Wie Kampfdrohnen schwärmen hochfrequente Synthesizer durch den Club Wilde Zicke in Egeln. Blaue Lichtkegel flackern über das Publikum, Hunderte Handys gehen hoch. „Schillah“-Sprechchöre ertönen, und dann tritt der Rapper mit seinem Kollegen Sketch auf die Bühne. In Egeln, einer 3.000-Seelen-Stadt in Sachsen-Anhalt, sichern Wachmänner für das Konzert die städtischen Ausfahrten ab. Damit die vielen Autofahrer nicht das Wohngebiet zuparken, in dem der Club liegt. Wie ein hochrangiger Staatsbesuch wirkt das.
Kaum ein Musiker rappt so erfolgreich über das Lebensgefühl vieler junger Menschen im Osten wie Schillah. Auf dröhnenden Hardtekk-Beats, meist mit 160 Schlägen pro Minute aufwärts, textet Schillah, der eigentlich Nico Klinger heißt, im Gefühlsrausch über Drogen, Schizophrenie, Liebeskummer und immer wieder über den Osten. Allein bei Spotify hören ihn monatlich mehr als eine Million Menschen.
Und kaum ein Musiker polarisiert damit so sehr. Kritiker werfen Klinger vor, mit Songs wie Es eskaliert bediene er sich Codes der rechten Szene. Junge Menschen feiern ihn für seinen Oststolz. Was verrät sein Erfolg über das Lebensgefühl so vieler junger Menschen im Osten?
Zeigen, wie es wirklich ist
Ein paar Stunden früher warten die Fans bereits in einer Schlange vor dem Club. Drinnen steht Klinger, Ende 20 (sein genaues Alter möchte er nicht verraten), auf der Bühne und macht einen Soundcheck. Eigentlich könne er auch im Westen Hallen füllen, sagt Klinger im Vorgespräch am Telefon. Stattdessen steht er hier, in diesem etwas aus der Zeit gefallenen Club mit Wendeltreppen und einer Bar, die in einem Western-Saloon stehen könnte.
Dass er fast nur im Osten auftrete, mache er als Provokation. Zwei Mädchen stehen am Rand der Tanzfläche, schauen Klinger gebannt zu. Sie fragen ihn nach einem Foto. Der Rapper nimmt sich Zeit, posiert mit ihnen. Danach werfen sie sich ungläubige Blicke zu. Schnell bekommt man einen Eindruck davon, wie wichtig Schillahs Auftritt für den Club und die Gegend ist. Einer der Clubbetreiber sagt, wegen der hohen Künstlergagen spielten hier nun vermehrt Newcomer. Bereits 2025 trat der Rapper in der Wilden Zicke auf. Auch dieses Mal ist das Konzert ausverkauft.
Wiedersehen mit einem der beiden Fans. Sie heißt Hannah, ist 18 Jahre alt, kommt aus der Gegend. Warum sie heute hier ist? Ihr gefällt, dass Schillah Depression und Sucht thematisiere und „dass er über den Osten rappt und stolz darauf ist“. Langsam füllt sich der Club, das Publikum ist überwiegend zwischen 18 und 25 Jahre alt.
Viele Jungs tragen Fred Perry, kurz rasierte Haare, die Mädels bauchfreie Tops und Bluejeans. Im Obergeschoss des Clubs sitzt Lukas an der Bar, 19 Jahre alt, aus dem benachbarten Hedersleben. Er sagt: „Schillah ist schon krass, dass er nach letztem Jahr wieder hier spielt.“ Daneben steht ein Typ im weißen Poloshirt. Auf die Frage, was ihn an Schillah fasziniere, meint er: „Meine Eltern kommen aus der DDR. Ich finde es gut, dass er darüber rappt. Er ist bodenständig und zeigt, wie es hier wirklich ist.“
Hardtekk: eine ostdeutsche Erfindung
Wenige Stunden später, als Schillah endlich seine ersten Songs spielt, gleicht der Club in Egeln einem Hexenkessel. Der süßliche Geruch von Vapes mischt sich mit Schweiß und liegt über dem Publikum, das sich in den Armen liegt. Jungs strecken kämpferisch die Faust in die Luft. Manchmal skandiert Schillah: „Ost, Ost, Ostdeutschland“, dann schallt es hundertfach zurück. Warum rappt jemand wie Schillah so viel über den Osten? Klinger will darüber sprechen.
Meine Eltern haben auch schon Hardtekk gehört. Das waren lange aber nur harte Kicks und reine Melodie. Ich habe mit Tekkrap ein neues Genre gegründet
Einige Tage später kommt er dafür nach Berlin. Treffpunkt: eine Kneipe in Mitte. Der Thüringer trägt einen schwarzen Pulli, Goldketten um den Hals und bestellt erst mal Bier. Klinger erzählt, wie er in armen Verhältnissen in Gera und Weida aufwuchs. Seine Mutter habe ihn und seinen Bruder mit drei Jobs über Wasser gehalten, am Ende des Monats habe man Brot mit Ketchup gegessen.
Als Jugendlicher fängt Klinger an zu rappen, zunächst auf Hip-Hop-Beats. Als seine Freundin, Hardtekk-Fan, ihn verlässt, kommt Klinger auf die Idee, Rap und Hardtekk zu kreuzen. „Dieses Genre ist wirklich ein ostdeutsches Thema“, sagt der Musiker. „Meine Eltern haben das auch gehört. Das waren lange aber nur harte Kicks und reine Melodie. Ich habe mit Tekkrap ein neues Genre gegründet.“
Hardtekk entsteht in den 1990er Jahren in Ostdeutschland aus einem Mix aus Hardcore und Techno. Die Raves finden meist an illegalen Locations statt. Die verzerrten Kickdrums und der übersteuerte Sound sind eine Antithese zum glatten Mainstream-Techno. Und auch wenn Techno an sich apolitisch ist, beschäftigen politische Lagerzuschreibungen schon früh die Hardtekk-Szene. Während DJs wie Anormal & Hunnel Nähe zu Rechtsextremen unterstellt wird, positionieren sich andere, wie die DJs des Magdeburger Clubs Ellen Noir, dezidiert gegen Rassismus.
Kommt der große Durchbruch von Schillah in diesem Jahr?
2022 diagnostizieren Ärzte bei Nico Klinger Schizophrenie. Er kommt in eine Klinik, schläft kaum, wiegt zeitweise nur 45 Kilo. Nach seiner Entlassung entlädt er all seinen Schmerz in Songs wie Es eskaliert und Besoffen im Osten. Schillah gründet sein Label Eastsideboyz und feiert erste Erfolge: Seine Musik wird millionenfach gestreamt. Heute singen Thüringer Grundschulklassen seine Songs im Chor.
Man hört die Genugtuung, wenn er prophezeit, Hardtekk werde dieses Jahr seinen Durchbruch erreichen. „Natürlich schwingt da auch dieser ostdeutsche Stolz mit. Endlich haben wir mal was gemacht. Es kommt nicht aus Amerika oder Japan, es kommt aus Ostdeutschland.“ Dieses Selbstverständnis hört man: „Kipp die Tränen runter mit ’nem Shot von dem Kräuter / Keine Emotionen mehr, so als ob ich tot wär’ / Ostdeutsche Gottheit, ich mach Wasser zu ’nem Obstler / Das geht über alle Dörfer“, rappt Schillah in Vallah.
In seine Stimme mischt sich Wehmut – darüber, dass vieles im Osten rückständiger sei als im Westen. „Bei uns ist es teilweise, als würdest du in einem ehemaligen Kriegsgebiet herumlaufen. Manche Läden stehen seit der Wende leer, weil sich keiner die Ladenmiete leisten kann“, erzählt Klinger von seiner Heimatstadt Weida, wo es keine Kneipe mehr gebe. „Ich will die DDR nicht schönreden, aber mein Vater erzählt mir, dass man selbst nachts immer noch jemanden getroffen und ein Bier getrunken hat. Dieses Menschliche vermisse ich in meiner Generation.“ Auch diese Realität möchte Klinger in seiner Musik zeigen.
Oststolz als positive Selbstverortung
Nina Kolleck, Professorin für Erziehungs- und Sozialisationstheorie an der Universität Potsdam, erklärt sich Schillahs Erfolg auch über das Bedürfnis junger Ostdeutscher, ihre eigenen Lebensrealitäten in der Öffentlichkeit wiederzufinden. Oststolz versteht Kolleck dabei weniger als Verklärung der DDR-Zeit, sondern eher als Suche nach Identität. Viele junge Menschen im Osten würden heute Unsicherheiten erleben, sei es wegen Zukunftschancen oder Infrastruktur.
Daraus entstehe das Gefühl, abgehängt zu sein, das Bedürfnis nach Zugehörigkeit wachse. „Die DDR wird zur Projektionsfläche für mehr soziale Sicherheit und Gemeinschaft“, sagt sie. Weil viele im Osten weiterhin eine strukturelle Benachteiligung wahrnehmen würden, funktioniere Oststolz als eine positive Selbstverortung.
Vielleicht passt Hardtekk auch deshalb so gut als popkultureller Träger für die Bedürfnisse der Generation Z im Osten: Kaum eine moderne Musik ist so sehr mit der lokalen Identität verwurzelt und lässt sich in ihrer Härte so gut als Ventil für Frust benutzen. Mit seinem Oststolz provoziert Schillah aber auch.
Die Problematik mit den Rechtsextremen sei Schillah ihm so nicht bewusst gewesen
Vor allem mit Es eskaliert – ein Song, der durch das ähnlich klingende „SS“ auf Instagram und Tiktok oft von Rechtsextremen gespielt wird. In den Kommentarspalten deuten einige User den Oststolz als Patriotismus um. Im Juli 2025 veröffentlicht der Youtuber Franz Pökler ein Video mit dem Titel „Die Rechte Tekk-Szene“. Darin unterstellt er Schillah vor, er würde sich nicht ausreichend von der Vereinnahmung abgrenzen. Auch der Leipziger Rapper Franz Martens alias HeXer wirft Schillah in einem Disstrack mangelnde Abgrenzung gegenüber Nazis vor.
Klinger hat mittlerweile sein Bier geleert. Plötzlich möchte er die Bar verlassen. Draußen erzählt er, eine Person am benachbarten Tisch habe ihn stirnrunzelnd angeschaut, eine andere habe daraufhin ihr Handy gezückt und ihn gefilmt. Wegen der Vorwürfe? Das bleibt unklar.
Klinger wirkt in sich gekehrt. Er erklärt, die Problematik mit den Rechtsextremen sei ihm so nicht bewusst gewesen. Nach dem Disstrack habe er sich mit Martens getroffen. Dass dieser aufklären wolle, habe ihn beeindruckt. Seitdem achte die Security bei Schillahs Konzerten am Einlass auf rechtsextremistische Symbole. Und Pökler? „Den halte ich für jemanden, der Klicks generieren will und versucht, das Ganze möglichst zu spalten.“
Schillah will sich zu keinem politischen Lager bekennen
Auf die Frage, was Klinger von der Vereinnahmung seines Songs Es eskaliert halte, sagt er: „Das ärgert mich natürlich.“ Den Song entfernen kann er nicht, die Rechte daran hat er schon lange verkauft. Man spürt, dass Klinger sich mit den rechten Zuschreibungen unwohl fühlt. Aber ein klares Bekenntnis zu einem politischen Lager? Fehlanzeige. „Warum muss ich automatisch links oder rechts sein?“, fragt er. Fans bei seinem Konzert in Egeln, wie etwa Lukas, schätzen ihn genau dafür. „Die DDR-Kultur spaltet sich immer mehr auf in links-grün und rechts, und Schillah ist halt so in der Mitte“, so der 19-Jährige.
Gerade diese Ambivalenz von Codes und Stilen ermöglicht es vielen, dazuzugehören, ohne alles gleich zu deuten
Von der Mischung aus Provokation und Verweigerung politischer Zugehörigkeit fühlen sich Kolleck zufolge gerade junge Menschen mit ihrem Bedürfnis nach Autonomie angesprochen. Sie müssten sich dadurch nicht festlegen. Gleichzeitig schaffe die Musik ein Gefühl von Gemeinschaft. „Gerade diese Ambivalenz von Codes und Stilen ermöglicht es vielen, dazuzugehören, ohne alles gleich zu deuten“, so Kolleck.
Indem er sich politischen Kategorien entzieht und gleichzeitig mit Codes provoziert, über die er vereinnahmt wird, vollführt die Figur Schillah einen Spagat. Zwar hat ihm genau diese Provokation Aufmerksamkeit verschafft. Zeitgleich kommt Klinger nicht umhin, sich von rechts abzugrenzen.
Könnte das langfristig der Figur ihre Brisanz rauben, über die sie funktioniert? Oder ist das vielleicht gar nicht wichtig? Andererseits sind das Phänomen Oststolz und das Sprechen über den Osten selbst zum Trend geworden. Dass Klinger so viel Erfolg hat, zeigt aber auch, dass es Nachholbedarf gibt, ein realistisches, repräsentatives Bild junger Ostdeutscher zu vermitteln.
An einem Späti holt sich Klinger eine Schachtel Zigaretten. Er scheint nun gelöster zu sein. Er erzählt, dass er zurzeit viel lese, etwa Biografien von Goethe und Schiller. Letzterer habe ihn auch zu seinem Künstlernamen inspiriert. Vielleicht steckt in Schillahs lyrischem Gefühlsüberschwang, in dem Bedürfnis nach Autonomie, in dieser kraftvollen Sprache des Hardtekk-Rap auch ein wenig Sturm und Drang. Zum neuen Lebensgefühl der Jugend im Osten würde das passen.
gentlich Nico Klinger heißt, im Gefühlsrausch über Drogen, Schizophrenie, Liebeskummer und immer wieder über den Osten. Allein bei Spotify hören ihn monatlich mehr als eine Million Menschen.Und kaum ein Musiker polarisiert damit so sehr. Kritiker werfen Klinger vor, mit Songs wie Es eskaliert bediene er sich Codes der rechten Szene. Junge Menschen feiern ihn für seinen Oststolz. Was verrät sein Erfolg über das Lebensgefühl so vieler junger Menschen im Osten?Zeigen, wie es wirklich istEin paar Stunden früher warten die Fans bereits in einer Schlange vor dem Club. Drinnen steht Klinger, Ende 20 (sein genaues Alter möchte er nicht verraten), auf der Bühne und macht einen Soundcheck. Eigentlich könne er auch im Westen Hallen füllen, sagt Klinger im Vorgespräch am Telefon. Stattdessen steht er hier, in diesem etwas aus der Zeit gefallenen Club mit Wendeltreppen und einer Bar, die in einem Western-Saloon stehen könnte.Dass er fast nur im Osten auftrete, mache er als Provokation. Zwei Mädchen stehen am Rand der Tanzfläche, schauen Klinger gebannt zu. Sie fragen ihn nach einem Foto. Der Rapper nimmt sich Zeit, posiert mit ihnen. Danach werfen sie sich ungläubige Blicke zu. Schnell bekommt man einen Eindruck davon, wie wichtig Schillahs Auftritt für den Club und die Gegend ist. Einer der Clubbetreiber sagt, wegen der hohen Künstlergagen spielten hier nun vermehrt Newcomer. Bereits 2025 trat der Rapper in der Wilden Zicke auf. Auch dieses Mal ist das Konzert ausverkauft. Wiedersehen mit einem der beiden Fans. Sie heißt Hannah, ist 18 Jahre alt, kommt aus der Gegend. Warum sie heute hier ist? Ihr gefällt, dass Schillah Depression und Sucht thematisiere und „dass er über den Osten rappt und stolz darauf ist“. Langsam füllt sich der Club, das Publikum ist überwiegend zwischen 18 und 25 Jahre alt. Viele Jungs tragen Fred Perry, kurz rasierte Haare, die Mädels bauchfreie Tops und Bluejeans. Im Obergeschoss des Clubs sitzt Lukas an der Bar, 19 Jahre alt, aus dem benachbarten Hedersleben. Er sagt: „Schillah ist schon krass, dass er nach letztem Jahr wieder hier spielt.“ Daneben steht ein Typ im weißen Poloshirt. Auf die Frage, was ihn an Schillah fasziniere, meint er: „Meine Eltern kommen aus der DDR. Ich finde es gut, dass er darüber rappt. Er ist bodenständig und zeigt, wie es hier wirklich ist.“Hardtekk: eine ostdeutsche ErfindungWenige Stunden später, als Schillah endlich seine ersten Songs spielt, gleicht der Club in Egeln einem Hexenkessel. Der süßliche Geruch von Vapes mischt sich mit Schweiß und liegt über dem Publikum, das sich in den Armen liegt. Jungs strecken kämpferisch die Faust in die Luft. Manchmal skandiert Schillah: „Ost, Ost, Ostdeutschland“, dann schallt es hundertfach zurück. Warum rappt jemand wie Schillah so viel über den Osten? Klinger will darüber sprechen.Meine Eltern haben auch schon Hardtekk gehört. Das waren lange aber nur harte Kicks und reine Melodie. Ich habe mit Tekkrap ein neues Genre gegründetSchillah/Nico Klinger Einige Tage später kommt er dafür nach Berlin. Treffpunkt: eine Kneipe in Mitte. Der Thüringer trägt einen schwarzen Pulli, Goldketten um den Hals und bestellt erst mal Bier. Klinger erzählt, wie er in armen Verhältnissen in Gera und Weida aufwuchs. Seine Mutter habe ihn und seinen Bruder mit drei Jobs über Wasser gehalten, am Ende des Monats habe man Brot mit Ketchup gegessen.Als Jugendlicher fängt Klinger an zu rappen, zunächst auf Hip-Hop-Beats. Als seine Freundin, Hardtekk-Fan, ihn verlässt, kommt Klinger auf die Idee, Rap und Hardtekk zu kreuzen. „Dieses Genre ist wirklich ein ostdeutsches Thema“, sagt der Musiker. „Meine Eltern haben das auch gehört. Das waren lange aber nur harte Kicks und reine Melodie. Ich habe mit Tekkrap ein neues Genre gegründet.“Hardtekk entsteht in den 1990er Jahren in Ostdeutschland aus einem Mix aus Hardcore und Techno. Die Raves finden meist an illegalen Locations statt. Die verzerrten Kickdrums und der übersteuerte Sound sind eine Antithese zum glatten Mainstream-Techno. Und auch wenn Techno an sich apolitisch ist, beschäftigen politische Lagerzuschreibungen schon früh die Hardtekk-Szene. Während DJs wie Anormal & Hunnel Nähe zu Rechtsextremen unterstellt wird, positionieren sich andere, wie die DJs des Magdeburger Clubs Ellen Noir, dezidiert gegen Rassismus.Kommt der große Durchbruch von Schillah in diesem Jahr?2022 diagnostizieren Ärzte bei Nico Klinger Schizophrenie. Er kommt in eine Klinik, schläft kaum, wiegt zeitweise nur 45 Kilo. Nach seiner Entlassung entlädt er all seinen Schmerz in Songs wie Es eskaliert und Besoffen im Osten. Schillah gründet sein Label Eastsideboyz und feiert erste Erfolge: Seine Musik wird millionenfach gestreamt. Heute singen Thüringer Grundschulklassen seine Songs im Chor.Man hört die Genugtuung, wenn er prophezeit, Hardtekk werde dieses Jahr seinen Durchbruch erreichen. „Natürlich schwingt da auch dieser ostdeutsche Stolz mit. Endlich haben wir mal was gemacht. Es kommt nicht aus Amerika oder Japan, es kommt aus Ostdeutschland.“ Dieses Selbstverständnis hört man: „Kipp die Tränen runter mit ’nem Shot von dem Kräuter / Keine Emotionen mehr, so als ob ich tot wär’ / Ostdeutsche Gottheit, ich mach Wasser zu ’nem Obstler / Das geht über alle Dörfer“, rappt Schillah in Vallah.In seine Stimme mischt sich Wehmut – darüber, dass vieles im Osten rückständiger sei als im Westen. „Bei uns ist es teilweise, als würdest du in einem ehemaligen Kriegsgebiet herumlaufen. Manche Läden stehen seit der Wende leer, weil sich keiner die Ladenmiete leisten kann“, erzählt Klinger von seiner Heimatstadt Weida, wo es keine Kneipe mehr gebe. „Ich will die DDR nicht schönreden, aber mein Vater erzählt mir, dass man selbst nachts immer noch jemanden getroffen und ein Bier getrunken hat. Dieses Menschliche vermisse ich in meiner Generation.“ Auch diese Realität möchte Klinger in seiner Musik zeigen.Oststolz als positive SelbstverortungNina Kolleck, Professorin für Erziehungs- und Sozialisationstheorie an der Universität Potsdam, erklärt sich Schillahs Erfolg auch über das Bedürfnis junger Ostdeutscher, ihre eigenen Lebensrealitäten in der Öffentlichkeit wiederzufinden. Oststolz versteht Kolleck dabei weniger als Verklärung der DDR-Zeit, sondern eher als Suche nach Identität. Viele junge Menschen im Osten würden heute Unsicherheiten erleben, sei es wegen Zukunftschancen oder Infrastruktur.Daraus entstehe das Gefühl, abgehängt zu sein, das Bedürfnis nach Zugehörigkeit wachse. „Die DDR wird zur Projektionsfläche für mehr soziale Sicherheit und Gemeinschaft“, sagt sie. Weil viele im Osten weiterhin eine strukturelle Benachteiligung wahrnehmen würden, funktioniere Oststolz als eine positive Selbstverortung.Vielleicht passt Hardtekk auch deshalb so gut als popkultureller Träger für die Bedürfnisse der Generation Z im Osten: Kaum eine moderne Musik ist so sehr mit der lokalen Identität verwurzelt und lässt sich in ihrer Härte so gut als Ventil für Frust benutzen. Mit seinem Oststolz provoziert Schillah aber auch.Die Problematik mit den Rechtsextremen sei Schillah ihm so nicht bewusst gewesenVor allem mit Es eskaliert – ein Song, der durch das ähnlich klingende „SS“ auf Instagram und Tiktok oft von Rechtsextremen gespielt wird. In den Kommentarspalten deuten einige User den Oststolz als Patriotismus um. Im Juli 2025 veröffentlicht der Youtuber Franz Pökler ein Video mit dem Titel „Die Rechte Tekk-Szene“. Darin unterstellt er Schillah vor, er würde sich nicht ausreichend von der Vereinnahmung abgrenzen. Auch der Leipziger Rapper Franz Martens alias HeXer wirft Schillah in einem Disstrack mangelnde Abgrenzung gegenüber Nazis vor.Klinger hat mittlerweile sein Bier geleert. Plötzlich möchte er die Bar verlassen. Draußen erzählt er, eine Person am benachbarten Tisch habe ihn stirnrunzelnd angeschaut, eine andere habe daraufhin ihr Handy gezückt und ihn gefilmt. Wegen der Vorwürfe? Das bleibt unklar.Klinger wirkt in sich gekehrt. Er erklärt, die Problematik mit den Rechtsextremen sei ihm so nicht bewusst gewesen. Nach dem Disstrack habe er sich mit Martens getroffen. Dass dieser aufklären wolle, habe ihn beeindruckt. Seitdem achte die Security bei Schillahs Konzerten am Einlass auf rechtsextremistische Symbole. Und Pökler? „Den halte ich für jemanden, der Klicks generieren will und versucht, das Ganze möglichst zu spalten.“Schillah will sich zu keinem politischen Lager bekennenAuf die Frage, was Klinger von der Vereinnahmung seines Songs Es eskaliert halte, sagt er: „Das ärgert mich natürlich.“ Den Song entfernen kann er nicht, die Rechte daran hat er schon lange verkauft. Man spürt, dass Klinger sich mit den rechten Zuschreibungen unwohl fühlt. Aber ein klares Bekenntnis zu einem politischen Lager? Fehlanzeige. „Warum muss ich automatisch links oder rechts sein?“, fragt er. Fans bei seinem Konzert in Egeln, wie etwa Lukas, schätzen ihn genau dafür. „Die DDR-Kultur spaltet sich immer mehr auf in links-grün und rechts, und Schillah ist halt so in der Mitte“, so der 19-Jährige.Gerade diese Ambivalenz von Codes und Stilen ermöglicht es vielen, dazuzugehören, ohne alles gleich zu deutenNina Kolleck, Professorin für Erziehungs- und Sozialisationstheorie Uni PotsdamVon der Mischung aus Provokation und Verweigerung politischer Zugehörigkeit fühlen sich Kolleck zufolge gerade junge Menschen mit ihrem Bedürfnis nach Autonomie angesprochen. Sie müssten sich dadurch nicht festlegen. Gleichzeitig schaffe die Musik ein Gefühl von Gemeinschaft. „Gerade diese Ambivalenz von Codes und Stilen ermöglicht es vielen, dazuzugehören, ohne alles gleich zu deuten“, so Kolleck.Indem er sich politischen Kategorien entzieht und gleichzeitig mit Codes provoziert, über die er vereinnahmt wird, vollführt die Figur Schillah einen Spagat. Zwar hat ihm genau diese Provokation Aufmerksamkeit verschafft. Zeitgleich kommt Klinger nicht umhin, sich von rechts abzugrenzen.Könnte das langfristig der Figur ihre Brisanz rauben, über die sie funktioniert? Oder ist das vielleicht gar nicht wichtig? Andererseits sind das Phänomen Oststolz und das Sprechen über den Osten selbst zum Trend geworden. Dass Klinger so viel Erfolg hat, zeigt aber auch, dass es Nachholbedarf gibt, ein realistisches, repräsentatives Bild junger Ostdeutscher zu vermitteln.An einem Späti holt sich Klinger eine Schachtel Zigaretten. Er scheint nun gelöster zu sein. Er erzählt, dass er zurzeit viel lese, etwa Biografien von Goethe und Schiller. Letzterer habe ihn auch zu seinem Künstlernamen inspiriert. Vielleicht steckt in Schillahs lyrischem Gefühlsüberschwang, in dem Bedürfnis nach Autonomie, in dieser kraftvollen Sprache des Hardtekk-Rap auch ein wenig Sturm und Drang. Zum neuen Lebensgefühl der Jugend im Osten würde das passen.