, was ihnen persönlich nützlicher erschien: das Tier am Leben lassen und riskieren, dass doch mal ein Mensch zu Tode kommt? Oder das Geschöpf abknallen und dann die vermeintlichen Tierschützer an der Backe haben?
Man entschied sich für die zweite Variante, sodass Bruno am Morgen des 26. Juni über dem Schliersee starb, von zwei Jägerkugeln in Leber und Lunge getroffen. Die Süddeutsche Zeitung nannte Bruno in einem Nachruf „genialischer Pop-Rebell“, die größte Boulevardzeitung des Landes druckte ein Bruno-Poster mit dem Motto: „Sonne im Herzen, Schafe im Bauch“.
Knut, der Eisbär
Mehr als dreißig Jahre lang hatte es keinen Eisbärennachwuchs im Berliner Zoo gegeben, als im Dezember 2006 die Nachricht eines Babys im Eisbärengehege überregional einschlug. Der Name Knut war schnell gefunden, doch hing das Leben des Kleinen ebenso schnell am seidenen Faden. Die Mutter verstieß das Tier – wahrscheinlich eine Folge des ganz und gar problematischen Lebens in Gefangenschaft in einer für Eisbären völlig falschen Klimazone.
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Damals erlebte das Internet seine erste Blütezeit. Knapp 60 Prozent der Deutschen hatten einen privaten Internetanschluss, und so wurde Knut bei uns zur ersten tierischen Internetberühmtheit. Dem Zoo Berlin bescherte der kleine Kerl bald schon Mehreinnahmen von fünf Millionen Euro. Überraschenderweise hielt der Kult um Knut an, als der Eisbär ausgewachsen war und nicht mehr so süß aussah wie zu Beginn. Dazu trug auch der tragische Tod seines Pflegers bei, der einen Herzinfarkt erlitten hatte. Boulevardmedien meinten, den Eisbär trauern zu sehen.
Im März 2011 starb Knut viel zu früh, ganz plötzlich und vor den Augen der Zoobesucher. Es sollte vier Jahre dauern, ehe sich ein Forscherteam zur Todesursache äußerte. Knut war an einer Hirnerkrankung verstorben, die man bis dahin nur bei Menschen festgestellt hatte.
Warum sieht man in Deutschland nie ein Schwein?
Wenn Einzelschicksale solche Emotionen auslösen, liegt es also aus guten Gründen nahe, sich darüber lustig zu machen. Dahinter steckt ein ebenso offensichtlicher wie krampfhaft unsichtbar gemachter Widerspruch. In seinem neuen Buch Der deutsche Sommer über die WM 2006 berichtet Ronald Reng von einem britischen Polizisten, der sich auf seiner wochenlangen Tour durch Deutschland beim Blick aus dem Zugfenster auf die wundersame Natur immer wieder diese eine Frage stellt:
Die Deutschen essen tonnenweise Schweinefleisch. Doch warum zur Hölle erblickt man in diesem Land weit und breit niemals auch nur ein einziges Schwein? Das Gemetzel des Schlachtgeschäfts findet auch heute noch im Verborgenen statt. Ist es da nicht an sich ein aus Sicht des Tierrechts hilfreicher Vorgang, wenn ein Buckelwal ein ganzes Land in Atem hält?
Bei Affen und Bären handelt es sich um Tiere, die sich leichter vermenschlichen lassen als ein Wal. Das macht den aktuellen Fall so außergewöhnlich. Er ist ein Indiz dafür, dass Menschen ihr schlechtes Gewissen auch bei solchen Arten immer schwerer verdrängen können. Begegnen ihnen große Meeresbewohner im Zoo, dann können Menschen diese Tiere nach Belieben beobachten, ohne dass Gefahr droht.
Diese Perspektive blockiert die Empathie, doch dämmert einem zugleich: Da ist ein Wesen eingesperrt, das Freiheit ebenso verdient wie jeder Mensch. Durch Marketingtricks wie das angebliche Fördern des Artenschutzes lassen sich immer seltener die offensichtlichen Probleme kaschieren. Viele Tiere wie Bären, Raubkatzen, Elefanten oder Wale gehören nicht in Zoos, weil Menschen die benötigten Lebensräume niemals nachbilden können.
Der Mensch will am Beispiel dieses Individuums sein Gewissen beruhigen. Es wäre sehr zu wünschen, dass dies nicht gelingt
Der Lärm der Zuschauer, das beengte Dasein in Sichtweite mit ihnen völlig fremden Tierarten führen zu Aggression und psychischem Leiden. In vielen Zoos werden die Tiere mit Antidepressiva ruhiggestellt und mit Antibiotika vollgestopft, um die Wunden zu heilen von den Verletzungen, die sie sich bei Kämpfen zuziehen oder wenn sie permanent gegen den Beckenrand stoßen, sich in den Metallabsperrungen verbeißen und sich die Zähne kaputtmachen.
Bei all den „Rettungsversuchen“ bei Timmy, die nach Ansicht von Tierschutzexperten das Leid des Wals vergrößern und verlängern, handelt es sich wohl letztlich auch um Anthropozentrismus: Der Mensch will am Beispiel dieses Individuums sein Gewissen beruhigen. Es wäre sehr zu wünschen, dass dies nicht gelingt. Denn nur dann taugt Timmy zum Botschafter nicht nur seiner Art, sondern der Verwundbarkeit aller Wildtiere unter der Herrschaft des Menschen.
Ein naiver Glaube? Vielleicht. Retten wir uns also wieder in Humor. Beim Auftritt von Harald Schmidt in Kaiserslautern stellte der Moderator dem Publikum eine Frage, über die es abstimmen konnte: Was soll mit Timmy geschehen? a) In Ruhe lassen, b) retten oder c) sprengen? Harald Schmidt hob das Beispiel in entlarvender Weise gleich auf eine neue Ebene: „Das ist doch genau die Frage mit genau den Antwortmöglichkeiten, die wir uns auch bei der Oma stellen.“
sei – unter der inzwischen zur eigenen Rubrik aufgestiegenen Überschrift: „Krimi um Timmy“. Kein Aspekt rund um dieses Ereignis bietet der komödiantischen Sparte des Entertainmentbetriebs so leichtes Spiel wie dieser. Zu naheliegend ist das Verlachen derer, denen das Schicksal eines Wals das Herz bricht und die anderntags bei rechtsextremen Demonstrationen in Richtung der im Mittelmeer in Not befindlichen Flüchtlinge brüllten: „Absaufen, absaufen!“Das sind Menschen, die nicht repräsentativ stehen für die Masse derer, denen der Wal wichtig ist, doch sind es die Lautesten und am leichtesten Angreifbaren. Jede Pointe wertet jene auf, die über sie lachen – die befreit Losprustenden wähnen sich in dem Überlegenheitsgefühl, sich nicht von solchen doppelmoralischen Nebensächlichkeiten ablenken zu lassen von den wahren Brennpunkten auf der Welt. Nur keine Sentimentalitäten!Anthropomorphismus als evolutionäre StrategieDabei ist Anthropomorphismus eine in den meisten menschlichen Kulturen angelegte evolutionäre Strategie. Wer ein Kleinkind beim freien Spielen beobachtet, wird in nahezu jedem Fall erleben, wie es dem Spielzeug einen Namen gibt und so tut, als sei es ein menschliches Wesen. Wir Menschen sind auch als Erwachsene noch gut darin, Romanhelden, Trickfilmfiguren, Pflanzen, Puppen, Computern, sogar dem Wetter Gefühle, Gedanken und Absichten zu unterstellen. In Kinderbüchern ist es üblich, Tiere und Sachen mit einer menschlichen Physis auszustatten und sie sprechen zu lassen.So lernen Kinder spielerisch die Bedeutung sozialer Regeln und Emotionen. Auch das erwachsene Gehirn nimmt eine kognitive Abkürzung, um komplexe Vorgänge der Natur und der dinglichen Umwelt in bekannte Muster zu pressen. Für Tiere, die auf diese Weise vermenschlicht werden, ist und bleibt das aber problematisch. Dafür gibt es in der Populärkultur der jüngeren Zeit einige Beispiele, die teilweise eine tragische Wendung nahmen und wie Mahnmale wirken in Bezug auf Timmy, den Buckelwal. Ein weiteres Beispiel ist der Schimpanse Bubbles von Michael JacksonZum aktuellen Kino-Kassenknüller Michael über den 2009 verstorbenen Popstar Michael Jackson ist bereits viel Kritisches geschrieben und gesagt worden. Ein Aspekt findet nur am Rande mal eine Erwähnung: In einer Szene wird dem Protagonisten ein windeltragender Schimpanse geliefert. Michael Jackson sagt seinen verdutzten Eltern und Geschwistern, er habe das Tier aus einem Versuchslabor gerettet. Sein Name sei Bubbles, und er sei von nun an Teil der Familie.Mehrmals verwahrt er sich gegen die Bezeichnung „Haustier“. Er spielt mit ihm Twister, liest mit ihm Peter Pan und lässt ihn in seinem Bett übernachten. Dieser Part ist nahezu originalgetreu dem echten Leben entnommen. Jackson war von Kindesbeinen an ein Superstar, hatte daher nie menschliche Freunde und fand einen Ersatz in Tieren, die er seinerseits vermenschlichen konnte und die ihm wegen des enormen Machtgefälles nicht zu widersprechen in der Lage waren.Wildtier bleibt WildtierImmerhin, im Film taucht kein echter Affe auf. Bubbles ist ein technischer Effekt, mit CGI animiert (wieder so ein verräterischer Begriff!), weil etwas anderes heute nicht mehr vermittelbar wäre. Das verdient Beachtung und Anerkennung, weil es lange Zeit normal war, einem wirklichen Schimpansen die artfremden Strapazen eines Filmdrehs zuzumuten. Jüngere sollten zum Beispiel einmal zur öffentlich-rechtlichen Fernsehserie Unser Charly recherchieren, die bis 2012 in Deutschland ausgestrahlt wurde.Placeholder image-1Der Film Michael spart alles aus, was den King of Pop ambivalent erscheinen ließe, ihn also wahrhaft vermenschlichen könnte. So bleibt auch unerzählt, wie es mit Bubbles weiterging. Jackson schleifte das Tier bei seinen Shows rund um die Welt mit, das Wesen wurde selbst zu einem von den Medien gejagten Star. Irgendwann musste Bubbles fort, weil zumindest theoretisch die Gefahr bestand, dass er die Kinder von Michael Jackson angriff. Wildtier bleibt eben Wildtier, sei es auch noch so lange in menschlicher – nun ja: Obhut. Heute lebt der inzwischen 43-jährige Schimpanse im Center for Great Apes in Florida. Am liebsten, so berichten es die Pfleger, sitze er gemeinsam mit seinem gleichaltrigen Freund auf seinem Lieblingsbaum. Bruno, der BraunbärDer Sommer 2006 stand in Deutschland ganz im Zeichen der Fußball-Weltmeisterschaft, die unser Tätervolk von seiner scheinbar ungewohnt entspannten, gastfreundlichen und sonnigen Seite zeigte. Kurz vor Turnierbeginn, am 20. Mai, war ein aus Italien eingewanderter Braunbär erstmals in Bayern gesichtet worden. Bei Mittenwald hatte er mehrere Schafe gerissen, und auch dem Hühnerstall hatte er einen für das Federvieh verhängnisvollen Besuch abgestattet. Bruno, oder auch Bruno, der „Problembär“, wie ihn die Medien nennen, hatte bereits 300 Kilometer zurückgelegt. Es war der erste freilebende Braunbär auf deutschem Boden seit 1835.Ein Suchtrupp wurde zusammengestellt, darunter auch ein Tierarzt, der ein Gewehr mit Betäubungspatronen aus dreißig Metern Entfernung zielsicher auf den Bären hätte abschießen können. Die Fahndung wurde zum riesigen Medienspektakel, weil sich an diesem Beispiel das Unterhaltsame und das Ernsthafte verbinden ließen: Hier dieser die Menschen narrende Knuddelbär, dort die eindringliche Warnung vor dem für Menschen extrem lebensbedrohlichen Wildtier. Wo auch immer der Trupp auftauchte, war Bruno schon wieder weg.Placeholder image-2Der Umgang mit dem Tier wird zum Politikum. Leidenschaftliche Debatten spielten sich ab zur Frage, ob Bruno zum Schutz der Menschen nicht doch zum Abschuss freizugeben wäre? In der Politik wogen sie ab, was ihnen persönlich nützlicher erschien: das Tier am Leben lassen und riskieren, dass doch mal ein Mensch zu Tode kommt? Oder das Geschöpf abknallen und dann die vermeintlichen Tierschützer an der Backe haben? Man entschied sich für die zweite Variante, sodass Bruno am Morgen des 26. Juni über dem Schliersee starb, von zwei Jägerkugeln in Leber und Lunge getroffen. Die Süddeutsche Zeitung nannte Bruno in einem Nachruf „genialischer Pop-Rebell“, die größte Boulevardzeitung des Landes druckte ein Bruno-Poster mit dem Motto: „Sonne im Herzen, Schafe im Bauch“.Knut, der EisbärMehr als dreißig Jahre lang hatte es keinen Eisbärennachwuchs im Berliner Zoo gegeben, als im Dezember 2006 die Nachricht eines Babys im Eisbärengehege überregional einschlug. Der Name Knut war schnell gefunden, doch hing das Leben des Kleinen ebenso schnell am seidenen Faden. Die Mutter verstieß das Tier – wahrscheinlich eine Folge des ganz und gar problematischen Lebens in Gefangenschaft in einer für Eisbären völlig falschen Klimazone.Placeholder image-3Damals erlebte das Internet seine erste Blütezeit. Knapp 60 Prozent der Deutschen hatten einen privaten Internetanschluss, und so wurde Knut bei uns zur ersten tierischen Internetberühmtheit. Dem Zoo Berlin bescherte der kleine Kerl bald schon Mehreinnahmen von fünf Millionen Euro. Überraschenderweise hielt der Kult um Knut an, als der Eisbär ausgewachsen war und nicht mehr so süß aussah wie zu Beginn. Dazu trug auch der tragische Tod seines Pflegers bei, der einen Herzinfarkt erlitten hatte. Boulevardmedien meinten, den Eisbär trauern zu sehen.Im März 2011 starb Knut viel zu früh, ganz plötzlich und vor den Augen der Zoobesucher. Es sollte vier Jahre dauern, ehe sich ein Forscherteam zur Todesursache äußerte. Knut war an einer Hirnerkrankung verstorben, die man bis dahin nur bei Menschen festgestellt hatte.Warum sieht man in Deutschland nie ein Schwein?Wenn Einzelschicksale solche Emotionen auslösen, liegt es also aus guten Gründen nahe, sich darüber lustig zu machen. Dahinter steckt ein ebenso offensichtlicher wie krampfhaft unsichtbar gemachter Widerspruch. In seinem neuen Buch Der deutsche Sommer über die WM 2006 berichtet Ronald Reng von einem britischen Polizisten, der sich auf seiner wochenlangen Tour durch Deutschland beim Blick aus dem Zugfenster auf die wundersame Natur immer wieder diese eine Frage stellt:Die Deutschen essen tonnenweise Schweinefleisch. Doch warum zur Hölle erblickt man in diesem Land weit und breit niemals auch nur ein einziges Schwein? Das Gemetzel des Schlachtgeschäfts findet auch heute noch im Verborgenen statt. Ist es da nicht an sich ein aus Sicht des Tierrechts hilfreicher Vorgang, wenn ein Buckelwal ein ganzes Land in Atem hält?Bei Affen und Bären handelt es sich um Tiere, die sich leichter vermenschlichen lassen als ein Wal. Das macht den aktuellen Fall so außergewöhnlich. Er ist ein Indiz dafür, dass Menschen ihr schlechtes Gewissen auch bei solchen Arten immer schwerer verdrängen können. Begegnen ihnen große Meeresbewohner im Zoo, dann können Menschen diese Tiere nach Belieben beobachten, ohne dass Gefahr droht.Diese Perspektive blockiert die Empathie, doch dämmert einem zugleich: Da ist ein Wesen eingesperrt, das Freiheit ebenso verdient wie jeder Mensch. Durch Marketingtricks wie das angebliche Fördern des Artenschutzes lassen sich immer seltener die offensichtlichen Probleme kaschieren. Viele Tiere wie Bären, Raubkatzen, Elefanten oder Wale gehören nicht in Zoos, weil Menschen die benötigten Lebensräume niemals nachbilden können. Der Mensch will am Beispiel dieses Individuums sein Gewissen beruhigen. Es wäre sehr zu wünschen, dass dies nicht gelingtDer Lärm der Zuschauer, das beengte Dasein in Sichtweite mit ihnen völlig fremden Tierarten führen zu Aggression und psychischem Leiden. In vielen Zoos werden die Tiere mit Antidepressiva ruhiggestellt und mit Antibiotika vollgestopft, um die Wunden zu heilen von den Verletzungen, die sie sich bei Kämpfen zuziehen oder wenn sie permanent gegen den Beckenrand stoßen, sich in den Metallabsperrungen verbeißen und sich die Zähne kaputtmachen.Bei all den „Rettungsversuchen“ bei Timmy, die nach Ansicht von Tierschutzexperten das Leid des Wals vergrößern und verlängern, handelt es sich wohl letztlich auch um Anthropozentrismus: Der Mensch will am Beispiel dieses Individuums sein Gewissen beruhigen. Es wäre sehr zu wünschen, dass dies nicht gelingt. Denn nur dann taugt Timmy zum Botschafter nicht nur seiner Art, sondern der Verwundbarkeit aller Wildtiere unter der Herrschaft des Menschen.Ein naiver Glaube? Vielleicht. Retten wir uns also wieder in Humor. Beim Auftritt von Harald Schmidt in Kaiserslautern stellte der Moderator dem Publikum eine Frage, über die es abstimmen konnte: Was soll mit Timmy geschehen? a) In Ruhe lassen, b) retten oder c) sprengen? Harald Schmidt hob das Beispiel in entlarvender Weise gleich auf eine neue Ebene: „Das ist doch genau die Frage mit genau den Antwortmöglichkeiten, die wir uns auch bei der Oma stellen.“